Anna Achmatowa (1889-1966)

In Bearbeitung

Anna Achmatowa, geboren in Odessa, aufgewachsen in der Nähe von St. Petersburg. Lebte begütert, begann das Jurastudium, studierte Literaturgeschichte. Machte Reisen in den Westen. Eine junge Frau, die im Zarenreich unpolitisch Party und Kultur leben wollte, dann aber von der Politik überrollt wurde. Als junge Frau hat sie sich den Akmeisten angeschlossen, Dichter, die prägnant, klar, knapp, eindeutig, andeutend ihre Welt beschreiben wollten. Sie wurde durch ihre Gedichte berühmt. Sie heiratete, bekam einen Sohn. Nach der Oktoberrevolution war sie zunächst Bibliothekarin. Ab 1922 wurden von ihr geschriebene Gedichte nicht mehr gedruckt – sie passten nicht den sozialistischen Machthabern: Sie passten nicht in die moderne sozialistische Zeit. Einer ihrer Männer soll auch Gedichte von ihr verbrannt haben. 1940 gab es eine kleine politische Lockerung, es erschien wieder ein Band von ihr. Kurze Zeit darauf fiel sie wieder in Ungnade und durfte bis 1950 nichts veröffentlichen. Boris Pasternak nannte sie „Märtyrerin sondergleichen“ (Olga Freudenberg [s. Pasternak], 301) 1950 erschienen wieder Gedichte – auch zwei Hymnen auf Stalin (die ich leider nicht bekommen konnte), wohl um ihren verhafteten Sohn freizubekommen. Als Stalin dann gestorben war, bekam sie immer mehr offizielle Anerkennung. 1956 wurde sie rehabilitiert. In der Zeit Gorbatschows konnten alle Gedichte ohne Probleme erscheinen. Sie starb 1966 bei Moskau. Sie wird als die bedeutendste Dichterin Russlands gerühmt. (Weitere biographische Hinweise folgen.)

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Sie war angehende Dichterin, als der machtbewusste Lenin (1870-1924) im Jahr 1909 seinen Phantasien gegen die Religion Ausdruck gab. Diese gelte es, so Lenin, zu bekämpfen: https://www.marxists.org/deutsch/archiv/lenin/1909/05/parteireligion.html Das wurde dann auch das sozialistische Programm für die nächsten ca. 80 Jahre, unter denen Millionen Menschen ab 1917 zu leiden hatten.

Achmatowa veröffentlichte ihren ersten Gedichtband 1912, im Jahr der Geburt des Sohnes (Abend), einen weiteren 1914 (Rosenkranz; 1. Weltkrieg) und im Revolutionsjahr 1917 (Weißer Schwarm) – und hatte großen Erfolg mit der Liebes- und Trennungslyrik und war Vorbild für viele Dichterinnen. (1922 erschien noch ein Band von ihr: Anno Domini MCMXXI.) Das heißt: In der Zeit wachsender revolutionärer und auch zerstörerischer Stimmung im Land und des Einflusses Lenins auf das russische politische Geschehen, wuchs Achmatowa als Dichterin, bis Lenin und seine Genossen ihr blutiges Werk durch die Revolution direkt weiterführen konnten. Unter Lenins wie auch Stalins (1878-1953) Wüten litt auch sie sehr: „Herauf zieht eine andre Zeit, Eiskalte Todeswinde wehen“ (Petrograd 1919 [Ahrndt] – und andere Gedichte, in denen sie die schwere Zeit beschreibt, zum Beispiel in: „Du bist ferne mein Gefährte“ – sie bejubelt die Zeit Lenins nicht, wie Clara Zetkin andere Zeitgenossen wiedergibt, angesichts des messianisch Erwarteten, Lenin: https://www.projekt-gutenberg.org/zetkin/lenin/chap002.html Und das machte Achmatowa verdächtig.

Lenin bekämpfte den christlichen Glauben, aber Achmatowa und andere hielten an Gott fest, trotz der massiven atheistischen Bedrohung und Diffamierung, dass Gott phantastisches Konstrukt sei. Fünf Jahre vor der Revolution 1917 veröffentlichte sie ein Gedicht, das wie ein Motto klingt: „Ich hab gelernt, einfach und klug zu leben, / Zum Himmel aufzuschauen und zu Gott zu beten.“ (Gebet spielt für sie eine große Rolle – s.u.) Und ein sehr schönes Gedicht beschreibt, wie sie im Frost leben muss, aber die Apostelbriefe und die Psalmen helfen ihr zu überstehen – und in der Bibel liegt beim Hohen Lied ein rotes Ahornblatt ( http://illeguan.de/achmat2.htm ) bzw. in Zeiten der Armut und des Verlustes wurden die Tage zu Tagen des Gedenkens und sie schrieb Lieder über Gottes Großzügigkeit (1915; ebd.) – ein ironischer Text. Gott gegenüber konnte man ironisch sein – in der Politik ihrer Zeit und später nicht mehr ungestraft. Religion bedeutet nicht Versklavung, von der die Menschen durch Sozialismus befreit werden mussten – Religion heißt, den unsäglichen kommunistischen Zuständen etwas entgegensetzen zu können. Wo Gott genannt wird – auch nur metaphorisch – dort wird er nicht vergessen. Dort wird er im Wort hineingesprochen in die jeweilige Zeit. Nicht immer ist das Festhalten an Gott freilich gelungen, oder nicht immer kamen die Dichterinnen und Dichter ohne Schaden davon. Wie es Die Muse verdeutlicht: Wenn die Dichterin sich auf das Kommen der Muse vorbereitet, „Dann hängt mein Leben… am seidnen Faden.“ Aber dennoch: „Ich – dir gehorchen? Das ist wohl ein Scherz! / Nur Gott gehorch ich, frei und in Bedrängnis“, schreibt sie in einem Gedicht, in dem zwar von einem Mann die Rede ist – aber das ist wohl verallgemeinerbar in dieser politisch wirren Zeit („Ich- dir gehorchen?“ 1921; Ahrndt 51).

Unterschwellig hielt sie an Jesus Christus fest, verwendete Texte der Bibel als Gleichnis für die Gegenwart, so in dem Gedichtzyklus Requiem (das Wort Requiem kommt aus der Liturgie: „Requiem aeternam dona eis, Domine!“ – „Ewige Ruhe gib ihnen, Herr“ und es geht weiter: „und ewiges Licht leuchte ihnen“), der Gedichte aus ca. fünf Jahren (1935-1940/3) zusammengefügt hat. Diese Gedichte wurden wohl vielfach zunächst nicht aufgeschrieben, sondern nur von nahestehenden Menschen auswendig gelernt – und mündlich weitergegeben – , denn wenn diese gefunden worden wären, wäre Achmatowa wohl irgendwo verschwunden, wie so viele Menschen ihrer Zeit. Erst in der Zeit Gorbatschows durfte das Gedicht 1987 in Russland veröffentlicht werden. In diesem Gedicht-Zyklus „Requiem“ werden die Frauen beschrieben, deren Söhne und Männer verhaftet worden waren. Sie trafen sich vor den Gefängnistüren in langen verhärmten und traurigen Frauen-Schlangen, in der Erwartung, ihren Lieben noch Gutes tun zu können. In diesem Requiem werden immer wieder Bezüge zur Kreuzigung Jesu hergestellt – das Kreuz Jesu wird verbunden mit dem Leiden der Menschen in Stalins Zeit (dein Kreuz wird errichtet – von deinem Tod sprechen sie). Jesus schrie am Kreuz zum Vater (Gott), der ihn verlassen hatte und sagte zu seiner Mutter, so Achmatowa: „Weine nicht um mich!“ (Ü: Etkind) Die Menschen, die Jesus folgten, klagen unter dem Kreuz – aber sie wagen nicht, Maria, die Mutter, anzusehen. Auch im Sowjet-Sozialismus gab es Sippenhaft. Nicht nur in der Konkurrenzanschauung, dem National-Sozialismus. Und so wagte niemand Maria anzusehen, um sich selbst nicht zu gefährden. Der Gedicht-Zyklus endet Epilog 1 damit, dass sie für sich und die Frauen in Zeiten des Frosts und der sengenden Hitze betet. Denn Frauen standen dort vor den Gefängnismauern, wartend, zu allen Jahreszeiten. Und das Gebet für sie und die Frauen dürfte – so deutet der Titel an – lauten: „Requiem aeternam dona eis, Domine, et lux perpetua luceat eis“. Schon 1921 spricht sie vom Kreuz, das sie sich vor Angst bebend an die Brust presst und betet: „Gott, schütze meine Seele, rette sie!“ („Angst“; Ü: Ahrndt 45)

Ihr Sohn wurde, so heißt es, verhaftet, weil man sich nicht an die berühmte Mutter selbst heranwagte. 1921 wurde ihr (geschiedener) Ehemann, der Dichter Nikolaj Gumiljow, hingerichtet. Ihr Freund Ossip Mandelstam kam wie viele andere im Gulag um, 1935 wurden ihr dritter Mann, Nikolai Punin, und ihr Sohn erneut verhaftet und zum russischen Konzentrationslager, dem Gulag, verurteilt. Sie beschreibt das in „Requiem“ so: In Ketten der Sohn, der Ehemann tot: „Betet für sie, betet“ – wobei sie um ein Gebet für sich selbst bittet – das aber sofort weitet: Sie leidet diese Grausamkeiten ja nicht allein. Ich weiß nicht, ob ich das überinterpretiere, aber das wird in manchen ihrer Gedichte deutlich, dass sie Angst hatte vor sozialen Kontakten, weil das tyrannische Regime sie überwachte und damit wurden auch Menschen, mit denen sie Kontakt hatte, gefährdet: „Daß stumm ich vorm Tod ihn bewahre, / erfahr´ meine Liebe er nicht.“ („Ich habe Verderben beschworen“ 1921; Ü: Etkind)

Bis 1940 durfte sie nichts mehr veröffentlichen, sie sei gestrig, nicht zeitgemäß, konterrevolutionär („Jetzt wird niemand meine Lieder hören. / Die prophezeiten Tage sind gekommen… / Du brichst mir das Herz nicht / Noch lässt du es erklingen. Vor nicht langer Zeit, frei wie eine Schwalbe“ am Jahresende 1917 geschrieben). Es gab einen Augenblick, in dem sie nicht bereute, in dieser Zeit zu leben. So heißt es in der ersten Strophe des Gedichts – in Aufnahme der Vorwürfe gegen sie: „Ich wurde nicht zu früh oder zu spät geboren, / Ich wurde eindeutig gesegnet, / Nur der Herr ließ nicht zu / Meinem Herzen, ohne Illusion zu leben.“ Und ist das Gedicht: „An der Schwelle des Paradieses“ auch religiös zu verstehen? Ist es Jesus, der ihr zuruft: Ich warte? Der ihr den Auftrag gibt, die Armut mitleidsvoll zu ertragen, so dass sie ihr Brot zu teilen beginnt, der sie dann beten hören und sie ihm die Liebe zeigen wird?: „Wenn einmal der Wolken Reigen / Schwimmt in Blut wie nach der Schlacht“ (1921; Ahrndt 47). 1936 geht sie noch einmal auf das Gedicht ein – ebenso religiös gefüllt ohne Eindeutigkeit: Während sie wartet „Spricht mit mir der Engel dieser Nacht“ („Schickt er mich zu holen, keinen Schwan“ [Ahrndt 67]). Wird hier die Metonymietechnik verwendet – das heißt: durch die Beschreibung wissen Wissende, wer oder was gemeint ist?

Dann gab es aufgrund des Verteidigungskrieges gegen das nationalsozialistisch beherrschte Deutsche Reich ein paar Jahre der Ruhe, denn die wenigen übrig gebliebenen Christen wurden von Stalin zur Verteidigung des Landes gebraucht. Und auch Achmatowa erlebte eine kurze entspanntere Zeit – allerdings musste sie aus Leningrad (ihr geliebtes Sankt Petersburg) wegen der Kriegsblockade, an Typhus erkrankt, evakuiert werden. Als dann der Krieg vorbei war, wurden Christen wieder brutal bekämpft – auch die christlichen Soldaten wurden mit den Familien aus dem eroberten Deutschland abgeholt und deportiert. Entsprechend wurde sie 1946 aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen und als schädlich, als „Nonne und Hure“, was auf religiöse Bezüge hinweist, als Unzeitgemäße, als Hindernis beim Aufbau des Sozialismus und mit anderen Aussagen aus dem sozialistischen Diffamierungskatalog bezeichnet. Schon 1922 schrieb sie ein eindrucksvolles Gedicht zum Thema „Verleumdung“. Dennoch hielt sie an der Religion fest. Im Poem ohne Heros finden wir zahlreiche Anspielungen und Aufnahmen biblischer Texte. Ein Wort – so das Tal Josafat – beinhaltet ausführliche Inhalte. Das Tal Josafat, das Tal, in dem Gott Gericht halten wird (Joel 4). Der Hinweis auf den Hahn – die Geschichte des Verrates Jesu durch Petrus.

Von dieser großartigen Frau wurde in einer Anthologie russischer Gedichte (Russische Gedichte. Übersetzt und hg. von Kay Borowsky, Stuttgart, Reclam 2009, 91f.) eines übernommen, das 1922 einen sehr warmen, hellen unglaublich schönen September beschreibt. Aber dann: „rot glühende Abende, kaum zu ertragen, besessen, / das werden wir vor uns sehn, bis der Tod uns ruft.“ Und die Sonne – ein Aufrührer, an den sich alles zärtlich drängt. Es endet mit: Und da erschienst du gelassen an meiner Tür“. Ein Natur-Liebesgedicht – aufgenommen die politische Situation. Wer aber ist das „du“? Religion und Liebe treffen sich – auch hier? Was ist das Wunderbare, das von jedem Ersehnte, das durch die Häuserruinen zu ihr kommt? Der Frühling – im Juni? („Alles ausgeraubt, ausverkauft, ausgelaugt“) Wer ist der Vertriebene, der ihr immer nah ist: „Das bittere fremde Brot – der Pilger brichts, / Dunkel sein Weg, ohn Ende lang.“? („Nein, nicht mit denen“ 1922 [Rakusa 25]) Und ist das Folgende christlich zu deuten?: „Und steil vom Himmel kam ein Wind, von Glück / Und Fröhlichkeit erfüllt, auf mich herab“ – als sie ihr Gewissen prüfte? Wind – Pneuma/Ruach Geist Gottes? Wie haben es die Menschen verstanden, die damals das Gedicht lasen, hörten, in sich aufnahmen? Sicher konterrevolutionär – auf den toten/stillen Wassern zieh´n die Schwäne – die Weißen? Ihr Ex-Ehemann, der 1921 ermordet wurde, kämpfte für eine Gruppe, die den Weißen zugeordnet wird. Wer ist es, der Ostern kommen soll, durch alle Posten, Sperren, Meute hindurch, zum Abendessen? („Beschwörung“; 1936 stehen die Emmausjünger im Hintergrund, die Ostern Jesus baten: „Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden“? [Ahrndt 35]). Oder was ist in dem kurzen Text „Gold“ mit dem „königlichen Wort“ gemeint, das alles überlebt, Materie, Trauer und Tod? (Rakusa 99) Oder 1921 Jesus ein Dichter – oder ein Dichter, der bewahrt wurde?: Welch Wunder, dass er sich uns offenbart, / Dem Schmähn und Zorn ganz fremd, dem Lob nichts nützte, / Und auch die heiligste der Jungfraun schützte / Ihren Dichter, der so herrlich war.“ http://illeguan.de/achmat3.htm Geht es um Jesus/Gott? Um Menschen, mit denen sie direkt Umgang hatte? Liebe Menschen, die fern in Lagern lebten? Verstorbene?

Immer wieder begegnet das Gebet – sie als Beterin. In dem Abschiedsgedicht „Ein gusseiserner Zaun“ heißt es: „Ein Bett ist für mich gemacht / Mit Schluchzen und Gebet; / Nun geh überall auf der Erde, / Wohin du willst, Gott segne dich!“  Von 1962 gibt es Gebets-Gedichte (s. Etkind 393) und in ihrem Tagebuch hatte sie geschrieben: „Und wer hätte geglaubt, dass ich für so lange gedacht war“. Von wem „gedacht“? Von Gott? Sie kann auch das Gebet im Kontext der Theodizee erwähnen, so im Gedicht „Kriegswind“: Es brüllt von der Erde hinauf in den Himmel nach Brot – doch der Himmel bleibt verschlossen, aus den Fenstern blickt der Tod – Todesflugzeuge (Ahrndt 123). 1934 spricht sie in einem „Letzten Toast“ unter anderem aus, dass sie darauf trinkt, dass Gott nicht half http://illeguan.de/achmat4.htm  Und der Frost, der die Knospen zerstörte, lässt sie sagen, dass der Anblick so schrecklich sei, dass sie Gottes Schöpfung nicht sehen mag und innerlich zerrissen ist („Mai-Schnee“). Andererseits: Im Sonett von 1941 spricht sie von ihrem Tod in fernen Jahren, indem sie alles fröhlich beschreibt, Grün, tanzende Kinder und dass ihr ungestümes Blut sie zwang, zu „dir“ zu gehen – den Weg, den jeder gehen muss. (Ahrndt 121) Zu wem geht sie? 1921 spricht sie in dem Nachtrag zum Gedichtzyklus „Nördliche Elegien“ ihren hingerichteten Ex-Mann an: „Nun lebst du dort, wo alles offenbar ist“. Und sie selbst bittet zu Gott für die Zeit nach dem Sterben: „doch gib mir wieder / Deiner Rose jugendlichen Duft.“ 1962; Etkind) 

Es sind Gedichte aus einer extremen Zeit. Gedichte einer Frau, die in dieser extremen Zeit versuchte zu überleben, die lernte, zwischen den Zeilen zu schreiben – einerseits. Manches, was ich angedeutet habe, dürfte von Fachleuten nicht religiös gedeutet werden. Mag sein, dass dem so ist – es kann aber auch sein, dass man sie heute auf andere Art als damals mit Blick auf den Glauben zum Schweigen bringen möchte. Denn allein schon, dass sie in einer Zeit, in der Christliches verpönt war, christliche Worte verwendet, ist auffällig. Andererseits formuliert sie aber auch trocken, klar, hart. Das, was ich an den mir zugänglichen Gedichten sehe, ist, dass das Gebet für sie wichtig war. Gebet öffnet die heftige, unerträgliche Welt nach außen, zu Gott, hilft, nicht zu versinken in dem, was Menschen einander an Schlimmem antun: Requiem aeternam dona eis, Domine, et lux perpetua luceat eis.

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