Emily Dickinson 1830-1886

ist eine wichtige amerikanische Dichterin, deren Bedeutung immer stärker hervorgehoben wird. Sie wurde in eine in ihrem Umfeld bekannte christliche Familie hinein geboren. Sie ging zur Schule, brach die höhere Schule – eine Schule, in der Frauen intensiver gebildet werden sollten – ab; warum, ist unklar, es gibt viele Interpretationen, eine davon ist: wegen Depressionen. 1844 war eine Cousine an Typhus gestorben, was sie sehr verstörte. Ein Jahr später war sie glücklich, Gott, den Retter, gefunden zu haben. Wie an den Gedichten zu sehen, war sie sich später dessen nicht mehr immer so sicher, wie dieser Glaube einzuordnen ist. Die Themen Tod und Natur sind in ihren Gedichten sehr dominant. Ihr Geburtsort Amherst (USA) war auch ihr Leben lang ihr Lebensort, besser gesagt: Ihr Zimmer – und ihr Garten – war der Ort, in dem sie sich am wohlsten fühlte. Manche Männer starben an Krankheiten, die für sie von Bedeutung waren, was sie emotional stark beschäftigte. Sie pflegte mit anderen – zum Beispiel ihrer Schwester Lavinia – auch viele Jahre lang ihre bettlägerige Mutter. Pflanzen interessierten sie nicht nur aus ästhetischen, sondern auch aus privat-wissenschaftlichen Gründen. Sie kleidete sich ganz in Weiß und hatte aus welchen Gründen auch immer nur wenig direkten Kontakt zu ausgewählten Menschen, dafür aber umso mehr Briefkontakte. Emily Dickinson hat im Wesentlichen ihre Gedichte in ihren Briefen untergebracht und hat selbst kaum Gedichte veröffentlicht – obgleich sie sich zeitweise darum bemühte. Sie wurden erst nach ihrem Tod im Jahr 1890 veröffentlicht, nachdem sie in ihrer Fülle von ihrer Schwester Lavinia nach ihrem Tod entdeckt.

Die Gedichte bestehen manchmal nur aus ein paar sich reimenden Zeilen, zum Teil bieten sie Stakkato-Wörter aneinandergereiht. Das bedeutet, dass sie zum Teil kaum zu interpretieren sind. Interessant ist die Rezeption: Was auch immer man über sie liest: sie wird gerühmt, weil sie anders ist als ihre Zeitgenossen, weil sie gegen den Puritanismus ihrer Eltern, so heißt es, ist. Es wird auch immer wieder gesagt, dass sie Schwierigkeiten mit Menschen hatte – aber es müsste wohl auch bedacht werden, dass Menschen Schwierigkeiten mit der doch recht exzentrischen Frau gehabt haben dürften. Was Gott betrifft: Sie ist zeitweise (!) ambivalent. Sie glaubt reflektiert. Aber sie redet vielfach distanziert und zum Teil sarkastisch von Gott. Verhältnismäßig viele Gedichte sprechen Aspekte ihres intensiven Glaubens an – und überraschenderweise erwähnt sie nicht nur allgemein Gott, sondern benennt ausdrücklich Jesus Christus. Und das in neuer Weise.

Gedichte werden englisch zitiert nach: Emily Dickinson: The Complete Poems, DOB-Classics 2020 (auf der Basis von der Ausgabe von Thomas H. Johnson). Die zweite Zahl bezieht sich auf die Zählung von R.W. Franklin: The Poems of Emily Dickinson, The Belknap Press of Harvard University Press, Cambridge u.a. 1999; Übersetzungen sind eigene (unzulängliche) Interpretations-Versuche. Die kleineren Zahlen der Franklin-Zählung weisen auf frühere Jahre, steigernd bis zu den Gedichten der letzten Jahre (1850 beginnt es mit Gedicht Nr. 1 usw. ab dem Jahr 1880 die Nummern ab 1512). Auf diese Franklin-Zahlen bezieht sich auch: Gunhild Kübler: Emily Dickinson. Sämtliche Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt von Gunhild Kübler, HanserVerlag München 2015. Dorothy Huff Oberhaus: „Tender Pioneer“: Emilky Dickinson´s Poems on The Life of Christ, in: Judith Farr (Hg.) Emily Dickinson. A Collection of Critical Essays, Prentice Hall, New Jersey 1996, 105-118 stellt intensiv die Bezüge zu Christus dar; und Jane Donahue Eberwein stellt in dem selben Band (89-104) die Sakramentale calvinistische Tradition in ihrem Werk dar: Emily Dickinson and the Calvinist Sacramental Tradition. Diese Gedicht-Nummern beziehen sich auf die Ausgabe von Johnson.

Einige der genannten biographischen Aspekte seien hier mit Hilfe der Gedichte zum Glauben vertieft. Vorher noch eine Anmerkung: Ich empfinde ihre Gedichte als sehr spannend, weil in ihnen der Glaubensalltag vieler Menschen Ausdruck findet: tiefer Glaube, Zeiten der Unsicherheit, Zeiten, in denen sie sich Gott versichern muss, weil sie ihn nicht versteht, Zeiten, in denen sie sich als nicht verstehender Mensch Gott gegenüber sarkastisch erhebt und solche, in denen er ihr ganz nahe ist – und viele Facetten des Glaubensalltags mehr.

In „A solemne thing“ (271/307) spricht sie ihre weiße Kleidung an: „Eine feierliche Angelegenheit – war es – sagte ich – / Eine Frau – weiß – zu sein – / Und zu tragen – wenn Gott mich für passend zählt – / Ihr schuldloses Geheimnis // Ein Heiliges – das Leben fallen zu lassen / In die purpurne Quelle – / Zu bodenlos – dass es wiederkehrt – / Ewigkeit – bis – // Ich überlegte wie die Glückseligkeit aussehen könnte – / Und würde es sich groß anfühlen – / Wenn ich es in meine Hand nehmen könnte – / Als schwebend – gesehen – durch Nebel – // Und dann – die Größe des kleinen Lebens – / Die Weisen – nennen es klein – / Angeschwollen – wie Horizonte – in meiner Brust – / Und ich spottete – milde – klein!“ Ich möchte das so interpretieren: Sie reflektiert ihre weiße Kleidung. Sie symbolisiert für sie die Ewigkeit. Sie nimmt die Ewigkeit selbst in die Hand. Aber sie wird nur wie durch einen Nebel wahrgenommen. Sie selbst kennt die wahre Größe dieser Ewigkeit, die Weise jedoch nur als klein ansehen können. Sie macht sich ihre eigene Welt – auch mit Blick auf die Ewigkeit. (Entsprechend wohl auch die Gedichte 263/293 [A single Screw of Flesh]; 1632/1653 [So give me back to Death] – sie reflektieren ihre Zurückgezogenheit).

Sie selbst fühlt, dass sich das Gesicht des Heilands von ihr abgewendet hat. Er hat sie verbannt. Dennoch beachten Engel sie und streifen sie sanft. Sie weiß sich verloren, aber es ist möglich, dass die Tore aus Jaspis (Tore der himmlischen Stadt Gottes – Offenbarung des Johannes) sich einmal öffnen werden (256/316; s. auch 215/241: What is – Paradise: Ich gehe nicht Barfuß durch das Jaspistor / über den Jaspisboden, erlöste Menschen werden nicht über mich lachen [Kübler übersetzt das Gegenteil: Spottbild für die heilge Schar]). In 248/268 (Why – do they shut me out of heaven) fragt sie, warum sie vom Himmel ausgeschlossen wurde. Wenn sie der „Gentleman im weißen Gewand“ (= Gott?) wäre, würde sie dann die kleine Hand, die an die Tür klopft, abweisen? Entsprechend würde sie im Paradies Gott bedrängen, dass er jemanden einlässt, der gescheitert ist (226/275: Should you but fail at – Sea). Ganz dramatisch sehe ich ihren Ausschluss in 237/252 (I think just how my shape will rise) ausgesprochen. Das spannungsreiche Verhältnis zu Gott wird auch in 251/271 deutlich (Over the fence): Sie würde über den Zaun klettern, um die Erdbeeren zu essen. Aber wenn sie ihre Schürze dreckig macht, schimpft Gott. Wenn er ein Junge wäre, würde er auch drüber klettern – wenn er denn könnte. Gottes Wille und ihrer kommen nicht zusammen (116/101: I had some things that I called mine). 1719/1752 (God is indeed) heißt es: Gott ist ein eifersüchtiger Gott, weil er nicht ertragen kann, dass wir miteinander spielen und nicht mit ihm. Die Frage, die sich hier stellt: Was spielte sie? Woher weiß sie, dass Gott das nicht möchte? Worum geht es? Sie setzt sich vielfach mit dem auseinander, was ihre Tradition als Gottesbild überliefert hat. Sie ist in einem streng christlichen Elternhaus aufgewachsen, von daher vermutlich moralisch enger. Obgleich ihr Vater ihr Bücher gekauft hat, soll er ihr gesagt haben: Sie solle sie nicht lesen. Ihr Problem mit Gott liegt in ihrer Tradition verborgen.

Das Leben ist ein magisches Gefängnis, in das Gott uns eingemauert hat, weil das Menschenglück mit dem Willen des Himmels konkurriert (1601: Of God we ask one favour; vgl. 1594). In 231/245 (God permits) lässt Gott Engel mit ihr spielen. Sie spielt wohl Königin – sie wird als kleines Mädchen groß, gekrönt. Als die Engel wieder zurück müssen, vermisst sie eine Murmel. Auch hier: Sie steht mit dem Himmel in Kontakt, sie fühlt sich groß – sie ist doch klein – und der Himmel gibt und nimmt ihr etwas weg. In einem Gebet (1461: Heavenly Father) bittet sie den himmlischen Vater, die von ihm gemachte Ungerechtigkeit wegzunehmen. Sie besteht darin, den Menschen als Staub geschaffen zu haben – ihn dennoch verantwortlich zu machen für sein Handeln: „Wir entschuldigen uns bei dir / Wegen deiner eigenen Doppeldeutigkeit“ (Gottes Vertragsbruch auch gegenüber Jesus: 1439/1465: How ruthless). Die Spannung entsteht auch im Kontext der Wissenschaft, so in Arcturus 70/117: Wo ist der Himmel? Jetzt ist dort Universum, wo der Himmel sein sollte. Aber die Hoffnung bleibt: >Ich hoffe, der Vater in den Himmeln / wird sein kleines Mädchen hochheben – / Altmodisch! Dumm! Alles! / die Treppe hinauf zum Perlentor< (Kübler übersetzt seltsamerweise: er hebt… „hoch übern `Perlen´-Zaun“. – Es geht um den Eingang in das Himmelreich mit Blick auf die Apokalypse des Johannes)

Und diese ihre Kleinheit spricht sie auch in dem Gedicht aus, in dem sie den Heiland anruft (217/295: Savior!): Sie belästigt ihn, weil sie sonst niemanden hat, mit dem sie reden kann. Sie hatte ihn, den Savior, vergessen und fragt den Heiland „erinnerst du dich an mich?“ Sie ist mit sich selbst nicht weiter gekommen. Sie brachte ihm einst ihr großes (kaiserliche) Herz (das wahre Ich?), das in ihrem eigenen Herzen verborgen war. Nun ist ihr aber ihr Herz zu schwer geworden: „Ist es zu groß für dich?“

Ihren eigenen Verrat erkennt sie in der Geschichte der Verleugnung Jesu durch Petrus wieder (203/232: He forgot) – oder erkennt sie in dieser Geschichte den Verrat Jesu? In der zweiten Strophe heißt es: >„Thou wert with him“ – quoth „the Damsel“? / „No“ – said Peter, „`twasn´t me“ – / Jesus merely „looked“ at Peter – / Could I do aught else – to Thee?< Würde sie also auch Jesus verleugnen und Jesus schaut auf sie – oder schaut sie auf Jesus, wie Jesus auf Petrus, weil Jesus sie verleugnet hat? Oder ist „Thee“ ein Mensch, der sie verraten hat? In dem Gedicht 193/215 (I shall know why) heißt es, dass sie nicht mehr fragt: „Warum“. Christus wird ihr es einmal wie ein Lehrer erklären. „Er wird mir sagen, was Petrus versprochen hat“. Was hat Petrus versprochen? Das schreibt sie nicht, aber wir wissen: Er versprach, Jesus bis auf den letzten Blutstropfen zu verteidigen. Petrus hat es nicht getan, Jesus musste leiden. Dann wird sie angesichts des großen Leidens Jesu ihre kleinen Angsttropfen vergessen. Aber jetzt, jetzt verbrüht sie dieser Tropfen. Hiermit greift sie die traditionelle Aussage mit Blick auf die Theodizee auf: Sieh, wie sehr Jesus für dich gelitten hat, dann wird dein Leiden dir klein erscheinen. Aber sie akzeptiert diese „Lösung“ für die Theodizee genauso wenig wie die, dass ihr einmal alles erklärt werden wird. Sarkastisch ist ihre Auseinandersetzung mit der Tradition in dem Gedicht 1718/1542 (Drowning is not so pitiful): Ein Mensch möchte nicht gerne ertrinken, obgleich er, wenn er ertrunken ist, ja Gott sehen könnte.

236/251 (If He dissolve) Ohne die Auferstehung Jesu (den sie allerdings nicht nennt) – wenn er sich also im Tod auflösen würde – wäre alles dunkel, alles würde vergehen, der Stern von Bethlehem würde fallen. Er sollte informiert werden, dass er stirbt, der Puls lispelt nur noch, der Wagen, der ihn in den Himmel bringt, wartet: „Sage – dass ein kleines Leben – für ihn – / undicht/offen/verletzt ist – rot – / sein kleiner Spaniel – erzähle es ihm! / Wird er ihn beachten?“ Die Kreuzigung Jesu wird angesprochen: Sie ermöglicht es Jesus, Kleine anzunehmen. Weil er am Kreuz selbst klein ist. Wird er auch sie annehmen, den kleinen Hund, der ihm ganz ergeben ist? Sein zweites Gesicht, das Göttliche, soll sich unser erinnern? „Jesus! thy second face / Mind thee in Paradiese / Of ours!“ Soweit ich sehe ist das Verhältnis zu Jesus Christus ungetrübter als zu Gott. Die Gedichte mit Blick auf den Glauben können vielfach weiter vertieft werden. Sie zeigen einmal eine schwankende Autorin. Gerade die letztgenannten Texte zeigen an, dass sie auch das Schwanken reflektiert, einmal als „süße Skepsis“, andererseits aber als etwas, das durch die Nähe zu Gott hervorgerufen wird. Die Nähe zu Gott wird es auch sein, die ihr Freiheiten gibt, aus anderer Perspektive, unangemessen mit Gott umzugehen. Die Frage stellt sich salopp: Was hat Gott ihr getan? Vielfach reagieren Menschen so, wenn Gott nicht den Erwartungen der Menschen an Gott entspricht. Oder anders gesagt: Wenn Menschen nicht so handeln, wie es ihren Erwartungen entspricht. Welche Erwartungen hatte diese exzentrische Frau an Gott? Dass er sie, wie im Valentinsgedicht (1: Gott hat nichts geschaffen, allein zu sein, außer dich) geschrieben hat, als Einzelgängerin geschaffen hat, die im Grunde wie eine Nonne in einem privaten Kloster lebte? Viele weitere Aspekte wären zu nennen – aber da ich keine psychologische Arbeit schreibe, sei es dabei belassen. Spannend finde ich das Gedicht, das von der Dornenkrone Christi spricht: Eine Krone, die keiner will, / bekrönt das höchste Haupt. / Seine Einsamkeit ist erwünscht / Die Narbe göttlich. // Während Pontius Pilatus lebt / In welcher Hölle auch immer / Die Dornenkrönung durchbohrt ihn / Er erinnert sich gut daran (1735/1759: One crown that no one seeks). Identifiziert sie sich hier mit dem leidenden Jesus? Wer ist dann Pontius Pilatus?

Gedicht 85/87 (They have not chosen me):

„Sie haben mich nicht erwählt“, sagte er (Gott),
„Aber ich habe sie erwählt!“
Mutig – eine Aussage gebrochenen Herzens –
Ausgesprochen in Bethlehem!

Ich hätte es nicht sagen können,
Aber seit Jesus es wagte
Souverän, wisse, ein Gänseblümchen
hat deine Entehrung geteilt! (zwei Überlieferungen: They dishonor shared! / Thy dishonor shared!)

Sie sieht sich als die Kleine, als Gänseblümchen. Und Gott/Jesus haben ihre Schande geteilt, haben sich also auch ganz klein gemacht – und sie kann nun durch ihre Entehrung an der liebenden Erniedrigung teilhaben bzw. sie haben daran Teil. Andererseits 1748/1776 (The reticent volcano): Sie ist ein Vulkan, der sich zurückhält – so heißt es in der ersten Strophe. In der zweiten Strophe spricht sie – eine spannende Aussage! – davon, dass die Natur das nicht weitersagt, was Gott ihr gesagt hat, also sie verschweigt ihr göttliches Wissen. Gott hat also niemanden, der auf ihn hört. Entsprechend kann der Mensch überleben, auf den niemand hört – also auch auf sie, den brodelnden Vulkan, hört niemand. Jeder Schwätzer soll sich von seinen zusammengepressten Lippen ermahnen lassen: das einzige Geheimnis, das Menschen bewahren ist Unsterblichkeit.

Enttäuschung über Gott wird in vielen Gedichten deutlich (1751/1768: There comes an hour)

Mein Leben beendete ich zweimal vor seinem Ende –
Es bleibt noch abzuwarten
Ob die Unsterblichkeit enthüllt
Mir ein drittes Ereignis


So groß, so hoffnungslos, sich vorzustellen
Wie diese zweimal geschahen
Trennung ist alles, was wir vom Himmel wissen
Und alles, was wir von der Hölle brauchen

Dieses Gedicht (1732/1773: My life closed) das auf den Tod des Vaters und eines Bekannten zurückblickt, sagt also über Gott: Gott bringt Trennung/Abschied, die Hölle. Lebt der Verstorbene in einer anderen Welt? Das kann ihr Glaube nicht beantworten. Bevor der Mensch gestorben war, konnte er es; bevor sie mit dem Tod konfrontiert wurde, war sie sich sicher, dass es diese andere Welt gibt (1557/1587: Lives he). Die Menschen, die früher starben, wussten, dass sie zur rechten Hand Gottes gehen. Nun ist die Hand amputiert, Gott selbst kann nicht gefunden werden. Ohne Glauben wird alles beengt. Besser ein feuriger Narr als ohne Licht (1551/1581 Those – dying then). In dem Vierzeiler 1539/1575 (Now I lay thee) heißt es: >Now I lay thee down to Sleep – / I pray the Lord thy Dust to keep – / And if thou live before thou wake – / I pray the Lord thy Soul to make – < Es wird die Unsicherheit mit Blick auf das Leben nach dem Tod deutlich. Und sie beruft sich in And with what Body (1492/1537) für Gewissheit auf Paulus (wohl 1. Korinther 15; 2. Korinther 5): >Mit was für einem Körper kommen sie? / Sie kommen – Jubelt! / Durch welche Tür – in welcher Stunde – renne – renne – Meine Seele! / Erleuchte das Haus! // Körper! Wirklich – ein Gesicht und Augen – / Wissen, dass sie es sind! / Paulus kannte den Mann der die Neuigkeiten brachte – / Er ging durch Bethlehem – < Wobei Bethlehem ein Begriff für das Leben Jesu ist. Der Name meint nicht allein den Ort, sondern die Menschwerdung Gottes in Christus (vgl. Oberhaus).

Aber auch Glück wird in Gedichten angesprochen: mit Blick auf die Vögel, die einfach singen und dem Himmel nahe sind: Für das Glück benötigt man wenig: Jesus sagt: komm zu mir – und das lässt die Cherubim (Engel-Vögel) fliegen (1574/1605: No ladder).

Der Winter ist für sie eine schlimme Zeit. Die Natur ist ein Beispiel für die Vergänglichkeit schlechthin. Der Sommer ist eine schöne Zeit (130/122: These are the days) – und lässt mit Gemeinschaft, Brot und Wein, die Heiligkeit des Abendmahles durchscheinen: „Oh Sacrament of summer days, / Oh Last Communion in the Haze – / Permit a child to join. // Thy sacred emblems to partake – / They consecrated bread to take / And thine immortal wine!“ Übrigens: Auch die schweigsame Fledermaus in ihrer Exzentrizität lobt den exzentrischen Schöpfer (1575/1408) – wenn ich das Gedicht richtig verstanden habe.

In 254/314 hat sie ein schönes Hoffnungsgedicht (Hope ist he Thing wirth Feathers). Und auch der Glaube ist immer mal wieder Thema: Die Brückenpfeiler des Glaubens schwanken, Gott hat die Brücke gebaut, Jesus hat sie getestet (1433/1459; How brittle are the Piers). Sie bezeichnet die Skepsis als „süß“, sie weiß – und weiß nicht, sie lädt die Wahrheit ein, um sie dann zu verschleiern, damit Gewissheit nicht beruhigt, sie verbindet sie mit einander widersprechenden Worten: entzückende Furcht und köstliches Quälen (1413/1438 Sweet Skepticism oft he Heart). Auch die Existenz des Paradieses ist für sie ungewiss gewiss (1411/1421 Of Paradise´ existence). Sie spricht den Schöpfer („Maker“) an:
Mein Schöpfer – lass mich
in dich mehr verliebt sein –
aber je näher ich komme
desto mehr vermisse ich
– (1403/1463 My Maker – let me be).

Die Gedichte mit Blick auf den Glauben können vielfach weiter vertieft werden. Sie zeigen einmal eine schwankende Autorin. Gerade die letztgenannten Texte zeigen an, dass sie auch das Schwanken reflektiert, einmal als „süße Skepsis“, andererseits aber als etwas, das durch die Nähe zu Gott hervorgerufen wird. Die Nähe zu Gott wird es auch sein, die ihr Freiheiten gibt, aus anderer Perspektive, unangemessen mit Gott umzugehen.

Im Jahr 1836 sind ihre Glaubensgedichte, um es mal so zu sagen, noch stabiler. Sie nahm ihre Macht in die eigene Hand. Wie David wollte sie die Welt mit einem Kieselstein besiegen. Doch sie traf nur sich. War Goliath zu stark oder war sie zu schwach? (540/660; I took my Power in my Hand). David nahm, was sie aber nicht schreibt, seine Macht nicht in die eigene Hand, sondern ging mit Gott in den Kampf. Sie reflektiert 740/774 (You taught me Waiting with Myself) Wissenschaft und Glauben. Wissenschaft sieht sie als bedeutsam an – die „zweite Hand“ ist der Glauben, sie lebt „in Christ´s bright Audience“ und bittet in 728/754 (Let Us play Yesterday) : Gott der Gefesselten und der Freien, „Take not my Liberty / Away from Me -„ In 698/727 (Life – is what we make it) formuliert sie die Bedeutung Jesu für sie:

Leben ist, was wir daraus machen –
Tod – da wissen wir nichts
Christus kennt ihn
Rechtfertigt ihn – obwohl

Er – würde keinem Fremden vertrauen
Andere – könnten betrügen –
Allein dass er ihn kennt –
Das – genügt mir –

All die anderen Entfernungen
Hat er zuerst überwunden –
Keine neue Meile bleibt –
Bis hin zum entfernten Paradies –

Ist sein sicherer Fuß gegangen –
Zarter Pionier –
Wage es zu wagen, Feigling – jetzt –

Der Tod wie auch andere „Distanzen“ müssen also nicht gefürchtet werden, weil Christus sie bis zum Paradies durchschritten hat. Der Tod ist nicht mehr fremd. Darum, so interpretiere ich das, muss man vor dem Tod nicht feige kapitulieren. Damit greift die letzte Zeile die erste auf.

„Leben ist, was wir daraus machen“ – was macht sie daraus? Zum Gebet und Leben schreibt sie 623/689 (It was too late for Man): Für den Menschen ist es zu spät – / Aber früh genug für Gott – / Schöpfung – unfähig zu helfen – / Aber das Gebet – bleibt – unsere Seite – // Wie großartig der Himmel – / Wenn die Erde – nicht gewonnen werden kann – / Wie gastfreundlich – dann – das Antlitz / Unsres alten Nachbarn – Gott -„. Ist das irdische unfähig zu helfen – Gott ist es nicht. Das Gebet ist das Mittel, Distanz zu Gott zu überwinden, wenn er seine sichtbare Gegenwart verweigert. Das Gebet ist das Mittel, komprimiert die Worte in Gottes Ohr zu schleudern. So verstehe ich 437/623 (Prayer is the little implement“). Allerdings sieht sie den betenden Menschen auch negativ, wie einen Vogel, der mit dem Fuß aufstampft und schreit: Gib mir! In diesem Text reflektiert sie auch sich selbst, allerdings deprimierend: Es wäre barmherziger, nicht die Gebete zu erhören, und den Menschen fröhlich in nichts, fröhlich und taub im Atom-Grab zu lassen, als in diesem klugen, cleveren Elend (376/581; Of Course – I prayed-). In 576/546 (I prayed, at first, a little Girl) ist das Gebet ebenfalls Thema. Man lehrte sie beten. Sie wusste als kleines Mädchen, dass sie sich auf Gott verlassen konnte. Er half, Gefahren zu überwinden. Jetzt muss sie selbst die Balance im Leben wahren, kippt aber ständig, und das braucht viel Kraft, und dann fällt sie doch. 564/525 (My period had come for Prayer) endet damit, dass sie schreibt:

Die Stille kommt herab –
die Schöpfung hört auf – für mich –
ehrfürchtig über mein Sorgen hinaus –
anbete ich – bete nicht – .

Um wieder auf das Thema Tod zurückzukommen: 455/680 (Triumph): Der alte Herrscher Tod wird durch den Glauben überwunden. Ihre letzten Worte, die überliefert wurden: „Ich muss hinein gehen, denn der Nebel steigt.“ I must go in for the fog is rising. Ihr Lieblingsgedicht war das Gedicht von Emily Brontë  (unter meiner Brontë-Darstellung ausführlich zitiert: https://gedichte.wolfgangfenske.de/19-jh-2/ ), das nach ihrem Sterben während der Trauerfeier vorgelesen wurde.