Bertolt Brecht (1898-1956)

Bertolt Brecht (1898-1956)

Bertolt Brecht wurde als Eugen Berthold Friedrich (s.u.) getauft. Seine Mutter starb 1920 an Krebs und hatte viel Schmerzen zu ertragen („Lied von meiner Mutter“). Unten wird das Thema Theodizee eine Rolle spielen – denn auch die Abwendung von Gott kann aufgrund von solchen Erfahrungen erfolgen. In jungen Jahren war er mit Freunden schon sehr vielfältig künstlerisch aktiv. Nach dem Abitur studierte er Medizin – eigentlich. Literatur hatte es ihm mehr angetan. Gedichte entstanden, Dramen, Theaterstücke, aber auch Kritiken. Diese zeigten schon seinen Hang zur Polemik. Sehr zielstrebig versuchte er Kontakte zu knüpfen, um seine Werke herauszubringen und agierte sehr dominant. Nietzsche erhob im Grunde die Kunst zur Religion; Stefan George hat sich als religiöser (Kunst-)Meister feiern und erheben lassen, Rilke versuchte sich ähnlich einen Heiligenschein anzulegen. Brecht auch – aber gerade aus der Perspektive der Underdogs. Wie Klabund hat auch er Villon als Vorbild der Straße erkoren – und sammelte zielstrebig seine Bewunderinnen und Bewunderer, gebärdete sich auch entsprechend dominant. Nicht mehr im Stil des 19./20. Jahrhunderts als Genie, sondern im – wenn man so will – Stil der Nachkriegsgeneration. 1922 begann sein Durchbruch. Seine kommunistische Ära begann in der zweiten Hälfte der 20er – wie bei so vielen Intellektuellen seiner Zeit. Ab 1930 wurde er von Nationalsozialisten behindert, 1933 floh er mit Freunden und Verwandten in verschiedenste Länder, seine Bücher wurden 1933 verbrannt. Er engagierte sich vielfach für Emigranten. 1941 kam er über die bewunderte Sowjetunion in die USA. Dort wurde er als Deutscher und als Kommunist kritisch beäugt. Da er in keiner kommunistischen Partei war, konnte er die Frage, ob er in einer kommunistischen Partei sei, verneinen. 1948 ging er wieder nach Berlin/Ost. Dort wurde dann seine Karriere weiter betrieben – nicht zuletzt dadurch, dass er politisch geschickt lavierte. Allerdings wurde er im Zusammenhang des 17. Juni 1953 politisch ausgenutzt, was ihm selbst wohl sehr ärgerlich war. Dennoch hat er 1954 den Stalin-Preis/später Lenin-Preis für Frieden und Völkerverständigung zugesprochen bekommen und 1955 wurde ihm dieser überreicht https://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Lenin-Friedenspreis . Seine gekürzte Stellungnahme zum 17.6. hat zunächst seinem Ansehen in Westdeutschland sehr geschadet. Aber nur zunächst. Seine sozialkritische Weltsicht wurde immer stärker aufgenommen. Er starb 1956. Aus meiner eigenen persönlichen Sicht kann ich sagen, dass er von gemäßigten bürgerlichen Linken sehr stark rezipiert worden ist, auch wenn es dann freilich auch linke Kritiker gab.

(Nachtrag: Brechts Nähe zu den sowjetischen Herrschern ist erschreckend – wie diese gegen Schriftstellern vorgegangen sind, schildert: Witali Schentalinski: Das auferstandene Wort. Verfolgte russische Schriftsteller in ihren letzten Briefen, Gedichten und Aufzeichnungen. Aus den Archiven sowjetischer Geheimdienste, Lübbe-Verlag 1996. Dazu siehe auch meine Beiträge zu russischen Schriftstellern.)

Seine Frauengeschichten sind legendär geworden. Am 19. Juli 1919 gebar eine 17 jährige jungen Frau ein gemeinsames Kind. 1921 wurden zwei Frauen von ihm schwanger – und so ging es weiter. Besonders hervorzuheben sind für sein künstlerisches Werk Helene Weigel und Margarete Steffin. In „Vom armen B.B.“ schreibt er (biographisch): „In meine leeren Schaukelstühle vormittags / Setze ich mir mitunter ein paar Frauen / Und betrachte sie sorglos und sage ihnen: / In mir habt ihr einen, auf den könnt ihr nicht bauen.“ (Spannend ist, dass er in dem biographisch anmutenden Gedicht ein Ideal wiedergibt: Er ist kein Bürgersohn, als solcher will er nicht gesehen werden. Von daher wird das hier geschilderte Frauenbild des armen B.B. noch heftiger.) Er war in vielem recht sprunghaft, so gab es dann auch Ärger mit Blick auf die Staatsbürgerschaft von Österreich – aber das ist ein anderes Thema.

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Bert Brecht hat das Gedicht „Gegen Verführung“ (1925/7; ursprünglich: Luzifers Abendlied) an das Ende seiner „Hauspostille“ (1926 – danach verändert) gestellt. Die traditionelle Hauspostille steht in christlicher Tradition, um Menschen zu helfen, den Alltag zu bestehen. Davon ist in der Brechtschen Hauspostille nichts mehr zu erkennen – es geht um Grausamkeiten des Lebens, Gott hat die Menschen, die leiden, vergessen. Nicht nur das, es ist alles aus der Brille des Nihilismus zu sehen: „Laßt euch nicht vertrösten! / Ihr habt nicht zu viel Zeit! / Laßt Moder den Erlösten! / Das Leben ist am größten: / Es steht nicht mehr bereit.“ – und aus der Brille des Hedonismus: „Das Leben wenig ist. / Schlürft es in schnellen Zügen!“ Entsprechend verhalten sich die Menschen in seinen Balladen auch: leidend und andere rücksichtslos. Dazu sei auf „Die Legende der Dirne Evlyn Roe“ (1917) hingewiesen die naive Fromme, die von Männern missbraucht wird, von Himmel und Hölle abgelehnt als Geist herumspukt. Auf der Suche nach Jesus Christus verliert sie ihre Seele, verwahrlost, bringt sich um. Brecht will Leidende darauf aufmerksam machen: Gott ist nicht, er vergisst euch, wenn er ist, das heißt: Ihr seid ihm egal. Hiermit verändert er die christliche Legende der Maria von Ägypten, die Prostituierte war, auf einer Wallfahrt nach Jerusalem erst nicht in die Grabeskirche hinein durfte, dann aber durch Gebet Vergebung erlangte und im christlichen Glauben lebte und als Heilige verehrt wird.

Stark nihilistische Ansätze, dass im Grunde alles keinen Sinn mache, dass es auf den Einzelnen nicht ankomme, sind erkennbar. So heißt es in „Großer Dankchoral“: „Lobet die Kälte, die Finsternis und das Verderben! / Schauet hinan: / Es kommet nicht auf euch an / Und ihr könnt unbesorgt sterben.“ Das wird nach einer Strophe geschrieben, in der gesagt wurde, dass der Himmel sie nicht kenne – im Grunde wieder: den Menschen vergessen hat.

In „Der Drache des schwarzen Pfuhls“ greift er (1938 veröffentlicht) ein chinesisches Gedicht auf. In ihm wird beschrieben, dass Menschen aus Drachen einen Gott machen können – keiner hat den heiligen Drachen je gesehen, aber die Behörden formulieren einen Ritus. Und eines der Gebete/Hymnen lautet: „Gegrüßt seist Du, Drache, voll der Gaben! / Heil Dir  im Siegerkranz / Retter des Vaterlands, Du / Bist erwählt unter den Drachen und erwählt ist / Unter allem Wein der Opferwein.“ Brecht greift an dieser Stelle das Ave Maria auf: „Gegrüßet seist du, Maria, voll der Gnade, der Herr ist mit dir. Du bist gebenedeit (gesegnet) unter den Frauen, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes. Jesus…“ Gott hat Maria erwählt, die Mutter Jesu zu werden. Das mischt Brecht mit der Kaiserhymne: „Heil dir im Siegerkranz, / Herrscher des Vaterlands! / Heil, Kaiser, dir!“

Was Brecht gerne macht, wie man an der Hauspostille sieht: Er greift christliche Traditionen auf, um sie zu verballhornen bzw. verdrehen, verändern. Besonders deutlich wird das auch, wie oben schon angedeutet, an seinen Neuformulierungen von Chorälen. Allerdings bleibt einem das Lied im Halse stecken, weil die deutschen Christen eben das gemacht haben: Hitler besungen. Nach der Melodie „Nun danket alle Gott“ dichtet er ein Lied, das den Deutschen Christen sicher auf weiten Strecken gefallen hätte, wenn es nicht von Brecht gekommen wären: „Nun danket alle Gott / der uns den Hitler sandte / Der aufräumt mit dem Schutt / Im ganzen deutschen Lande.“  Oder nach der Melodie: Befiehl du deine Wege: „Befiehl du deine Wege / O Kalb / so oft verletzt / Der allertreusten Pflege / des, der das Messer wetzt! / Der denen, die sich schinden / Ein neues Kreuz ersann / Der wird auch Wege finden / Wie er dich schlachten kann.“ Usw.

Allerdings besingt Brecht Hitler nicht, weil er ihn bewundert – im Gegenteil: Er als Bewunderer des Kommunismus lehnt Hitler natürlich ab. Der Nihilismus führte dazu, dass die einen ihr Lebensziel im Nationalsozialismus suchten, andere im Kommunismus, so Werfel. Und so besingt Brecht den Kommunismus und den revolutionären Kampf in den höchsten Tönen. Um das tun zu können, musste natürlich Gott standrechtlich erschossen werden, das finden wir in „Drei Soldaten“, der Hunger, der Unfall, der Husten, (12) „sie stellten den lieben Gott an die Wand / Und schossen brüllend auf ihn ein / Er konnte gar nicht so schnell schrein / Die Drei wollten gar nichts mehr hören / Sie schrein: `So einer kann sich nicht beschweren!´ / Und erschossen ihn zur selbigen Stund / So daß Gott aus der Welt verschwund.“ Zuletzt wurden diese durch die Kommunisten in Moskau auch an die Wand gestellt. Die Theodizee-Frage wird an dieser Stelle sehr intensiv aufgegriffen: Gott starb, das Leiden der Welt hat ihn hingerichtet: „Drum bei dem großen Arbeiterheer / Gibt es den lieben Gott nicht mehr.“ Was Gott nicht konnte, das Leiden besiegen – das können die Kommunisten. Wobei es freilich nicht um das seelische Leiden ging. Das ist bei Brecht nachgeordnet im Blick. „Das Lied von der Wehrlosigkeit der Götter und Guten!“ fragt sich, warum die Götter nichts tun – es sähe besser aus mit der Welt. Das Schwarz-Weiß-Denken wird hier besonders deutlich: „Warum stehn sie den Guten nicht bei mit Tanks und Kanonen / Und befehlen: Gebt Feuer! Und dulden kein Dulden?“ – Vielleicht ist es auch eine Satire. Ich will mich da nicht festlegen. Denn wenn die Götter mit Panzern schießen – sind sie ja nicht mehr die Guten, und diejenigen, die das wünschen, sind sie noch die Guten? „Das Lied vom Sanktnimmerleinstag“ legt dar, dass es das Paradies nie geben wird. Brecht sucht es allerdings eher im Kommunismus. Die „Kritik an Michelangelos `Weltschöpfung´“ wirft dem Künstler vor: „Welch ein Betrug! Wie konnt er so was glauben? / Das heißt: der Menschen Wahn ins Schwarze schrauben!“ Was hat Michelangelo Böses gemacht? Er hat Gott ewig gemalt und den Menschen vergänglich, „Statt den vergehn zu sehn und selber zu verweilen!“ Als Fragment legt Brecht dann dem Künstler noch eine Antwort in den Mund.

Allerdings war er nicht immer so kritisch. In dem frühen Gedicht „Deutsches Frühlingsgebet“ lässt er den Bauern ganz fromm beten. „Herr, schütte dein Licht / Aus goldenem Sonnenbecher auf die grünende Erde / Daß sie gesegnet werde / Und segnend aufbricht.“ Am Ende heißt es, dass der Bauer „Fühlt die segnende Kraft der Erfüllung in seinem Gebet.“ Kritischer wird er 1919. Er fragt in der „Hymne an Gott“ noch: „Viele sagen, du bist nicht und das sei besser so. / … / sag mir, was heißt das dagegen – daß du nicht bist?“ Aber hier wird schon deutlich, dass die Frage nach der Wirkung des Glaubens und die nach der Existenz Gottes nicht deckungsgleich ist. (Was auch an dem berühmten Herr K. Text mit der Frage nach Gott deutlicher wird: Es kommt nicht auf die Frage an, ob es Gott gibt, sondern ob der Mensch ihn benötigt. Damit wird die Seinsfrage abgelöst. Gott ist nicht, wenn der Mensch ihn nicht braucht. Brecht formuliert das allerdings positiv: Wenn du ihn brauchst, damit sich dein Leben ändert, dann gibt es ihn. Wie dem auch sei: Die Existenz Gottes ist vom jeweiligen Menschen abhängig. Aber damit verlassen wir die Gedichte.)

In den kommunistischen Jahren, nachdem er Gott erschießen ließ, ist von Gott in den Gedichten so gut wie nicht mehr die Rede. Und die kommunistischen Jahre gingen, soweit aus den Gedichten erkennbar, bis zum Schluss seines Lebens. Thema der Gedichte ist im Wesentlichen der „Anstreicher“, Hitler, wie Brecht ihn nennt. Darum dreht sich alles: Krieg, Propaganda, das Theater und kommunistische Themen. Natur blitzt hier und da mal auf, ganz im Sinn der Zeilen aus „An die Nachgeborenen“: „Was sind das für Zeiten, wo / Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist / Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“  Er greift das auch auf in „Schlechte Zeit für Lyrik“: „In mir streiten sich / Die Begeisterung über den blühenden Apfelbaum / Und das Entsetzen über die Reden des Anstreichers. / Aber nur das zweite / Drängt mich zum Schreibtisch.“ Im Wesentlichen sind die Gedichte in den Kriegs- und Exilsjahren eine Art politisches Tagebuch – auch Anmerkungen angesichts von Zeitungsartikeln. Äußerst interessant.

Entsetzt ist er 1943, als Alfred Döblin (*), ebenfalls politisch links stehend, nicht marxistisch aber bürgerlich, darum angefeindet, auf seiner 65. Geburtstagsfeier den anwesenden Gästen bekennt, dass er sich (1941) dem Christentum zugewandt hat, katholisch taufen ließ: „Da betrat der gefeierte Gott die Plattform, die den Künstlern gehört / Und erklärt mit lauter Stimme / … Daß er soeben eine Erleuchtung erlitten habe und nunmehr / Religiös geworden sei und mit unziemlicher Hast / Setzte er sich herausfordernd einen mottenzerfressenen Pfaffenhut auf, / Ging unzüchtig auf die Knie nieder und stimmte / Schamlos ein freches Kirchenlied an, so die irreligiösen Gefühle / Seiner Zuhörer verletzend, unter denen Jugendliche waren.“ Ein Muster an abwertender Rhetorik ist dieses Gedicht „Peinlicher Vorfall“. Denn Döblin wird kaum gesagt haben, dass er eben eine Erleuchtung erlitten habe. Denn er hatte 1940 in einer Kathedrale bei der Betrachtung eines Kreuzes eine ihm wichtige Erfahrung gemacht: Gott selber leidet in Jesus Christus mit dem Menschen. Aber schon vorher beschäftigte er sich mit Gott. Leider kann Döblin hier nicht vertieft werden, darum verweise ich auf: https://literaturkritik.de/id/10800

In „Der Belehrmich“ heißt es, dass Brecht als junger Mann einen alten Mann finden wollte, der sich belehren ließ, er hoffe, ein junger Mensch fände ihn – er ließe sich belehren. Wahrscheinlich nur, wenn der junge Mann das lehrt, was Brecht gerne gehört hätte. In der Ablehnung der Konversion Döblins treffen sich der linksflüchtling Brecht und der konservative in der inneren Emigration gebliebene elitär denkende Gottfried Benn. Darf man Brecht so sehr mit dem so genannten lyrischen Ich verbinden, wie ich es mache? Ich denke: Ja. Er baut sich in der Tradition Nietzsches, Rilkes usw. auf – und zwar als der große Kämpfer für leidende Arbeiter – und als der „arme B.B.“. Interessant ist, dass er „Vom armen B.B.“ nicht einen Vater nennt, sondern nur seine Mutter – messianisch irgendwie. Obgleich sein Vater seine dichterische Begabung unterstützt hat, spielt er in den Gedichten, soweit ich wahrgenommen habe, keine Rolle. (Aber er übernahm den Namen des Vaters [statt seinen Rufnahmen Eugen zu wählen], veränderte freilich den „holden“ Bert in: Bert Brecht. Klingt härter.) Zum Vater: Ganz spannungslos war das Verhältnis wohl nicht, denn der Vater wollte Erfolg sehen.

Als Nachgeborener fällt auf, dass Brecht den einen Massenmörder, Hitler, bekämpft, aber den anderen Massenmörder hofiert – Konkurrenz-Ideologie mag nicht die Konkurrenz-Ideologie. Nichts desto trotz hat er Gedichte, die den Finger auf die Wunde legen: Unrecht, Ungleichheit, Ungerechtigkeit, Armut, Erniedrigung. Er betont in vielen Gedichten sehr tief das Leiden der Menschen – allerdings aus wirtschaftlicher Perspektive. Christliche Gedichte greifen, wie an vielen Beispielen gesehen, das seelische Leiden der Menschen auf – und missachten vielfach das körperliche Leiden. Für Brecht war, so lassen seine Gedichte erkennen, der christliche Glaube einfach nur Negativfolie und deren Realisation als Kirche das zu Verspottende. Bibel und Glauben waren Ideengeber, denn viele Aspekte der Bibel begegnen in seinen Gedichten: Worte Jesu, der Hahn im Kontext des Verrates, Jakobs Söhne usw. Den christlichen Glauben als Versuch, die Welt menschlich zu verändern, auch wie Brecht es vielleicht vorschwebte, das hat er nicht wahrgenommen – allerdings war das wohl das Anliegen des von Brecht im Gedicht massiv kritisierten Döblin, den christlichen Glauben mit dem Sozialen zu verbinden, wie vor ihm ja schon die christlichen Sozialisten handelten. Aber das war Brechts Ding nicht. Er sah im rigiden Sowjetkommunismus seinen Anker, wenngleich auch immer wieder mal kritisch. Zudem kam er nicht weg von dem „Entweder-Oder“- Denken. Einen Ansatz gab es in der oben genannten „Hymne an Gott“. Sie zeigt noch die Möglichkeit, dem Glauben gegenüber offener zu stehen: Glaube wie Nicht-Glaube sind von den jeweiligen Lebenserfahrungen her zu verstehen – das heißt, dass der Nicht-Glaube nicht objektiver ist als der Glaube. Er ist eine andere Form des Erlebens der Welt. Aber so etwas zu sehen ist Brecht – soweit er aus den Gedichten erkennbar wird – fremd. Er duldet wie viele andere niemanden über sich – auch nicht Gott – und geht im realen Leben – wie sein Baal – sich als Gott fühlend über sie hinweg. Es könne keinen Gott geben, weil er es nicht aushielte nicht Gott zu sein (Reinhold Jaretzky: Bertold Brecht, rowohlt e-book, 2006; die Grundlage der Darlegung der Gedichte: Bertolt Brecht: Die Gedichte in einem Band, Suhrkamp Verlag Frankfurt/Main 1981).

(*) Siehe dazu Alfred Döblin: Der unsterbliche Mensch. Ein Religionsgespräch [1942/1943]. Der Kampf mit dem Engel. Religionsgespräch (Ein Gang durch die Bibel [1950-1952], S. Fischer Verlag Frankfurt 2016 (Alfred Döblin, Gesammelte Werke Bd. 17). Er hat seinen christlichen Glauben nicht in Gedichten verarbeitet, sondern in Erzählungen (Der Oberst und der Dichter; Die Pilgerin Aetheria) bzw. Romanen (Hamlet oder die lange Nacht nimmt ein Ende).