Werner Bergengruen (1892-1964)

Werner Bergengruen (1892-1964)

Bergengruen ist auch einer der christlichen Dichter, die wie Schröder, Schneider, Klepper im Land geblieben sind. Er gehört mit zu denen, die während des Dritten Reichs von den Ideologen verpönt waren – während und nach dem Krieg von Menschen wegen ihrer Deutung der Zeit und der Hilfestellung verehrt wurden – und dann, je weiter nach 1945 die Zeit ins Land ging, wieder verpönt werden. Da ich keine Streitschrift verfasse, enthalte ich mich hier einer genaueren Zuordnung.

Bergengruen hat auch Flugblätter der „Weißen Rose“ in seinem Wohnort, Solln, verteilt, er hatte wie diese Kontakt zu Theodor Haecker und Carl Muth, auch er stand im Visier der nationalsozialistischen Häscher, weil er sich dem Hitlergruß verweigerte und katholisch war. Er war Journalist und freier Schriftsteller, war mit Charlotte Hensel, geborene Mendelssohn, verheiratet, die in der Zeit des Nationalsozialismus als Mischling gebrandmarkt war. 1937 wurde Bergengruen, der vor allem wegen seiner Romane und Novellen bekannt wurde, aus der Reichsschrifttumkammer ausgeschlossen. 1936 konvertierte er zum Katholizismus. Seine Gedichte haben zum Teil magische Intention, die mit dem Baltikum, Riga war sein Geburtsort, verbunden wird. Er versuchte die heidnisch-magische Tradition in christliches Licht zu tauchen: „Wir haben mit steinernen Tempelmessern / dem Dämon die unreinen Opfer gebracht/… Wie aber geschah´s, dass die Binde gefallen? / Wie riß das Netz, das uns tödlich umspann? / Es sah uns aus berstenden Bogenhallen / dreieckig das Auge der Ewigkeit an.“ („Ex Voto“) 1919 kämpfte er in der Baltischen Landeswehr gegen kommunistischen Gruppen, weil Angehörige durch sie ermordet worden waren.

Die Gedichte haben vielfach religiöse Anspielungen, sind vermutlich auch so zu deuten, aber es wird nicht immer expressis verbis ausgesprochen. Zum Beispiel wird in „Capri“ (1921) IX geschrieben: „…fernher umkreist Musik / Dich, den jeder Ton beim Namen nennt. / Spürst du nicht, wie sanft der Schleier sinkt, / Der dein Herz vom Weltenherzen trennt?“ In Capri XII heißt es in der letzten Strophe: „Dein Aug´ ist leer geworden, / Dein Herz ist schwer geworden / – Wie dumpf versteint es schlägt – / Daß auf dem Möwenpfade / Empor zur blauen Gnade / Es keine Schwinge trägt.“ Capri V könnte der Schlüssel sein: „Du erschrickst. Was Gott der Herr verheißen, / Wird das Ferne nah und wird es Leben? / >Steinern Herz aus eurer Brust zu reißen / Und dafür euch fleischern Herz zu geben…<“

Es gibt freilich viele eindeutige Texte – aber eben auch Texte, die nichts zu versprechen wagen. So „Der Engel spricht“ (1931): „Gehorche. Was für ein Lohn wird dir bereitet? / Ich habe dir keine Verheißung zu sagen.“ Das „Du“ wird dem Meer ausgesetzt, muss wie Petrus sich auf das Meer wagen – aber „Ob der Herr dir entgegenschreitet, – / Ich weiß es nicht, und du darfst mich nicht fragen.“ Diese Texte sind dem Band: „Die verborgene Frucht“ entnommen, der 1947 erschienen ist, aber Gedichte beinhaltet, die schon während der Diktatur des Nationalsozialismus Menschen Hilfestellung brachten. Dazu gehört vermutlich auch das Gedicht: „Stimme Gottes“ (1931) – das Menschen, auch diejenigen, die nicht glauben können, Ruhe zuspricht – oder sie vereinnahmt: „Scheu dich nicht, mich anzugehen. / Meine Wohnung ist nicht klein. / Willst du aber draußen stehen: / Auch dies Draußen, es ist mein.“ Und es schließt damit, dass am Ende der Zeiten auch die Unversöhnten „mit an meinem Tische sitzen.“ Denn: „Dir Seele ziemt allein, / im grenzenlosen Schoß der Gottheit frei zu sein.“  („Auferweckung der Toten“) Er versucht das, was getrennt ist, zu vereinen: Das Kreuz trennt den Menschen von Gott, es führt beide zusammen, der eine Balken ist waagrecht, der andere senkrecht. Beide führen aber das Ganze der Welt zusammen. Und so schreibt er in „Die Zwiespältigen“: „Erst allzuspät fand ich der Schöpfung Mitte / im Kreuzespunkt, da Stamm und Arm sich schneiden.“  Es wird deutlich, dass hier ein versöhnender Ton dominiert.

In „Die letzte Epiphanie“ wird der Ton rau. Es ist 1944 entstanden und lässt ebenfalls Gott/Christus sprechen: „Ich hatte dies Land in mein Herz genommen, / ich habe ihm Boten um Boten gesandt. / In viele Gestalten bin ich gekommen. / Ihr aber habt mich nicht erkannt.“ Gott ist als Hebräer gekommen, als gejagter Flüchtling – doch „Ihr riefet den Schergen, ihr winktet dem Späher / und meintet noch Gott einen Dienst zu tun.“ Gott kam als geisteskranke Frau „Ihr aber spracht vom Zukunftsgeschlechte / und nur meine Asche gabt ihr frei.“ Gott kam im Osten als verwaister Junge – „ihr zucktet die Achseln und gabt mir den Tod.“ Die letzte Zeile lautet: „Nun komm ich als Richter. Erkennt ihr mich jetzt?“ Es ist ein sehr eindrückliches Gedicht. Das war es auch damals, denn es wurde zu Beginn des Prozesses gegen Eichmann in Jerusalem vorgelesen. Es ist nicht fair, zumindest aus meiner Perspektive, es vom Stil her gesehen und vom Inhalt mit einem Gedicht von 1947 zu vergleichen, in dem zum Beispiel Paul Celan äußerst eindrücklich Erfahrenes beschreibt.

In dieser schrecklichen Zeit beschreibt Bergengruen „Die heile Welt“. Gott wird nicht erwähnt, aber es geht wohl um die ewige Ordnung Gottes, die auch dann noch existiert, wenn man sie nicht mehr sehen kann: „Wisse, wenn in Schmerzensstunden / dir das Blut vom Herzen spritzt: / Niemand kann die Welt verwunden, / nur die Schale wird geritzt.“ Es ist der Duktus, den wir auch in der ersten Schöpfungsgeschichte Genesis 1 finden: In der grausamen Zeit des babylonischen Exils wird Gott als Schöpfer der Ordnung besungen. das vor allem auch in „In unvergänglich Wesen“: „Spür tief in den Geweben / die heilige Ursubstanz, / und das zerstückte Leben / ist allerwegen ganz.“ Gottes Schöpfung und damit seine Ordnung bleiben – trotz aller Katastrophen.

Das Gedicht „Die Lüge“ benennt viele Ansätze ideologischer Heils-Verheißungen: „Und wir schrieen zur Hölle, gewürgt, erstickt von der Lüge, / daß im Strahl der Vernichtung die Wahrheit niederschlüge.“ Ebenso wird in „Fall nieder, Feuer“ dargelegt, dass die Ideologie alles geschändet hat. Aber es waren nicht die anderen, sondern: „Denn die Lippen sind vom Schweigen, / sind vom Lügen uns verbrannt. / Dürfen wir die Hände heben? Uns´re Hände sind befleckt.“ („Die Erwartung“) (Diese Texte aus: „Dies Irae“ – die Gedichte sind von 1944) Der letzte Text „An die Völker der Erde“ ruft freilich Widerspruch hervor, weil Bergengruen dort ausspricht: „Völker, wir litten für euch und für eure Verschuldungen mit.“ Das heißt: Nicht nur das deutsche Volk wurde schuldig – auch die anderen Völker. Warum wurden sie aus der Perspektive des Autors schuldig? Die Völker haben nicht rechtzeitig dem dämonischen Brand ein Ende gesetzt, „Jeglicher ließ von der Trägheit des Herzens sich willig verführen“ – und eben das aus der Perspektive Gottes, der die Schöpfung als Einheit gestaltet hat. Bevor man diesen Text aber ablehnt, sollte man sich fragen, gerade in Zeiten der Globalisierung: Wieweit sind wir mit verantwortlich, wenn Tyrannen der Gegenwart ihre Blutspuren hinterlassen? Können wir sagen: „Was tut es… an mich wird das Schicksal nicht rühren…“. Bergengruen spricht die Verantwortung der Weltgemeinschaft an. Und wenn sie dieser nicht gerecht wird, wird es schlimm werden. Er ist also ganz modern. Es geht Bergengruen nicht um die Verharmlosung der Taten. Das kann man wirklich nur sagen, wenn man – gelinde gesagt: – unfair ist oder die anderen Gedichte nicht wahrgenommen hat.

Das Problem, das manche mit Bergengruen und anderen haben, ist die christliche Weltsicht. Diese steht im Fokus der Kritik und muss sich abschätzige, abstruse und andere Bewertungen gefallen lassen. Wer seinen ideologischen Filter über diese Autoren legt, versteht weder diese noch die Zeit, in der die Gedichte entstanden sind – und versteht im Grunde das christliche Weltbild nicht. Das wurde auch vom Nationalsozialismus abgelehnt – und dennoch wirbt Bergengruen um diese Menschen: Es wurde das Gedicht „Stimme Gottes“ genannt. Gott fordert den Menschen auf, sich Gott zuzuwenden. Und diese finden wir auch in „Das quellende Licht“ von 1943. „Deine Zunge war verdorrt, / staubig dein Gesicht, / und du suchtest immerfort / das verborgne Licht.“ Menschen vergaßen den Angeredeten, verbannten ihn – „Nun das dünne Licht verglomm, / bleibst du ungestillt? / Geist und Braut sie sprechen: Komm! / Und das Wasser quillt.“ Hiermit spricht er die Offenbarung des Johannes an, die „Braut“ ist die Kirche, die als Braut Gottes die Arme für die öffnet, die sich (auch in der Zeit nationalsozialistischer Ideologie) sich abgewendet haben. Diese offenen Arme werden auch in „Der Herbst des schlimmen Jahres“ (1942) deutlich. Es wird ausgesprochen, dass Menschen vermehrt sterben („rascheln die Totenkränze, von Tag zu Tag gemehrt“), es herrscht Hunger, „Dünn sind die Sohlen, der Mantel, der Rock sind verschlissen, / und schon rüstet der Wind sich gellend im Ost.“ „Mörtel und Dachziegel werden vor Kälte zerreißen, / und die erfrorenen Vögel liegen geschart am Zaun.“  Dann kommt die Verheißung: „Aber hinter der weißen, der tödlich starren Umwallung / sollt ihr verwandelt erfahren, was matt sonst und satt ihr erfuhrt: / in der Entblößtheit, der Armut, dem Eise, der Stallung / flammend des Gottes Geburt.“ Es ist ein sehr eindrückliches Gedicht, auch in den Beschreibungen der gewaltvollen Not, die hier nicht wiedergegeben wurden.

In „Die himmlische Rechenkunst“ (1942) wird dazu aufgerufen, den Mangel zu akzeptieren, denn man erkennt in dem Mangel, wie reich Gott den Menschen macht. Ähnlich – nur in magischer Tradition –  „Der Schutzbrief“ (1942): Viel Schlimmes und Schlimmstes mag der Mensch erleben, aber trotz allem, er darf sich als einer wissen, der Gott gehört. Die „Wandlung“ (1937) sagt: Man solle sich von allem lösen, „Denn zu Gottes Wanderschaft / bist du vorbestimmt.“ Und schließt: „Gib dich der verborgnen Hand, / die dich angerührt. / Hebe dich vom Grabenrand. / Geh. Du bist geführt.

Sein Gedicht „Frage und Antwort“, das 1945 entstanden ist, beschreibt zunächst die Narben eines Menschen, von Not und Dämon gehetzt. Dann aber: „Was aus Schmerzen kam, / war Vorübergang. / Und mein Ohr vernahm / nichts als Lobgesang.“ Dass auch dieses Gedicht bei Kritikern nicht gut ankommt, kann man sich denken. Dass ein Mensch, der eine sehr schlimme Zeit, auch der Angst und seelischer Schmerzen, überlebt hat, dankbar ist, kann mancher nicht verstehen. Vielleicht sollten sie sich nur einmal in unserer Welt umschauen und fragen: Wie komme ich dazu – zu lachen und locker zu sein? Jesus sagte: Was sagst du zu deinem Bruder: Nimm den Splitter aus dem Auge! – hast aber selbst einen Balken in deinem Auge?

Diese Gedichte hatten zum Teil seelsorgerliche Funktion. Die Welt wird aus dem Glauben den Menschen gedeutet, die diese Hilfe benötigten. Dass Gedichten eine solche Funktion zugewiesen wird, ist für so manchen in der Gegenwart eine Zumutung. Lieber sind Gedichte nichtssagend oder äußerst komplizierte Wortkombinationen, die die Geduld des Rezipienten äußerst strapazieren. Aber die christlichen Gedichte, auf deren Schultern auch die jetzigen Dichter-Generationen stehen, hatten, wie an meiner Zusammenstellung ersichtlich, schon immer eine solche mitschwingende Bedeutung und waren von daher einfach – und damit von vielen zu verstehen.

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In dieser Darstellung christlicher Gedichte geht es immer wieder einmal um die Frage, wie sehr der Glaube hilft, Grenzen zu durchbrechen. Grenzen Durchbrecher waren für Bergengruen diejenigen, die dem Geniekult frönten, da das Genie in Deutschland im Grunde ein Wesen war, das das allgemeine Menschsein durchbrochen hat und eigene Grenzen definiert. Bergengruen war es hingegen wichtig, die Grenzen des Menschen zu erkennen und innerhalb dieser Grenzen zu handeln.

Es wird hoffentlich deutlich, dass das „Grenzen Durchbrechen“, das ich anspreche, nichts mit dem Geniekult zu tun hat. Es geht darum, dass der Glaube die Immanenz, das Säkulare, das Innermenschliche durchbricht und immer wieder vom Geist Gottes – also von außen in-spiriert – auch auf Gott sehen kann, entsprechend sein Handeln in der Welt von Gott beeinflusst sein lässt. Der Mensch muss nicht im Innerweltlichen verharren, in der Hoffnungslosigkeit, in der Schuldverfallenheit, auch nicht darin, unbedingt im Weltlichen krampfhaft einen Lebenssinn zu suchen, er muss auch nicht dieses eine Leben mit aller Gewalt so spaßig – oder wie auch immer – sinnig leben, da er sein Leben von der Zukunft, die Gott ihm bietet, erfüllt leben kann. Und erfüllt heißt hier auch: einfach im menschlichen Alltag.