Sinaida Hippius (1869-1945)

Sinaida Hippius (1869-1945) war Tochter eines erfolgreichen Rechtsanwaltes, sie war die älteste von vier Töchtern. Der Vater musste aus beruflichen Gründen häufig mit der Familie umziehen – dadurch erhielt seine Tochter keine abgeschlossene Ausbildung. Schon als Mädchen schrieb sie Gedichte und schrieb vielen Briefpartnern. Sie lebte in ihrer eigenen reflexiven Welt, in der die vom Tod besiegte Liebe dominant war, denn 1881 ist ihr Vater an Tuberkulose gestorben und sie selbst war angesteckt worden. Ihre Krankheit wurde forciert durch einen verschmähten Liebhaber, der Übles über sie verbreitete („Es ist einfacher, bald zu sterben, als an dem Gestank zu ersticken, an dem, was von Menschen kommt, der mich umgibt“). 1889 heiratete sie wegen der spirituellen Einheit den zu der Zeit schon bekannten Dichter Mereschkowski (1865-1941) – was dazu beigetragen hat, ihren intellektuellen Weg bereichern zu können. Wie sie selbst sagte: Sie wolle nicht als Frau gesehen werden und nicht die Männer als Männer sehen, sondern sie brauche Männer von ihrer „mentalen Seite“. Es soll eine platonische Liebe gewesen sein – wobei körperliche Annäherungen auch mit Blick auf andere Personen wohl auch in ihrem Leben vorkamen. Von Beobachtern der Ehe wird sie so interpretiert, dass sie die Ideengeberin wurde – er hat die Ideen dann rational durchdacht; sie selbst sah es so, dass sie merkte, was er gedacht hat, formulierte es, und er hat das dann weiter geführt.

Sie wird nach Achmatova und Zwetajewa als die dritte der bedeutsamen Dichterinnen des 20. Jahrhunderts aus Russland angesehen. In Sankt Petersburg wurde sie intensiv mit Schriftstellerinnen und Schriftstellern und Politikern verschiedener Kreise bekannt. Sie schrieb Prosa, Romane, Gedichte, Kritiken, war insgesamt publizistisch sehr aktiv. Themen waren die Spannungen des Lebens – der Mensch und sein unvollkommener Geist, der Mensch ist in sich gespalten, ohnmächtig und ängstlich. Und das immer wieder unter Einbezug der Gottesbeziehung. Mit den Einnahmen für die Texte konnte das Paar ein wenig ihre massive Armut lindern. Ab 1891 machte das Paar immer wieder Europareisen.

Mereschkowski sei immer wieder genannt, weil beide gemeinsame Sichtweisen entwickelten. So wurde Mereschkowski, der auch Kontakte zu den Altgläubigen pflegte, unter anderem auch wegen eines Vortrags negativ diskutiert. Der Vorwurf: er wolle die russische Literatur in Richtung Mystik, Symbol und Impressionismus weiterführen, Aspekte, die er z.B. mit Dostojewski und Tolstoi begründete. Manches finden wir auch in ihren Gedichten – allerdings eher rational.

Ihre Gedichte, so erfahren wir auf der russischen Wikipedia-Seite (1), empfand sie als intim, als Gebete. Gott hat den Menschen dieses Bedürfnis zu beten in die Seele hinein geschaffen. Aber, so die Kritik, sie meine im Grunde nicht Gott, sie meine sich selbst. Und so wurde sie vor allem in der Frühzeit als dekadent bzw. als Provokateurin angesehen: ich liebe mich selbst wie Gott – hat sie in dem Gedicht „Widmung“ geschrieben (Zinaida Gippius – Widmung – weiterlesen Gedichte der Poet.Ru (stihipoeta.ru) Ich sehe das freilich anders, als kritisierende Zeitgenossen und zwar mit Blick auf das Wort Jesu: „Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst“ – leider kenne ich mich nicht so gut aus, um sagen zu können, wie sie es selbst interpretiert hat) (beachte das, was bei Mereschkowski dazu gesagt wurde). Im Nachwort zu den Petersburgern Tagebüchern nennt Christa Ebert die Worte: „Für den Teufel bete ich zu Dir, Herr! / Auch er ist dein (sic!) Geschöpf“ (2014, 447). Sie wandte sich von dieser zwiespältigen Phase ab. Allerdings nicht vom Glauben. Die Aufgabe des Künstlers ist, um den Zerfall zu bekämpfen, die Christianisierung der Menschen. Wenn das Leben und der christliche Glaube zusammen verschmelzen, wird die von Jesus Christus versprochene Freiheit erlangt. Dazu gehört auch die Hereinnahme dessen, was in anderen Religionen als heiliges Leben gelebt wird. (Es kann die Blavatzky-Richtung der Theosophie haben, aber auch die paulinische Richtung, laut der Gottes Geist auch in den Völkern wirkt: Prüft alles, das Gute behaltet… Das kann ich aufgrund mangelnder Kenntnis dieser Versuche nicht entscheiden.)

Sie war der orthodoxen Kirche gegenüber reserviert eingestellt, denn die Unterstützung der zaristischen Autokratie durch die Kirche war ein immenser Stein des Anstoßes. Dem Paar ging es um die Reformierung des Christentums zu einem Geist-Christentum, um die Durchsetzung moralischer Werte, die Vervollkommnung des Menschen. Das Reich des Geistes überwindet Kirche und Staat – und ohne das „Reich des Geistes“ wird die Revolution zur Tyrannei. In der christlichen Tradition spielten seit dem Mittelalter die drei Reiche eine Rolle: das erste Reich ist das Reich des Vaters (Altes Testament – des Gesetzes), das zweite Reich ist das Reich des Sohnes (Neues Testament – der Gnade / Kirche), erwartet wurde das dritte Reich, das Reich des Geistes (Reich der Freiheit). Dieses Reich des Geistes ist das Reich, in dem Erde und Himmel zusammengeführt werden (ein neuer Himmel, eine neue Erde). Und dieses wollte das Paar fördern. Dieses Reich des Geistes fordert das Individuum, nicht den Menschen als Herdentier. Das autokratische Zarentum wurde immer stärker mit dem „Antichristen“ verbunden, besonders nach der Niederschlagung des Aufstandes 1905: Revolution folgt aus dem christlichen Glauben. Aber es war eher eine elitäre Sicht von Revolution, die sie vertraten. Kritisch bespricht sie in den Petersburger Tagebüchern den Versuch eines Bekannten, ein „Christentum von Golgatha“ zu gründen, was sie, wie andere Versuche auch, als Sektierertum bezeichnet (29.10.1916 [2014, 56f.]). Ihre eigenen Versuche kommen dabei nicht in den Blick.

In ihrem Haus trafen sich ausgewählte Denker, Künstler und Schriftsteller – aber es wird berichtet, dass die Gastgeberin recht dominant gewesen sein soll – sie war dominant, stellte hohe ästhetische und religiöse Anforderungen, was manche verprellte. Nichtsdestotrotz war das Haus des Paares ein Zentrum intellektuellen Austausches.

Sinaida Hippius begrüßte mit einer gewissen Distanz mit ihrem Mann Dmitri Mereschkowski die Februar-Revolution von 1917, da sie einmal gegen die Außen- und Innenpolitik des Zaren waren, aber auch glaubten sie, dass diese die Teilnahme Russlands am Ersten Weltkrieg beenden würde. Aber die kommunistische / bolschewistische Oktoberrevolution von 1917, das „Reich des Antichristen“, lehnten sie ab. Und so flohen sie aus dem revolutionären Russland 1919 nach Warschau und 1920 nach Paris (lebten eine Zeit lang im faschistischen Italien). Im Exil spielte das Paar eine Rolle im Kampf gegen den Kommunismus, denn Sinaida Hippius sah sich als Russin, die nur in Russland wirklich leben und schreiben könne – und sie wollte wieder zurück. In Frankreich versuchte sie russische Exilierte verschiedener Kreise zusammenzuführen, unterstützt vom späteren Nobelpreisträger Bunin, was aber nicht immer leicht war, weil die Mereschkowskis weder den linken noch den rechten Exilierten angenehm waren. (2) Sozusagen nach dem Motto: Der Feind meines Feindes ist mein Freund, wandte sich vor allem ihr Mann dem Faschismus zu. Das wurde ihm – aber auch ihr – übel genommen. Man kann meinen, dass das von denen, die den verheerenden Kommunismus bejubelt haben, abgelehnt wurde, aber laut dem russischen Wikipedia-Beitrag über Sinaida Hippius, haben sie dadurch auch an Ansehen unter den Exilanten insgesamt verloren. (Der Grund dafür wird leider nicht genannt.) Die Hinwendung zum Faschismus diente ihm dazu, die Mächte gegen die kommunistische-stalinistische Sowjetunion einzunehmen – was aber Sinaida ablehnte, da sie Hitler nicht traute. In Deutschland gab es Menschen, die in Hitler den Antichristen sahen. Es sieht so aus, als hätte Mereschkowski das erst langsam erkennen müssen. Sinaida war hierin wohl weiter als ihr Mann. Sie nannte Hitler, nach Stalin (Teufel Nummer 1), Teufel Nummer 2 (Ebert 2014,471).

Nachdem ihr Mann gestorben war, begann sie eine Biografie, schrieb noch Gedichte. Sie hatte aber keinen großen Einfluss mehr und starb wenige Jahre später verarmt.

Mir zugängliche Quellen:

Literatur auch der russische Wikipedia-Artikel über Mereschkowski: Dmitri Mereschkowski – Wikipedia
(1) Russische Wikipedia-Seite zu Sinaida Hippius  https://ru.wikipedia.org/wiki/%D0%93%D0%B8%D0%BF%D0%BF%D0%B8%D1%83%D1%81,_%D0%97%D0%B8%D0%BD%D0%B0%D0%B8%D0%B4%D0%B0_%D0%9D%D0%B8%D0%BA%D0%BE%D0%BB%D0%B0%D0%B5%D0%B2%D0%BD%D0%B0

Sinaida Hippius: Petersburger Tagebücher 1914-1919. Übersetzt aus dem Russischen von Bettina Eberspächer und Helmut Ettinger, bearbeitet und mit Anmerkungen, einem kommentierten Namensregister und einem Nachwort bereichert von Christa Ebert, Die-andere-Bibliothek, Berlin 2014 (Tagebuch vom 01.08.1914 bis 12.01.1919)
Sinaida Hippius: Petersburger Tagebuch, Aufbau Verlag Berlin/Weimar 1993 (Tagebuch aus „Im Reich des Antichrist“ – beginnend mit dem Juni 1919)
https://stihipoeta.ru/poety-serebryanogo-veka/zinaida-gippius/
russisch: https://stihipoeta.ru/poety-serebryanogo-veka/zinaida-gippius/
https://stroki.net/content/blogcategory/37/30/

Wenn nicht anders angegeben, habe ich die Gedichte mit Hilfe von DeepL interpretierend übertragen, das heißt, nicht einfach wörtlich alles wiedergegeben, sondern verstehend.

(2) Mereschkowski und Bunin waren für den Nobelpreis nominiert – Bunin bekam ihn dann.

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Die Darlegung der Gedichte ist nicht einfach. Nicht nur, dass sie viele Gedichte zum Thema Glauben geschrieben hat. Sie hat sie intensiv theologisch durchdacht. Und dieses ist nicht leicht in der Fülle wiederzugeben. Sie lebt sehr intensiv mit dem Neuen Testament. Die reflexiven Gedichte sind zum Teil von einer theologischen Tiefe, die ich selten in Gedichten gefunden habe. Von daher kann ich nur den einen oder anderen Aspekt antippen.

Leider weiß ich jedoch nicht, wann die jeweiligen Gedichte geschrieben worden sind, kann sie somit auch nicht zeitlich einordnen. Die Quellen nennen viele Gedichte auf russischen Seiten – aber ohne Jahresangaben.

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„Ohne Entschuldigung“ (Zinaida Gippius – Ohne Entschuldigung – weiterlesen Gedichte Poeta.Ru (stihipoeta.ru) ist ein spannendes Gedicht. Sie wird, so heißt es in diesem, wie alle Menschen, die in den Krieg ziehen, schuldig werden. Sie wird aber kein Kind des Krieges werden, denn sie weiß, dass er Sünde ist. Selbst dann, wenn es Gottes Wille sein sollte, in den Krieg zu ziehen, wird sie mit Gott gehen – aber sie wird dann gegen Gott sein, weil sie kein Kind des Krieges werden wird.

Leider weiß ich nicht, wann sie dieses Gedicht geschrieben hat. In den Kontext der kommunistischen Revolution gestellt, würde es bedeuten: die Gott bekämpfenden Kommunisten müssen bekämpft werden. Das könnte Gottes Willen sein. Aber auch dann, wenn der Kampf gegen die Gottlosen Gottes Wille sein sollte, weiß sie dass er übel ist. Aus dieser Zeit könnte das Gedicht stammen, weil sie, anders als gegen den Ersten Weltkrieg, hier für den Kampf eintritt: „Krieg zur Ausrottung des Krieges“. So zeigt es das Petersburger Tagebuch (vgl. Ebert 464).

Eher ist das Gedicht jedoch wohl im Kontext des Ersten Weltkrieges geschrieben worden. In den Petersburger Tagebüchern 1914-1919 setzt sie sich vielfach mit dem Thema Krieg auseinander (z.B. 2. August 2014), wendet sich aber differenzierend nachdenkend gegen ihn, auch öffentlich, trotz der nachfolgenden Beschimpfungen durch ihr politisches und mediales Umfeld: „Das heißt, ich habe nicht das Recht, ihm, den Krieg, das Wort zu reden, solange ich nur empfinde. Ich glaube den Gefühlen nicht: Sie verdienen keine Worte, solange sie nicht von etwas Höherem bestätigt werden. Und nicht von der Wahrheit bekräftigt worden sind.“ Aber sie ist sich unsicher – will am liebsten schweigen, höchstens ein stilles Gebet „sprechen“. (12) Sie empfindet diese Aufforderung, den Krieg aus religiösen Gründen anzunehmen, als schrecklich (15f.). Tolstoi, der große Pazifist, war gestorben. Dazu schreibt sie – was auch ihre Zerrissenheit verdeutlicht: „Wie gut ist es trotz allem, dass er tot ist! Dass er diese schreckliche Stunde, diesen beispiellosen Krieg nicht sieht. Und wenn er ihn auch sieht…, ist er für ihn nicht schrecklich, denn er versteht…, wir hier verstehen jedoch nichts!“ (29) Und diese Zerrissenheit – aber nun mit Betonung des Krieges – findet sich auch noch 1917 (9.3.; Seite 116). Was den Hinweis auf Tolstoi betrifft: Sie geht von der Vorstellung aus, dass es ein Leben nach dem Sterben gibt – und der Mensch, der bei Gott ist, kann erkennen, was noch lebende Menschen nicht erkennen können. Dass Menschen sich gegenseitig den Krieg aufzwingen, kommt ihr in dem Gedicht nicht deutlich in den Sinn. Ebenso nicht, dass sie die Skepsis gegen den Krieg aus dem Pazifismus Jesu hat (pax facere – kommt von der Seligpreisung Jesu: Selig, die Frieden stiften/machen). Das heißt, sie spricht über den traditionellen Ansatz, dass Gott der Herr der Geschichte ist – von daher ist es auch möglich, dass er den Krieg will.

In dem Gedicht „Sünde“ sieht sie, dass Gott und Menschen Sünde vergeben – aber die Sünder selbst können sich nicht vergeben. Die Sünde will sich mit eigenem Blut reinigen – aber letztlich: Sünde kann sich selbst nicht vergeben.

An diesen beiden Gedichten wird deutlich, wie sehr sie das Thema Krieg und Schuld reflektiert.

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In dem Gedicht „Liebe“ werden neutestamentliche Worte zitiert: Am Anfang war das Wort – das Wort ist Jesus Christus (Johannes 1,1). Auf das Wort (also Jesus Christus) sollen wir warten, denn er wird sich wieder offenbaren. Es wird wieder eine Einheit hergestellt werden zwischen Gott und Mensch. Und weil die Einheit geglaubt wird, ruft sie im Namen Jesu den Jesus-Ruf, den so genannten Heilands-Ruf (verändert): Kommt, die ihr weint – und lacht (Matthäus-Evangelium: Kommt zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch stärken). Und – so geht das Gedicht weiter: Erlöst werden wir kommen – und nicht nur Mensch und Gott werden eine Einheit sein, sondern Erde und Himmel. Die Liebe wird siegen. Das wird auch sehr schön in den „Zwei Sonette(n)“ (Zinaida Gippius – Zwei Sonette – lesen Sie auf Gedichte der Poet.Ru (stihipoeta.ru) gesagt: „Vor der wahren Macht verneige ich mich demütig; / Nicht wir retten die Welt, die Liebe rettet sie.“ In „Ich weiß nicht, wo die Heiligkeit ist, wo das Laster…“, beschreibt sie unter Bezugnahme der Geschichte aus dem Neuen Testament, laut der die Menschen von Nazareth nicht an Jesus glaubten, er darum keine Wunder tun konnte, dass Jesus, vom Unglauben überrascht, eben keine Wunder vollbringen konnte. Doch, so das Gedicht weiter, als Jesus wieder weggegangen war, rennen sie ihm nach: „Und wenn du es wünschst, werde ich der Erste vor Ihm sein / Mit gedankenlosem Glauben werde ich meine Knie vor ihm beugen… / Er ist nicht allein – wir werden zusammen vollbringen, / Durch den Glauben, das Wunder unserer Errettung…“. Damit spielt sie auf das Wort Jesu an: Dein Glaube hat dich gerettet. Während sie hier vom „gedankenlosen“ Glauben spricht, spricht sie in dem Gedicht „Über den Glauben“ rationaler: Es sei eine Sünde, sich die Rückkehr des dunklen Kinderglaubens zu wünschen. „Sollten wir von Wiederholung träumen? / Wir sehnen uns nach Höhen / Für uns – in Verstrickungen und Zusammenführungen – / Gibt es Offenbarungen der Einfachheit.“ Es geht um den wahren Glauben, den Glauben verbunden mit Wissen, ein Glaube ohne Furcht.
In den Anfangszeilen des erwähnten Gedichts „Liebe“ beschreibt sie den Zustand ihrer Seele. In ihr gibt es kein Leiden, nur Liebe. In den Petersburger Tagebüchern beschreibt sie, wie all das Schlimme, das sie erlebt, sie im Grunde „langweilt“. In einem Gedicht beschreibt sie, wie die Seele stirbt – und sie wandeln alle wie Tote. Das heißt, sie härtet ab. Das Schlimme hat zur Folge, dass sie abstumpft. Und in dem Gedicht „Liebe“ wird geschildert, dass ihre Seele Liebe ist – dass sie abgestumpft ist – aber sie will das nicht dulden, sie will die Liebe, die Wünsche wieder aufleben lassen, auferwecken. Und das wird dann in der letzten Strophe beschrieben: die Auferweckung. „Wir werden in irdischer Befreiung zu Ihm kommen, / Und es werden Wunder geschehen. / Und alles wird eine Gemeinschaft sein – / Die Erde und der Himmel.“

Sie liebt das Wort „Wunder“. Aber in den Petersburger Tagebüchern kann sie der Forderung nach einem Wunder auch skeptisch gegenüber stehen. Es sei unmoralisch, von Gott Wunder zu fordern, weil das den Willen des Menschen erniedrigt (in der Übersetzung: „es bedeutet eine Demoralisierung des Willens.“) (Ebert 51) Aber trotz dieser rationalen Auseinandersetzung schreibt sie, dass Gott ihr Verlangen nach Wundern verzeihen möge (52).

In dem Gedicht „Glas“ (https://www.stihi-rus.ru/1/Gippius/67.htm ) beschreibt sie, wie ein festes, dunkles Glas sie umgibt. Sie möchte dieses Glas zerschlagen, das die Menschen Russlands trennt, sie möchte die Menschen befreien, die verwoben sind mit einem „siegreichen“, mit einem „letzten Geheimnis“. „Liebe, Liebe! Gib mir einen Hammer“ – und das Gedicht endet: „Gott wird uns erhören. Es ist Licht um uns herum. / Er wird uns die Kraft geben, das Glas zu zerbrechen.“ Das Wunder wird von Gott erwartet. Denn alles, was der Mensch tut, ist „Unpassend, zerbrechlich, wacklig“, Entscheidungen sind falsch, er lässt sich irritieren, der Mond bildet auf dem Meer eine Lichtstraße – der Mensch fällt auf sie herein, er hört die Antworten auf seine Fragen, aber bei jedem Wort fehlt die letzte Silbe, das heißt: Alles ist unvollständig. Nur Gott ist das Maß (https://www.stihi-rus.ru/1/Gippius/33.htm ). In Zeiten abgrundtiefer Grausamkeiten, kann der Mensch nicht mehr als „das Maß aller Dinge“ (Protagoras) angesehen werden. In dem Gebets-Gedicht „Begründung“ bittet sie Gott, ihr zu helfen: „In all meiner Unvollkommenheit / Nimm mich an, beschütze mich“. Aber: Sie wird nicht demütig zu Gott kommen, demütig sind Sklaven. Sie erwartet auch keine Vergebung, in dem Sinn, dass die Sünden vergessen werden. Sie glaubt an die Rechtfertigung. Das heißt im christlichen Sinn, dass Christus aus heftige Liebe für die Menschen starb, nicht aus billiger Vergebungsbereitschaft (Lass es gut sein, ist schon nicht so schlimm!): „Liebe mich, rufe mich! / Verbrenne mein Leiden / Im Feuer Deiner Liebe!“ Sie weiß sich durch Gott erhoben. Und das ist eminent christlich.

Und so schreibt sie nicht nur Gedichte dieser Art im Zusammenhang der Revolution, sondern sie beschreibt auch die Grausamkeiten der bolschewistischen Revolution, sie ruft auf, diese zu bekämpfen. Aber wie bekannt, konnte sie genauso wenig ausrichten gegen die, wie sie schreibt, Horden, den Antichristen, den Teufel, gegen den Alptraum, die Peitsche, die lachenden Waffen, den Prügelstock, die Bajonette, gegen die Morde. Sie beklagt (schon 1916!) nur den apokalyptischen Reiter auf dem roten Pferd, das alles „zermalmt, zertrampelt, zerschlägt, niederschlägt. / Alles. Für immer. Irreparabel.“ (https://www.stihi-rus.ru/1/Gippius/40.htm ) In dieser Dunkelheit der Menschen kann sie auch vom dunklen Gott sprechen. Menschen tun einfach ohne Murren Gottes Willen, den Willen eines Gottes, der die Menschen nicht mehr lieben kann. (In den Petersburger Tagebüchern beklagt sie, dass Europa die Vernunft geraubt wurde – sie fragt: Wer hat sie geraubt? „Wenn es Gott war, wofür straft ER es so sehr?“ [Ebert 400]) Ohnmächtige Menschen glauben an Wunder, aber sie sind im Grab, eine Grabplatte zermalmt den Himmel (wenn ich das Gedicht richtig verstehe: https://www.stihi-rus.ru/1/Gippius/29.htm ). Hilflos blickt Gott auf die Menschen – sie verblassen als Ebenbild Gottes. Dennoch, auch als Schatten, sind sie Schatten des Antlitzes Gottes. Und am Jüngsten Tag wird nicht allein Gott die Menschen fragen, „Warum hast du mich verlassen“, sondern die Menschen werden Gott fragen: „Warum hast du uns verlassen?“ ( https://www.stihi-rus.ru/1/Gippius/9.htm ; vgl.: Gedichte klassischer und zeitgenössischer Autoren – Adonai (stroki.net)

Aber untreu möchte sie Gott gegenüber nicht werden, auch wenn der Feind, der Versucher damit lockt, dass Sterben süßer ist als leben, auch wenn sie in der Nacht weint und das schwache Herz müde ist: Sie will dem Weg treu bleiben. Sie wird das Ziel erreichen, auch wenn die Stufen steil sind: sie will „dort, seine (Christi?) Knie umarmen, / Sterben und wieder auferstehen.“ (https://www.stihi-rus.ru/1/Gippius/24.htm) Oder in dem Gedicht „2. Weihnacht“ beschreibt sie das Weihnachtsfest: Statt der Engel – Kriegsflugzeuge, statt der weißen Weihnachtskerze – weiße Strahlen der Scheinwerfer. Doch den Stürmen, dem Feuer, den Schwertern wird sie sich nicht ewig unterwerfen. Sie behält die Wachskerze in der Hand und betet: „Werde geboren, ewiges Wort! / Erwärme die Kälte der Erde / Umarme die Heimat…“ Gedichte klassischer und zeitgenössischer Autoren – SECOND CHRISTMAS (stroki.net) Ähnlich in dem Weihnachtsgedicht „Weiß“: „Wir wissen nicht, wo die Krippe des Königs ist, / Und doch suchen wir mit müden Füßen.“ Und es endet mit der Bitte: Gib deinem Land Frieden.

Gebete sind ihr wichtig, auch – wie gesehen – das Gebet der Stille. So in dem Gedicht „Stille“: In Stunden des Leidens, in Stunden der Kämpfe ist das Schweigen wichtig „Und vielleicht stille Gebete“. Gedichte klassischer und zeitgenössischer Autoren – QUIETER (stroki.net) In den Petersburger Tagebüchern wird auch ein Gebet formuliert, im Kontext eines getöteten Jungen: „Heute kann ich nicht mehr schreiben. Das Schwert ist durch die Seele der Mütter gedrungen [Lukas-Evangelium 2,35]. Und ihre Tränen haben die Erde noch nicht überflutet! Herr, wann fällt dein Blick auf deine Unschuldigen?“ (22.2.1918; 33; in einem Gedicht wird es umgesetzt in dem genannten „Adonai“: Gedichte klassischer und zeitgenössischer Autoren – Adonai (stroki.net) ) Aber dann auch wieder die „Ohnmacht“: Sie weiß nicht, was sie tun soll, hat weder Mut zu leben noch zu sterben, „Gott ist mir nah, aber ich kann nicht beten“ – „ich will Liebe und kann nicht lieben“. Sie streckt ihre Arme nach der Sonne aus – aber es sind nur Wolken da. Dieses Gedicht endet: „Ich glaube, ich kenne die Wahrheit / Und ich habe nur keine Worte dafür.“ (Ohnmacht (Ich will Liebe – und ich kann nicht lieben) – Gippius, Gedichte (stihi-rus.ru)) Sie kann nicht lieben – wie sehr wünscht sie sich aber, das zu können. In dem Gedicht „Heilig“ heißt es: Sie möchte andere Gedichte schreiben – wortlose Gedichte, die die göttliche Liebe weitergeben; diese Gedichte sind jedoch nicht wie die anderen Gedichte ein Todes-Stachel, sie sind ein Liebkosungs-Stachel, der Menschen weckt. Mit Liebkosung wird die schläfrige Seele aufgeweckt (Übersetzt mit DeepL):

Damit die Seele zittert
Vom Glück der Wortlosen…
Ich will – einen heiligen Stachel,
Göttliche Liebe.