18. Jh.

Gottfried Arnold (1666-1714)

Er wurde unter anderem von dem pietistischen Theologen Spener beeinflusst, wandte sich später dem radikalen Pietismus zu, war entsprechend kirchenkritisch eingestellt, das heißt, dass wahre Christen nicht in der Kirche zu finden seien, sondern in den von der Kirche verfolgten Ketzern. Maßstab für sein Verständnis vom wahren Christentum ist die Urkirche. Auch dieser harte Kirchenkritiker fand mit manchen seiner Texte Eingang in das Gesangbuch.

Der Sänger der Freiheit. In den mir vorliegenden Liedern ist das Thema Freiheit von großer Bedeutung: Frei ist der Mensch, der ganz im Willen Gottes lebt, der sich nicht von Spott und Hohn, nicht von Alltagskleinigkeiten, nicht von irreführenden Trieben und dem Bösen verführen lässt. („Herzog unsrer Seligkeiten“; 1878: 485): „weg mit Menschenfurcht und Zagen, Zweifel und Bedenklichkeit; / fort mit Scheu und Schmach und Plagen, / fort des Fleisches Weichlichkeit!“ („O Durchbrecher aller Bande“, in EG gekürzt; 1878: 276) Seine Sprache ist Gott gegenüber sehr hart und fordernd – auch wenn er in dem Lied „So führst du doch recht selig“ (1824[?] schreibt: „Laß doch mein töricht Herz dich meistern nicht.“ Im Grunde kann der Mensch nur frei sein, wenn Gott ihm diese Freiheit gibt. Und solange Gott sie nicht gibt, scheint der Mensch sie fordern zu müssen. Andererseits sieht er auch, dass der Mensch sich entsprechend verhalten muss. Aber er kann auch andere Texte schreiben, die sich sanfter um das Thema Freiheit drehen: „O du süße Lust aus der Liebesbrust / du erweckest wahre Freude, / daß ich falsche Freude meide: o du süße Lust aus der Liebesbrust.“ … „O gewaltger Trieb, / o du Jesus-Lieb!“. Er hat, wie das Lied 1878: 456 zeigt, ein besonderes Jesus-Erlebnis, eine Bekehrung, gehabt: „Laßt mich in der Ruh, / fragt nicht, was ich thu; / ich bin durch den Vorhang gangen, / Jesum innig zu umfangen. / Laßt mich in der Ruh, / fragt nicht, was ich thu.“ In dem Lied „So führst du doch recht selig“ heißt es: „Du bist mein Alles, denn dein Sohn ist mein.

Arnold weiß sich frei vom Denken anderer Menschen, weil er seine Basis in Jesus Christus hat. Diese Freiheit führte ihn aber auch dazu, unbarmherzig mit anderen Menschen umzugehen – und zu erkennen, wo andere Christen unbarmherzig mit Glaubensgegnern umgegangen sind. Glaubensfreiheit kann Menschen fesseln anlegen, wenn sie sich haben ethisch eingewoben. Arnold heiratete allerdings entgegen den Vorstellungen von noch frömmeren Menschen.

Benjamin Schmolck (1672-1737)

ist lutherisch-orthodox einzuordnen, kirchlich orientiert – seine Lieder haben einen stark lehrhaften Charakter, wie zu sehen sein wird. Er wird darum ausführlicher behandelt – zudem wird an ihm auch deutlich, wie sehr mit den Texten gearbeitet wird.

So manche seiner Lieder werden bis heute gerne gesungen: „Jesus soll die Losung sein, da ein neues Jahr erschienen“: „Alle Sorgen alles Leid / soll sein Name uns versüßen; / so wird alle Bitterkeit / uns ein Segen werden müssen. Jesu Nam sei Sonn und Schild, / welcher allen Kummer stillt.“ (EG 62) Weitere Lieder: „Schmückt das Fest mit Maien“ (135); „Tut mir auf die schöne Pforte“ (166) – in diesem Lied wird der Gottesdienst besungen. Manches, das kirchlich bedeutsam ist, wird thematisiert – sogar das Sterbeglöckchen findet in einem Lied Raum: „Heute mir und morgen dir! / So hört man die Glocken klingen, / wenn wir die Verstorbnen hier auf den Gottesacker bringen.“ (1878: 403); Das Tauf-Lehr-Lied: „Liebster Jesu, wir sind hier“ (206; von EG um folgende Strophe gekürzt: „Wasch es, Jesu, durch dein Blut / von den angeerbten Flecken; / laß es bald nach deiner Fluth / deinen Purpurmantel decken; / Schenk ihm deiner Unschuld Seide, / daß es ganz in dich sich kleide“„[1878: 203])

Höre, Herr, erhöre“ (423) – ist ein gesungenes Fürbittgebet: „Gib du getreue Lehrer / und unverdrossne Hörer, / die beide Täter sein; / auf Pflanzen und Begießen / lass dein Gedeihen fließen / und ernte reiche Früchte ein“. Dass in der neuen Fassung im EG die Bitte für den Fürsten ausgelassen wird, kann man verstehen. Aber in der neuen Fassung (5. Strophe) ist die alte Version von 1878: 346 (6. Strophe) im anderen Wortlaut wiedergegeben worden. Im alten Gesangbuch steht: „Ach, wend in allen Gnaden Krieg, Feuer, Wasserschaden, Sturm, Seuch und Hagel ab“. EG werden Krieg und Seuche ausgenommen (Strophe 8 ist neu hinzugekommen).  In dem Gesangbuch von 1878: „Hosianna! Davids Sohn kommt in Zion eingezogen“ (21). Eindrucksvoll weist er in dem Lied: „Seht welch ein Mensch ist das!“ die Augen auf das Leiden Jesu am Kreuz für uns Menschen (62). Neben dem Karfreitag-Lied besingt er den siegreichen Helden Jesus, den Osterfürst im Osterlied (72 und 73).

In dem letztgenannten Lied zitiert er auch eines von Ernst Christoph Homburg„Jesus meines Lebens Leben“ (EG 86) formuliert diesen Vers drastisch um: „Ich will zum Lager machen mir / deine liebe Gruft, / da werd ich einst erwachen, / wenn deine Stimme ruft.“ Ebenso greift er das Lied von Samuel Rodigast auf „Was Gott tut, das ist wohlgetan“ (EG 372) und realisiert es so: „ … so denken Gottes Kinder. Er sieht sie oft nicht freundlich an / und liebt sie doch nicht minder. / Er zieht ihr Herz nur himmelwärts, / wenn er sie lässt auf Erden / ein Ziel der Plagen werden.“ Entsprechend werden alle Strophen neu interpretiert.

In dem Lied „Mein Gott, du bist und bleibst mein Gott“ bedenkt er Gottes Handeln in seinem Leben und dass er weiterhin bis nach dem Tod bei Gott sein wird. (1878: 138). Das Lied „Gott lebt, wie kann ich traurig sein“ (1878 374) setzt sich mit der Theodizee-Frage auseinander: Gott lebt – Gott hört – Gott sieht – Gott führt – Gott giebt – Gott lebt. So auch im folgenden Lied: „Je größer Kreuz, je näher Himmel„. In dem Lehr-Lied „Theures Wort aus Gottes Munde“ besingt er die große Bedeutung der Bibel: „Was ich lese, laß mich merken; was du sagest, laß mich tun“. In dem Lehrlied zum Abendmahl lehrt er: „Ach so senke dich in mich, / ich will mich in dich versenken; / Niemand trennt uns sicherlich, / Weil wir uns einander schenken. / Leib und Blut ist hier dein Pfand / Meinst ist: Herz und Mund und Hand.

Ein Lehrlied über „Glaube, Lieb und Hoffnung sind der wahrhaft Schmuck der Christen“ finden wir 1878: 268 – das könnte eigentlich auch noch heute im Gesangbuch aufgenommen werden. Anders hat wohl ein Lied wie das: „Vor dir, o Gott, sich kindlich scheuen, / ist unser Glück und unsre Pflicht“ dürfte heute keine Chance haben, weil es die Furcht Gottes lehrt – also Gott zu fürchten (1878: 275). Eine solche Lehre fürchtet man heute. Doch ist sie auch mit dem Folgenden verbunden „Sollt ich meinen Gott nicht lieben“ (1878:280). In diesem Lied reflektiert das singende „Ich“ eben diese Frage. Das wird nicht mehr nur die Frage des Autors, sondern die Frage eines jeden, der es in der Gemeinde singt. Das finden wir zum Beispiel auch bei Paul Gerhard in dem Lied: „Geh aus mein Herz…“ – nicht aber in: „Befiehl du deine Wege…“ Das Erstgenannte zeigt: Es wird zu meinem Lied; das Letztgenannte wird mir zu einem mir zugesprochenen Wort.

In seinem Text „Licht vom Licht erleuchte mich“ (1878: 315) bittet er Gott: „Zünde selbst das Opfer an, das auf meinen Lippen lieget“ – was in alten Texten schon begegnete: Nicht die Musen küssen den Dichter – Gott selbst gibt ihm das Wort in den Mund. In dem Samstag-Abend-Lied: „Die Woche geht zu Ende“ (1878: 329) erkennt er, dass er nach dem Sterben nicht vergehen kann, weil Gott in ihm lebt. Und er schließt: 
„Soll das in diesem Leben /
die letzte Woche sein, /
will ich nicht widerstreben, /
nein, mich im Geiste freun /
auf einen Feierabend, den Christi Tod gemacht; /
und diese Hoffnung habend, /
sprech ich nun: gute Nacht!

Es wird deutlich: Mit den Liedern wird gearbeitet. Die Texte werden durch Bearbeitungen für die jeweilige Zeit lebendig gehalten. Die Freiheitsworte des Glaubens, die Christen, die vorher lebten, formuliert haben, werden weitergegeben. Auch das neue Gesangbuch lässt deutlich werden, welche Theologie dahinter steckt. Möglichst wenig radikal vom Blut Jesu reden. Mit der Auswahl der Lieder wird Theologie transportiert. Schmolck war ein fleißiger Lehrer durch Lieder. Es ist wichtig, die alten Lieder im Gedächtnis zu behalten, damit das, was heute an Erfahrungen übergangen wird, morgen wieder wirksam werden kann.

Barthold Heinrich Brockes (1680-1747)

Brockes war in seiner Zeit ein sehr bekannter Dichter, der auch Komponisten manche Vorlagen bot, vor allem mit dem Passionsoratorium: „Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus“ (Texthttps://www.bach-cantatas.com/Texts/Brockes-Passion-Ger5.htm). In dem Oratorium wird die Passionsgeschichte als Gedicht wiedergegeben, unterbrochen von Reflexionen. Das heißt: Brockes sieht hinter den biblischen Texte eine tiefere Wahrheit. In den folgenden Gedichten wird anhand von Naturbetrachtungen gezeigt, dass er auch hier ähnlich vorgeht: Er kommt von der Schöpfung auf Gott zu sprechen. Die Natur ist nicht Gleichnis für Gott, sondern er betrachtet die Natur und schaut tiefer bzw. weiter – bis er zu dem Eigentlichen, zu Gott vordringt.

Der blühende Kirschbaum bei Nacht wird besungen, sein wunderbares Weiß – und dann: „Indem ich nun bald hin, bald her / Im Schatten dieses Baumes gehe, / sah ich von ungefähr / Durch alle Blumen in die Höhe / Und ward noch einen weißen Schein, / Der tausendmal so weiß, der tausendmal so klar, / Fast halb darob erstaunt, gewahr. / Der Blüte Schnee schien schwarz zu sein / Bei diesem weißen Glanz. / Es fiel mir uns Gesicht / Von einem hellen Stern ein weißes Licht, / Das mir recht in die Seele strahlte. // Wie sehr ich mich an Gott im Irdischen ergötze, / Dacht ich, hat er dennoch weit größre Schätze. / Die größte Schönheit dieser Erden / Kann mit der himmlischen doch nicht verglichen werden.“ (Zitiert nach Kemp) Ähnlich auch in anderen Texten: Ein Kirschbaum brach entzwei. Kinder freuten sich über die gut erreichbaren Kirschen – aber sie bemerken nicht, „daß ein kurzer Überfluß / oft einen langen Mangel bringet.“ Bei der Quittenernte sind Kinder wie Erwachsene, die meinen, sie seien in ihrer munteren Fröhlichkeit für die Erde sehr wichtig, aber ein anderer regiert: Gott.

In dem Sing-Gedicht „Die uns zur Andacht reizende Vergnügung des Gehörs im Frühlinge“ beschreibt er faszinierend die singenden Vögel – und er selbst beginnt durch den Vogelgesang angeregt dem Schöpfer zu singen, ihm zu jubilieren. Es gilt
 „Des Schöpfers Wunder auszubreiten, /
Von dem allein die Harmonie entspringt.“ 
Und so werden die Felder, das Wasser, die Luft – alles was man sich nur denken kann – besungen. Betrachtungen der Natur sind immens – und eben nicht nur rational – das fließt ein, aber das rational Beobachtete wird eingebettet in einen großen Lobgesang auf den Schöpfer. Eine sachliche Distanziertheit ist nicht erkennbar. Im Gegenteil: „Ich bitte Dich, o Gott! Mir dieses doch zu gönnen, / Daß ich mag Deine Macht und meine Schwäche kennen!“ („Die Quitten-Ernte“, zitiert nach Kemp)

Johann Heinrich Günther (1695-1723)

Einer – wie man heute sieht – bedeutender Dichter seiner Zeit wurde nur 27 Jahre alt und bekam in seinem Leben nirgends einen Fuß auf den Boden. Er starb an Tuberkulose. Er war Schüler unter anderem von Schmolck – und seine Gedichte sind ein Übergang, denn sie zeigen eine Loslösung von christlicher Tradition. Die Nachfolgenden, Tersteegen, Zinzendorf, Gellert zeigen die eine Richtung auf, in der es mit christlichen Liedern weiterging. Zum Beispiel Uz zeigt – was schon bei Günther erkennbar ist – die säkularisierende Form, die sich von Gott löste und sich verbal den alten griechisch-römischen Göttern zuwandte.

In seinem Gedicht „Geduld, Gelassenheit, treu, fromm und redlich sein“ sagt er sich von diesen Tugenden los. Es sei Lüge, wenn gesagt wird, dass man sich entsprechend der Tugenden verhalten solle. Auch diese Tugenden, verbunden mit Gott, sind nichts als Lüge. Das stellt er eindringlich dar. Das Gedicht endet: „Ach Jesu! sage selbst, weil ich nicht fähig bin, / Die Beichte meiner Reu; ich weiß nicht mehr wohin / Und sinke dir allein vor Ohnmacht in die Armen, / Von außen quälet mich des Unglücks starke Flut, / Von innen Schröcken, Furcht und aller Sünden Wut; / Die Rettung ist allein mein Tod und dein Erbarmen.“ Auch in dem „Fragment“ wendet er sich sehnend stumm an den Heiland. Ganz in der Hoch-Zeit des Barock ist das Sterben Thema des – wie ich ihn nennen mag – Hiob des 18. Jahrhunderts: „Oft ist ein guter Tod der beste Lebenslauf“ („Bußgedanken“) – „Der Himmel wird mein Haus“.  Und dort heißt es auch: „Erwegt bei meinem Falle, / Der Höchste hats gethan. / Ihr folgt mir endlich alle; / Genung, ich geh voran“. („Zeuch aus gefangne Seele“).

Man muss freilich sagen, dass dieser „Hiob-Eindruck“ nur angesichts dieser Gedichte entstehen kann. Er hat weitere und auch heitere Gedichte geschrieben. Diese Gedichte bleiben allerdings im Irdischen stecken. Anders als zum Beispiel bei Brockes, den die Natur als Gottes Schöpfung über das Irdische hinaussehen lässt. Bei den genannten Texten von Günther ist es der überlieferte Glaube.

Gerhard Tersteegen (1697-1769)

Tersteegen war Kaufmann, Leine- und Seidenbandweber, Übersetzer – wie gleich deutlich wird – der Mystikerin Teresa von Avila, Prediger und Heiler. Er beeinflusste die Erweckungsbewegung, das heißt, eine Bewegung, die Menschen zum Glauben und zur praxis pietatis, das heißt: zum Handeln aus Glauben, führte.

Sehr bekannt ist das Lied geworden: „Ich bete an die Macht der Liebe““(EG 617) – vor allem durch die sekundäre Hinzufügung zur heute bekannten Melodie, die auch beim Großen Zapfenstreich gespielt wird; weiterhin: „Gott ist gegenwärtig, lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor ihn treten“ (165) – andere sind weniger bekannt, zum Beispiel Abendlieder: „Nun sich der Tag geendet“ (EG 481) oder „Nun schläfet man; und wer nicht schlafen kann, der bete mit mir an den großen Namen“ (480), „Kommt, Kinder (ursprünglich: Brüder), lasst uns gehen“ (393).

In diesen Liedern dominiert die Anbetung Gottes – das ist auch in Liedern des Gesangbuches von 1878 zu erkennen: Das zeigen besonders der Mystik nahestehende Lieder: „Allgenügsam Wesen“ (124), „Siegesfürst und Ehrenkönig“ (442). Man selbst ist klein vor Gott („ich dein Sternlein“) – aber: „Welt, du bist uns zu klein“, darum sind wir auf der Wanderschaft in die Ewigkeit, das bedeutet, sich selbst Gott als Opfer darbringen: „Für dich sei ganz mein Herz mein Leben“ – so beginnt das Lied: „Ich bete an die Macht der Liebe“, das im Gesangbuch nur gekürzt wiedergegeben wird. Die starke Mystik wird in den Strophen 5 und 6, die auch nicht im Gesangbuch zu finden sind, deutlich:

Wie bist du mir so zart gewogen! /
Und wie verlangt dein Herz nach mir! /
Durch Liebe sanft und tief gezogen, /
Neigt sich mein Alles auch zu dir; /
Du traute Liebe, gutes Wesen, /
Du hast mich, und ich dich erlesen. //
Ich fühls, du bists; dich muß ich haben: /
Ich fühls, ich muß für dich nur sein:
Nicht im Geschöpf, nicht in den Gaben;
Mein Plätzgen ist in dir allein: /
Hier ist die Ruh, hier ist Vergnügen; /
Drum folg ich deinen sel´gen Zügen.“

Diese enge Bindung an Gott hat seine Auswirkungen auf das Leben: „Sollt ich deinen Kelch nicht trinken, / da ich deine Glorie seh? / Sollt mein Muth noch wollen sinken, / da ich deine Macht versteh? / Meinem König will ich trauen, / nicht vor Welt und Teufel grauen, / nur in Jesu Namen / mich beugen hier und ewiglich.

Nikolaus Graf von Zinzendorf (1700-1760)

War Theologe und Gründer der einflussreichen Brüdergemeine. Zinzendorf war intensiv im Pietismus vernetzt: Spener war sein Pate, Franckes Arbeit in Halle prägte ihn. Christsein unabhängig von Konfessionen bzw. die Versöhnung der Konfessionen –  stand im Blick. Dennoch ließ er sich ordinieren – wurde dann aber von der lutherischen Orthodoxie bekämpft, später in gewisser Weise rehabilitiert. Auf seinem Besitz nahm er Glaubensverfolgte aus Böhmen auf. Hier entstand die Herrnhuter Brüdergemeine. Ab 1731 werden hier die Herrnhuter Losungen herausgegeben. Ab 1732 begann eine intensive weltweite Missionsarbeit, in der es nicht um Kulturexport geht, sondern um Verkündigung des Evangeliums. Einfluss hatte Zinzendorf auf viele bekannte Zeitgenossen und Nachgeborenen. Die Brüderunität gibt es bis heute: https://www.ebu.de/brueder-unitaet/glauben-und-leben/

Bekannt ist die Herrnhuter Gemeinde auch für das Singen. Ihr Gesangbuch von 1778 beinhaltet 1750 Texte! Aus der Brüdergemeine kommt das bekannte Lied: „Komm, Herr Jesu, sei du unser Gast“ (EG 465). An Schmolck konnte man sehen, dass er Texte anderer aufgegriffen und uminterpretiert hat. Das kann man auch an diesem Gebet sehen. In dem Lied „Ach wie heilig ist der Ort“ von Schmolck heißt es in der vierten Strophe: „Bleibe bei uns liebster Gast; speis uns gnädig mit dem Worte, das du uns gegeben hast“ (1878: 116) Zinzendorf selbst hat mit seinen über 2000 Liedern viel zu dem gemeinschaftlichen Gesang beigetragen. Lieder zeigen, dass die Gemeinde selbst nur in Einheit etwas baut, etwas zustande bringt („Wir wollen uns gerne wagen“ 254). Wo viele Menschen zusammenleben, gibt es Spannungen. So ist das Thema Liebe der Gemeinde untereinander wichtig („Herz und Herz geeint zusammen“ EG 251), in dem Lied, in dem die Seligpreisungen Thema sind wird auch der Frieden betont („Kron und Lohn“ 1878: 267). In „Herr, der du einst gekommen bist“ (EG 586) heißt es: „Erinnre deine kleine Schar / die sich so leicht entzweit, / dass deine letzte Sorge war / der Glieder Einigkeit.“ Ohne das Zentrum, Jesus Christus, kann diese Einheit nicht erlangt werden („Christen sind ein göttlich Volk“). Ohne sich vor Jesu Füße zu setzen, ohne die Stille vor Gott („Gottes Führung fordert Stille“), kann das gemeinsame Tun nichts werden. Ohne das Stehen unter dem Kreuz kann Einheit nicht erreicht werden: „Doch in des Heilands Wunden, / ich durfte nun gesunden, / ich fand den Friedens-Port. / Beim Kreuze will ich bleiben, / mich meinem Herrn verschreiben. / Er ist mein Schatz, mein ew´ger Hort“ .  Das heute allgemein bekannteste Lied dürfte „Jesu, geh voran auf der Lebensbahn“ (EG 391) sein: Auf dem Weg ins Vaterland – zu Gott – kann man an der Hand Jesu allerlei eigene und fremde Not bestehen. Das Vaterland, der „Gläub´gen Sammelplatz“ ist bei Jesus Christus.

Grenzen überwinden hin zu einer wahren Gemeinschaft. Das ist das Ziel der Lieder Zinzendorfs.

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Diese Zeit hat viele bis heute gesungene Lieder hervorgebracht, vielfach beeinflusst von Francke (Halle) bzw. Bengel (Württemberg), man denke an das Lied von Johann Ludwig Konrad Allendorf (1693-1773): „Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude“ (EG 66), fast wie Zinsendorf klingt der Text: „Dein Wort o Herr bringt uns zusammen “ (1834: 909); von Karl Heinrich von Bogatzky (1690-1774): „Wach auf, du Geist der ersten Zeugen“ (241), Phillip Friedrich Hiller (1699-1769): „Jesus Christus herrscht als König “ (EG 123), „Wir warten dein, o Gottes Sohn“ (152), „Ich glaube, dass die Heiligen im Geist Gemeinschaft haben“ (253); „Mir ist Erbarmung widerfahren“ (355).

Charles Wesley (1707-1788)

Ich habe mich weitgehend auf deutsche Lieder konzentriert. Mit Charles Wesley betreten wir ganz kurz die internationale Bühne. Seine christlichen Lieder waren weltweit ungemein erfolgreich. Sie sind sehr einfach gehalten, geben die christliche Botschaft in einfacher Gestalt wieder, denn die meisten Menschen, die gewonnen werden sollten, konnten nicht lesen und schreiben und waren weder philosophisch noch sonstwie gebildet. Man kann auf youtube sehr viele Lieder hören, als Beispiel sei nur dies genannt: https://www.youtube.com/watch?v=PMCOyY0Rlus