Sidney Lanier (1842-1881)

Sidney Lanier (1842-1881)

Sohn eines Richters, der Hugenotten als Vorfahren hatte und seine Mutter hatte schottische Vorfahren. Er lebte in Georgia, meldete sich in der Konföderierten Armee, das heißt der Armee der Südstaaten, die die Sklaverei verteidigten. Er wurde gefangen genommen. Nach seiner Befreiung ging er zurück nach Georgia, bekam Tuberkulose, die ihn zeitlebens quälte. Er war Musiker (vor allem Flötist, unter anderem Organist) – und als ein solcher auch Dichter, er arbeitete als Lehrer, Anwalt, zog auf Suche nach Heilung und Arbeit im Land herum. Zuletzt war er Dozent für englische Literatur an der Johns Hopkins Universität. Mit 39 Jahren starb er. Seine Frau sorgte dafür, dass seine Gedichte gesammelt wurden und hat viel zu seinem posthumem Ruhm beigetragen.

Informationen aus: https://wiki.edu.vn/wiki16/2021/01/12/sidney-lanier-wikipedia/ und https://poets.org/poet/sidney-lanier ; Übertragungsversuche von mir mit Hilfe von Übersetzungsapps. Texte: Mary D. Lanier (ed.): The Poems of Sidney Lanier, Kindle Ausgabe) und siehe die Links.

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Arbeitet der Künstler selbst – oder schreibt Gott durch ihn? Um diese Frage dreht sich das Gedicht „Hymnen der Sümpfe II / Individualität“: „Was die Wolke macht / Der Herr weiß, / Die Wolke weiß es nicht. / Was der Künstler tut, / Der Herr weiß es; / Weiß es der Künstler nicht?“ Er weiß es, so Lanier. Nicht Gott ist es, der durch den Künstler wirkt: „Mein Herr ist groß, mein Herr ist stark: / Er gibt, Er gab: Mein Ich ist mein. / Wie arm, wie seltsam, wie falsch: / Zum Träumen schrieb Er das kleine Lied. / Ich habe es Ihm mit der ungezwungenen Liebe gemacht!“ Die letzten Verse weisen noch darauf hin: „Ich arbeite in Freiheit wild, / Arbeite, als würde ein Kind spielen. / Sich des Vaters sicher, eigenständig und in Liebe, allein.“

Reflexion über das Dichten finden wir auch in: „Kleeblatt / In Erinnerung an John Keats“.

Kunst sucht nicht nach Sinn.
Kunst, die aus Liebe kommt, ist das Ende von Sinn,

das Ende von allen Enden… – verloren in Gottes Anfängen.

John Keats 1795-1821 hat wohl außer dem sonderbaren „O grant that like to Peter!“ nichts Religiöses im christlichen Sinn geschrieben (mir ist nichts bekannt geworden). Hoffnung wird in seinen Gedichten zwar angesprochen usw., aber er war bis zu seinem Tod antichristlich eingestellt, trotz Bemühungen seiner Freunde. Und wie im Gedicht gesehen, ordnet Lanier das Dichten auch von Keats religiös ein.

Dieses Ich, das Selbst, begegnet in Gedichten Laniers häufig, so auch im langen „Psalm des Westens“. Dieser Psalm hat eine große Fülle an christlichen Bezügen. Genannt sei nur ein wenig, so:

Der Mensch wird durch Gott neu geschaffen:
Dann hauchte er sanft auf die Toten:
„Lebe, Selbst! – du bist noch kein Teil von Mir;
Demutsstaub“, sagte Er,
„Und mein warmer Atem der Barmherzigkeit.
Siehe mein neuestes Werk, du Erde!
Das Selbst des Menschen wird geboren.“

In den Gedichten „IV. The Marshes of Glynn“ gibt es den interessanten Satz: „Der Glaube überwältigt Zweifel, und ich weiß, dass ich weiß,/ Und mein Geist ist in meinem Inneren zu einem herrschaftlich großen Wegweiser gewachsen…“ – und seine alte Angst ist überwunden. Solche interessanten Sätze fügt er in manchen seiner Gedichte ein. So sieht er im „Psalm des Westens“, dass der Glaube in der Hochzeit von Wissen und Liebe gezeugt wird. In „Auferstehung“ heißt es: „Ich höre wilde Geburtsschreie von Sterbenden“. im christlichen Sinn ist Sterben die Geburt in Gottes Welt hinein, wobei das allerdings nicht weiter ausgeführt wird – oder doch? Deutlich ist freilich, dass er Christus sagt, dass er am Grab vorübergehen, also noch nicht sterben möchte.

Solche einzelnen Sätze sind freilich Teil des Gesamten. Und so ist in „The Marshes of  Glynn“  hervorzuheben, dass er sich und seinen Glauben mit einer Sumpfhenne vergleicht. Die Sümpfe – Sinnbild für die Transzendenz / das Göttliche ausstrahlende Natur – befreien ihn von der angstvollen Welt außerhalb, befreien von der seelenlosen Industrialisierung. Früher hatte er Angst vor den Sümpfen (der gottnahen Natur) – vor der Vereinigung mit Gott, aber nun hat er die Welt außerhalb der Sümpfe überwunden. Die Natur ist – um es vorwegzunehmen – aber nicht Gott. Aber sie lässt Gott ahnen:

„Wie die Sumpfhenne heimlich auf der wässrigen Grasnarbe baut,
Siehe, werde ich mir ein Nest bauen auf der Größe Gottes:
Ich werde in der Größe Gottes fliegen, wie die Sumpfhenne fliegt.
In der Freiheit, die den ganzen Raum zwischen Sumpf und Himmel ausfüllt:
Mit so vielen Wurzeln hält das Sumpfgras die Grasnarbe fest –
So werde ich von Herzen an der Größe Gottes festhalten:
Oh, wie die Größe Gottes ist die Größe meines Inneren,
Das Angebot der Sümpfe, die freien Sümpfe von Glynn.“

Warum Sümpfe, die doch eigentlich negativ besetzt sind? Sümpfe zeigen den Tod – aber durch Gott gibt es ein Leben angesichts des Todes. Gott ist nicht begreifbar. Und so formuliert er vor dem Abschnitt mit der Sumpfhenne, dass Gutes aus unendlichem Schmerz kommt, Sehen Folge von Blindheit ist, Reinheit aus einem Schmutzfleck kommt und Gott aus dem Wissen. Und weil er keine Angst mehr hat, kann er sogar der Flut des Todes neugierig entgegensehen. (Anzumerken ist, dass Sümpfe für Sklaven beides bedeuten konnten: Tod oder Freiheit. Tod, wenn sie sich verirrten, erkrankten, ertranken; Freiheit, weil sie nicht mehr gefunden werden konnten, andere „freie“ Gruppen finden oder herausfinden konnten.) (Zu dem Thema Natur und Gott vgl. auch sein letztes Gedicht Sunrise ) Sehr bedeutsam und intensiv schreibt er auch in dem Gedicht ein Sonntag in Florida – das mit Blick auf die Einheit des Menschen mit der Natur – und mit Blick auf Gott. Dazu heißt es unter vielem anderen:

… Ich halte
Dein Sein in meinem Sein; Ich bin du,

Und du ich selbst; ja, letztlich du,
Gott, den alle meine Wege erreichen, wie auch immer sie laufen,
Mein Vater, Freund, Geliebter, lieber Alles-Einer,
Du in meiner Seele, meine Seele in Dir, ich fühle,
Selbst meines Selbst. 

Und es endet damit, dass er Gott anspricht und nach der Logik fragt, wie es sein kann, dass alles zusammengehört, jedoch jedes selbst bleibt es selbst.

Er hat sehr schöne Naturbeschreibungen – und so wird wie gesehen auch der Glaube, mit Hilfe der Natur beschrieben – auch in anderen Gedichten: In dem Lied der Zukunft spricht er von der Taube („Geh, zitterndes Lied, / Und bleib nicht lange; oh, bleib nicht lange: / Du bist nur eine graue und normale Taube, / Aber dein Auge ist Glaube und dein Flügel ist Liebe.“), oder mit einer Tuber-Rose (eine weiß blühende Agavenart). In Rose-Moralen heißt es unter anderem II. Weiß  : „Seele, bring dich ins Herz / Von dort Tuberose: verstecke dich dort – / Dort atme die Andachten deiner Kunst / Vom Gebet erfüllt.“) oder „Sterne“. Das schöne Gedicht „Ein Lied von der Ewigkeit Zeit“ endet: „So, Zeit“, rief ich, „ist nur eine Träne. / Jemand hat geweint zwischen Hoffnung und Angst, / Doch in ihrer kleinen durchsichtigen Sphäre / Unser Stern der Sterne, Ewigkeit, strahlt.“

Jesus ist auch sein Thema in dem Gedicht „The Crystal“ (1880). Er bewundert ihn. Mit aus meiner Perspektive großer Kenntnis beschreibt er präzise zahlreiche Dichter und Denker sehr spitz und verzeiht ihnen dies und das. So auch Buddha: „Also, Buddha, schön! ich verzeihe dir / Das alles, was du für bedürftige Menschen hattest / War Nichts, und dein Bestes war / Aber: nicht sein.“ Am Ende schreibt er über Jesus:

Aber dir, aber dir, o freier Seher der Zeit,
Aber dir, Dichter der Dichter, Zunge der Weisheit,
Aber dir, o bester Mensch der Menschen, o beste Liebe der Liebe,
O vollkommenes Leben mit vollkommenem Handeln,
O aller Menschen Kamerad, Diener, König, Priester, –
Was wäre wenn oder doch, ein Verborgenes, ein Fehler, ein Versagen,
Ein kleinster Makel oder Schatten eines Makels,
Ein Gerücht, von einem Feind getratscht,
Gelöst von der Wirklichkeit, ohne Gnade
Selbst im Griff der Folter oder des Schlafs oder des Todes, –
Oh, was kann ich dir verzeihen,
Jesus, gutes Vorbild, du Kristall, Christus?“

Das möchte ich mit dem Text „The Dying words of Stonewall Jackson“ verbinden, denn immer wieder durchschießen religiöse Andeutungen die Texte. Traditionell schließen christliche Texte mit einem Hinweis auf den dreieinigen Gott, Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliger Geist. Dieser Text schließt mit den Worten:

Du Land, dessen Sonne untergegangen ist, deine Sterne bleiben!
Weiterhin leuchten die Worte, die seine Taten verkleinern.
Oh Dreifachgeliebter, wo immer dein großes Herz blutet,
Trost hast du für die Schmerzen.