19. Jh. (2)

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nehmen die großen Dichter und die religiösen Gedichte stark ab. Man kann Friedrich Nietzsche (1844-1900) nennen, der mit Blick auf Gott eine ganz eigene Position einnimmt, aber spannende religiöse Gedichte geschrieben hat. Das bekannteste dürfte sein: „Dem unbekannten Gotte“ –(https://gedichte.xbib.de/Nietzsche_gedicht_Dem+unbekannten+Gotte.htm) in dem er ein Wort aus der Apostelgeschichte (17,16ff.) aufnimmt: „Ich will dich kennen, Unbekannter, / du tief in meine Seele Greifender, / mein Leben wie ein Sturm Durchschweifender, / du Unfaßbarer, mir Verwandter! / Ich will dich kennen, selbst dir dienen.“ In „Ecce Homo“ greift Nietzsche einen Satz auf, den Pilatus zu Jesus sagt. Passend zu Nietzsche s. https://evangelische-religion.de/ReligionNeu/gott/kritik-der-religionskritik/ Nietzsche, in einem Pfarrhaus aufgewachsen, dürfte die emotionale pietistischen Glaubenstradition nicht unbekannt gewesen sein. Diese wurde im 19. Jh auf weiten Strecken von der rationalen Theologie abgelöst. Dieser rationalen Theologie begann dann Nietzsche die Religion der Kunst entgegenzustellen. Gedichte waren bis ins 17./18. Jahrhundert hinein vielfach religiös konnotiert – diese Tradition wurde immer stärker säkularisiert, bis sie dann in Kunst als Religion mündete und der Dichter sozusagen als Priester (George, Rilke…). Zu Nietzsche s. auch Therese von Lisieux (https://gedichte.wolfgangfenske.de/19-jh-3/ )

Was aber deutlich wird: Wir haben viele Dichter, die weniger bekannt sind, dafür aber sind manche ihrer Lieder bekannt geworden. Das war auch in den Jahrhunderten zuvor der Fall – allerdings stehen sie im Schatten der „großen“ Dichter, auch wenn ihre Lieder zum Teil äußerst berühmt sind, als Beispiel sei das Lied „Stille Nacht, Heilige Nacht“ genannt, von Joseph Mohr (1792-1848) geschrieben. Oder genannt sei noch der Priester Christoph von Schmid (1768-1854) – wer kennt den Namen? Und: Wer kennt nicht sein Lied: „Ihr Kinderlein kommet“? Wer kennt den Pfarrer Wilhelm Hey (1789-1854)? Wer kennt nicht die Lieder: „Alle Jahre wieder“, oder: „Wie fröhlich bin ich aufgewacht“, oder: „Weißt du, wieviel Sternlein stehen“ (EG 511)? Wer kennt: Cornelius Friedrich Adolf Krummacher (1824-1884)? Bekannt ist sein Lied: „Stern, auf den ich schaue“ (EG 407).

Im Folgenden werde ich abweichend vom bisherigen Duktus einzelne Autoren zu Wort kommen lassen, die zeigen, wie ambivalent das Thema Glauben bzw. Gott im 18./19. Jahrhundert thematisiert wird. Vielfach überwiegt – nicht nur in Glaubensfragen – ein spöttischer Ton. Darf die Vermutung geäußert werden, dass der spöttische Blick auf vieles, für vieles blind machte?

Die folgenden Zitate sind zeno.org entnommen.

Franz Grillparzer (1791-1872)

Grillparzer war bedeutsamer Schriftsteller Österreichs. Sein Gottesbild wird in dem Gedicht „Der wahre Glaube“ deutlich: „Er heiße Jupiter, heiß Allah; / Bet Ormuzd, bet Osiris an / Und sei ein Christ, sei ein Braman, / Verehr den Wischnu, den Jehovah! / / Doch nur erfülle deine Pflichten! – / Tu jeder Gutes, was er kann, / Und hat er recht und brav getan: / So wird Gott jenseits gnädig richten.“ Er gibt im Grunde damit die Sicht wieder, die heute gang und gäbe ist: Egal, welche Religion – Hauptsache, sie verhalten sich gemäß den Vorgaben der Zeit. Ethik dominiert, bestimmt, was als sozial richtig und als Wahrheit angesehen wird. Allerdings fehlt in seinem Vater unser, soweit ich sehe, jeglicher Spott. Kritik übt er an gottlose Gottsucher.

Gustav Schwab (1792-1850)

War Pfarrer und sein berühmtestes Werk ist die Herausgabe der „Sagen des klassischen Altertums“. Er hat gerne gepredigt, aber seine Gedichte lassen kaum seine Frömmigkeit erkennen. In seinem Gedicht „Christus und die Vernunft“ wird deutlich, wie er beide zusammenführt. Das Motto: Vernünftig, christlich. Es sei spekulativ gesagt: Entsprechend waren wahrscheinlich auch seine Predigten. Seine Texte können recht launisch sein – was er mit seinem Zeitgenossen Heinrich Heine gemeinsam hat, wenn auch unterschiedliche Grade erkennbar sind. Dazu nur ein Beispiel: „Dank, Vater! dir für Leid und Lust / Und was du mir gegeben. / Laß mich, wie dieses liebe Heut, / Mein Morgen auch erleben. / Erfüll‘ mir keinen thör’gen Wunsch, / Das Gute laß nicht säumen. / Und was du mir nicht geben kannst, / Ei, davon laß mich träumen!“ Ernsthafter formuliert er angesichts der Pieta („Maria mit dem toten Jesus auf dem Schoos“): „Und mitten doch in allem Weh und Leide, / In deinen Schmerzensanblick tief verloren, / Quillt mir ein sanftes Licht in meinem Herzen. / Es faßt mich eine mütterliche Freude, / Mir wird, als hätt‘ ich dich in süßen Schmerzen / Jetzt eben erst für’s Heil der Welt geboren.

Zu dem oben genannten „Dank, Vater“-Gedicht sei Friedrich de la Motte-Fouqé (1777-1843) genannt, der ein ähnliches traditioneller formuliert: „Viel kann mißlingen, was wir säten / Auf irdschem Rund, / Was stets gelingt, das ist ein Beten / Aus Herzensgrund. / Denn möcht auch Gott nicht so es lenken, / Wie dirs gefiel: / Er wird dafür dir andres schenken / Und Schönres viel.

Heinrich Heine (1797-1856)

Heine lässt hier und da in seinen Gedichten ein distanziertes Verhältnis zu Gott und ein spöttisches zu Frommen erkennen. Aber am Ende seines Lebens fand er Gott (Nachwort zum Romanzero; spannend auch die Vorrede zur 2. Auflage seines Buches: Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland 1852). Das wird in manchen Gedichten deutlich, auch wenn er den spöttischen Ton beibehält. In diesen Gedichten geht es vielfach am das Themen Sterben und Tod. So bittet er Gott unter anderem in „Die Söhne des Glückes“ darum: „O Gott, verkürze meine Qual, / Damit man mich bald begrabe; / Du weißt ja, daß ich kein Talent / Zum Martyrium habe.“ Er wirft in diesem Ton Gott vor, dass er inkonsequent sei, weil er den fröhlichsten Dichter schuf, diesem aber seine gute Laune raube. Er hofft nach dem Sterben bei den „ehrlich reinen Seelen“ zu sein, „Die ihr bewohnt das Reich des Lichts,“ dort benötigen sie nichts – und müssen darum, anders als die noch lebenden Menschen, auch nicht stehlen. („Schnapphahn und Schnapphenne“) Dennoch, so ganz möchte er doch nicht von dieser Welt gehen, denn auch im Jenseits gibt es keine schöneren Frauen als im Diesseits, und so bittet er Gott um Gesundheit Geld („Mich locken nicht die Himmelsauen“). Im lockeren Ton wird auch in „Zum Lazarus“ (1) die Theodizee-Frage angesprochen: Wir fragen beständig nach dem allmächtigen Gott, bis man uns den Mund mit Erde stopft – „Aber ist das eine Antwort?“. Heine greift Fragen auf, ohne sie zu beschönigen – und hinter dem saloppen Ton findet man einen wirklich tief denkenden Menschen. Und so nennt er in „Das Sklavenschiff“ (2) das Gebet eines Sklavenhändlers: „Um Christi willen verschone, o Herr, / Das Leben der schwarzen Sünder!“ – sie sollen am Leben bleiben, damit sein Geschäft nicht verdorben wird. Diese Kritik am Versagen der Christen wird auch in anderen Gedichten der Frühzeit immer wieder laut.

In dem Gedicht „Beine hat uns zwei gegeben / Gott der Herr, um fortzustreben“ beschreibt er unter anderem die Augen, Ohren, den Mund, usw. „Gott gab uns die Augen beide, / Daß wir schauen und begaffen / Wie er hübsch die Welt erschaffen / Zu des Menschen Augenweide“ – so heißt es in der zweiten von acht Strophen. Ein Lobpreis-Gedicht finden wir auch bei Heine, in dem ich zwar Heines leichthinnige Sprache erkenne, aber doch keinen Spott: „Am Himmel Sonn und Mond und Stern´, / Sie zeugen von der Macht des Herrn“. Aber nicht nur diese, sondern auf der Erde gibt es so viel Schönes, so das „Meisterstück der Schöpfung“: Das Herz des Menschen. Und dieses Menschenherz wird mit seinem Erleben mit Metaphern der Natur beschrieben. Er lobt und preist Gott: „Er schuf so schön, er schuf so süß / Das Menschenherze, und er blies / Hinein des eignen Odems Geist, / Des Odems, welcher Liebe heißt.“ (Zitiert nach: Heinrich Heine: Sämtliche Gedichte in zeitlicher Folge, Hg. v. Klaus Briegleb, Insel-Verlag Frankfurt, 5. Auflage 1997)

Hoffmann von Fallersleben (1798-1874)

Er hat als Hochschullehrer der Germanistik und der niederländischen Philologie starke Impulse gegeben. Bekannt ist er als Autor des Deutschlandliedes. Wegen seiner liberalen Haltung ist er in Ungnade gefallen und er floh in Deutschland von Ort zu Ort. Am Ende wurde er rehabilitiert, ohne allerdings wieder als Hochschullehrer eingesetzt zu werden.

Abend wird es wieder:  über Wald und Feld“. In dem Text lautet die letzte Strophe: „So in deinem Streben / bist, mein Herz, auch du: / Gott nur kann dir geben / wahre Abendruh“ – sonderbarerweise finden wir es nicht mehr im neue Evangelischen Gesangbuch. Weniger bekannt ist das Lied: „Warum hat Gott der Herr geschmücket“. Dessen Inhalt: Er fragt, warum hat Gott die Sternenwelt und die Blumen so herrlich geschmückt? Das wissen wir Menschen nicht. Warum haben die Fürsten sich mit Sternen geschmückt, das weiß selbst Gott nicht. Man merkt hieran, dass Gott auf ganz neue Weise in die Texte eingebracht wird. Ähnlich satirisch-kritisch z.B.: „Sprecht nicht von Christenthum!“ Aber auch wie bei Arndt wird Gott national-politisch eingebunden (z.B. „Ja, immer Friede mit dem Guten“). Das zuerst genannte Lied „Abend wird es wieder“ hat er im Kontext von Gedichten formuliert, in dem er sich mit Volksliedern beschäftigt hat. Es war ihm persönlich sehr wichtig, weil es ihn selbst auch danach im Leben tröstete. Diese Sicht finde ich interessant, weil sie zeigt, dass nicht spöttelnder Intellekt und Intelligenz den Menschen hilfreich sein müssen, sondern gerade das Kindliche.

Nikolaus Lenau (1802-1850)

Studierte unter anderem Medizin, Melancholie bestimmte sein Leben nach dem Tod der Mutter. Durch Erbschaft war er finanziell unabhängig, machte sich einen Namen als Schriftsteller, reiste in die USA. Als er wieder nach Europa kam, war er inzwischen bekannter geworden. Mit ca. 42 Jahren bekam er einen Schlaganfall und verfiel geistig.

Lenau beschreibt in seinem Text „Die Waldkapelle “, wie er eine Kapelle besucht, sich seine Gedanken macht und plötzlich ein Irrer erscheint: „»Herr Gott! wir loben dich – ha, ha, ha, ha!« / Nun schweigt er still, der grause Gottverächter, / Und donnernd ruft er nun: »Allelujah!« / Und überdonnernd folgt sein Hohngelächter. // Da stürzt er mir vorbei, voll scheuer Hast, / Das wirre Haar von bleicher Wange streifend, / Die Augen wild bewegt und ohne Rast, / Irrlichter, in der Nacht des Wahnsinns schweifend.“ Ein paar Strophen weiter fragt er: „Was hat, o Schicksal, dieser Mensch getan, / Daß mit des Wahnsinns bangen Finsternissen / Du ihm verschüttet hast die Lebensbahn, / Aus seiner Seele seinen Gott gerissen?“ Und, was hat aus seiner Seele Gott gerissen? Die Geliebte, sie hat ewige Treue geschworen, ist aber dann doch bei einem anderen gelandet.

In dem Gedicht „Das Kreuz“ sieht er ein Kreuz ohne Körper des gekreuzigten Christus und fragt sich: „Soll ich dafür den Gram, in tausend Zügen / Rings ausgebreitet, in ein Bildnis kleiden? / Soll die Natur ich und ihr Todesleiden / Dort an des Kreuzes leere Stätte fügen?“ Diese Kälte und Einsamkeit, die das Gedicht ausstrahlt, gibt auch das Gedicht Einsamkeit wieder, von der die letzte Strophe heißt: „Lieblos und ohne Gott! der Weg ist schaurig, / Der Zugwind in den Gassen kalt; und du? – / Die ganze Welt ist zum Verzweifeln traurig.“ Das Kreuz ist aber auch in einem anderen Sinn für Lenau bedeutsam. Im Gedicht Kruzifix heißt es: „Hält der Mensch die Blicke himmelwärts / Und die Arme liebend ausgebreitet, / Um die Welt zu drücken an sein Herz, / Hat er sich zur Kreuzigung bereitet. // Solche Lieb ist selten auf der Erde; / Daß ihr Bild die Welt nicht ganz verläßt, / Hielt am Kreuz die Menschheit eilig fest, / Jesus, deine liebende Gebärde!“ Er weiß sein unruhiges Herz zu beruhigen: Wie Christus in Stürmen das Boot schützte, so kann das Herz ruhig sein, denn „So ruht in der der Herr der Welten.“

Alfred Lord Tennyson (1809-1892)

Sohn eines Pfarrers, hatte 11 Geschwister. Seine Mutter beschrieb er: „Süße Lippen, auf denen ewig herrschte / Die Sommerruhe goldener Nächstenliebe“ (zitiert nach Chesterton / Garnett: http://gutenberg.net.au/ebooks13/1300301h.html ) Ein in seiner Zeit sehr einflussreicher Schriftsteller, da er auch von dem Königshaus (Victorianische Zeit) intensiv unterstützt wurde. Er hat viele Gedichte mit Blick auf das Altertum geschrieben, romantisierend. Er war Architektur- und Naturdichter, der die Natur überwiegend als romantisierte Natur beschrieb, nicht als Teil der Schöpfung, nicht religiös, obgleich er pantheistisch eingestellt war. Chesterton meinte, sinngemäß: Wie Genesis 1 das Nichts/Chaos durch den Schöpfungsakt Gottes verschwand, verschwand bei Tennyson Gott, indem er ihn mit der Schöpfung füllte. Mit romantisierter Natur meine ich, dass die Natur nicht Natur war, sondern der Mensch im Mittelpunkt steht, der idealisierend die Schönheit der Natur beschreibt.

Nachdem er in https://en.wikisource.org/wiki/Idylls_of_the_King/The_Passing_of_Arthur die Welt beklagt, die schön und gleichzeitig durch die Menschen übel ist, und sich wünscht, dass ein höherer Gott diese erste Welt vollkommen macht, sagt König Arthur: Mein Gott, du hast mich in meinem Tod vergessen; / Nein – Gott, mein Christus – ich gehe, aber ich werde nicht sterben.‘

Nach einem dramatischen Hin und her, heißt es kurz vor dem Tod von König Arthur:

Und Arthur antwortete langsam von dem Boot des Sterbens aus:
‚Die alte Ordnung ändert sich und macht der neuen Platz,
und Gott erfüllt sich in vielerlei Hinsicht,
damit nicht eine gute Sitte die Welt verdirbt.
Tröste dich selbst: Welcher Trost ist in mir?
Ich habe mein Leben gelebt, und was ich getan habe,
möge Gott in sich selbst rein machen! Aber du,
wenn du mein Angesicht nie wieder sehen solltest,
bete für meine Seele. Durch Gebet werden mehr Dinge bewirkt,
als diese Welt sich erträumt. Darum lass deine Stimme
für mich Tag und Nacht wie eine Quelle aufsteigen.
Denn sind die Menschen besser als Schafe oder Ziegen,
die von einem blinden Leben im Gehirn bestimmt werden,
wenn sie, Gott kennend, nicht die Hände des Gebets erheben,
sowohl für sich selbst als auch für diejenigen, die sie Freunde nennen?
Denn so ist das ganze Erdenrund von allen Seiten
durch goldene Ketten um die Füße Gottes gebunden.

Er war wohl Kirchen- und Christenkritisch. Im Alter soll er zum Pantheismus hingeneigt haben. So heißt es in „Der höhere Pantheismus“ https://en.wikisource.org/wiki/The_Higher_Pantheism:

Die Sonne, der Mond, die Sterne, die Meere, die Berge und die Täler –
sind dies nicht, o Seele, die Vision von Dem, der regiert?
Ist Er nicht die Vision? Ist Er nicht das, was Er zu sein scheint?
Träume sind wahr, solange sie andauern, und leben wir nicht in Träumen?
Erde, diese ewigen Sterne, diese Bedeutung von Körper und Gliedmaßen,
sind sie nicht Zeichen und Symbol deiner Trennung von Ihm?
Dunkel ist dir die Welt: du selbst bist der Grund dafür;
Denn ist Er nicht der Grund, der die Macht hat, „Ich bin ich“ zu fühlen?
Ruhm um dich, ohne dich; du erfüllst dein Schicksal,
indem du Ihn deinen Glanz zerstören und Pracht und Düsternis ersticken lässt.
Sprich zu Ihm, denn Er hört, und Geist kann sich mit Geist treffen –
Er ist näher als der Atem und näher als Hände und Füße.
Gott ist Gesetz, sagen die Weisen; O Seele, und lasst uns frohlocken,
denn wenn Er mit dem Gesetz donnert, ist der Donner doch Seine Stimme.
Das Gesetz ist Gott, sagen einige: es gibt keinen Gott, sagt der Narr;
Denn alles, was wir sehen können, ist ein gerader Stab, in einem Pool;
Und das Ohr des Menschen kann nicht hören und das Auge des Menschen kann nicht sehen;
Aber wenn wir sehen und hören könnten diese Vision – war er es nicht?

Während im Sterben Arthur ausspricht, was der Philosoph Hegel philosophierte, dass Gott erst durch die Geschichte zu sich selbst kommt (sehr knapp gesagt: ständige Bewegung von These – Antithese – Synthese bis letztlich die Geschichte in der Synthese Gottes endet), wird in diesem Gedicht Gott als eine Vision bezeichnet – aber als eine Vision, die Wirklichkeit ist – und zwar für den, der sie hat. (Er nimmt Bezug auf den 1. Korintherbrief 1 und 2 des Paulus: Was Menschen nicht wahrnehmen, nimmt der Glaube wahr.) Gleichzeitig wird aber in beiden Texten deutlich gesagt, dass Gott ist, ein Narr, der sagt, es ist kein Gott – aber das wird immer schwebend ausgesprochen.

In dem folgenden Gedicht mit Blick auf den Tod ist nicht tröstend vom Glauben die Rede, anders als im Arthur-Text, in dem es darum geht, für die Seele zu beten, Gott möge ihn von Sünden reinigen – für ihn selbst:

Komm nicht, wenn ich tot bin https://en.wikisource.org/wiki/Come_not,_when_I_am_dead

Komm nicht, wenn ich tot bin,
Um deine törichten Tränen auf mein Grab zu tropfen,
Um mein gefallenes Haupt zu zertrampeln
Und den unglücklichen Staub zu ärgern, den du nicht retten würdest.
Dort lass den Wind fegen und den Regenpfeifer schreien;
         Aber du, geh vorbei.

Kind, ob es dein Irrtum oder dein Verbrechen wäre,
Ich kümmere mich nicht mehr darum, da ich ganz ungesegnet bin:
Vermähle dich mit wem du willst, aber ich habe die Zeit satt,
Und ich möchte ruhen.          
Geh weiter, schwaches Herz, und lass mich, wo ich liege:
        Geh vorbei, geh vorbei.

In dem spannenden Gedicht Palast der Kunst https://en.wikisource.org/wiki/The_Palace_of_Art hat er 1890 seinen eigenen Glauben ausgesprochen gefühlt, so Garnett. In diesem Gedicht schildert er, ausgehend von einem Satz aus einem Gleichnis Jesu (in der ein erfolgreicher Landwirt seine Seele erhebt), dass seine eigene Seele sich ein wundervolles Haus gebaut hat, in dem wurde alles dargestellt, was das menschliche Herz begehrt, samt der menschlichen Götter. Doch dann – während im Gleichnis Jesu der Mensch stirbt – wird in dem Gedicht die Seele (ganz modern) zu Boden gestoßen: Alles zerrinnt ihr, denn Gott plagt sie mit Verzweiflung, Depressionen, Selbstverachtung. Daraufhin wirft die Seele ihren Stolz weg, will nur noch in einem kleinen Häuschen leben, „in dem sie trauern und beten kann“. In der letzten Strophe wird die Zerrissenheit des Menschen deutlich: „Aber reiße nicht meinen Palast ein“, sagt die Seele, denn sie hofft, dahin zurückkehren zu können, wenn die Schuld getilgt ist.

Ferdinand Freiligrath (1810-1876)

Er war revolutionär gestimmt, lebte vielfach auf der „Flucht“ – das gab sich dann und er wurde national-patriotisch.

Er bedauert in „Die Bilderbibel“: „O Zeit, du bist vergangen! / Ein Mährchen scheinst du mir! / Der Bilderbibel Prangen, / Das gläub’ge Aug‘ dafür, / Die theuren Eltern beide, / Der stillzufriedne Sinn, / Der Kindheit Lust und Freude – / Alles dahin, dahin!“ Aber ein Funken Glauben scheint noch vorhanden zu sein. So formuliert er in: „Am Baum der Menschheit drängt sich Blüt´ an Blüte“. Menschen kommen und gehen: „Ein ewig Kommen und ein ewig Gehen, / Und nun und nimmer träger Stillestand! / Wir sehn sie auf, wir sehn sie nieder wehen – / Und ihre Lose ruhn in Gottes Hand!

Betty Paoli (1814-1894)

sie lebte erst in Reichtum. Als der Vater starb, verlor die Mutter das Vermögen und Betty Paoli musste mit 16 Jahren sehen, wie sie über die Runden kommt. Viele Jahre verbrachte sie als Gesellschafterin. Sie arbeitete für Zeitungen, schrieb Kritiken und Gedichte. Die Gedichte machten sie zu einer von vielen anerkannten Schriftstellerin. Sie ist für die Frauenbewegung bedeutsam geworden: https://www.deutsche-biographie.de/sfz93791.html

Im Gedicht „Ein Abendgang“ beschreibt sie, wie die Natur einen Opferduft zum Himmel sendet, wie sie selbst durch die wundersame Natur die Sehnsucht hatte, sich wie „ein dankbar frohes Kind“ „an Gottes Brust… zu schmiegen“. Dann sieht sie bei einer Kapelle arme Menschen, die den ganzen Tag gearbeitet hatten, sich zum Abendsegen versammeln. Dieser „Sehnsuchtshauch“ der Natur „Nur mächtiger und tiefer nur, / Die Menschenherzen hier durchbebte!“ In einer Strophe heißt es: „Gefühl, so tödlich bang, / Der irdischen Begrenzung! / Unstillbar heißer Drang / Nach seliger Ergänzung! / Seid ihr in dunkler Nacht die Spur / Des Lichts, dem wir entgegen wallen?“ Ihr ist alles nicht so geheuer und so schließt sie: „Und schweigend starrte ich noch lang / in der Gedanken Abgrund nieder.“ https://www.projekt-gutenberg.org/paoli/neuestgd/neuest06.html Hier wird das vorsichtig ausgesprochen, was wie ein Roter Faden durch meinen Gedicht-Blog zieht: Glauben, der die Grenzen sprengt.

Es gibt im Menschen eine heilige Kraft: zu lieben – und dieses Gefühl ist aus Gott geboren („Ich dien´!“) Sie beklagt häufiger, dass die Dichter in ihrer Zeit nichts gelten, nicht gehört werden. Ob sie damit wirklich dem Gedanken huldigt, der später bvedeutsamer werden sollte, dass der Dichter eine neue Religion bringt, kann ich anhand der Gedichte nicht bestätigen (s. Rilke). In diesem Gedicht „Der Dichter“ beschreibt sie, was einem Dichter passiert: „Wenn er der Seele Jubel, ihre Klagen, / Gen Himmel sendet auf des Liedes Schwingen, / Fühlt er der Gottheit Hauch sein Herz durchdringen, / Und seinen Lohn hat er davongetragen.“ Vielleicht hat sie sich damit beschrieben. Denn dann spricht sie Ihr Mitleid mit denen an, die durch die Dichter-Worte nicht erhellt werden. Aber dennoch, auch wenn sie ihre Zeit kritisch sieht, erkennt sie, dass In ihrer Zeit etwas Besonderes geschieht: Fromme mögen zwar beklagen, dass „Christi Reich zersplittert“, sie aber sieht darin, dass von den Dogmen befreit die Zeit christlicher wird, da der Strahl der Liebe die Seelen durchzittert und man sich um Unterdrückte kümmert. Hier

Gott begegnet in den Gedichten – nicht aber die Götter, die Gedichte ihrer Zeitgenossen bevölkern. Vielleicht ist Gott auch gemeint, wenn sie den Weltengeist preist. Er ließ sie Schweres erleben, lehrte sie dadurch, was Leben ist; ließ sie Schweres erleben, dadurch lernte sie kämpfen, und lehrte sie lieben. („Wer nie sein Brot mit Thränen aß“) Hier

In diesem Band „Neue Gedichte“ verteidigt sie ihr Schreiben. Ich habe schon häufiger darauf hingewiesen, wie Dichterinnen mit Angriffen umgehen. Sie schreibt „Einem Tadler“ in Aufnahme des Johannesevangeliums, dass sie nicht der Tröster ist, nicht der Messias, im Gegenteil, sie ist es nicht einmal Wert, das Nahen des Messias zu verkünden: „Das Amt, das mir der Herr beschied, / Wozu er Kraft verlieh der Schwachen, / Kein andres ist´s als durch das Lied / Die Sehnsucht brünst´ger anzufachen.“ (Mit Blick auch, dass Gott ihr das Dichten als Pfand anvertraute: „Bekenntniß“) Gleichzeitig kennt sie aber auch das Gefühl, dass ihr von Menschen Gott geraubt wurde.

Emanuel Geibel (1815-1884)

War ein zu seiner Zeit sehr bekannter Dichter. Seine späten Gedichte lassen erkennen, wie sehr er Naturgefühl mit christlicher Religion vermischte. So heißt es im „Sonntagsmorgen im Walde“: „Von fernen Türmen kommt Geläut geflossen / Und mischt sich in der Schöpfung Opferrauch, / Und im gelinden Säuseln ausgegossen / Empfind‘ und atm‘ ich reinsten Lebenshauch; / Ich fühl’s, ich hab‘ ein Heiligtum betreten, / Und all mein Wesen wird ein wortlos Beten. / Da spielt vom Geist, der einst in Feuerzungen / Herabfuhr, auch um meine Stirn ein Wehn; / Voll Ehrfurcht lern‘ ich, was mir fremd geklungen, / Als zeitlich Kleid des Ewigen verstehn! / Gedank‘ und Andacht sind in eins verschlungen / Wie Farben, die im reinen Licht vergehn, / Und meiner Brust ist jener Gottesfrieden, / Der kein Bekenntnis hat noch braucht, beschieden.“ Ähnlich in seinem Gedicht „Morgenwanderung“. Dort heißt es in der zweiten Strophe:
Die ganze Welt ist wie ein Buch,
Darin uns aufgeschrieben
In bunten Zeilen manch ein Spruch,
Wie Gott uns treu geblieben;
Wald und Blumen nah und fern
Und der helle Morgenstern
Sind Zeugen von seinem Lieben.“

Geibel findet in gewisser Weise Gott in seiner Naturstimmung. So heißt es auch in „Stille der Nacht“, die er auf einer Wanderung erlebt: „Der letzte leise Schmerz und Spott, / Verschwindet aus des Herzens Grund; / Es ist, als tät der alte Gott / Mir endlich seinen Namen kund.“ Er mischt sich – wie Ansätze zeigen – seine eigene Religion. Ob ihm bewusst war, was er mit diesem folgenden Gedicht anspricht? Im Alten Testament stellt Gott sich Mose so vor: Ich bin, der ich bin. Und der Autor formuliert: „ Ich bin, der ich bin, / Und lernt‘ ich von vielen: / Nach eigensten Zielen / Stand immer mein Sinn.“ Traditionell klingt es in dem Gedicht Hoffnung: Er beschreibt die Grauen des Winters. Zuletzt heißt es: „Und wenn dir oft auch bangt und graut, / Als sei die Höll auf Erden, / Nur unverzagt auf Gott vertraut! / Es muss doch Frühling werden.“ Traditionell – oder im Sinne des zuvor Genannten?

Helene Branco / Dilia Thelyma bzw. Helena (1816-1894)

über sie ist mir nicht sehr viel bekannt geworden, was wichtig wäre, um ihre Gedichte einordnen zu können. Sie hat Lieder in einer bewundernswerten Leichtfüßigkeit geschrieben – im Wesentlichen weltliche Texte, Liebeslieder. Hier und da wird der Glaube eingebracht. So ein Liedchen, dass sie „Dem Söhnchen gesungen“, damit er einschläft. Darin heißt es: „Schlaf in Gottes Schoß geborgen / Bis zum goldnen Sonnenmorgen.“

Ein Gedicht möchte ich nennen, in dem sie die „Allmacht Gottes“ besingt. Wenn Menschen auf das Thema zu sprechen kommen, kommt Gewaltiges zur Sprache. Was macht die Autorin? Sie besingt ein „Blümchen im kühlen Grund“ und in der zweiten Strophe: „Heimchen im grünen Gras / Zirpet wohl dies und das, / Freuet sich sehr, / Singet von Gottes Macht, / der es hervorgebracht / Zu seiner Ehr.“ Nun ist das ein leichtes Gedichtchen – aber in dem Gedicht „Des Mädchens Wunsch und Geständnis“ schreibt sie dem Geliebten, dass sie ihm nichts geben kann „Als meine Lieb und Liedergabe.“ – Wie das Heimchen. https://gedichte.xbib.de/Branco_gedicht_057.+Allmacht+Gottes.htm Es sei auf noch einen Text hingewiesen: „Natur“. In dem oben zu sehendem leichten Gesang besingt sie die Natur. Sie schließt: „Kommt, und laßt uns Hütten bauen, / Hier nur lernt man Gott verstehn!“ Ich vermute, dass sie nicht wusste, worauf sie damit anspielt. In den Evangelien gibt es eine Stelle, in der Jesus mit Mose und Elias zusammentrifft – die drei ausgewählten Jünger, die das erleben, wollen diesen Moment der Erhabenheit, der Erhebung Jesu als Sohn Gottes festhalten und sagen: Wir wollen Hütten bauen. https://gedichte.xbib.de/Branco_gedicht_033.+Natur.htm

Am Ende ihres Lebens lebte sie lange in einer Psychiatrie.

Marie Laura Förster (1817-1856)

Mit ist zu ihrem Leben nichts bekannt, das helfen würde, die Gedichte besser zu verstehen. Ein Gedicht habe ich gefunden, dass den Glauben anspricht. Weil es den Roten Faden meiner Gedicht-Darstellungen erwähnt, möchte ich einen Auszug daraus nennen. Es geht darum, dass der Mensch sich selbst Leiden schafft während Gott sein Glück will. „Kannst du dich in Ihn versenken, / Dann nur bist du fessellos, / Dich verlierend, Ihn nur denken, / O dann bist du frei und groß. / Nur im süßen Selbstvergessen / Kannst du Theil des Schöpfers sein“. Wenn der Mensch gelernt hat, anbetend zu schweigen, zieht nicht Gott ihn empor, sondern: Der Mensch zieht sich in Gott empor. Mit dem anbetenden Schweigen ist also nicht die Auslöschung des wollenden Menschen verbunden, sondern die Erhöhung. („Anbetend schweigen“) http://www.deutsche-liebeslyrik.de/forster_marie.htm

Theodor Storm (1817-1888)

Storm war Jurist und Schriftsteller. Novellen haben ihn bis heute berühmt gemacht. In seiner Zeit kümmert man sich um Angelegenheiten des Bildungsbürgers.

Er hat, soweit ich sehe, hier und da einmal etwas Anheimelndes über den Kinderglauben geschrieben (z.B. Weihnachtslied von 1845), wendet sich mit Grausen ab vom Kreuz (Crucifixus). In Herrgottskinder beschreibt er, dass Gott alle Tiere liebt – Menschen aber arbeiten müssen, weil sie mündig sind. Interessant im Zusammenhang meines Themas ist der Text: Schließe mir die Augen beide.Schließe mir die Augen beide / Mit den lieben Händen zu! / Geht doch alles, was ich leide, / Unter deiner Hand zur Ruh. // Und wie leise sich der Schmerz / Well‘ um Welle schlafen leget, / Wie der letzte Schlag sich reget, / Füllest du mein ganzes Herz.“ Es ist vermutlich ein Liebesgedicht, entstanden im Jahr der Hochzeit. Gleichzeitig sprengt es das, was es auf Liebe begrenzt: Beide Augen schließt man von Menschen, wenn sie gestorben sind. Auch die Formulierungen in der zweiten Strophe weisen darauf hin. Vielleicht haben wir hier schon das, was auch in der Gegenwart zu finden ist: Es werden Lieder gedichtet, die Glaubende auf Gott beziehen können und Nichtglaubende auf Menschen. Das wird bei Storm in diesem Sinn noch nicht vorhanden gewesen sein, aber allein vom Text her betrachtet liegt es nahe, ihn auch auf das Sterben und auf Gott zu beziehen.

Caroline Maria Noel (1817-1877)

Caroline Maria Noel war Tochter eines Pfarrers der Kirche von England und hatte fünf Schwestern. Sie begann im Teenager-Alter zu dichten. Hörte aber damit auf und begann erst wieder, als Krankheit sie niederwarf. Über 20 Jahre war sie zeitweise gelähmt ans Bett gefesselt und diktierte in dieser Zeit ihre Texte, auch in Nächten der Schlaflosigkeit. Diese Texte sollten eher Gedicht-Meditationen sein als Lieder. Diese Gedichtmeditationen, unter dem Titel: „Der Name Jesu“, sind, wie es ursprünglich im Untertitel hieß, für Einsame und Kranke gedacht, um ihnen Glaubenshilfe zu geben. Sie versuchte nicht allein anderen Glaubenshilfe zu geben, sondern selbst mit ihrer Krankheit im Glauben zurechtzukommen, sie zu akzeptieren. Vor ihrer Krankheit wird sie als eine beschrieben, die vielseitig an allem möglichen interessiert war, die alles Schöne in Natur und Kunst liebte, sehr menschlich war. Das wird an der Grundintention des Buches deutlich. Einige ihrer Texte wurden zu Hymnen vertont. Sehr bekannt wurde ihre Wiedergabe des neutestamentlichen Hymnus aus dem Brief an die Philipper 2: At the Name of Jesus. Das lange Gedicht „der Name Jesu“ hat auch diese Intention, allerdings sind in dem Abstieg und Aufstieg Jesu intensive Reflexionen eingefügt, zum Beispiel: „O Name Jesu! Dieses kleine Baby, / das an den sonnigen Hängen von Nazareth herumlief, / das ruhig und stumm auf dem Boden der Hütte / mit wilden Blumen spielte.“ Nach der Beschreibung des Herabkommens Jesu vom Himmel wird sein Aufstieg beschrieben – dann aber auch das herabkommen im Geist auf die Glaubenden bis zur Gegenwart. Es endet mit der Hinwendung – dem sich Hinaufwenden der Glaubenden: „Denn Jesus ist der Name Gottes: / Beruhige deine Gedanken und bete ihn still an! / Wenn du vor ihn kommst, um ihn zu sehen, wie er ist / wirst du mehr wissen.“

Caroline M. Noel: The Name of Jesus, and Other Poems, New York, 3. Auflage 1863 https://archive.org/details/fjesusother00noel/page/n5/mode/2up und: Caroline M. Noel: The Name of Jesus and Other Poems, fort he Sick and Lonely, London 1876 (2017 Hard Press). Eigene Arbeits-Übertragungen.

Ihr letztes Gedicht (Seite 203) „Even so, Lord Jesus“.
Einmal mehr flüstert sie den Namen Jesu, das Herz bewahrt sein Geheimnis.
Aber jetzt redet sie davon: von der andauernden Gnade Jesu,

Die  Liebe Jesu überflutet all meine Bedürfnisse,
sie spült weg alle Bitterkeit und Traurigkeit.

Bitterkeit, die der Unglaube in mir hervorgerufen hat.
Aber kann meine Traurigkeit wirklich bitter sein,
wenn sie schon die kommende Freude bei Gott spürt?

Diese Freude sprengt sich schon jetzt ab von der Traurigkeit,
sie wächst in die Höhe zu dem Glück und zu der Schönheit der Welt Gottes.

Während die Freude über alle Furcht und Gefahr hinauswächst,
vergrößert Jesus durch meine Traurigkeit mein Herz,
um es mit neuem Segen zu füllen.

„Herr, fülle alles, was in mir schlimm ist, mit Dir selbst,
denn du kennst alles, was mich von dir trennt,
ja, fülle mich mit dir selbst, du bist mein Schatz.

Aber ich bin schwach und giere nach dem,
was mir Erleichterung bringen kann.
Komm und entlocke du meinem Herzen,
ein `Dennoch, Herr Jesus!´“

In dem Buch wird noch ein Anhang mit weiteren Gedichten genannt, die zu den letzten ihrer Gedichte gehören. In dem Gedicht „The Communion of the Sick“ beschreibt sie ein Gespräch zwischen Jesus „The Master“ und der Kranken.

Sie fühlt sich wie ein abgeschnittener Zweig. Das Leben, das in anderen fließt, ist in ihr erstarrt. Sie liegt allein in Dunkelheit und Öde, hat keine Quelle der Freude und des Lobens in sich. Dann sagt Jesus, dass sein Kind, sie, mit dem lebendigen Brot und dem Wein gestärkt werden solle, um die Seele zu stärken, sie zu tränken mit dem Wasser vom Fluss des Friedens. Diese Worte erheben sie, steigern sich wie die Melodien einer Orgel, von Händen sanft berührt, ein herrlicher Klang, der das Herz beschwingt und es wie sanfte Wellen umweht. Sie weiß sich im Himmel und hört die Engel singen, dem dreieinigen Gott. Die Vision verebbt. Aber der Friede Gottes liegt über dir. Die Seele wird zur Ruhe gebracht an der Brust des Heilands. Er trägt sie durch Leiden und Aufruhr, bis sich die Sterblichkeit ins Leben verliert – Until Mortality be lost in Life.

Mit der Vorstellung dieser beiden Gedichte möchte ich es bewenden lassen. Sie zeigen ihren Kampf. Die Grenze, die ihre Bettlägerigkeit ihr setzt, wird vielfach durch Glauben überwunden: durch Gebet, durch Vision, durch das Abendmahl, durch erfahrene Worte Jesu, dadurch, dass sie ihre Not vor Gott aussprechen kann und Kraft bekommt. Und sie teilt ihre Erfahrungen mit, versucht damit die Grenzen, in denen andere gefangen sind, zu durchbrechen, indem sie einlädt zur Vision, zum Gebet, zum Glauben.

Auguste Hyrtl (1818-1901)

Ich möchte sie nur mit einem Gedicht nennen, das ich auch intensiv zitiere. Das hat den Grund, dass es eine Kindergebet-Variation gibt, in der soweit ich sehe nie eine Verfasserin genannt wird, aber ihr zu Ehren muss man es dann doch sagen http://www.deutsche-liebeslyrik.de/hyrtl.htm : „Du hast die Wunder all‘ vollbracht / Wer hat die Welt so schön gemacht, / Wer gab den Tag, und wer die Nacht, / Die Sterne, Sonn- und Mondes-Schein, / Wer brachte Ordnung da hinein? / Wer hat die Blümchen denn gelehrt, / Die Köpfchen nach der Sonne kehrt. / Wer gab die helle Farbenpracht, / Aus der ihr Frühlingsschmuck gemacht? / Wer gab dem Vöglein in die Brust / Das Lied der Lieb‘, das Lied der Lust; / Wer sagte ihm, jetzt bau‘ dein Nest, / So statt‘ es aus, so mach‘ es fest? / Und wer, ich frage, gab das Herz, / Empfänglich gleich für Freud und Schmerz? / Und wer das helle Himmels-Licht, / Die Seele, die vom Höh’ren spricht? / Das, Herr und Gott, war Deine Kraft, / Du hast die Wunder all‘ vollbracht.“ 

Emily Brontë (1818-1848)

Emily hatte sechs Geschwister. Drei der Schwestern dichten zum Teil gemeinsam und phantasieren sich eine Geschichte. Mit den Gedichten hatten sie zunächst nicht viel Erfolg. Vor allem Emilys Roman „Wuthering Heights“ lässt jedoch ihren Ruhm bis in die Gegenwart erschallen. Dabei sind die Gedichte auch äußerst anregend.

Die Geschwister sind Kinder eines Pfarrerehepaares. Die Mutter starb, als Emily drei Jahre alt war. Der Tod holte sich ein Kind nach dem anderen aufgrund von Krankheiten (Typhus, Tuberkulose), im Erwachsenenalter starben dann auch vor der ebenfalls jung gestorbenen Emily der Bruder und eine Schwester. Im Wesentlichen spielte sich das Leben von Emily im Familienhaus ab – auch der Unterricht. Sie wurde in ihrer Zeit als Eigenbrötlerin angesehen. Dennoch wollte sie, um den Lebensunterhalt bestreiten zu können, Lehrerin werden. Charlotte und Emily fuhren nach Brüssel, um dort entsprechend für den Beruf vorbereitet zu werden. Sie sprach französisch, konnte Griechisch und Latein. Zurückgekommen half sie jedoch lieber in der Familie, lebte viel in der Natur im Norden von Großbritannien. Sie starb wohl 1848 an Tuberkulose, verweigerte zunächst medizinische Hilfe, weil das der Natur widersprach, weigerte sich, im Bett zu liegen und sich durch die Krankheit einen anderen Alltag aufdrängen zu lassen.

Die Schwestern veröffentlichten unter Pseudonymen, so auch 1846 ihre Gedichte. Es handelt sich zum Teil um ernsthaft-spielerische Gelegenheitsgedichte, die sich um die Geschichte, die sie sich ausgedacht haben, drehen. Gleichzeitig hatte Emily aber auch ein davon zu unterscheidendes Gedichtheft angelegt. In all diesen Gedichten klingt immer mal wieder das Thema Gott an. Gott als Beschützer wird angesprochen, es wird Auferstehung unspezifisch in den Blick genommen (My only wish ist to forget / In the sleep of death). Immer wieder finden wir knappe eher allgemeine Notizen mit Blick auf Gott: rein (pure) zu Gott gehen (48), Gott weiß (49) usw.

Manchmal sind jedoch tiefgehende Sätze zu finden. So zum Beispiel im Kontext von Leiden: „Once drinking deep oft hat divinest anguish, / How could I seek the empty world again?“ Wenn man den Becher des Leids (hier geht es darum, dass ein geliebter Mensch gestorben ist), den Gott gegeben hat, trinken musste, wie kann man dann wieder die leere Welt suchen wollen? (IV [158] Remembrance) Manche Zeilen sind mit Blick auf den Glauben spannend (XIV [152]): „Ist es falsch, anzubeten, wenn weder Glaube zweifelt, noch Hoffnung verzweifelt und meine Seele mir ermöglicht zu beten?“ Womit sie ein sehr modernes Wort ausspricht: Man glaubt, wagt aber nicht zu glauben. Und dann folgt: „Sprich, Gott der Visionen, bitte für mich und sage mir, warum ich dich erwählte!“ Das Gebet spielt auch sonst eine Rolle: „My words died in a voiceless moan / When I began to pray“ (11); vgl. auch 12: „The anxious prayer was heard and power / Was given me in that silent hour„; 71: Das Gebet setzte das Herz in Flammen, aber die Zunge gefror; 97 heißt es unter anderem:

Wanderer knie nieder und bete.
Was für Zukunft wird dich erwarten?
Der Himmel wird von inbrünstigen Gebeten bewegt.
Gott ist Barmherzigkeit – leb wohl!

In 126 wird der gnädige Gott schreiend unter anderem gebeten, „meine Engel-Seele“ rein zu halten; in 131 werden schlimme Stunden angesprochen, die Macht haben, den Glauben zu zerstören, daran zu zweifeln, dass Gott beschützt, die fluchen lassen, statt zu beten. Dennoch: Die Barmherzigkeit Gottes wird häufiger angesprochen, so in 113:

Gott ist nicht wie ein Mensch.
Der Mensch kann nicht des Allmächtigen Gedanken lesen,
Doch Rache wird dich nicht ewig foltern
Und deine Seele ewig jagen
.

Darum denke nicht in der Nacht der Trauer,
In der Zeit überwältigender Furcht,
Dass Gott dich verlässt,
vergisst, verlässt, sich weigert zu hören

Der Mensch lebt in vielfältigen Spannungen, die in den Gedichten, wie gesehen, angesprochen werden. Diese Spannung, in der der Mensch lebt, wird auch in den Zeilen deutlich: „Ich stehe in der herrlichen Sonne des Himmels, und im Glanz der Hölle – mein Geist trank aus beiden.“ (XX [144] My Comforter). Spannungen gibt es auch in der Frage des Glaubens: „Und dann werde ich hingehen und überprüfen, ob Gott wahr ist.“ (71) Der Mensch ist aber auch bereit, Tugend, Glauben und Himmel wegzuwerfen. Zudem kniet der Mensch vor Gott, betet aber kriminelles Tun an und zerstört die Hilflosen. „Ich flüstere in jedem Gebet“, dass Gott es denen heimzahlen wird, die anderen die Hölle bereiten, die giftige Pfeile schießen (168). Sie spricht von den Tränen derer, die Blut vergießen, den Selbstverfluchern, die eifrig dabei sind Not zu verbreiten, die den Himmel mit unsinnigen Gebeten verspotten, indem sie für sich, die Unbarmherzigen, Barmherzigkeit erflehen (169).

Das Thema Sterben wird immer wieder angesprochen: „I know our souls are all divine / I know that when we die / What seems the vilest, even like thine / A part of God himself shall shine / In perfect purity – „ (138)

Eines ihrer Gedichte sei nun besonders hervorgehoben (167):

No coward soul is mine
No trembler in the world´s storm-troubled sphere
I see heaven´s glories shine
And Faith shines equal arming me from Fear

O God within my breast
Almighty ever-present Deity
Life, that in me hast rest
As I Undying Life, have power in thee

Vain are the thousend creeds
That move men´s hearts, unutterably vain,
Worthless as withered weeds
Or idlest froth amid the boundless main

To waken doubt in one
Holding so fast by thy infinity
So surely anchored on
The steadfast rock of Immortality

With wide-embracing love
Thy spirit animates eternal years
Pervades and broods above,
Changes, sustains, dissolves, creates and rears

Though Earth and moon were gone
And suns and universes ceased to be
And thou wert left alone
Every Existance would exist in thee

There is not room for Death
Nor atom that his might could render void
Since thou art Being and Breath
And what thou art may never be destroyed

Versuch einer Übersetzung:

Keine feige Seele gehört mir
Kein Zittern im Weltensturm
Ich sehe die Herrlichkeiten des Himmels strahlen
Und der Glaube strahlt und bewaffnet mich gegen Furcht

O Gott, in meiner Brust
Allmächtiger, immer anwesender Gott
Leben ruht in mir
Wie Ich – Unsterbliches Leben – habe Kraft in Dir

Eitel sind die tausend Bekenntnisse
Die der Menschen Herzen bewegen, unsäglich eitel
Wertlos wie vergehendes Gras
Nutzloser Schaum inmitten grenzenlosen Meeres (sinngemäße Übersetzung)

Die Zweifel in einem wecken
Festgehalten von Deiner Unendlichkeit
So sicher verankert auf
Dem festen Felsen der Unsterblichkeit

Weit umarmt von Liebe
Dein Geist belebt ewige Zeit
Durchdringt sie und brütet über sie
Verändert, erhält, löst sie auf, erschafft und macht rückgängig (sinngemäße Übersetzung)

Wenn Erde und Mond vergangen sind
Und Sonnen und Universen aufhörten
Und nur noch Du alleine bist
Alles, was ist, würde in Dir sein

Da ist weder Raum mehr für den Tod
Noch für das Atom, dessen Macht ungültig macht
Seit Du bist Sein und Atem
Und was Du bist, möge niemals zerstört werden

Dieses Gedicht sei ganz zitiert, weil es noch eine andere Emily begeistert hat: Emily Dickinson. Diese große amerikanische Dichterin, die in ihren eigenen Gedichten so unsicher ist, was den Glauben betrifft, wollte es auf ihrem Grabstein geschrieben haben – es wurde als ihr Lieblingsgedicht auch bei der Trauerfeier vorgelesen.

Dieses Gedicht – ein Gebet – geht auf die Basis des christlichen Glaubens zurück: Gott allein. Wie Paulus schreibt: Gott wird sein alles in Allem. In diesem Zusammenhang werden auch biblische Texte zitiert und auf sich bzw. auf ihren Glauben bezogen. Sie hat sich, wohl aufgrund ihrer Erfahrungen mit Todesverlusten, viele Gedanken um den Glauben und das Sterben gemacht. Sie hat keine Angst vor nichts und niemandem – auch nicht vor den Tod. Denn Gott ist ihre Lebenskraft und wird sie auch nach dem Sterben sein. Aber – die letzte Zeile weist dann doch auf ihre kleine Unsicherheit hin: Kann Gott auch zerstört werden? Überhaupt oder nur für sie und ihren Glauben? Deutlich wird, dass sie sehr stark Gott mit „Leben“ verknüpft – ihn aber als ein „Du“ ansieht, also nicht einfach mit „Leben“ identifiziert. Und wenn Whitman und andere davon sprechen, dass nur der atomisierte Mensch, nur noch die Atome vereinzelt überleben werden, so sieht sie hinter diese Atome. Diese sind nicht aus sich heraus, sie sind, weil Gott ihnen ermöglicht zu sein.  

Aus dem gefällten Baum sprießen neue Pflanzen – die Leiche des Baumes spendet ihre Kraft, die er aus der Ewigkeit hat (XVI [159] Death). Dieses Bild finde ich auch mit Blick auf ihr Schreiben erwähnenswert: Sie ist der gefällte Baum – und ihre Gedichte wirken aus der Ewigkeit weiter. Um mir diese Bemerkung zu erlauben.

Gedichte zitiert nach: Emily Brontë. The Complete Poems. Edited and with an Introduction by Janet Gezari, Penguin Classics 1992. Biographische Angaben: Claire O´Callaghan: Das andere Gesicht der Emily Brontë. Eine Biographie aus der Sicht des 21. Jahrhunderts. Übersetzt von Marion Ahl, ePub-e-Book, Dryas Verlag Hamburg 2020 (engl. 2018). Die Übersetzungen sind eigene Arbeitsübertragungen.

Theodor Fontane (1819-1898)

Theodor Fontane stand dem Christentum etwas distanziert gegenüber, weil es moralische Forderungen stellt, die man nicht einhalten kann – und wenn jemand sie einhält, wird einem vor diesem angst und bange, wie er in einem Brief an Georg Friedländer schreibt. Das betrifft aber Christen. Er mochte keine „schweifwedelnden Pfaffen“, also solche, die sich von Mächtigen abhängig machen https://www.evangelisch.de/inhalte/163215/17-12-2019/wer-war-theodor-fontane-und-wie-stand-er-zum-christentum (sehr gut in diesem Beitrag ist auch das, was zum Thema Antijudaismus gesagt wird). Fontane fühlt sich von einer Macht abhängig – und dieser soll man nicht hineinpfuschen. Von Theodor Fontane gibt es einen sehr guten Text, der die Zerrissenheit der Menschen des 19. Jahrhunderts beschreibt. Weil er so bedeutsam ist, zitiere ich ihn ganz:

Bekenntnis

Ich bin ein unglückselig Rohr:
Gefühle und Gedanken
Seh‘ rechts und links, zurück und vor,
In jedem Wind, ich schwanken.

Da liegt nichts zwischen Sein und Tod,

Was ich nicht schon erflehte:
Heut bitt‘ ich um des Glaubens Brot,
Daß morgen ich’s zertrete;

Bald ist’s im Herzen kirchenstill,
Bald schäumt’s wie Saft der Reben,
Ich weiß nicht, was ich soll und will; –
Es ist ein kläglich Leben!

Dich ruf‘ ich, der das Kleinste du

In deinen Schutz genommen,
Gönn meinem Herzen Halt und Ruh,
Gott, laß mich nicht verkommen;

Leih mir die Kraft, die mir gebricht,

Nimm weg, was mich verwirret,
Sonst lösch es aus, dies Flackerlicht,
Das über Sümpfe irret!

So einfach, wie es sich manche mit der Theodizee machen, so einfach, dass man meint, man kommt um die Frage herum, indem man sie leugnet, geht es laut Fontane nicht: „Die Frage bleibt“ „Halte dich still, halte dich stumm, / Nur nicht forschen, warum? warum? / Nur nicht bittre Fragen tauschen, / Antwort ist doch nur wie Meeresrauschen. / Wie’s dich auch aufzuhorchen treibt, / Das Dunkel, das Rätsel, die Frage bleibt.

Aber er kennt auch das  Glück des Glaubens – das Glück des Lebens besteht für ihn darin, mit seiner Natur in Einklang zu sein: „Felder rings – ein Gottessegen / Hügel auf- und niederwärts, / Und auf stillen Gnadenwegen / Stieg auch uns er in das Herz.“

In der späteren Zeit, war es nicht Gott, der in das fühlende Herz kam. Dieses Gefühl der Einheit mit der Natur brachte Menschen dazu, die Rasse in das Gefühl einzubringen: Alle Menschen arischer Rasse spüren die Macht der Natur in sich rauschen. Es sei damit nur darauf hingewiesen, dass das Natur-Gefühl als solches unterschiedlich interpretiert werden kann. Darum bestehen Christen darauf, dass Jesus Christus Offenbarung Gottes ist, nicht das Natur-Gefühl. Dieses kann aus christlicher Perspektive auf den Schöpfer weisen – aber der Glaube an Christus muss dem Gefühl vorangehen.

Louise Otto-Peters (1819-1895)

Sie wurde als Jugendliche Vollwaise. Lernte die Armut der Menschen kennen. Engagierte sich ganz intensiv für die Freiheit und das gleiche Recht: der Arbeiter, der Frauen, von Deutschland, trat ein für die Menschenrechte. Sie war sehr sozial, karitativ und national eingestellt. Sie scheute sich nicht, massiv anzuecken. „Mir gibt des Himmels Gnade doch die Lieder / Wenn er mir auch verweigert Gut und Gold. / Was er mir giebt – den Armen sei es wieder / Mit treuem Sinn als Liebespfand gezollt.“ („Allein“) „Die ewge Liebe schuf uns alle gleich. / Verhieß uns allen: Sehen, Freiheit, Frieden: / Ich ringe fort bis sich der Spruch erfüllt: / Daß Fried und Freiheit für uns alle quillt.“ („Im Erzgebirge“)

Sie verehrte Luther und die mit ihm verbundene deutsche Religion, verflucht die Jesuiten: „Wir wollen Christentum in seiner Reinheit / Und eine neue Kirche wird sich heben / Vielleicht ein würdig Sinn Bild deutscher Einheit…“ – gegen die katholische Kirche. Luther hat sie auch für sich selbst eingenommen: Wenn sie alle über sie herfallen und verstoßen sollten: „Und wenn mein Herz von Euch verstoßen, bricht, / So bricht´s mit Luthers Worten doch zusammen: / >Gott helfe mir! – doch anders konnt ich nicht!< -„ („Wartburg“) „Nur freie Menschen beten frei zu Gott / Nur in der Freiheit lebt das Christentum!“ („Dom zu Breslau“) Zudem besingt sie Frauen der Reformation.

Nachdem Hamburg eine massive Feuersbrunst zu erleiden hatte, verglich sie das mit dem Dornbusch, in dem Gott dem Mose erschienen ist: „Erschien er jetzt und weckt uns ihm zu dienen / Durch Feuersgluten jählings uns gesandt!“ (Gedichte: Hier ) Sie verwendet an dieser Stelle eine alttestamentliche Erzählung, um damit die Gegenwart zu prägen. Das geschieht auch in dem eindrücklichen Gedicht „Im Kirschberger Thal“: Hier sieht sie in einem Dorf ungeheure Armut. Sie weint wegen dieser Menschen und „Ein wortlos stilles Beten, / Bis einen Schrei hervor ich stieß. – / O hört ihn nicht vergebens! – / Die Schlange ist im Paradies / Und frißt vom Baum des Lebens!“ Ebenso sieht sie im „Epilog der >Lieder eines deutschen Mädchens. 1847<“ auch die Ostergeschichte: „Der Gott der Liebe ist vom Grab erstanden, / Das Reich des Wahn´s des Hasses wird zuschanden! / So wirds geschehn. – Es wird ein Tag erscheinen / Wo alle Völker frei und stolz sich heben…“. Sehr intensiv wird das in „Und ich bin nichts als ein gefesselt Weib“ vertieft, in dem ein Prophet ausspricht, dass Gott ein Volk – das deutsche Volk – befreien werde. Entsprechend kann sie auch „Im Drachenfels“ eine alte Sage mit dem christlichen Glauben verbinden: „Durch sie zum Glauben reiner Menschenliebe / Durch sie zum milden Christengott bekehrt! – O daß die Sage doch lebendig bliebe / In unsrer Zeit, die noch vom Wahn bethört!“

In „Moosrose“ ruft sie auf, dem Gott zu vertrauen, der nicht nur im Wettertoben redet, sondern auch in Rosenglut und im hellen Strahl, der „im Kelche funkelt“.

Angemerkt sei, dass die Lerche, die schon in vielen Gedichten begegnete, auch als Gottesbotin, bei der Dichterin wird sie häufig mit Freiheit verbunden.

Wir sehen bei dieser Autorin, dass sie die Sozialpolitik intensiv mit dem Glauben verbunden hat. Und das auch in dem sehr eindrücklichen Gedicht: „Für alle“. Für alle handelt Gott. Er handelt nicht für einzelne Menschengruppen, sondern für alle. Das sieht sie in der Heiligen Nacht gesungen: „Für alle will der Herr sich offenbaren / in seiner ewigtreuen Liebesmacht“, alle hat er in der Gemeinde geeint. Für alle gilt der Opfertod Jesu: „Denn allen ward verkündet seine Lehre, / Die in der Gleichheit aller Menschen ruht.“ – „Der Kelch des Heils für alle!“ Dann schildert sie die Menschenrevolution, die nur Männern galt. Sie reden sich als Brüder an, aber Frauen bleiben ohne Rechte. „Der Frauen Schar, die in den Staub getreten, / Ward nur erhoben an des Glaubens Hand. / Die Besten lernten fromm zum Himmel beten, / Weil die Erdenwelt sie nicht verstand“ – die anderen Frauen ließen sich dazu überreden, nur Spiel und Tand und für die süße Minne zu sein. Doch wie vor Gott alle gleich sind, so wird es auch in der Menschheit sein: „Erlösung kam für alle!“

Walt Whitman (1819-1892)

Er war einer der bedeutendsten amerikanischen Dichter, wenn nicht: der Bedeutendste – zumindest in den Augen seiner Fans. Sein Gedichtband „Leaves of Grass“ (1855) begründet seinen Ruhm; er wurde von ihm immer wieder verändert. Er war Drucker, Lehrer, gab Zeitungen heraus. Im Bürgerkrieg wirkte er in Lazaretten und verarbeitete die Erfahrungen ebenfalls in Gedichten. Schrieb Essays und andere Texte. Er arbeitete nur kurz im Innenministerium und wurde dann wegen unsittlicher Texte entlassen.

Er singt sich Hymnen, der Schönheit des menschlichen Körpers, der Natur. Er ist in seiner Art selbstbewusster Naturmensch, der Städte mit ihrem Durcheinander liebt. Er ist Amerikaner, der seine Zeit in ihren verschiedensten Facetten repräsentiert und ihr Ausdruck gibt. Leben, sterben – alles gehört zusammen. Aber er steht im Mittelpunkt. Er bestattet einen im Krieg gefallenen Kameraden – und denkt an die von ihm erwiderten Küsse. In einem Gedicht sieht er drei Tote liegen. Einer von ihnen: „Ein Antlitz weder Kind noch alt, sehr ruhig, gleichwie aus schönem Elfenbein, gelbweiß; / Jüngling-Mann, ich glaube, ich kenne dich – ich glaube, dies Antlitz ist das Antlitz Christi selbst, / Tot und göttlich, und Bruder Aller, und liegt aufs neue hier.“ Viele Gedichte beschreiben mitfühlend Kranke und sterbende Soldaten, sind ein Hymnus an den Tod. In „Ich sitze und schaue auf alle Plagen der Welt“ endet er mit: „Auf all diese – alle Gemeinheit und Qual ohne Ende, schaue ich sitzend hin, / Sehe, höre und schweige.“ (120) Und manche beschreiben grausame Szenen, die die Grausamkeit verniedlichen, so wenn er einen Sklaven im Wasser ertrinken sieht – ein schöner Körper. Aber nicht immer ist der Tod einfach so als Atomisierung des Menschen gedacht: „Nacht in der Prärie“ endet: „O, ich sehe nun, daß das Leben mir nicht alles offenbaren kann, ebenso wie der Tag es nicht kann, / Ich sehe, daß ich warten muß auf das, was der Tod offenbaren wird.“ (122) Spannend ist das Gedicht „Wagst du nun, o Seele, Auszugehen mit mir in das unbekannte Land, / Wo weder Grund für den Fuß ist, noch Pfad zu folgen?“ Von allen Fesseln befreit „Dann stürmen wir vor, dann fluten wir / In Raum und Zeit, o Seele, bereitet für sie, / Ihresgleichen, ausgerüstet endlich, (o Freude! O Frucht alles Seins!), sie zu erfüllen, o Seele.“ (131) (Walt Whitman: Grashalme. Neue Auswahl Deutsch von Hans Reisiger, S. Fischer, Verlag Berlin 1919) Allerdings ist sein Ansatz grundlegend der, den er in Epikur wieder gefunden hat, dass alles Sein mit dem Sterben zu seinem Ursprung zurückgeht, also Atom wird. Alles wird wieder in seine Einzelteile zerlegt, um Neues zu werden. In dem Gedicht „Ausgehend von Paumanok“ wird ganz deutlich, was seine Religion ist: Das, was ich soeben beschrieben habe. Mit dem Namen „Paumanok“ greift er einen indigenen Ortsnamen auf (Long Island).

Whitman ist geprägt vom in seiner Zeit verbreiteten Deismus – allerdings hat ihn auch ein menschenfreundlicher und auf das innere Licht des Menschen konzentrierter Quäker (Hicks: Gott ist in jedem Grashalm) sehr beeinflusst. Solche Menschen wie er haben mit dazu beigetragen, den christlichen Glauben zu entkrampfen, den Menschen und die Schöpfung stärker einzubeziehen. Der christliche Glaube wird aber dadurch entkrampft, dass sich der Mensch selbst in sich verkrampft. Jesus Christus wird in seiner Besonderheit negiert, da ja Whitman selbst das Besondere ist, und somit ist es der Mensch, der an Jesu Stelle tritt. Ebenso mit Blick auf die Bibel: Die Leaves of Grass sind keine amerikanische Bibel, aber sie sollten der Beginn einer solchen werden. Daraus wurde allerdings nichts mehr. Übrigens hatte er eine Kolumne in einer Zeitung, die den Stil von Predigten der Prediger Brooklyns zum Thema hatte.

(Biographische Informationen aus: David S. Reynolds: Walt Whitman´s America. A Cultural Biography, Vintage Books 1995; weitere Aspekte aus: Horace Traubel: With Walt Whitman in Camden. March 1888 to April 1892. All Nine Original Volumes in One, 1906 [dieses Buch gibt zahlreiche Gespräche mit Whitman wieder])

Charles Baudelaire (1821-1867)

Er hatte eine zerrissene Kindheit. Der Vater starb, als er fünf war, die Mutter heiratete einen strengen Mann. Diesem wünschte er während der Revolution den Tod. Als Kind/Jugendlicher war er schwer zu handhaben und depressiv. Er war Dandy, hatte verschiedenste Liebschaften, bekam Syphilis, verschleuderte einen großen Teil des Erbes, wurde unter Vormundschaft gestellt, er verarmte, wurde Sozialist, verfiel dem Alkohol und anderen Drogen. Am Ende seines Lebens war er gesundheitlich stark gezeichnet, bekam einen Schlaganfall, kam in ein Pflegeheim, wurde von seiner Mutter betreut. 1867 wurde die Totenmesse gelesen. Seine Gedichte beeinflussten viele Schriftsteller nach ihm. Nicht nur in Frankreich. Nicht einordnen kann ich mit Hilfe der mir bekannten Gedichte (dazu s. unten) den Satz: „Meine Erniedrigungen waren Gnadengeschenke von Gott.“ (Enid Starkie: Das Leben des Arthur Rimbaud, Matthes&Seitz Verlag 1990, 545). An Prosatexten wird deutlich, wie wichtig Baudelaire das Gebet ist. In seinen Tagebüchern wird manches in dieser Hinsicht zu finden sein: http://www.theologie-und-kirche.de/platz-baudelaire.pdf

Pessimismus, Zerstörung, Armut, Tristesse beherrschen seine Gedichte inhaltlich. Sprachlich und emotional zum Teil meisterhaft. Er war ein zwischen dem Guten und Bösen hin und her gerissener Mensch, der seine Sprache nutzte, um die negativen, abgründigen, dunklen Seiten des Menschen zu schildern, wahrnehmen zu lassen.

Die Texte werden zitiert nach: Charles Baudelaire: Die Blumen des Bösen. Les Fleurs du Mal. Vollständige zweisprachige Ausgabe. Deutsch von Friedhelm Kemp, dtv Klassik München 1986.

In dem grausamen Gedicht „L´Heautontimorouménos“ („Der Selbsthenker“ / LXXXIII) beschreibt sich das Ich als gewalttätig und: „Bin ja in Gottes Symphonie / selbst nur ein falscher Ton, der kreischt, / Und bin zerfahren und zerfleischt / Von nimmersatter Ironie.“ Diese wird im Folgenden brutal geschildert – er ist zum Lachen verdammt worden, er kann nicht mehr lächeln. Er kann zumindest in seinen Gedichten kaum mehr das Schöne als schön sehen „all mein Blut ist dieses schwarze Gift“. Vielfach wird das Schöne konterkariert: Sonnenauf- und Untergänge sind dann das Blut, Menschen, vor allem Frauen sind im Blick – und die Schönheit wird ins Negative gewendet. Die Herkunft der Schönheit wird offen gelassen: kommt sie von Gott oder dem Satan? Die Herkunft ist gleichgültig, so lange sie leichter ertragen lässt („Hymnus auf die Schönheit“ / XXI)

Nachdem er in dem Gedicht „Das Aas“ die Fäulnis darstellt, sagt er der Geliebten: So werde auch sie einmal sein, wenn sie die letzten Sakramente bekommen hat. Aber, so können die folgenden Zeilen interpretiert werden: die Seele wird nicht in den Himmel kommen, sondern der göttliche Teil seiner (!) Liebe wird bewahrt werden. Der Tod ist „das Tor zum unbekannten Paradies“ – für Arme. Man weiß nicht, wohin es führt, so in den Schlussversen der Reise, auf jeden Fall ist es die neue Spur zum Unbekannten. Die Gedichte sind auch sonst gefüllt mit Gewalttätigkeiten gegen Frauen, so besonders die Mordphantasie in „An eine Madonna“ (LVII), in dem die (religiöse) Schönheit (Madonna), die bewunderte Reinheit, ermordet wird. Gold wird in Eisen verwandelt, das Paradies zur Hölle gemacht, „auf den Gestaden des Himmels errichte ich riesige Sarkophage“ (Alchimie des Schmerzes“ / LXXXI). Gleichzeitig beschreibt er in einem einfühlsamen Gedicht das Lebensleiden alter Frauen „Die alten Weiblein“ / XCI). Es endet: „Ruinen! Ihr die Meinen! O verwandte Hirne! Jeden Abend sage ich feierlich euch lebewohl! Wo werdet ihr morgen sein, ihr achtzigjährigen Even, auf denen schrecklich Gottes Pranke lastet?“ Gottes Pranke? Im vorangehenden Gedicht wird geschildert, wie sie unter Menschen zu leiden haben. Die Anthropodizee wird zur Theodizee umgemodelt. In „Die Zerstörung“ (CIX) ist es der Dämon, der ihn führt „dem Auge Gottes fern“. Aufgrund eines gelesenen Reiseberichtes, in dem davon geschrieben wurde, dass ein Gehängter gesehen wurde, beschreibt er diesen drastisch und endet mit einem Gebet: „Ah! Herr! verleih mir Kraft und Mut, mein Herz und meinen Körper ohne Ekel zu betrachten.“ (Eine Reise nach Cythera / CXVI) In den Gedichten scheint es ihm nicht zu gelingen. Auch nicht die Körper von Frauen, weil er immer wieder in die Negation eintaucht.

Die Würde des Menschen besteht im – das sagt er, indem er Gott (Seigneur) anspricht – Weinen durch die Zeiten hindurch, das dann am „Gestade deiner Ewigkeit erstirbt“ (Die Leuchtfeuer/VI.). Religiöse Sprache blitzt hier und da auf, so in „De profundis clamavi“ (XXX): „Dein Erbarmen ruf ich an… aus der Tiefe des dunklen Abgrunds, in den mein Herz gestürzt ist“ – aber dieser Ruf gilt der „einzig Geliebten“. Geschildert wird danach das Grauen der Welt. (Vgl. auch die Gedichte „Die lebendige Fackel“ / XLVIII) Aber auch in „Stellvertretung“ (XLIV): Dieses Gedicht schrieb er einer Frau, da er wohl Geld benötigte. Er schrieb vom Engel voll Frohsinn, Güte, Gesundheit, Schönheit, Glück und fragt jedes Mal, ob diese(r) Engel auch das Negative kennt. Diesem Gedicht folgt, wie der Herausgeber anmerkt, „An jene, die allzu fröhlich ist“ (Verurteilte Gedichte V), in der eben auf der Textoberfläche (soll anders gemeint gewesen sein) auch das erkennbar wird: Der Wunsch der Zerstörung der Frohen, Gütigen – kurz des Schönen, Reinen. Die Frau, die ihm helfen soll, ist verbal zu zerstören. Nachdem diese Frau seinem „Werben“ im realen Leben nachgab, warf er ihr vor, ihm keine Inspirationsquelle mehr zu sein.

In dem Teil der Gedichte „Aufruhr“ heißt es in „Abel und Kain“ (CXIX): „Kains Stamm, zum Himmel steige und auf die Erde schleudre Gott!“ Diesem Aufruf folgt eine „Satanslitanei“ (CXX) die vor dem Satans-Gebet darin endet: „Wahlvater jener, die in seinem schwarzen Zorn Gottvater aus dem irdischen Paradies verjagt hat“ – er ist also, um das weiter zu führen, der Wahlvater derer, die Jesus sammeln wollte, damit sie Gott als wahren Vater erkennen.

Die Rolle, die Jesus spielt, ist ambivalent. In „Züchtigung der Hoffahrt“ (XVI) schreibt er von einem Theologen, der in einer Uminterpretation durch Baudelaire meine, Jesus wäre eine Spottgeburt, wenn er all das sagen würde, was zur Schande Jesu zu sagen wäre. Danach wurde er wahnsinnig. Nichts destotrotz trennt er in „Verleugnung des Heiligen Petrus“ (CXVIII) Jesus von Gott. Während Christus wie die Menschen durch Menschen leiden, sitzt Gott wie ein Tyrann beim Schmausen. Auch hier wieder: Die Anthropodizee wird in die Theodizee überführt. Ein leidender Jesus ist nicht sein Ding, er ist naiv, Opfer – es ist gegen die menschliche Natur. Aber: In der „Gewissensprüfung um Mitternacht“ heißt es: „Wir haben Jesus gelästert, der Götter unbestreitbarsten. Wie ein Schmarotzer an der Tafel eines widerlichen Krösus haben wir der Gemeinheit… zu Gefallen das, was wir lieben, mit Schmähungen und, was uns ekelt, mit Liebkosungen bedacht“. In „Der Empörer“ weist ein Engel den Menschen auf das hin, was wirklich wichtig ist. Doch „der Verdammte hat nur eine Antwort stets: `Ich will nicht!´“

In einem Entwurf zum Vorwort schreibt er: „Es ist schwieriger, Gott zu lieben als an ihn zu glauben. Hingegen ist es für Leute dieses Jahrhunderts schwieriger, an den Teufel zu glauben als ihn zu lieben. Alle Welt dient ihm, und keiner glaubt an ihn.“ Baudelaire kommt nicht zu Gott – da er alles Gute und Schöne, das Reine ablehnt, zerstören möchte. Wie das irdische, so das Himmlische. Kommt er nicht zu Gott? In dem Prosagedicht („Kleine Gedichte in Prosa XLVIII), das posthum herausgegeben wurde, „Überall außerhalb der Welt“ macht er seiner Seele Vorschläge, wo er überall hingehen könnte. Aber: „Meine Seele reagiert nicht.“… „Meine Seele bleibt stumm.“… „Kein Wort. – ist meine Seele tot?“… Meine Seele explodiert und schreit: „Überall! Irgendwo! Solange es nicht von dieser Welt ist!“

Was meinte Verlaine, wenn er schreibt in dem Gedicht an Baudelaire (1892: „Geheime Gebete“): „Du stürztest, betetest wie ich, wie die Beseelten, / die hungernd, dürstend. Lüsternd ihren Weg verfehlten, / bis sie der Hoffnung Schönheiten zum Kreuzweg stießen. // Zum wahren Kreuzweg, den sie zweifelnd nie verließen: Im Hin und Her!“ (Ü.: Däubler)