Henry Wadsworth Longfellow (1807-1882)

Henry Wadsworth Longfellow (1807-1882)

Er wuchs in einer bekannten Familie auf und studierte. Reiste nach Europa, lernte viele Sprachen und als er zurückkam, bekam er eine Stelle an der Harvard Uni. Seine erste Frau, die er 1831 heiratete, starb 1835 im Zusammenhang einer Fehlgeburt (s. das Gedicht: Foodsteps of Angels, oder auch die verschiedenen „Psalmen des Lebens“  [A Psalm of Life – später kamen dazu: The Light oft he Stars, Footsteps of Angels, The Reaper and the Flowers/A Psalm of Death; s. https://at.wikiqube.net/wiki/A_Psalm_of_Life ]). Seine zweite Frau, mit der er nach sieben Jahre Wartens und Werbens seit 1843 verheiratet war, hatte er sechs Kinder, starb 1861 an Brandverletzungen (Das Schneekreuz), als er den Brand löschen wollte, verletzte er sich selbst. An beider Sterben litt er sehr stark. Auch den Tod seiner Tochter 1848 hat er in einem Gedicht verarbeitet, in dem Auferstehung das Thema ist: Resignation.

In den 1860er unterstützte er den Kampf gegen die Sklaverei. Sein Sohn wurde im Bürgerkrieg verletzt. In diesem Zusammenhang schrieb er das Gedicht Weihnachtsglocken (Christmas Bells).

Er übersetzte unter anderem Dante und Michelangelo-Gedichte, gab eine Anthologie europäischer Gedichte heraus.

Seine Gedichte atmen christlichen Glauben, allerdings aus einer Perspektive, die die Emotion durch den Filter der Rationalisierung zügelt, manchmal auch die Emotion durch eher dicker aufgetragene Volksfrömmigkeit wiedergibt. In seiner Zeit war er sehr berühmt, wurde viel gelesen, war gefragt. Jeder Große hat auch seine Kritiker. Manche hoben Whitman aufs Podest, andere Egozentriker, Pessimisten; US-Nationalisten warfen ihm vor, zu europäisch zu sein. Poe hat wohl versucht, auf Kosten von Longfellow die Auflage seiner Zeitung zu steigern, was im Umkehrschluss zeigt, wie angesehen Longfellow war. (Ich finde immer wieder interessant zu sehen, unabhängig von Poe, wie sich manche über andere erheben, sie klein machen – aber selbst später höchstens noch ein paar Experten unter ferner liefen bekannt sind, während die von ihnen Kritisierten noch lange Menschen beeindrucken.)

Longfellow selbst griff mit seinen Gedichten auch in politische Auseinandersetzungen ein, dichtete gegen die Sklaverei (Poems on Slavery; 1842) – er empfand die Gedichte später als zu soft, weil selbst Sklavenhalter sie haben lesen können, ohne ihren Appetit auf das Frühstück zu verlieren, wie er sagte. Sie wurden aber von der Anti-Slavery-Association aufgenommen und weiter verbreitet. Er hat die Judenverfolgung angesprochen – wahrscheinlich hat er als Europareisender auch die antisemitischen Ausschreitungen in Deutschland zu Beginn des 19. Jahrhunderts wahrgenommen. In Das Lied von Hiawatha überlieferte er Legenden der Eingeborenen, womit er sein Interesse für diese zeigte.

Texte s. Links und: Henry Wadsworth Longfellow. The Complete Poetical Works, e-artnow 2020. Arbeitsübertragungen sind von mir.

Die Warnung – ein Gedicht gegen die Sklaverei auf alttestamentlicher Basis: Der Sklave wird mit Simson verglichen: Simson diente gefesselt dem Spott der Feinde – und hat dann die Mauern einstürzen lassen, die ihn und die Feinde töteten. So wird der Sklave sich einmal erheben. „Der Sklave singt um Mitternacht“ greift auf den biblischen Text zurück, in dem Paulus und Silas im Gefängnis singen – dann kam ein Erdbeben, und sie wurden befreit. In dem Gedicht selbst singt der Sklave Psalmen Davids, besingt die Befreiung der Israeliten aus der ägyptischen Sklaverei. Am Schluss heißt es:

Und die Stimme seiner Hingabe
Erfüllte meine Seele mit seltsamen Gefühlen;
Denn seine Töne waren abwechselnd froh,
Süßfeierlich, wildtraurig. 
Paulus und Silas in ihrem Gefängnis
Sangen von Christus, dem auferstandenen Herrn.
Und der mächtige Arm eines Erdbebens
Zerbrach ihre Kerkertüren in der Nacht. 
Aber, ach! Welcher heilige Engel
Bringt dem Sklaven diese frohe Botschaft?
Und welcher mächtige Arm eines Erdbebens
zerbricht seine Kerkertüren in der Nacht? 

Spannend finde ich diese Gedichte aus dem Grund: Das frühe Christentum war eine Sklavenreligion. Sklaven fanden den Glauben zu Jesus Christus. Warum? Die biblischen Texte, so zeigt auch Longfellow, haben die Intention von Freiheit und Befreiung. Erst einmal befreien sie nicht aus der Sklaverei selbst, sondern führen zur Befreiung in der Sklaverei. Dann aber auf Dauer führen sie auch zur Befreiung aus der Sklaverei. (Ein weiteres Gedicht mit Anklang an alttestamentliche Texte: „Die Zeugen“ und William E. Channing [das aber über das Thema Sklaverei hinausgeht]. Zu dem Thema vgl. https://gedichte.wolfgangfenske.de/spiritual-gospel/) Ein sehr emotionales Gedicht ist „The Good Part“ – und man versteht auch, warum Longfellow selbst in späterer Zeit diese Gedichte kritisch gesehen hat. Der Titel weist auf die Maria und Martha Geschichte des Neuen Testaments hin. Es geht um ein Mädchen, das schlicht gesagt wunderbar ist. Ihre reine Seele hat Kraft und Macht, sie folgt „ihrem geliebten Herrn“ also Jesus Christus. Ihre Kraft sind ihre Gebete, das Licht des Friedens scheint auf ihrem Gesicht: „Sie liest ihnen vor zur Abendzeit / Über Einen, der kam, um zu retten; / Um die Ketten der Gefangenen zu lösen / Und den Sklaven zu befreien. // Und oft wurde die gesegnete Zeit prophezeit, / In der alle Menschen frei sein werden…“ (Zahlreiche Anspielungen auf die Bibel finden wir auch in morituri salutamus.) Und das macht im Grunde auch Longfellow selbst. Er erzählt Geschichten des Neuen Testaments neu und transferiert sie in die Gegenwart. So auch das Gedicht, das die Bartimäus-Geschichte aufgreift:

Der blinde Bartimäus an den Toren
Von Jericho wartet in der Dunkelheit;
Er hört die Menge; – er hört ein Geflüster
Sagen: „Es ist Christus von Nazareth!“
Und er ruft in jammervollen Tönen
Ἰησοῦ ἐλέησόν με!


Die drängende Menschenschar wird größer;
Blinder Bartimäus, schweig!
Aber immer noch, durch die laute Menge,
schrillt laut der Schrei des Bettlers;
Bis sie sagen: „Er ruft dich!“
Θάρσει ἔγειρε φωνεῖ σε!


Dann spricht Christus als
Die Menge stille steht : „Was soll meine Hand dir tun?“
Und er antwortet: „Oh, gib mir Licht!
Rabbi, gib dem Blinden das Augenlicht zurück!“
Und Jesus antwortet: „ὕπαγε
πίστις σου σέσωκέν σε!“


Ihr, die Augen haben und doch nicht seht,
In Dunkelheit und Elend, 
Erinnert euch an diese mächtigen drei Rufe,
Ἰησοῦ ἐλέησόν με!
Θάρσει ἔγειρε φωνεῖ σε!
ἡ πίστις σου σέσωκέν σε!

(Jesus, erbarme dich mein! / Habe Mut, steh auf, er ruft dich! / Dein Glaube hat dich gerettet!)

Ein paränetisches Gedicht. Longfellow hat ein dreiteiliges Werk geschrieben: Christus: Ein Geheimnis (Christus. A Mystery bzw. hier : The Divine Tragedy – The Golden Legend – The New England Tragedies, und weitere Zufügungen unter anderem auch Martin Luther.) Diese Gedichte können hier in ihrer Fülle nicht dargelegt werden. Im ersten Teil werden neutestamentliche Texte poetisch nacherzählt. Im zweiten Teil greift er einige Legenden auf, die im Laufe der Kirchengeschichte entstanden sind. Im Dritten Teil geht er zum Beispiel auf die Verfolgung von Quäkern durch John Endicott ein, auf einen Hexenprozess, in dem Giles Corey ermordet wurde. Es ist auch ein paränetisches Werk, an dem der Autor von 1839-1872 gearbeitet hat. Weitere Hinweise dazu: https://www.bartleby.com/356/359.html Er beschreibt in diesem Werk Maria in Bethanien quasi als Mystikerin. Sie spricht zu Jesus:

Ich habe ein schwaches, eigensinniges, zweifelndes Herz,
Unfähig zu Ausdauer oder großen Gedanken,
Strebend nach etwas, das es nicht erreichen kann,
Verblüfft und enttäuscht, verwundet, hungrig;
Und nur wenn ich dich höre, bin ich glücklich,
Und nur wenn ich dich sehe, bin ich in Frieden!

Von dem umfangreichen Werk möchte ich neben dem Maria-Text nur aus dem Finale – st. John – zitieren, denn es fasst zusammen, worum es Longfellow ging:

Er, der in Galiläa wanderte, sagt den Lebenden: Folge mir!

Und diese Stimme erklingt noch immer
Durch die Jahrhunderte, die vergangen sind,
Zu den Jahrhunderten, die sein werden!
Durch allen eitlen Pomp und Schauspiel,
Durch den Stolz, der überschäumt
Und die falschen Einbildungen der Menschen;
Durch all die engen Regeln
Und Spitzfindigkeiten der Konfessionen
Und die Kunstgriffe der Zunge und Feder;
Verwirrt in ihrer Suche,
Verwirrt mit dem Schrei:
Siehe hier! Siehe da, die Kirche!
Arme, traurige Menschheit
Durch all den Staub und die Hitze
Kehrt sie mit blutenden Füßen zurück
Auf den Weg, den sie kam,
Zu dem einfachen Gedanken,
den der große Meister lehrte,
Und das bleibt ewig:
Nicht der, der den Namen wiederholt,

sondern der, der der seinen Willen tut!

Damit greift er einen Satz aus der Bergpredigt des Matthäusevangeliums auf: Nicht der, der Herr, Herr sagt, wird gerettet werden, sondern der, der meinen Willen tut (Mt 6,21). In dem Gedicht: „Petrus wird gesiebt“ – in dem er auch einen neutestamentlichen Text aufgreift -, sieht er alle Menschen als Sünder an, die gesiebt / versucht werden wie Petrus und erliegen, bis Arroganz in Sanftmut verwandelt wird. Aber Wunden der Seele werden, obwohl geheilt, schmerzen… Wir sind nicht mehr, die wir waren. „Aber edle Seelen, geworden durch Staub und Hitze, / Erheben sich aus Unglück und Niederlage, / Stärker, / Und immer im Bewusstsein des Göttlichen / In ihnen, liegen auf dem Rücken / Nicht länger.“ Bibelmeditationen führen zu Gedichten. Er schrieb das folgende Gedicht, nachdem er von der Verletzung seines Sohnes gehört hatte, die er im Bürgerkrieg erlitten hatte: „Christmas Bells“

Ich hörte die Glocken am Weihnachtstag
Ihre alten, vertrauten Weihnachtslieder spielen,
    Wild und süß
    Wiederholte Worte
Vom Frieden auf Erden, Wohlgefallen den Menschen!

Und dachte, als der Tag gekommen war,
Der Glockenklang der ganzen Christenheit
    Erklingt weltweit
    Ununterbrochen das Lied
Vom Frieden auf Erden, Wohlgefallen den Menschen!

Während es klingt, singt auf ihrem Weg,
Dreht sich die Welt von Nacht zu Tag,
    Eine Stimme, ein Glockenspiel,
    Ein erhabener Gesang
Vom Frieden auf Erden, Wohlgefallen den Menschen!

Dann aus jedem schwarzen, verfluchten Maul
Im Süden donnert die Kanone,
    Und mit einem Knall
    Die Weihnachtslieder sind ertrunken
Von Frieden auf Erden, Wohlgefallen den Menschen!

Es war, als ob ein Erdbeben zerstöre
Die Herdsteine ​​eines Kontinents,
    Und vereinsamen
    Die Heimat
Von Frieden auf Erden, Wohlgefallen den Menschen!

Und in Verzweiflung senkte ich mein Haupt;
„Es gibt keinen Frieden auf Erden“, sagte ich;
    „Denn Hass ist stark,
    Und verspottet das Lied
Vom Frieden auf Erden, Wohlgefallen den Menschen!“

Dann läuteten die Glocken lauter und tiefer:
„Gott ist weder tot, noch schläft er;
    Das Falsche wird scheitern,
    Das Rechte sich durchsetzen,
Mit Frieden auf Erden, Wohlgefallen den Menschen.“

Und zur Priester- Weihe seines Bruders spricht er ein Segensgebet. Und wünscht ihm, dass Christus bei ihm sein werde auch dann, wenn er in der Nacht das Angstgebet sprechen und den Becher des Leids trinken muss. Um am Ende dem Erlöser sein Haupt an die Schultern legen kann, wie der Lieblingsjünger Johannes.