19. Jh. (3)

Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898)

Der Autor war ein bedeutsamer Schriftsteller der Schweiz. Psychische Schwierigkeiten prägten sein Leben. Aus der religiösen Perspektive ist interessant zu sehen, dass er wie Fontane hin und her gerissen ist. In seinem Werk, mit dem er Erfolg hatte. „Huttens letzte Tage“ schreibt er über das Kreuz : „Fernab die Welt. Im Reiche meines Blicks / An nackter Wand allein das Kruzifix. / An hellen Tagen liebt in Hof und Saal / Ich nicht das Bild des Schmerzes und der Qual; / Doch Qual und Schmerz ist auch ein irdisch Teil, / Das wußte Christ und schuf am Kreuz das Heil. / Je länger ich’s betrachte, wird die Last / Mir abgenommen um die Hälfte fast, / Denn statt des einen leiden unser zwei: / Mein dorngekrönter Bruder steht mir bei.“ Die Ambivalenz dominiert, so auch in ein christliches Sprüchlein: „Dann ist es nicht ein hergebracht Gebet, / Es ist der Geist, der in uns seufzt und fleht, / Und wärst du, Gott und Herr, nicht ewiglich, / Ein solches Stoßgebet erschüfe dich.“

Der Text der Berg der Seligkeit beschreibt, dass Christi Reich nicht Gewalt bedeutet. Mächtig allerdings erschallt es im Friede auf Erden. Spannend löst er das auf in Homo sum: „Das plumpe Recht der Faust ist mir verhaßt / Und selber hab ich wohl am Weg gepaßt. / Ich bete christlich, daß es Friede sei, / Und mich ergötzen Krieg und Kriegsgeschrei. // Der Heiland weidet alle Völker gleich – / Nur meinen Deutschen gönn ich Ruhm und Reich! / Das heißt: ich bin kein ausgeklügelt Buch, / Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch.“

Rudolf Kögel (1829-1896)

War als Oberhofprediger einflussreich kirchenpolitisch aktiv.

In dem Lied „Zions Stille soll sich breiten um meine Sorgen, meine Pein“ beinhaltet die bekannte Strophe: „Was gewesen, werde stille; stille, was dereinst wird sein. All mein Wunsch und all mein Wille gehen in Gottes Willen ein.“ (Evangelisches Gesangbuch o.J. 128)

Guido Gezelle (1830-1899)

Mit Guido Gezelle mache ich im Augenblick eine kleine Ausnahme. Er ist ein flämischer Dichter, war Priester und Lehrer.

In seinen Gedichten, die sehr stark die Natur zeichnen und interpretieren, verbindet er Natur mit Gott und Glauben. So berührt ihn in „Das Rauschen des ranken Rieds“ sehr das rauschende Ried, wie Gott von dem durch Wind bewegten traurigen Ried-Lied bewegt wird. Warum kann der Mensch das überhaupt emotional wahrnehmen? Weil Gott dem Herzen das Gefühl gab, das Lied des rauschenden Rieds wahrnehmen zu können. Der Mensch, der selbst schwankendes klagendes Ried ist. Mit diesem Lied greift er ein Wort Jesu auf. In dem Gedicht „O wilde unverfälschte Pracht“ beschreibt er wunderschöne wilde Blumen, sie belehren ihn über Gott, sie belehren ihn, dass er hinter dem Sichtbaren den „Urbeginn“ sehen kann und eben, dass Gott der Schöpfer ist. Nicht allein Natur lässt ihn nachdenken, auch die Empfindung, dass etwas „vorbei geht“. In „Vorbei“ heißt es: alles auf Erden geht vorbei. Nicht vorbei geht Gott, er war und ist und wird sein. Wer Weizen sieht, denkt an die edle Nahrung, wer Wein sieht, denkt an den edlen Trank, der Christ sieht in Brot und Wein Jesus selbst. („Wer kann je Weizen sehn“) Nicht nur der religiöse Mensch sieht in der Natur mehr, als sie ist. Der Christ sieht immer noch eine Ebene weiter.

Hieran wird deutlich: Der christliche Glaube lässt Natur neu sehen und fühlen. Nicht das Gefühl der Natur bestimmt den Glauben.

Eleonore Fürstin Reuß / Eleonore zu Stolberg-Wernigerode (1835-1903)

Als 20 jährige heiratete sie einen Mann, der 37 Jahre älter war. Sie war sozial sehr engagiert, indem sie Suppenküchen förderte, die Schulausbildung von Kindern. Ihr Bruder war Vizekanzler unter Bismarck.

Im EG finden wir von ihr das nachdenkliche Lied: „Das Jahr geht still zu Ende“ (63), das sie geschrieben hat, als eine Freundin kurz zuvor gestorben war. In diesem verarbeitet sie Gott vertrauend die Trauer und Traurigkeit. In dem Lied „Advent“ beschreibt sie in 9 Strophen umfassend das Kommen Jesu, so heißt es auch: „Er kommt zu uns in armen Zeichen, / So hält Er seligen Advent; / Geheimniß! Wunder ohne Gleichen! / Er kommt im heil’gen Sacrament; / Er kommt und uns’re Herzen beben, / Er kehrt bei uns, den Armen, ein, / Wir haben Theil an seinem Leben, / Er ist nun unser und wir sein.“ (https://nddg.de/gedicht/11049-Advent-Reuss.html In dem Gedicht zu „Ostern“ versetzt sie sich in die Personen hinein, die in den Evangelien geschildert werden (ibid) – und freut sich auf die kommende Auferstehung: „Heimgehen, selig werden“. Dieses Thema dominiert in den mir bekannten Texten, so auch „Ich bin durch die Welt gegangen“. http://www.evkirchegedern.de/content/kirche/dichterunddenkereleonorereuss.php Leider sind mir keine weiteren Texte ihrer 3 Bände bekannt geworden.

Ada Christen (1839-1901)

Wohlhabend geboren, sozialer Abstieg: Verkaufte Blumen, Schauspielerin, heiratete wieder, war wohlhabend, jedoch nur kurze Zeit, weil der Mann starb, arbeitete in Nachtlokalen. Sie kam wieder durch Heirat zum Wohlstand, führte einen literarischen Salon, dann erneuter Abstieg. Ihre Gedichte spiegeln zum Teil das bittere Leben wider, die Erfahrungen der Heuchelei von Frommen bzw. Nichtfrommen beschreibt sie, sie beschreibt auch, dass sie im Einerlei des Lebens erstickt. So schreibt sie, dass sie sich umbringen wollte, es nicht geklappt hat, nun wolle sie leben, damit sie stürbe („Letzter Versuch“).

Im „Gebet“ wendet sie sich an Gott, der lebens- und sündenmüde Menschen erhört und erlöst (http://www.wortblume.de/dichterinnen/ada21.htm) Aber sie sieht sich nicht als Glaubende an, sie erkennt in dem Gekreuzigten, „zerfall´ne Gottheit“, dass er ihr „schmerzvoll, menschlich-nah“ steht. Und sie erkennt: „so elend wie ich bin, / Bist Du – durch Menschenlieb‘ und Lüge!“ (https://gedichte.xbib.de/Christen_gedicht_Entweiht.htm) „Mir ist, als wär der Himmel leer / Die Erde nur ein weites Grab“. Sie fühlt sich selbst als Grab ihres Ich („Todt“), zum Himmel schreit die Seele, Hilfe suchend („Erkenntniß“). In „Muth“ rettet sie sich zu dem Wort Jesu hin: „wer viel geliebt (gelitten), / Dem wird viel vergeben werden.“ (http://www.zeno.org/Literatur/M/Christen,+Ada)

Stéphane Mallarmé (1842-1898)

Er war Schriftsteller und Englischlehrer, Redakteur und hat später in Paris einen Dichtertreff veranstaltet, an dem bekannte Persönlichkeiten seiner Zeit teilnahmen. Als Schriftsteller prägte er gemeinsam mit anderen französischen Dichtern die Dichtung des 20. Jahrhunderts. War selbst von Baudelaire beeinflusst, hat Poe übersetzt

Der Himmel – Gott ist tot – es lebe das schöne Gedicht. Gott ist tot – es lebe der blaue Himmel, das Azur – oder ist Azur Metapher für Gott, den man nicht ergreifen kann? „Der Himmel ist tot. – Zu dir eil ich! Gib, o Materie, / Das Vergessen des grausamen Ideals und der Sünde / Diesem Märtyrer, der das Lager teilen will, / Auf dem das glückliche Menschenvieh liegt, / Denn dort will ich, da endlich mein leer gewordenes Hirn, / Wie der Schminktopf, der am Fuß einer Mauer ruht, / Der Kunst entbehrt, die schluchzende Idee herauszuputzen, / Voll Grauen einem dunklen Tod entgegengähnen…“. Aber er entkommt dem Azur nicht. Das Azur wird triumphieren. Und so endet das Gedicht: „Ich bin verfolgt. Azur! Azur! Azur! Azur!“

Mallarmé erkennt auch das Nichts der Worte – und hinter dem Nichts der Worte das Wesen der Worte, die Schönheit der Worte. Azur – ist eigentlich nichts. Luft. Nicht einmal blau. Es ist gleichzeitig alles. Und dieses Alles lässt ihn nicht los – auch wenn er sich lösen möchte: „… Nur dass ein dünkelhafter Schatz von Kopf / Sein liebkostes Lässigsein ohne Fackel verströmt, // Der deine, Lust und Wonne immerfort! Der deine, / Ja der allein vom dahingeschwundenen Himmel noch bewahrt / Ein wenig kindischen Triumph, dich dadurch schmückend // Hell und klar, wenn du ihn auf die Kissen legst…“ („Siegreich entflohn“). Das Wesen der Worte, das, was hinter den Worten liegt: „Der Meister hat mit tiefem Blick, auf seinen Schritten / Das ruhelose Wunder des Gartens Edens besänftigt, / Dessen letzter Schauer, in seiner Stimme allein, / Für Rose und Lilie eines Namens Geheimnis erweckt.“ Das Wort „Rose“, das Wort „Lilie“ – es sind nur Worte. Hinter den Worten stehen Wesen – steht Vollkommenheit, steht Geheimnis. Geheimnis der Schöpfung, des Schöpfers. Aber Mallarmé möchte Gott entkommen: „schließe die Läden: der Azur, / Der seraphische, lächelt in den tiefen Fenstern, / Und ich, ich hasse den schönen Azur!“ („Hérodiade“) Aber dieser Hass war nicht immer. In „Die Fenster“ beschreibt er einen Sterbenden, der seine Fäulnis am Fenster nicht wärmen möchte, aber sich an die Fenster presst: „Und die Knochen des hagern Gesichts an die Scheiben, / Die ein heller schöner Strahl vergolden will, // Und der fiebrige Mund, nach Azurblau begierig, / So hatte er, noch jung, seinen Schatz eingeatmet, / Ein Haut, jungfräulich von einst! Beschmutzt nun / Mit langem bitteren Kuss die lauen Fenster aus Gold.“

In einem Brief von 1867 (http://www.lyriktheorie.uni-wuppertal.de/texte/1867_mallarme.html ) schreibt er von „meinem entsetzlichen Kampf mit diesem alten, bösen, glücklicherweise zerstörten Gefieder, Gott. Aber da sich dieser Kampf auf seinen knöchernen Schwingen abspielte, die mich durch eine Agonie, eine kraftvollere, als ich es von ihm erwartet hatte, in das Reich der Finsternis entführt hatten, fiel ich siegreich, überwältigt und immer weiter – bis ich mich schließlich eines Tages vor meinem Spiegel aus Venedig wiedersah, so wie ich mich mehrere Monate davor vergessen hatte.“ Diese Zeit vor dem Kampf war die Zeit des Nichts. Er ist nicht mehr er selbst. Er kann nun das geistige Universum wahrnehmen – dieses geistige Universum findet „in diesem Ich seine Identität wieder“. Und diese überdimensionierte Selbstfindung soll dazu führen, Gedichte in vollkommener Reinheit zu schreiben, einen absoluten Text. Aber er ist sich auch bewusst, dass er „nur das Spielzeug einer Illusion“ sein kann. Der Dichter ist so groß, dass er sich das zumutet – aber er weiß, dass er sich überschätzen kann. Einerseits hat er Teil, wie oben gesehen, an dem Wissen des Schöpfers, das Geheimnis hinter den Dingen, andererseits löst er sich vom Schöpfer, will die Schönheit hinter dem Nichts beschreiben, und erkennt sein Unvermögen, vielleicht auch Dichten als Lüge, Suggestion, Einbildung. Eben: Azur – wird personalisiert, ist aber keine Person, ist im Grunde Illusion, nichts. Aber: Auch von dieser Suggestion will er sich lösen.

Wie in dem Zitat „Gott“ zu verstehen ist? Mir erschließt sich das nicht, denn es wird ja eher ein diabolischer „Gott“ beschrieben. Erinnert mich eher an Lucifer, den gefallen Engel mit seinem „Gefieder“, von dem er sich als „Gott“ gelöst hat. Aber das mögen Mallarmé-Kenner eruieren.

Textgrundlage und ein Teil der Interpretationen basieren auf: Stéphane Mallarmé: Poésies/Gedichte. Französisch/Deutsch, Übertragen von Hans Staub und Anne Roehling, mit einem Nachwort von Yves Bonnefoy, Reclam 2010.

Paul Verlaine (1844-1896)

Verlaine war ein guter Schüler – bis das Dichten und die Dichterkreise ihn stärker beschäftigte. Er studierte Jura, die Literaturkreise interessierten ihn jedoch mehr. Schon früh begann er zu trinken, wurde Alkoholiker, sein Vater brachte ihn bei einer Versicherung unter. Nachdem dieser gestorben war, verfiel Verlaine zusehends. Er verübte zwei Mordversuche an seiner Mutter, die ihn aber immer wieder bis zuletzt unterstütze. Er heiratete 1870 eine viel jüngere Jugendliche, misshandelte seine Frau massiv, mit der er einen Sohn hatte. Er schloss sich der revolutionären Pariser Kommune an, verlor deswegen seinen Job, hatte aber finanzielle Unterstützung durch seine Mutter. Nachdem er auch an seinem seit 1871 Geliebten, Rimbaud, einen Mordversuch begangen hatte, kam er ins Gefängnis (1873-1875), wurde Christ. Er versuchte sich mit seiner Frau zu versöhnen, was misslang, versuchte ein Leben im Kloster, versuchte sich mit Rimbaud zu versöhnen – aber beide verprügelten sich alkoholisiert, was Verlaine erschütterte: wie schnell hat der Satan wieder von ihm Besitz ergreifen können! Er hat nach seiner Entlassung wieder die christlich-intensive Spur verloren, aber Sehnsucht danach. Hatte dann wohl 1877 eine sexuelle Beziehung mit einem seiner Schüler (wurde deswegen als Lehrer entlassen), bekam Syphilis, wurde obdachlos, nach einem erneuten Tötungsversuch an seine Mutter kam er wieder ins Gefängnis. Versuchte danach wieder auf die Beine zu kommen. Dann wurde er am Ende seines Lebens vielfach geehrt.

Seine Gedichte, die mir vorliegen (Paul Verlaine: Gesammelte Gedichte. Eine Auswahl der Besten Übertragungen, Der Werke erster Band, Insel-Verlag, Leipzig 1922), sind sehr sensibel. Feinfühlig schildert er Natur – schildert den Menschen, sich selbst in der Natur. So in seinem berühmten Herbstgedicht. Es sind Gedichte, in denen der Traum häufig vorkommt, die Erinnerung, das Vergehen, die Sterblichkeit des Menschen. Gott ist ihm fremd: „Wer glaubt an Gott noch? Nichts kann mich vertiefen. / Hier ist nicht Heim. Und von der Liebe, dieser Ironie / soll man mir schweigen wie von Weibern, die entschliefen.“ („Furcht“; Ü.: Zech) Gott und Liebe – sind verloren. Dennoch ist Religion befreiend, vergebend, wenn auch ambivalent, weil sie Gewalttaten vergeben kann („Der Tod Philipp des Zweiten“; Ü.: von Gumppenberg). Er beschreibt in dem Gedicht „Der Schlaf der Geliebten“, wie er ihrem schönen Schlaf zusieht. Die letzte Zeile spricht jedoch von seiner Angst: „Wach auf! Schnell! Sag: ob auch die Seele sterben kann!“

Wie oben beschrieben, kam Verlaine nach einem ziemlich chaotischen Leben ins Gefängnis. Im Gefängnis wurde er Christ, was er wohl in „Mirakel“ beschreibt. Dieses neue Leben empfindet er so: „und voll Dank / sang all mein christlich Blut den reinen Sang“ („Dich sah ich wieder“; Ü.: Schaeffer). Die Gedichte aus dieser Zeit sind ein steter Kampf mit seiner Vergangenheit – Beichten – vergessen wollen – und mit sich selbst, gegen die alten zerstörenden Stimmen. Diesen ruft er zu: Sterbt! „Sterbt im Hall der Stimme, die das Gebet empor / zum Himmel trägt“ („Die Stimmen“; Ü.: von Scholz). Mit zarten Worten besingt er die Stimme der Wahrheit: „und sie rühmt den Ruhm der klaren / Einfalt, die sich Gott verband, / rühmt den Frieden, jenen wahren, / der aus keinem Krieg entstand.“ („Das linde Lied“; Ü.: Zweig) Und hofft auf Vergebung: „Doch hoffe ich fest auf den Tag der Verzeihung dem Frommen: / uns Christen versprochen! Ein ewig geruhter Verbleib.“ („Was sagst du…“; Ü.: Däubler). Ein neues Leben beginnt: „es lebt etwas in uns, das ahnt das ungeheure Licht / des Friedens, die seelenfrische köstlich weißer Reinheit. // Und seht! Unser Herz, das unterm Stolze fast verblutet,  / entbrennt aufs neu in Liebe, und es klopft und glutet / dem Leben hin, zu sterben über aller Gemeinheit.“ („O ihr, wie einer…“; Ü.: Kiesgen) In „Stimme des Engels spricht er die Heiligen an: „Und Sündige sonder Zahl / In Reu sich mühend, / Glühend in Sehnsuchtsqual, / Und rein sich glühend: / Wohl mir, ich darf euch schaun, / Darf eurem Vorbild traun!“  Er befürchtet jedoch einen Rückfall: „Ein rasender Anfall, der letzte auf Erden! / O du, geh beten gegen den Sturm, geh beten!“ („Es glänzten“; Ü.: Wolfenstein)

Er kam ab vom Weg. Und so schreibt er in dem Gedicht an Baudelaire (1892: „Geheime Gebete“), der ihn schon seit der Jugendzeit beeinflusste: „Du stürztest, betetest wie ich, wie die Beseelten, / die hungernd, dürstend. Lüsternd ihren Weg verfehlten, / bis sie der Hoffnung Schönheiten zum Kreuzweg stießen. // Zum wahren Kreuzweg, den sie zweifelnd nie verließen: Im Hin und Her!“ (Ü.: Däubler)

Spannend sind die Gedichte nach seiner religiösen Phase. Ein Mensch tritt an die Stelle Gottes. Dieser Mensch wird aber in allen Gedichten in irgendeiner Form mit Gott verbunden: „unsre Liebe fließt aus seiner Kraft“ („Ich fluchte Gott“; Ü.: Wolf). Aber dennoch trauert er: „O reiche Zeit, da ich noch gläubig war!“ („Einst war ich gläubig“; Ü.: Zweig) – und er kämpft um seinen Glauben (z.B. in: „Er spricht noch“): „Christus, mein Bruder, die Pforte ist zu. / Die Finger klopfen sich krumm, / Verzweiflung jagt mich im Kreise herum, / und ich weiß: nur der Tod schafft Ruh!“ (Ü.: Zech)

In „Geheime Gebete“ (1892) wird die Liturgie der Gottesdienste aufgenommen und mit ein paar Schwerpunkten dargelegt: Weihnachten, Heilige drei Könige, Gloria in excelsis, es folgt ein Glaubensbekenntnis, die Himmelfahrt, Pfingsten, der Juni mit seinem Fronleichnamsfest, es folgen das Sanctus, Agnus Dei, unter anderem die Ergebung. Er beendet die liturgische Zusammenstellung in dem mir vorliegenden Werk mit dem „Finale“, in dem er begründet, warum er diese Gedichte geschrieben hat: Er schrieb die Lieder als Sünder zu Gottes Ruhm und Ehre, wegen der Vergebung, der Liebe – und das Gedicht mündet ein in das Gebet: „Und nimmst du gnädig auf mein Elend und meine Schmerzen, / hier sind sie Herr…“ (Ü.: Kiesgen). Und darum geht es in all diesen Gedichten: Um die Gnade, das Erbarmen Gottes mit dem Sünder – und dass der Mensch eigentlich nichts Gott geben kann. Er tut Buße, er bekommt Gottes Ehre. In seinem wunderschönen Gedicht „Ostern“ (aus dem Nachlass) bedauert er, dass der Mensch noch immer nicht den Weg nach Galiläa fand, um dem Auferstandenen zu begegnen, trotz der Glocken klingenden und Gold strömenden Osterfeier.

Das „Agnus Dei“ – in Aufnahme und Reflexion des liturgischen Liedes: Jesus, das Lamm Gottes. Zielgerichtet rennt das Lamm los in Leiden und Tod, Maria leidet. Durch Leiden und Tod stößt es auf das Tor zur Befreiung, Weihung, Erbarmung, Frieden. Es ist gerecht im Gericht – „erbarm dich dessen, was wir sind!“. Als Gerechtes stößt es auf das Tor zur Befreiung, Weihung, Erbarmung, Frieden. Aber vielleicht darf man es gar nicht so genau interpretieren wollen. Verlaine beeinflusste mit seinen „musikalischen“ Texten viele Dichter. Zur „Dichtkunst“ schreibt er: „Du sollst es nicht nach Regeln zwingen, / laß dein Gedicht im Winde wehn, / laß es gelöst zu Hauch zergehn: / Musik, Musik vor allen Dingen!“ (Ü.: Schaukal) „Agnus Dei“ wurde von Stockhausen vertont.

Was die Gedichte Verlaines so besonders macht: Er ringt im Glauben. Er erkennt die Schönheit des Glaubens – und zeichnet die Tradition neu, indem er sich hineinzeichnet. Und es ist auch hier wieder zu erkennen: die Nähe von Gedichten und Gebete.

Zu biographischen Angaben s. unter anderem: Enid Starkie; Das Leben des Arthur Rimbaud. Neu hg. v. von Susanne Wäckerle, Matthes&Seitz, München 1990.

August Hermann Franke (1853-1891)

Deutsche Psalmen. Aus diesem Liederbuch waren mir nur wenige Gedichte zugänglich. Bekannt wurde: Nun aufwärts froh den Blick gewandt (EG 394).

Arthur Rimbaud (1854-1891) (In Bearbeitung)

Der Vater verließ die Familie, ließ die Mutter mit vier Kindern allein. Sie versuchte ihn religiös zu erziehen, aber er mochte es – zumindest in Erinnerung (s.u.) – nicht. Denn zwischen Kindheit und dem Gedicht wurde er von kirchenkritischen und antibürgerlichen Menschen, unter anderem Baudelaire beeinflusst. Er riss als 16jähriger von zu Hause aus, ging nach Paris, wurde festgenommen, zurück gebracht, aber wenig später lief er wieder davon… Mit Verlaine hatte er wohl ab 1871 sexuelle Kontakte – und verletzte Verlaine mit dem Messer an der Hand, gewisser Weise, weil er Spaß daran hatte? 1873 unterzog er sein Leben einer kritischen Prüfung – auch seinen Drogenkonsum. Eines seiner letzten Gedichte war „Adieu“ 1873 – nach 1874 textete er wohl nicht mehr. Er reiste viel herum, war unter anderem Söldner, wurde Händler – auch Waffen- und wohl Sklavenhändler – in Ostafrika, war dort gleichermaßen von Afrikanern wohl hoch angesehen, lebte mit Afrikanerinnen zusammen, fuhr wegen gesundheitlicher Probleme nach Hause. Verlaine kümmerte sich um Veröffentlichung weiterer Texte. (Zu Rimbaud und Verlaine s. bei Verlaine.) Er, der unstetig Herumgetriebene, ihm wurde ein Bein amputiert und war insgesamt gelähmt. Er, der aufbrach, um das Leben auszukosten, um über allen zu stehen, fiel in Verzweiflung. Er, der viel Geld haben wollte, um sorgenfrei leben zu können, war abhängig von seiner Schwester. Der, der „die Verwirrung meines Geistes als etwas Heiliges zu empfinden“ begann, bemerkte schon in den letzten Worten als Dichter: „Es ging nicht ohne allerlei poetischen Trödelkram ab bei meiner Schwarzkunst des Wortes.“ Er wurde von seiner Schwester gepflegt. Er, der mit Gott gerungen hatte und sich gegen Gott entschied, weil er selbst groß sein wollte, lebte seine letzten Krankheitstage aus der Ruhe Gottes. Auch wenn das die Interpretation der frühen Gedichte nicht bestimmen kann, so ist das für die Biographie von Rimbaud doch wichtig.

(Die Textgrundlage für die folgende Darstellung: Arthur Rimbaud: Sämtliche Dichtungen. Zweisprachige Ausgabe, Hg. v. und übertragen von Walther Küchler, Fischer Taschenbuch, Frankfurt 2010. Zu biographischen Angaben s. unter anderem: Enid Starkie; Das Leben des Arthur Rimbaud. Neu hg. v. von Susanne Wäckerle, Matthes&Seitz, München 1990. )

In „Sonne und Fleisch“ formulierte er einen „Hymnus“ auf die antik-heidnische Zeit: Er trauerte der sexuell freizügigen antiken Götter- und Göttinnenzeit nach – so wie er sie sich ausmalte. Der Mensch wurde dann von dem anderen Gott an das Kreuz zu sich geheftet, die natürliche burschikose Zeit ging verloren und der neue christliche Glaube entfremdete den Menschen von seinem nackten Glück. Gott wird in „Das Böse“ als der dargestellt, der sich über Reichtum freut, dann angesichts des Hosianna-Liedes einschläft und erst wieder aufwacht, wenn alte erschreckte Frauen eine Münze in den Kasten werfen. Auch in seinem Gedicht: „Der siebenjährige Dichter“ ist er nicht gut auf Gott zu sprechen. Die Wintersonntagnachmitage waren ihn eine besondere Plage, weil er in einer „grüngebundenen Bibel“ lesen musste. „Denn Gott, den liebte er nicht. / Dafür die Arbeiter, wenn sie mit schwarzem Gesicht“ nach der Arbeit diskutieren. In der Erinnerung aber dominiert schon die Gewalt, „alles Dunkle zieht ihn an“. In seinem Gebet „Die Raben“ bittet er Gott, die Totenvögel zu senden, die sich an den Toten laben sollen, statt an der Brut der Amseln. In diesem Zusammenhang ist an den deutsch-französischen Krieg 1870 zu denken.

Menschenverachtung wie Gottesverachtung hängen auch hier eng zusammen. Ohne Gnade werden Menschen in ihrem Alltag geschildert – auch in ihrem Glaubensalltag („Die Armen in der Kirche“, „Die erste Kommunion“) auch wenn Menschen ihm nicht gaben, was er wollte, ging er verbal nicht freundlich mit ihnen um („Die barmherzigen Schwestern“). Das Gedicht: „Das gestohlene Herz“ endet: „Was tun, o Herz, das man mir stahl?“ Im „Lied vom höchsten Turme“ wird manches deutlich – vor allem der „ungute Durst“ wird auch in anderen Gedichten erwähnt. Der Alkohol prägte Teile seines Lebens. Um es und sich ertragen zu können?

Die Gedichte wurden von einem sehr von sich eingenommenen Jugendlichen geschrieben. Sie zeigen eine erstaunlich stark reflektierte Lebenswelt und sprachliche Umsetzung des Erfahrenen. Endlos lange Texte zum Teil. Ihm dienen sie wohl dazu, sich in seiner Lebenswelt zurechtzufinden, emotional, aber immer wieder durch die Ratio des Widerspruchs unterbrochen. Und so kann er auch Gott nicht positiv erwähnen („Michel und Christine“, „Schande“).

In den Prosagedichten und anderen Texten wird auch einiges von dem Gesagten vertieft (z.B. „Eine Zeit in der Hölle“). In „Böses Blut“, in dem die Geschichte Frankreichs/Europas dargestellt wird, schreibt er. „Das heidnische Blut kehrt wieder! Der Geist ist nah; warum hilft Christus mir nicht und gibt meiner Seele Adel und Freiheit? Ach, die Zeit des Evangeliums ist vorbei! Das Evangelium! Das Evangelium! Ich warte auf Gott mit leckerhafter Begierde (Fressbegierde). Ich bin von minderwertiger Rasse, von aller Ewigkeit her.“ Die Zeit des Evangeliums ist in Frankreich seit der grausamen Revolution im Kontext der Aufklärung vorbei. Zumindest glaubten einige das, unter ihnen eben auch Rimbaud. Weil die Zeit in Rimbaud vorbei war? Der Text endet mit Blick auf Gott: göttliche Liebe – ich will lieben; „Gott ist meine Stärke und ich lobe Gott.“, „Dem Überdruß gehört meine Liebe nicht länger. Die Raserei, die Ausschweifungen, der Wahnsinn – ich weiß, wie hoch sie uns heben und wie tief sie uns stürzen können, – meine ganze Last habe ich abgelegt.“ Aber er erkennt sich in seinem Versagen: „Ich bin zu liderlich, zu schwach.“ Und so hin und her: „Wenn Gott mir nur die himmlische, ätherische Ruhe verliehe, das Gebet, – wie die alten Heiligen. – Die Heiligen, das waren Starke! Die Eremiten, das waren Künstler“ – und es folgt sofort die Negation: „wie wir keine mehr brauchen können!“ Oder: „O Reinheit! Reinheit! / Diese Minute des Erwachens gab mir die Vision der Reinheit! – Durch den Geist geht man zu Gott!“ Und es folgt: „Herzzerreißendes Unglück!“ In dem Text: „Am Morgen“, schreibt er, dass er in seiner Hölle war: „Es war wirklich die Hölle; die alte Hölle, deren Pforten der Menschen Sohn geöffnet hat.“ – Hat der Menschensohn, Christus, die Pforte der Hölle geöffnet, damit er eingehen konnte oder damit er herauskommen konnte?(*)

Rimbaud hat, wie oben schon geschrieben, am Ende seines kurzen Wirkens Jugendgedichte verbrannt, bezeichnete sie als „Spülwasser“ bzw. lehnte sie drastischer ab. Wir Nachgeborenen können auch Verlaine dankbar sein, dass er sich für Rimbaud einsetzte, da wir so in das menschliche Ringen um Hölle und Gott Einblick bekommen können. Verlaine betete übrigens für Rimbaud: „Gott der Demütigen, rette dieses Kind des Zorns.“ (Starkie) Am Ende seines Lebens fand er Gottes Frieden. Leider haben wir aus dieser Zeit keine Gedichte. Wie auch seit der Jugendzeit bis zu seinem Sterben.

Eine Anmerkung: Man vergleiche das Gedicht von Rimbaud: Das trunkene Schiff / Le Bateau ivre mit dem Gedicht von Lamartine: Die Einsamkeit / La Solitude. Das hier zu leisten, würde diese Darlegung sprengen.

(*) Spannend ist, dass Claudel die Gedichte von Rimbaud verschlungen hat – in seiner vorchristlichen Zeit. Diese Texte haben ihn aus dem Materialismus der Zeit herausgehoben und seine Bekehrung mit vorbereitet, wie er selbst sieht. (Louis Chaigne: Paul Claudel. Leben und Werk, F.H. Kehrle Verlag Heidelberg 1963,47)

Jules Laforgue (1860-1887)

Er kannte kaum seine Mutter, die bei der Geburt des 12. Kindes starb. Er war Vorleser der Kaiserin Augusta, reiste mit dem Hof viel herum, beschäftigte sich intensiv mit englischsprachiger und französischer Dichtung. Seine eigenen Gedichte zeigen einen sehr pessimistischen Schriftsteller, der von Schopenhauer beeinflusst gewesen sein soll. Nachdem er die Engländerin Leah Lee kennengelernt hatte, verließ er 1886 den Hof, sie heirateten und lebten in großer Armut. Er starb mit ca. 27 Jahren an Tuberkulose, seine Frau daran ein Jahr später. Seine Gedichte haben angelsächsische Literatur geprägt.

*

Er hat eine intensive religiöse Sprache: Glocken kommen vor, Messen, Sonntage, die Anrede: Herr, Schutzengel, Amen, Prophezeiungen, Lied steigt in den Abendhimmel auf, auf die Knie fallen, Halleluja, Fürchte dich nicht, im Namen Gottes – und immer wieder mit dem Thema Frau verbunden. Liebesgedichte an die Frau, an Frauen, dem Rätsel Frau… Aber wie sind sie zu verstehen?

So heißt es zum Beispiel in: „Einfache Qual“ – ein Auszug aus einem langen Gedicht:
Oh, dass meine Musik
Gekreuzigt werde
Wie auf einem Foto
Zurücklehnen und Melancholie.

Oh! Que ma musique
Se crucifie,
Selon sa photographie
Accoudée et mélancolique!…

Die Musik des Hustens, des Stöhnens angesichts der Krankheit? Und auch immer wieder in den Gedichten der Husten und Blut. Krankheit führte seine Feder „Und Opium, das länger braucht, um zu träumen?“ Ist das die Antwort auf die Frage der mir unverständlichen Gedichte: Opium? Vor allem Nachts – der Mond, der Gefährte. Aber der Sprachrhythmus im Französischen – ein Versuch, die Musik der Krankheit durch eine schöne sprachliche Form zu disziplinieren?

Religiös – ohne Hoffnung, Klagen über Klagen: „Trinität des Molochs: das Wahre, das Schöne, das Gute.“ („Edles und rührendes Geschwafel unter dem Mond“)

Der Leib Jesu ist für ihn nicht alles, auch hat er nicht ein so großes Herz für seine Geliebte wie Jesus (der allerdings nicht genannt wird). Aber es ist sein paradiesischer Stolz, als ein normaler Mann mit der Frau zusammen zu sein („Sonntags“). Wie den Glauben kann er die Frau nicht greifen. Sie durchströmen seine Gedichte, sind der Puls seiner Gedichte, aber unverstanden und gebrochen. Er hüpft von Augenblick zu Augenblick der Empfindung. Laforgue hat im Gedicht „Die kleine Kapelle“ zumindest in der Nachdichtung von Innozenz Grafe (Die Lyra des Orpheus. Lyrik der Völker in deutscher Nachdichtung, hg. v. Felix Braun, Heyne, München 1952) beschrieben, dass Christen die Monstranz emporhalten, die Jesu Herz enthält, der aus Liebe starb für die Welt. Das ewige Licht strebt auch nach oben – es ist aber nicht Licht, das die Welt erhellt, es ist die Klage der Menschen, deren Herzen brechen, denen nichts die Qualen stillt. (Grundlage anderer Texte: Wikisource.)

Auch die unten genannte Therese von Lisieux starb an Tuberkulose. Wie unterschiedlich Menschen damit umgehen!

Lou Andreas-Salomé (1861-1937)

Sie war eine sehr eigenständige Frau, die auch recht souverän mit Geistesgrößen ihrer Zeit umging (z.B. Nietzsche und Rilke). In der Kindheit und Jugend hat sie sehr intensiv an Gott geglaubt. Den Glauben wie das Abrücken von ihrem Kinderglauben hat sie intensiv reflektiert. Sie selbst war nicht unbedingt an einer sexuellen Partnerschaft interessiert, was manche Männer, so Nietzsche, durcheinanderbrachte. Ebenso brachte das einen Pfarrer durcheinander, der das religiös-philosophische Interesse seiner Schülerin mit einem Wunsch nach Ehe verwechselte. Männer verhielten sich in ihrem Umfeld nicht gerade vorbildlich. Aber sie blieb sie selbst. Sie beschäftigte sich auch sehr intensiv mit der Psychoanalyse, angeregt durch Freud. Sie wird im Kontext meiner Darstellung bei Rilke noch einmal eine wesentliche Rolle spielen.

Soweit ich sehe, waren Gedichte nicht ihre bevorzugte Form, über sich, das Leben und Gott zu sprechen. In dem Gedicht „Durch Dich“ (reflektiert sie die Jugend/das Verhältnis zum Pfarrer?): Ihre Leidenschaft im Glauben wird geschildert, dass sie „Im Gott das Menschenbild erkannt“ – sie hat Gott geschaut – und begraben https://gedichte.xbib.de/Andreas-Salome%2C+Lou_gedicht_Durch+Dich.htm .

In ihrem Buch „Im Kampf um Gott“ (1885) sind zwei interessante Texte zu finden. In dem Gedicht „Es war ein Gott“ beschreibt sie, wie Götterbilder zerbrochen sind, aber die Begeisterung für den Glauben solle man sich erhalten. Sie interpretiert Glauben im Sinne Feuerbachs, dass der Mensch sich einen Gott erschaffen hat – in diesem Gott, so Lou Andreas-Salomé, wird das erschaffen, was dem Menschen besonders wichtig ist, und das sei anbetungswürdig. In dem Gedicht: „Lebensgebet“ werden Gott und Leben eins. Das Leben wird angesprochen, es wird als Person interpretiert, die ihr vieles gegeben hat, es kann umfasst werden bzw. schließt sie mit beiden Armen ein. Wie sie im „Lebensrückblick“ (1954 aus dem Nachlass) schreibt, ist Ehrfurcht ihr zentrales Thema, somit, um es mit Blick auf das oben genannte Gedicht zu formulieren: ihr Gott: „Daß etwas >ist<, trägt jedesmal die Wucht aller Existenz in sich, als sei es alles. Ist Inbrunst der Zugehörigkeit denkbar, ohne daß Ehrfurcht ihr innewohnt – und wär´s im uns unsichtbarsten, unerkanntesten Urboden unserer Regungen?“ In diesem Band finden wir auch ein Gedicht, das sie in ihrer Kindheit geschrieben haben mag, das ihr jedoch als Erwachsene fremd war: es handelt sich um ein Gebet an Gott, er möge ihr den Weg zeigen, ihn wieder zu finden: „Ich will nur eins: nur Raum – nur Raum, / Um unter Dir zu knieen.“ Darüber denkt sie dann im weiteren Kontext nach. Und diesen Raum, den sie sich erbat, also den Raum der Freiheit, den hat sie in ihrem Leben bekommen, allerdings das Knien vor Gott – soweit erkennbar – dann nicht mehr realisiert. Ebenso in „Todesbitte“ – hier verschwimmt nicht Gott mit dem Leben, sondern Gott mit einem menschlichen Du: Sie bittet, dass, wenn sie gestorben ist, die angesprochene Person ihr noch einmal übers Haar streichen möge, ihr einen Kuss geben möge. Sie schließt: „Doch denke auch: im fremden Sarg / Steck ich ja nur zum Schein / Weil sich in Dir mein Leben barg! / Und ganz bin ich nun Dein.“ Auch das war ihr dann im Erwachsenenleben fremd. (Zum Thema Leben s. auch: Anna Sophie / Sophia, Landgräfin von Hessen-Darmstadt 17. Jh.)

Therese von Lisieux (1873-1897)

Therese von Lisieux war eine Nonne, der das Schreiben, Dichten und Singen sehr wichtig war. Sie möchte Jesus ewig singen. Sie ist eine der vier Frauen, die zur Kirchenlehrerin erhoben wurden. Viele Gedichte sind solche, die sie auf Wunsch von Mitschwestern geschrieben hat. In diesen hat sie auch das eingewoben, was den Schwestern ein Problem war, um ihnen ihren Weg zu weisen, ihnen beizustehen, sie zu stärken. Sie kreisen im Wesentlichen um das Leben im Kloster, um die Vergangenheit als Kind. Es geht um Heilige, um Maria, und viele sind der Jesusmystik im etwas weiteren Sinne zuzuordnen. In dem Buch von Maximilian Breig: Therese von Lisieux Gedichte. Eine Prosaübersetzung, Johannesverlag 1990 werden 57 Gedichte vorgestellt. Hinzu kommen noch Gebete (die sich manchmal mit den Gedichten überschneiden): Theresienwerk e.V. (Hg): Therese von Lisieux Gebete. Eingeleitet und übersetzt von Andreas Wollbold, Paulinus Verlag 2. Auflage 2009.

Was ich so spannend finde: Sie lebte in den Jahren, in denen Nietzsche sein anti-christliches Werk veröffentlichte (1876-1888) – und das ca. 1000 km entfernt. Im Jahr ihres Todes (1897) wurde der demente Nietzsche bis zu seinem Tod 1900 von seiner Schwester im Haus betreut. Nur noch Erwählte durften ihn besuchen. (Zu Nietzsche: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/gott/kritik-der-religionskritik/ ) Zwei Welten. Zudem: Paul Claudel hat in derselben Weihnachtsnacht sein Bekehrungserlebnis gehabt wie Therese: Weihnachten 1886. (Chaigne; Lit.: s. Rimbaud). Paul Claudel in der Weihnachtsmesse von Notre Dame in Paris und Therese nach der Weihnachtsmesse im Treppenhaus zu Hause.

In dem Gebet: „Verehrung der Allerheiligsten Dreifaltigkeit“ formuliert sie: „Mein Gott, hier liegen wir ausgestreckt vor Ihnen auf dem Boden. / So erflehen wir die Gnade, für Ihre Ehre zu arbeiten. / Die Lästerungen der Sünder haben unsere Ohren mit Schmerz erfüllt. / Um Sie zu trösten und die Beleidigungen zu sühnen, die Sie die Seelen erleiden lassen, / die doch von Ihnen erlöst sind, verehrungswürdige Dreifaltigkeit, / sind wir entschlossen, / ein Konzert aus all den kleinen Opfern erklingen zu lassen, / die wir aus Liebe für sie auf uns nehmen werden. / Zwei Wochen lang weihen wir Ihnen den Gesang der kleinen Vögel des Himmels, / die Sie unentwegt loben und damit ein Zeugnis gegen die Undankbarkeit der Menschen bilden.“ Sie sammeln auch den Duft der Blumen, Melodien der Instrumente, Steine.

Mit diesem Text wird viel von dem wiedergegeben, was ihre Gebete und Gedichte ausmacht. Es wird das Kleine der Schöpfung beachtet. Blumen spielen eine Rolle, so formuliert sie kurz vor ihrem Tod in dem Gedicht „Eine entblätterte Rose“ (51), dass sie für Jesus keine Rose mehr sein will, sondern „Mich entblätternd, möchte ich Dir beweisen, daß ich Dich liebe, Du meine Kostbarkeit!“ das bedeutet: sich ganz Christus hingebend. Nicht mehr groß, auffällig und duftend erscheinen. Wie sie auch schreibt, wie gepflückte Rosenblätter sein, über die Menschen dahinschreiten. In ihren Texten sind überall kleine Kostbarkeiten zu finden. Sie würde wohl schreiben: Diamanten – die man allerdings als einer, dem dieses Leben eher fremd ist, suchen muss. In etwa einem Jahr vor ihrem Tod, sie starb an Tuberkulose, schrieb sie „Wie ich lieben will“ (41): „Jesus, Deine Liebe ist es, die ich anrufe. / Deine Liebe ist es, die mich umwandeln muß. / Lege in mein Herz Deine verzehrende Flamme, / Und ich werde Dich preisen und lieben können. / Ja, ich werde Dich lieben können, wie je man liebt, / Und Dich preisen, wie man es im Himmel tut.“