19. Jh. (3)

Conrad Ferdinand Meyer (1825-1898)

Der Autor war ein bedeutsamer Schriftsteller der Schweiz. Psychische Schwierigkeiten prägten sein Leben. Aus der religiösen Perspektive ist interessant zu sehen, dass er wie Fontane hin und her gerissen ist. In seinem Werk, mit dem er Erfolg hatte. „Huttens letzte Tage“ schreibt er über das Kreuz : „Fernab die Welt. Im Reiche meines Blicks / An nackter Wand allein das Kruzifix. / An hellen Tagen liebt in Hof und Saal / Ich nicht das Bild des Schmerzes und der Qual; / Doch Qual und Schmerz ist auch ein irdisch Teil, / Das wußte Christ und schuf am Kreuz das Heil. / Je länger ich’s betrachte, wird die Last / Mir abgenommen um die Hälfte fast, / Denn statt des einen leiden unser zwei: / Mein dorngekrönter Bruder steht mir bei.“ Die Ambivalenz dominiert, so auch in ein christliches Sprüchlein: „Dann ist es nicht ein hergebracht Gebet, / Es ist der Geist, der in uns seufzt und fleht, / Und wärst du, Gott und Herr, nicht ewiglich, / Ein solches Stoßgebet erschüfe dich.“

Der Text der Berg der Seligkeit beschreibt, dass Christi Reich nicht Gewalt bedeutet. Mächtig allerdings erschallt es im Friede auf Erden. Spannend löst er das auf in Homo sum: „Das plumpe Recht der Faust ist mir verhaßt / Und selber hab ich wohl am Weg gepaßt. / Ich bete christlich, daß es Friede sei, / Und mich ergötzen Krieg und Kriegsgeschrei. // Der Heiland weidet alle Völker gleich – / Nur meinen Deutschen gönn ich Ruhm und Reich! / Das heißt: ich bin kein ausgeklügelt Buch, / Ich bin ein Mensch mit seinem Widerspruch.“

Rudolf Kögel (1829-1896)

War als Oberhofprediger einflussreich kirchenpolitisch aktiv.

In dem Lied „Zions Stille soll sich breiten um meine Sorgen, meine Pein“ beinhaltet die bekannte Strophe: „Was gewesen, werde stille; stille, was dereinst wird sein. All mein Wunsch und all mein Wille gehen in Gottes Willen ein.“ (Evangelisches Gesangbuch o.J. 128)

Guido Gezelle (1830-1899)

Mit Guido Gezelle mache ich im Augenblick eine kleine Ausnahme. Er ist ein flämischer Dichter, war Priester und Lehrer.

In seinen Gedichten, die sehr stark die Natur zeichnen und interpretieren, verbindet er Natur mit Gott und Glauben. So berührt ihn in „Das Rauschen des ranken Rieds“ sehr das rauschende Ried, wie Gott von dem durch Wind bewegten traurigen Ried-Lied bewegt wird. Warum kann der Mensch das überhaupt emotional wahrnehmen? Weil Gott dem Herzen das Gefühl gab, das Lied des rauschenden Rieds wahrnehmen zu können. Der Mensch, der selbst schwankendes klagendes Ried ist. Mit diesem Lied greift er ein Wort Jesu auf. In dem Gedicht „O wilde unverfälschte Pracht“ beschreibt er wunderschöne wilde Blumen, sie belehren ihn über Gott, sie belehren ihn, dass er hinter dem Sichtbaren den „Urbeginn“ sehen kann und eben, dass Gott der Schöpfer ist. Nicht allein Natur lässt ihn nachdenken, auch die Empfindung, dass etwas „vorbei geht“. In „Vorbei“ heißt es: alles auf Erden geht vorbei. Nicht vorbei geht Gott, er war und ist und wird sein. Wer Weizen sieht, denkt an die edle Nahrung, wer Wein sieht, denkt an den edlen Trank, der Christ sieht in Brot und Wein Jesus selbst. („Wer kann je Weizen sehn“) Nicht nur der religiöse Mensch sieht in der Natur mehr, als sie ist. Der Christ sieht immer noch eine Ebene weiter.

Hieran wird deutlich: Der christliche Glaube lässt Natur neu sehen und fühlen. Nicht das Gefühl der Natur bestimmt den Glauben.

Eleonore Fürstin Reuß / Eleonore zu Stolberg-Wernigerode (1835-1903)

Als 20 jährige heiratete sie einen Mann, der 37 Jahre älter war. Sie war sozial sehr engagiert, indem sie Suppenküchen förderte, die Schulausbildung von Kindern. Ihr Bruder war Vizekanzler unter Bismarck.

Im EG finden wir von ihr das nachdenkliche Lied: „Das Jahr geht still zu Ende“ (63), das sie geschrieben hat, als eine Freundin kurz zuvor gestorben war. In diesem verarbeitet sie Gott vertrauend die Trauer und Traurigkeit. In dem Lied „Advent“ beschreibt sie in 9 Strophen umfassend das Kommen Jesu, so heißt es auch: „Er kommt zu uns in armen Zeichen, / So hält Er seligen Advent; / Geheimniß! Wunder ohne Gleichen! / Er kommt im heil’gen Sacrament; / Er kommt und uns’re Herzen beben, / Er kehrt bei uns, den Armen, ein, / Wir haben Theil an seinem Leben, / Er ist nun unser und wir sein.“ (https://nddg.de/gedicht/11049-Advent-Reuss.html In dem Gedicht zu „Ostern“ versetzt sie sich in die Personen hinein, die in den Evangelien geschildert werden (ibid) – und freut sich auf die kommende Auferstehung: „Heimgehen, selig werden“. Dieses Thema dominiert in den mir bekannten Texten, so auch „Ich bin durch die Welt gegangen“. http://www.evkirchegedern.de/content/kirche/dichterunddenkereleonorereuss.php Leider sind mir keine weiteren Texte ihrer 3 Bände bekannt geworden.

Ada Christen (1839-1901)

Wohlhabend geboren, sozialer Abstieg: Verkaufte Blumen, Schauspielerin, heiratete wieder, war wohlhabend, jedoch nur kurze Zeit, weil der Mann starb, arbeitete in Nachtlokalen. Sie kam wieder durch Heirat zum Wohlstand, führte einen literarischen Salon, dann erneuter Abstieg. Ihre Gedichte spiegeln zum Teil das bittere Leben wider, die Erfahrungen der Heuchelei von Frommen bzw. Nichtfrommen beschreibt sie, sie beschreibt auch, dass sie im Einerlei des Lebens erstickt. So schreibt sie, dass sie sich umbringen wollte, es nicht geklappt hat, nun wolle sie leben, damit sie stürbe. („Letzter Versuch“)

Im „Gebet“ wendet sie sich an Gott, der Lebens- und Sündenmüde Menschen erhört und erlöst (http://www.wortblume.de/dichterinnen/ada21.htm) Aber sie sieht sich nicht als Glaubende an, sie erkennt in dem Gekreuzigten, „zerfall´ne Gottheit“, dass er ihr „schmerzvoll, menschlich-nah“ steht. Und sie erkennt: „so elend wie ich bin, / Bist Du – durch Menschenlieb‘ und Lüge!“ (https://gedichte.xbib.de/Christen_gedicht_Entweiht.htm) „Mir ist, als wär der Himmel leer / Die Erde nur ein weites Grab“. Sie fühlt sich selbst als Grab ihres Ich („Todt“), zum Himmel schreit die Seele, Hilfe suchend („Erkenntniß“). In „Muth“ rettet sie sich zu dem Wort Jesu hin: „wer viel geliebt (gelitten), / Dem wird viel vergeben werden.“ (http://www.zeno.org/Literatur/M/Christen,+Ada)

August Hermann Franke (1853-1891)

Deutsche Psalmen. Aus diesem Liederbuch waren mir nur wenige Gedichte zugänglich. Bekannt wurde: Nun aufwärts froh den Blick gewandt (EG 394).

Therese von Lisieux (1873-1897)

Therese von Lisieux war eine Nonne, der das Schreiben, Dichten und Singen sehr wichtig war. Sie möchte Jesus ewig singen. Sie ist eine der vier Frauen, die zur Kirchenlehrerin erhoben wurden. Viele Gedichte sind solche, die sie auf Wunsch von Mitschwestern geschrieben hat. In diesen hat sie auch das eingewoben, was den Schwestern ein Problem war, um ihnen ihren Weg zu weisen, ihnen beizustehen, sie zu stärken. Sie kreisen im Wesentlichen um das Leben im Kloster, um die Vergangenheit als Kind. Es geht um Heilige, um Maria, und viele sind der Jesusmystik im etwas weiteren Sinne zuzuordnen. In dem Buch von Maximilian Breig: Therese von Lisieux Gedichte. Eine Prosaübersetzung, Johannesverlag 1990 werden 57 Gedichte vorgestellt. Hinzu kommen noch Gebete (die sich manchmal mit den Gedichten überschneiden): Theresienwerk e.V. (Hg): Therese von Lisieux Gebete. Eingeleitet und übersetzt von Andreas Wollbold, Paulinus Verlag 2. Auflage 2009.

Was ich so spannend finde: Sie lebte in den Jahren, in denen Nietzsche sein anti-christliches Werk veröffentlichte (1876-1888) – und das ca. 1000 km entfernt. Im Jahr ihres Todes (1897) wurde der demente Nietzsche bis zu seinem Tod 1900 von seiner Schwester im Haus betreut. Nur noch Erwählte durften ihn besuchen. (Zu Nietzsche: https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/gott/kritik-der-religionskritik/ ) Zwei Welten.

In dem Gebet: „Verehrung der Allerheiligsten Dreifaltigkeit“ formuliert sie: „Mein Gott, hier liegen wir ausgestreckt vor Ihnen auf dem Boden. / So erflehen wir die Gnade, für Ihre Ehre zu arbeiten. / Die Lästerungen der Sünder haben unsere Ohren mit Schmerz erfüllt. / Um Sie zu trösten und die Beleidigungen zu sühnen, die Sie die Seelen erleiden lassen, / die doch von Ihnen erlöst sind, verehrungswürdige Dreifaltigkeit, / sind wir entschlossen, / ein Konzert aus all den kleinen Opfern erklingen zu lassen, / die wir aus Liebe für sie auf uns nehmen werden. / Zwei Wochen lang weihen wir Ihnen den Gesang der kleinen Vögel des Himmels, / die Sie unentwegt loben und damit ein Zeugnis gegen die Undankbarkeit der Menschen bilden.“ Sie sammeln auch den Duft der Blumen, Melodien der Instrumente, Steine.

Mit diesem Text wird viel von dem wiedergegeben, was ihre Gebete und Gedichte ausmacht. Es wird das Kleine der Schöpfung beachtet. Blumen spielen eine Rolle, so formuliert sie kurz vor ihrem Tod in dem Gedicht „Eine entblätterte Rose“ (51), dass sie für Jesus keine Rose mehr sein will, sondern „Mich entblätternd, möchte ich Dir beweisen, daß ich Dich liebe, Du meine Kostbarkeit!“ das bedeutet: Sich ganz Christus hingebend. Nicht mehr groß, auffällig und duftend erscheinen. Wie sie auch schreibt, wie gepflückte Rosenblätter sein, über die Menschen dahinschreiten. In ihren Texten sind überall kleine Kostbarkeiten zu finden. Sie würde wohl schreiben: Diamanten – die man allerdings als einer, dem dieses Leben eher fremd ist, suchen muss. In etwa einem Jahr vor ihrem Tod, sie starb an Tuberkulose, schrieb sie „Wie ich lieben will“ (41): „Jesus, Deine Liebe ist es, die ich anrufe. / Deine Liebe ist es, die mich umwandeln muß. / Lege in mein Herz Deine verzehrende Flamme, / Und ich werde Dich preisen und lieben können. / Ja, ich werde Dich lieben können, wie je man liebt, / Und Dich preisen, wie man es im Himmel tut.“