3.-6. Jh.

Clemens von Alexandrien

Das Singen selbst wird auch vor einem Hymnus angesprochen, das in einem Werk von Clemens von Alexandrien (+215) zu finden ist. In diesem Werk, Paidagogos (Erzieher), heißt es, dass Jesus Christus die Kinder sammeln möge, die ihn, den Erzieher, aufrichtig preisen mögen. Aber wie anders klingt es, wenn man meine dürren Wiedergabe-Worte mit BKV überträgt:

„Zaum ungezähmter Füllen, / Flügel nicht irrender Vögel, / Untrügliches Steuer der Schiffe, / Hirte königlicher Lämmer, / Deine einfältigen Kinder sammle, / Dass sie heilig loben, / Arglos preisen / mit dem unschuldigen Mund / Den Erzieher der Kinder Christus. / Der Heiligen König, / Allbezwingendes Wort / Des höchsten Vaters, / der Weisheit Gebieter, / Stütze im Leiden / Voll ewiger Freude, /…“

Jesus Christus ist Weisheit, Stütze im Leid, Erlöser, Hirte – Jesus Christus möge seine Kinder führen, in den Himmel – Jesus Christus ist Wort, Zeit, Licht, Quelle – er ist Leben derer, die Gott loben.

Jesus Christus ist Milch aus den Brüsten der Weisheit – die Glaubenskinder trinken. Der Tau des Heiligen Geistes lässt singen, lässt Jesus Christus loben, dem Geber des Lebens. Die Singenden sind ein Friedens-Chor, lobend den Gott des Friedens.

Auch hier (wie in den Oden Salomos) wird das Singen der Gemeinde als Folge der Sättigung durch den Heiligen Geist angesehen (vgl. auch Lukas 1,67: Benediktus). Jesus Christus wird gepriesen – weil er Menschen Leben schenkt und den Weg dahin weist. Der Mensch wird nicht mehr durch irdische Verkrampfungen gefesselt. Er hat Verbindungen zu dem Befreier, zum Gott des Friedens.

Sibyllinen – Buch VI

Die Sibyllinen sind Prophetinnen – heidnischer Provenienz. Ihre Sprüche wurden gesammelt – bzw. es wurde eine Gattung entwickelt, die rückblickend die Zukunft vorhersagen ließ. Das heißt, es findet ein Ereignis statt – und im Nachhinein wird dieses Ereignis dann als Zukunftsansage beschrieben. Ich vermute, dass man in manchen Bereichen wusste, um welche Art Gattung es sich handelt. In anderen wiederum wurden sie dann für bare Münze genommen. In diesem Lied VI verkündigt eine (christliche) Sibylle Jesus Christus (der allerdings nicht mit Namen genannt wird). Unabhängig von der für uns aus heutiger Perspektive fragwürdigen Entstehung kann doch das Hymnische gewürdigt werden:

Bevor er Mensch wurde, hat er geherrscht – Er wurde Mensch („Gott wurde Vater, weil er [Jesus] durch den Geist sein Sohn war, sichtbar im weißen Gefieder der Taube“) – beschrieben werden seine Taten und Worte – er wird die Seinen rühmen – er wird abgelehnt, gefoltert, am Kreuz getötet – er wird auferstehen („Die Erde wird dich nicht fassen“) – er wird herrschen.

Wie im Philipperhymnus (Philipperbrief 2) wird Jesu Sein im Himmel, sein Handeln, seine Auferweckung besungen (Abstieg – irdisches Leben – Aufstieg), allerdings nicht wie im genannten Brief nur die Kreuzigung, sondern Jesu Wirken. Auch in diesen Texten werden schöne Bilder verwendet (er wird als reine Blüte erblühen, seine Quelle wird reichlich fließen, die Erde freut sich voll Hoffnung auf das Kind). An solchen Texten wird deutlich, dass der Mensch auch nicht durch eine unausweichlich scheinende Geschichte gebunden ist. Gott ist Herr der Geschichte. Diese Sicht hat, wie wir unten sehen werden, Auswirkungen auf das Leben angesichts der Zukunft.

Sibyllinen Buch VII

Das Buch VII hat in 217-250 eine Besonderheit. Die Buchstaben, mit denen die Zeilen beginnen, ergeben das Wort: IESOUS CHRISTOS THEOU HYIOS SOTER STAUROS (Jesus Christus Gottes Sohn Retter Kreuz)  – womit das bekannte ICHTYS genannt wird – also griechisch: „Fisch“ – das frühe Symbol der Christen. Das zweite S („Stauros“ – Kreuz) weist auf die Bedeutung des Kreuzzeichens hin. Es ist Trost, Leben, Erleuchtung, gleichzeitig nehmen Menschen daran ständig Anstoß.

(Auch Augustinus weist in seinem Werk „Gottesstaat“ 18,23 auf diesen [?] Text hin [allerdings noch ohne Hinweis auf das Kreuz]; er interpretiert das Wort „Fisch“ so: Jesus Christus konnte sich in den tiefen Gewässern der Menschheit aufhalten, ohne zu sterben. Er selbst führt als Vorwurf gegen diese Texte an, dass sie von Christen gefälscht seien [18,46]).

Wie auch immer die Erstellung der Texte beurteilt werden mag, sie zeigen, wie intensiv christliche Dichter am Werk waren.

Ephraim/Ephräm der Syrer (+373)

Von ihm gibt es zahlreiche Hymnen unterschiedlichen Charakters. Viele Hymnen (mit Hinweis auf die Melodie) reagieren auf die Angriffe auf die Stadt Nisibis (heute: Nusaybin, 85.000 Einwohner; bewohnt von Kurden an der türkisch-syrischen Grenze). Diese Stadt wurde von Sapor einem Herrscher Persiens und Christenverfolger belagert und aus christlicher Perspektive wunderbar gerettet. Andere Hymnen besingen die hervorragenden Bischöfe von Nisibis, andere wenden sich gegen Irrlehrer und den Kaiser Julian, der sich gegen Christen gewandt hatte.

Diese Hymnen schildern aktuelle historische Ereignisse. Diese Geschichts-Hymnen sind sehr lang und versuchen, das Leiden ethisch zu reflektieren. Auch im zweiten Nisebenischen Hymnus haben wir wie Sib. VIII einen Akrostichon: Die Buchstaben der Zeilenanfänge lauten übersetzt: Unsere Stimme o Nisebener klagt. Eine Strophe lautet (80ff.) (zitiert nach BKV):

„Sicher ist, daß jener Gütige kein Wohlgefallen hat an Heimsuchungen, die zu allen Zeiten eintreten, obgleich er selbst sie schickt: unsere Sünden sind  die Ursachen unserer Qualen. Kein Mensch darf den Schöpfer beschuldigen, er ist es, der uns beschuldigen kann; denn wir haben gesündigt und ihn zu zürnen genötigt, obgleich er es nicht wollte, und zu strafen, obgleich er kein Wohlgefallen daran hat.“ Der Hymnus schließt (124ff.): „Lasset uns also mit dem vergangenen das Zukünftige abwenden; lassen wir uns belehren durch das Erlebte, um Kommendes zu vermeiden; seien wir eingedenk dessen, was vorangegangen ist, damit wir Zukünftigem entgehen.“

Was wir heute mit Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus aus der Geschichte lernen wollen, damit so etwas nie wieder passiert, wird hier schon formuliert, allerdings mit Blick auf Gott: Wir sollen uns richtig verhalten, damit Gott uns nicht durch Strafe zu einem richtigen Verhalten zwingt. Das bedeutet, dass nicht nur bestimmte ideologische Übel vermieden werden sollen, sondern das Verhalten insgesamt dem Willen Gottes entsprechen muss, würde Ephraim uns sagen. Wie oben gesehen: Wir können unsere Zukunft beeinflussen. Sie ist kein Räderwerk, das den Menschen in eine Richtung zwingt, die er nicht möchte.

Sehr zu Herzen gehen seine Klagen angesichts der Pest. Dieses Sterben reflektiert er in einem Gedicht, in dem er schildert, dass alle sterben müssen. Als er an einem Grab darüber nachdachte, erkannte er den „geheimen Sinn“: „Der Tod ist ein Bild der Gerechtigkeit Gottes.“ Diese Erkenntnis mündet dann in die Aussage: „Doch nun lasst den Gesang von hier zu Ende uns bringen; Preist des Gerechten Huld, welcher die Leiber erweckt!“ Er sandte seinen Sohn, litt den Tod, um selbst zu spüren, wie schlimm er für Menschen ist. Seit des Todes und der Auferstehung Christi ist für Glaubende der Tod nur ein Schlummer. In einem anderen Text beschreibt er, wie die Seele sich vom Körper löst. Der Körper ruft der Seele zu: „Im Frieden zieh´, / Geliebte Seel´! / Der uns zum Licht / Berief, errett´/ Uns von der Höll´!“ In einem anderen Lied zur Pest-Zeit bittet er um Rettung, schließt aber: „Preis Dir, Vater und Sohn, von den Lebenden wie von den Toten“. Das heißt: Der Tod der Glaubenden mündet in das Gotteslob. (Texte: Josef Rauchenbichler [Hg.]: Gesänge der Heiligen, Landshut 1837)

Auch hier: Grenzen werden gesprengt. Die Grenzen des Todes – sind eingerissen. Tod und Sterben schmerzen Lebende sehr – aber sie münden ins Leben.

*

Gregor von Nazianz

Von Gregor von Nazianz (329-390) gibt es über 300 Gedichte: Theologische – dogmatische, moralische -, Historische, die ihn selbst thematisieren und die andere thematisieren. Sein Gedicht Über das eigene Leben ist der erste Text, der das eigene Leben biographisch durchdringt, älter als die Bekenntnisse des Augustinus und er ist der erste, der seine eigene Kindheit betont (M. Slusser: The Fathers oft he Church 75, 1992). Die Selbstreflexion, die Frage des Zustands der Seele – um es so zu sagen – nahm mit dem christlichen Glauben zu: In welcher Beziehung steht sie zu Gott? Das ist nicht nur eine individuelle Frage, sondern diese gilt allen Menschen. Darum wird sie von manchen Christen öffentlich reflektiert. In seinem Gedicht Über seine eigenen Angelegenheiten spricht er in Form eines Gebetes über sein Leben, über seine Mutter, sein Vater, seine Kindheit und Jugend, das, was ihm im Leben wichtig war, dann über die Lebensspannungen. Denn er, der eigentlich die Zurückgezogenheit liebte, wurde in eine schwere kirchliche Auseinandersetzung hineingezogen – und das als Bischof.

Am Beginn seines Gedichts ruft er Gott an, der Mensch wurde. Er möge ihm helfen gegen die Menschen, die denen gegenüber feindselig sind, die Gott lieben, die das eigene Ebenbild Gottes beschmutzen, ihre Seele an die Erde fesseln. Am Ende seines Gedichts beschreibt er, dass er nichts hat, das ihm helfen kann, keine liebende Frau, die ihn mit Worten tröstet, keine Kinder, die dem Alten helfen. Freunde leben im Streit, Nächstenliebe ist ihnen fremd geworden.  

Dann heißt es: Du bist meine Stärke, der Herr aller, der Ungeborene, der Anfang und der Vater des Anfangs, der der unsterbliche Sohn ist.  Du bist das große Licht…  O Sohn Gottes, Weisheit, König, Wort, Wahrheit, Bettler, Hirte, Lamm, Opfer, Gott, Mensch, Hohepriester; Geist, der vom Vater ausgeht, Licht meines Verstandes… du schaust in Barmherzigkeit herab. Gewähre, dass ich hier und im Jenseits mit der ganzen Gottheit vermischt werde.  Mit endlosen Hymnen darf ich Dich in Freude feiern.

In den Gedichten, in denen er sein Schweigegelübde reflektiert, reflektiert er auch sein Dichten.

Er sieht sich als Instrument Gottes, das nicht griechische Legenden und Mythen besingt, nicht die Natur, nicht die Sehnsüchte des Menschen. Er besingt den dreieinigen Gott, singt von den Hymnen der Engel, singt von der Harmonie der Welt, die kommen wird, von Christi Leiden, das den Beter zum Gott gemacht hat, indem er Menschliches und Göttliches mischte.

In seiner Klage weist er auf klagende Menschen, Menschen, die ihre Lieben verloren haben, auf die von Feinden verheerte Heimat, das vom Feuer geraubte Haus. „Doch wie vermag ich es je zu beweinen in würdiger Trauer, / Meine gesunkene Seele! Dich, Bildnis des ewigen Gottes“, das von der Sünde vergiftet wurde? (Zit.: Gesänge der Heiligen)

Im Lobgesang auf Christus werden nicht, wie in der Antike vielfach üblich, die Musen angerufen. Bei Gregor heißt es: „Dich, den ew´gen Herrn der Herren, / Gieb zu singen, lobzupreisen“ – und es folgt ein Lied, das die Macht – auch Schöpfermacht – Jesu Christi besingt. Durch Christus strahlt das Licht der Sonne, kennt der Mond seine Bahn, durch ihn gelangt der Geist der Glaubenden zu Gott. Angesichts der Größe Christi wird der Mensch ganz klein, ganz groß. An diesem Lied sieht man auch, dass es eines ist, das in Auseinandersetzung mit konkurrierenden christlichen Strömungen eingreifen soll (J. F. Kayser).

An Gregor wird deutlich, dass er den strengen Rahmen, in dem traditionelle lyrische Kunst gedichtet wurde, aufgrund seines christlichen Interesses sprengt (Dihle 616).

„Und im Jahr 390 nahm Gott diesen treuen Diener, der ihn mit scharfsinniger Intelligenz in den Schriften verteidigt und mit so viel Liebe in seinen Gedichten besungen hatte, in seine Arme.“ So Papst Benedikt XVI.: https://de.zenit.org/articles/papst-benedikt-xvi-uber-den-heiligen-gregor-von-nazianz-teil-1/

Nicetas, Bischof von Remesiana

Nicetas, der nach 414 gestorben ist, ist möglicherweise der Dichter eines der wichtigsten Texte der Kirche, das te Deum (laudamus). Er wird auch anderen zugeschrieben bzw. wird als ein Text angesehen, der im Laufe der Zeit angewachsen ist ( https://de.wikipedia.org/wiki/Te_Deum ). Zudem wird Nicetas auch als einer angesehen, der Ambrosius auf den Geschmack gebracht hat, eigene westliche Hymnen zu formulieren.

Erde, Engel, Apostel, Propheten, Kirche – alles lobt Gott, den majestätischen Vater, den wahren Sohn, den fürsprechenden Geist – Christus ist Mensch geworden – befreite den Menschen – bezwang den Tod – öffnete den Himmel – herrscht, wird wiederkommen. Diesem Lobpreis folgen Bitten, um Hilfe, Rettung, Segen, Erhebung, Bewahrung vor Schuld. Und um Erbarmen.

Proba und Juvencus

Sie wollten zu Beginn des 4. Jahrhunderts das Alte wie das Neue Testament in eine sprachlich fließende Form überführen, die für gebildete Römer angemessener erschien: im Stil des großen Vergil. Juvencus wurde für sein Werk bis ins 8. Jahrhundert hinein bewundert. Da es in dieser meiner kleinen Übersicht jedoch nicht um die zahlreichen Versuche geht, die Bibel zu inkulturieren, und seien sie sprachlich noch so kunstvoll, sondern um Gedichte, sei es bei diesen Anmerkungen geblieben. An diesen Texten wird auch deutlich, dass die christliche Dichtkunst, die im Osten schon intensiv vorhanden war, den Westen erreicht hat. Ebenso sei an dieser Stelle angemerkt, dass ich die zahlreichen Neuformulierungen der Psalmen durch die Jahrhunderte nicht aufnehmen werde. Auch das wäre ein eigenes Thema.

Was unbedingt zum Verständnis erwähnt werden muss: Christen versuchten ihren Glauben erst langsam „Wort“ werden zu lassen, ihn mit den Möglichkeiten der Sprache ihrer Zeit auszudrücken. Der Glaube brachte viel Neues – doch wie kann man das Neue formulieren? Darum rang man zum Teil heftig. Welche Formulierung – aus der eigenen Tradition – gibt den neuen Glauben angemessen wieder? Dichter trugen dazu bei, Worte für den Glauben zu finden.

Hilarius von Poitier

Von Hilarius von Poitier (315-367) gibt es nur noch wenige Fragmente von drei seiner Gedichte – Zuweisungen von Fragmenten und Gedichten werden diskutiert. Hilarius wurde in ein Haus hineingeboren, dem die Philosophie des Neuplatonismus wichtig war. Er war in der Verwaltung tätig und wurde erst später Christ. Als Christ begrüßt er den Morgen im Morgengesang (BKV).

Die aufgehende Sonne ergießt sich in den Tag – diese Sonne verblasst angesichts des Lichtes Gottes – das sich als Gnade in die Herzen ergießt – und verändert Menschen – er bittet, dass Diebstahl, Unkeuschheit und Gier sich nicht im Menschen ausbreiten.

Die Seele hoffet betend dieß,
Nur diese Gaben wünschet sie,
Damit uns hold das Morgenlicht
Beschirme in der finstern Nacht.

Das Gloria – ein Morgengebet, das Eingang gefunden hat in die christliche Liturgie – stammt vermutlich von Hilarius (eher unwahrscheinlich? Wahrscheinlicher die lateinische Übersetzung?) http://www.kathpedia.com/index.php?title=Gloria_in_excelsis_Deo :

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seiner Gnade.

Wir loben Dich, / wir preisen Dich, / wir beten Dich an, / wir rühmen Dich und danken Dir, / denn groß ist Deine Herrlichkeit: / Herr und Gott, König des Himmels, / Gott und Vater, Herrscher über das All, / Herr, eingeborener Sohn, Jesus Christus. / Herr und Gott, Lamm Gottes, …

Immer wieder kann man lesen, dass die Eingangsworte, die der Bibel entnommen sind (Fettdruck), Reflex des Verbots des Konzils von Laodizea sei, dass man keine Psalmen mehr dichten dürfe. Man habe darum einen Bibeltext genommen und an diesen dann den neuen Hymnus angeschlossen. Spannend ist, dass sich keiner der Großen daran gehalten hat. Von daher frage ich mich – als Laie – ob nicht ein anderer Grund vorliegt, den Paulinus im Brief an Jovius formuliert: Er solle sich ein Thema aus der Bibel suchen und diesem das Loblied zur Ehre Gottes anfügen. Dadurch gelangen staunender Glauben und Liebe ins Herz. Zudem hat meines Wissens das (regionale!) Konzil nicht gesagt, dass man keine Lieder/Hymnen schreiben dürfe, sondern nur, dass diese Lieder/Hymnen keinen kanonischen Rang einnehmen dürfen, das heißt, nicht die Bedeutung haben, wie sie biblische Texte haben.

Synesius von Kyrene

Synesius von Kyrene (370-412) war gebildeter neuplatonischer Philosoph und politisch engagierter Christ und Bischof.

Auch er besingt die Größe, die Schöpfungsmacht Jesu Christi, das All steht im Blick, Sonne, Mond, Planeten – und diese Weisheit, die in allem ist, möge auch das Leben des Dichters bestimmen. Hinweisen möchte ich auf den Schluss des ersten Hymnus, soweit ihn Kayser (49) zitiert: „Horch auf! Zikade singt / vom Morgentaue trunken. Schau, wie die Saite stärker / Mir schlägt und eine Stimme / Begeisternd mich umtönet! / Was giebst du für ein Lied mir / Du heilige Begeisterung?“ Intensive Lichtmetaphorik bestimmt auch den 6. Hymnus, der ähnlich aufgebaut ist und in einen Furiosen „Preis dir“ ausklingt, mit Preis des Gottesgeistes, der von Sohn und Vater gesandt werden möge, „damit mir die Seele erquicke / Der Gottesgaben Fülle“.

Deutlich wird, dass hier stärker als bei manchen anderen das eigene Leben im Blick ist – und das mit ekstatischen Elementen. Die Grenzen des Rationalen übersteigend – in einem rational hergestellten Gedicht.

Paulinus von Nola

Zum Teil sind die Gedichte endlos lang, z.B. Gedichte von Ephraim/Ephräm, von Gregor von Nazianz. Auch Texte von Paulinus von Nola (* 354 in Bordeaux und +431). Die Texte sind zu lesen, zu meditieren, sie erzählen Vita (zum Beispiel von Paulinus) aus einer neuen Perspektive. Es sind Texte für Mönche, Texte gelesen von Gebildeten, Texte vertieft in Klöstern und vermutlich von philosophischen Zirkeln.

In einem langen Gedicht (5) von Paulinus von Nola heißt es am Ende recht schön mit Blick auf Jesus Christus:

Die harmonischen Lieder Davids singen Dir Lob und lassen die Luft erklingen mit Stimmen die Antworten: Amen.  

Christus steht im Zentrum der Gedichte von Paulinus – die Aufgabe der Gedichte ist es, Christus zu verkünden – und so erwartet das zitierte Lied auch die singende Zustimmung der Lesenden und legt ihnen diese in den Mund: Amen.

Grenzen zwischen Menschen werden durch Lieder durchbrochen: Sie sagen zu dem von mir gesungenem Lied: Amen. Sie sind ergriffen, sie stimmen zu.

*

An vielen der Übergangsdichter von heidnischer Tradition zum Christentum wird deutlich, dass sie die alte Tradition aufgreifen und versuchen, sie mit dem Christentum zu überwinden. Andere fügten in ihre zahlreichen „heidnischen“ Texte immer wieder auch einmal christliche Aspekte ein, wie zum Beispiel der Lehrer des Paulinus, Ausonius (310-394; nur eine Anmerkung über den Dreieinigen Gott – in einem Text über die „3“, aber auch ein Ostergebet stammt von ihm). Sprachlich galten die römischen Traditionen den Christen wie Paulinus als schön – inhaltlich als leer. Und so wollte man dann schöne Sprache mit göttlichem Inhalt füllen. Sprache bildet die gesamte Wirklichkeit ab – auch die des Handelns Gottes. Die griechische und römische Kultur wurde als eine angesehen, die auf den christlichen Glauben vorbereitete und darum auch von den meisten dankbar aufgegriffen und – unter Aufnahme jüdisch-frühchristlicher Tradition – weiter geführt wurde. Die Adressaten der Gedichte sind ebenso Gebildete, an römischer Literatur Gebildete. Sie kennen die Anspielungen, die Zitate, die leichten Variierungen der „Zitate“. Das wird auch an den Briefgedichten deutlich. Paulinus übernimmt eine Tradition, die in Rom bekannt war, so z.B. von Horaz. Nun stellt sich die Frage: Sind die Briefgedichte einzuordnen wie andere Briefe – also als persönliche Texte – oder sind sie literarische Briefe – also an eine Gruppe Interessierter adressiert? Wie dem letztlich auch sein sollte: Paulinus legt in Briefgedichten seine neue christliche Sicht dar, begründet und verteidigt sie. Diese Briefgedichte können allerdings hier in meiner kurzen Übersicht nicht weiter vertieft werden. Es handelt sich um Texte, die gelesen werden wollen, in Ruhe durchdacht und argumentativ nachvollzogen. Darin unterscheiden sie sich von Hymnen, aber auch von kürzeren Gedichten, die einen Aspekt benennen und vertiefen.

Anders die Lieder von Ambrosius. Sie sind Gebrauchslieder für Gottesdienste:

Ambrosius von Mailand

Ambrosius (339 in Trier – 397) ist derjenige, der christliche Lieder als Gemeindelieder im Westen populär gemacht hat. Ambrosius setzte auch Gottesdienste und Gesang ein, um gegen einen Befehl der Kaiser-Mutter Justina passiven Widerstand zu leisten. Mit Erfolg. Augustinus schildert in seinen Bekenntnissen (9,12) wie sehr ihn diese Lieder berührten, aber auch, dass ein Lied ihn angesichts des Todes seiner Mutter getröstet hat. Er spricht damit das Abendlied, „Gott, Schöpfer von allem„, an http://hymnarium.de/hymni-ex-thesauro/hymnen/82-deus-creator-omnium :

Gott schenkt allen Ruhe – Nachtgebet und Lieder preisen Gott – in der Finsternis der Nacht, möge der Glaube nichts von Finsternissen wissen – nichts Trübes mag verhindern, im Traume Gott zu sehn.

Das Gedicht „Ewiger Schöpfer der Welt“ hat enge Parallelen zu dem Morgengesang, der unter Hilarius angesprochen wurde. Hier steht der Hahn jedoch im Zentrum, der die Menschen weckt, der Hoffnung schenkt, Kranken Besserung gibt. Strauchelnde werden Jesus anbefohlen. Am Schluss heißt es:

O Licht, scheine du in die Herzen und
verjage den Schlaf der Seele:
dich soll zuerst unsere Stimme preisen,
und was wir gelobt, wollen wir dir auch halten.

Das Gedicht vollzieht das, was hier ausgesprochen wird: Es preist am Morgen nach dem Erwachen zuerst das Licht Gottes. So lässt sich allerdings fragen, ob der Hahn wirklich den krähenden Hahn meint, oder ob der Begriff nicht doch auf Christus hinweist, der Menschen „weckt“. Das erste, was den Sinn beschäftigen soll: Gott; das letzte am Tag, was den Sinn beschäftigen soll: Gott. Und während des Tages möge Gott den Betenden vor üble Taten bewahren, damit er am Ende des Lebens Gott aus reinem Herzen singen kann (vielleicht ist das Lied von Ambrosius: Iam lucis orto sidere). Ambrosius besingt nicht nur Tagesläufe, er zieht zum Beispiel auch Schlussfolgerungen aus dem Sterben Jesu für den Christen (Schon steigt herauf die dritte Stunde). Das Weihnachtslied (Intende qui regis Israel) sieht Jesus als Licht, das auf der Welt erscheint. An diesem Lied kann man sehen, dass ein Hymnus nicht nur Lied ist, sondern auch als Argument angeführt werden kann: https://calvinistinternational.com/2016/12/13/intende-qui-regis-israel-1/. Eine ausführliche Interpretation dieses Liedes zeigt, wie vielschichtig solche wenigen Zeilen eines Hymnus sein können: https://www.bistum-eichstaett.de/index.php So wären weitere Texte zu nennen, zum Thema Streit (Allmächtiger Lenker, wahrhafter Gott), ein Gebet an den heiligen Geist (Nunc, sancte nobis Spiritus).

Viele dem Ambrosius (zugeschriebene?) Texte betreffen Märtyrer, das heißt Menschen, die wehrlos wegen ihres Glaubens an Jesus Christus Folterqualen und Tod erdulden mussten. In diesen Texten werden die Märtyrer geehrt (Agnes beatae virginis, Grates tibi Iesu novas, Victor Nabor Felix pii, Apostolorum supparem, Apostolorum passio). Genannt seien nur ein paar Verse aus Aeterna Christi munera http://hymnarium.de/hymni-ex-thesauro/hymnen/175-aeterna-christi-munera (Übersetzungen s. auch: https://gregorien.info/de ):

Der Heiligen Glaube, treugelobt,
Der Gläubigen Hoffnung, unbesiegt,
Christi vollkommene Liebeskraft
Zermalmt den Fürsten dieser Welt.

In ihnen wohnt des Vaters Ruhm,
In ihnen wirkt der Willensgeist,
In ihnen jubelt laut der Sohn,
Durchfreudet ganz der Himmel sich.

Auch die Lieder des Ambrosius durchbrechen Grenzen: Grenzen des Alltags – der Alltag ist eingebunden in die Gottesbeziehung. So auch das Sterben – auch das gewaltsame Sterben. Man dürfte sich der schwankenden politischen Lage bewusst gewesen sein: Ändert sich der Kaiser – ist die Zeit der Freiheit beendet. Wird der lokale Mob aus irgendeinem Grund angestachelt, kann das Leben schnell beendet sein. handelnd und singend versuchte man, diese Grenzen auszudehnen, Raum zu gewinnen, damit ein wenig irdische Sicherheit gegeben wird. Wenn die Launen der Politik wieder zuschlagen, war man angesichts der Erinnerung an die Märtyrer gewappnet.