18.-19. Jh. (2)

Ernst Moritz Arndt (1769-1860)

Er ist berühmt – wird in der Neuzeit von den Nachgeborenen negativ beurteilt – auch in seiner Zeit hatte er es freilich nicht immer leicht. Er wandte sich massiv gegen die napoleonische Besatzung. Der patriotische nationale Ansatz, mit Blick auf Deutschland, ist intensiv mit ihm verbunden. Er musste vor Napoleon fliehen. Als die Preußen von Napoleon gezwungen waren, gegen Russland zu kämpfen, hat er als Privatsekretär des Freiherr von Stein versucht, England und Russland gegen Napoleon zu koalieren. Er hat sich aber auch gegen die Leibeigenschaft eingesetzt. Nach der Niederlage Napoleons wurde er Professor – wurde dann aber aufgrund der Restaurationspolitik, die Freiheitsbestrebungen unterbinden wollte (Demagogenverfolgung), suspendiert. Jahre später wurde er rehabilitiert. Ich habe ihn ausführlicher behandelt, weil er gegenwärtig besonders umstritten ist.

Im neuen Gesangbuch wurden nur zwei Texte übernommen. Das Abendmahlslied: „Kommt her, ihr seid geladen, der Heiland rufet euch“ (EG 213) und das Lied „Ich weiß, woran ich glaube, ich weiß, was fest besteht“ (EG 357). In dem Gesangbuch von 1878 finden sich zwei Lieder, die den nahen Tod ankündigen und dazu auffordern, dass man nach seinem Sterben nicht klagen und weinen solle, denn Jesus Christus spricht zu ihm: „Komm!“ – und der Himmel tut sich auf („Abschied von der Welt“).

Die folgenden Texte sind den „Gedichten“ (2015) entnommen. Im „Abendlied“ besingt er seine unaussprechliche Not, die er Gott vorbringt und: „Ja, deine süße Liebe, / Die tröstet mir den Schmerz, / Ja, deine süße Liebe, / Die stillet mir das Herz.“

Er schrieb sehr detaillierte Naturbetrachtungen (Blumen vor allem) und verband diese mit Glauben. Die Vögel singen: „Und ich? Ich sollte schweigen, / Ich, Gottes reiches Ebenbild? / Durch das mit Liebesneigen / Der Feuerstrom der Gottheit quillt“ („Morgengebet„) und auch die Lerche ist Vorbild: „Fort, Heidenklang! Verklinge! / Verkling, uraltes Weh! / Komm, Christenlerche, singe / Ein Lied aus höhrer Höh´, / Ein Lied vom schönern Glauben…“ („Gesang der Christenlerche„). „Der Vogel predigt hier, die Imme*, / Der Blütenzweig wie Gottes Buch.“ (* Imme = Biene; „Waldgrutz„) – das zeigt die Bedeutung, die Arndt der Natur gibt: sie ist Gottes Buch – wie die Bibel. Das Gedicht endet mit Bitte an die predigende Natur: „Singt mir das Herz in Frieden ein“. Im „Abendgebet“ spricht er aus, dass einer, bevor er schlafen geht, vor seine Hütte tritt: „Sich christlich erst bereiten muß / Mit Liebesdank und Liebesgruß, / Muß sehen, wie die Sterne blinken, / Und noch den Odem Gottes trinken.“ Aber dennoch kannte auch er das Gefühl der Traurigkeit: „Denn ach! Mein Gott hat mich verlassen, / Weil ich zuerst mich selbst verließ“ („Ich bin so traurig in dem Herzen“). Warum Leiden? „Er (Gott) rollt Geheimnis durch des Lebens Kreise, / Auf daß du lernest nach dem Licht dich sehnen.“ („Gerechtigkeit Gottes„)

Glaubens-Gedichte spielen nicht nur in seiner jungen Zeit eine Rolle, sondern auch im Alter (z.B.: „Immer Liebe“; „Jesusgebet“). Er hat zum Teil eine sehr emotionale Sprache: „Auf! Mit stolzem Angesichte / Zu dem Lichte! / Zu dem Lichte alles Lichts, / Wo die tausend Sonnen brennen! / Lern´ erkennen: / Gott ist alles, du bist nichts.“ („Traum der fliehenden Minuten“). Und diese Sprache verwendet er später auch in anderen Zusammenhängen.

Arndt hat sehr schöne Glaubens-Gedichte geschrieben. Manches ist aus christlicher Perspektive unerträglich, seine enge Verbindung von Nation und Gott: „So, deutscher Mann, so, freier Mann, / Mit Gott dem Herrn zum Krieg! / Denn Gott allein kann Helfer sein, / Von Gott kommt Glück und Sieg.“ („Wer ist ein Mann?“ [1813]), „Deutsche Freiheit, deutscher Gott, / Deutscher Glaube ohne Spott, / Deutsches Herz und deutscher Stahl / Sind vier Helden allzumal.“ („Deutscher Trost“) „Betet, Männer, heiligstes Gebet! / Gott im höchsten Himmel gebe Segen / Diesem freien Mann und seinem Degen, / Daß er Blitz in deutschen Schlachten sei.“ („Lieder bei besonderen Fällen“ 2) „Gott, der Eisen wachsen ließ, / Der wollte keine Knechte.“ („Vaterlandslied“) Diesen Zitaten können sehr viele an die Seite gestellt werden, in denen Gott mit Freiheit verbunden wird – mit dem Ziel, einen gerechten Freiheitskampf zu fördern, in dem auch die Soldaten sich an Menschenrechte halten, nicht im metaphorischen Sinn, sondern in einem realen Bürger-Krieg der Schwachen gegen die Starken. Aber auch die Sicht, dass es Volk gegen Volk geht, statt gegen den Herrscher und seine Zuträger, ist ihm wohl nicht bewusst gewesen, wobei ich freilich nicht sagen kann, ob eine solche Trennung in der damaligen Zeit überhaupt schon allgemein denkbar war (siehe unten). In seinem Friedensgebet von 1837 bittet er: „Gib Frieden, Herr, gib Frieden“.

Er bekennt seine Schuld: „Zuviel hab´ ich geduldet, / Gekämpfet überlang. / Gesündigt und verschuldet, / Drum ist mir weh und bang; / Ich weiß nicht aus noch ein / Auf diesen düstern Straßen, / Ich wäre gar verlassen, / Wär´ Jesus Christ nicht mein.“ („Trost in Christo“; 1818)

Er hat nicht genügend wahrgenommen, was christliche Denker seit Augustinus erarbeitet haben: Wenn Kriege unausweichlich sind, dann müssen sie klagend geführt werden. Natürlich gab es noch keinen Tolstoi, keinen Gandhi, keinen Martin Luther King, die versucht haben, Unrechtssysteme mit intelligenter Feindesliebe zu stürzen, zumindest Situationen positiv zu verändern. Von daher ist es unangemessen, seinen Freiheitskampf aus heutiger Perspektive zu beurteilen. Aber er hatte das Wort Jesu von der Feindesliebe, das ihn hätte korrigieren können. Soweit ich sehe geht er in den Gedichten darauf nicht ein. Zudem zieht er Gott, der im christlichen Glauben nicht auf eine Nation konzentriert werden kann, auf die nationale Ebene herab. Damit macht er das, was in den Konfessionskriegen des 30jährigen Krieges konfessionell geschehen ist: Gott ist katholisch oder evangelisch – auf anderer Ebene: Bei Arndt ist Gott nationalisiert und germanisiert. Hinzu kommt, dass bei ihm auch schon Ansätze des Antisemitismus – also des rassischen Ansatzes – erkennbar werden. Was aus Glaubensperspektive neu ist: Zuvor war in Gedichten immer die Bitte an Gott gerichtet, den Feind zu bekämpfen. Mit Arndt ist einer gekommen, der den Menschen auffordert, mit Gott den Feind aktiv zu bekämpfen. Wir kommen damit in die marx´sche Moderne – aber auch mit dem folgenden Ansatz: Er nimmt die Errungenschaften der französischen Revolution auf, indem nicht mehr der Adel und die Könige die Kriege führen, sondern das Volk ist gerufen, sich von ungerechten Herrschern zu befreien.

Ob allerdings die Verhaltensweise richtig ist, die Goethe bevorzugte, mit Blick auf den Besatzer Napoleon, ist mir die Frage. Das wird heutzutage nicht thematisiert. Menschen, die sich den Mächtigen anpassen, sind meistens willkommener. Aber es gibt Handlungsweisen zwischen den Extremen. Und Goethe ist ein Extrem, der über allem zu stehen meint. Damit hat er heute – anders als Arndt – gute Verbündete. Napoleon selbst konnte allerdings auch als ein Befreier hin in die neue Welt angesehen werden, der die alte überlebte Welt zerstört (vgl. Hegel, „List der Vernunft“). Arndt konnotiert Gott oft mit Freiheit und Recht: „Gott, der Tyrannei zerbricht, / Gott ist unsre Zuversicht.“ Freiheit – was bedeutete sie für den hohen Staatsbediensteten Goethe? Eine rhetorische Frage. Kant starb vor der Eroberung Napoleons. Seine Sicht mit Blick auf Freiheit: Wenn der Mensch die Möglichkeit bekommt, frei zu sein, kann er auch zur Freiheit reifen. Das verhindern zu wollen bedeutet, in Gottes Handeln, der den Menschen zur Freiheit erschuf, einzugreifen. Kampf um Freiheit lehnt er ab, aber wenn ein Kampf stattgefunden hat (Französische Revolution), dann muss man sich wieder der neuen Ordnung, die im Idealfall der Vernunft entspricht, unterordnen.

An Arndt ist zu sehen, dass er Grenzen der Unfreiheit mit Gottes Hilfe durchbrechen möchte. Dabei übersieht er aber die Grenze, die Gott dem Menschen setzt. Diese Art Kampf, die Arndt vor Augen steht, ist im Neuen Testament nicht vorgesehen. Allerdings in der Natur. Von daher muss die predigende Natur dem predigenden Neuen Testament untergeordnet werden.

(Anzumerken ist, dass viele hochrangige Kirchenvertreter Deutschlands während des zweiten Weltkrieges den Kampf gegen andere Mächte ähnlich religiös legitimierten.)

Friedrich Hölderlin (1770-1843)

Hölderlin – er ist kompliziert. Für ihn benötige ich mehr Zeit.

Hölderlin ist in einem frommem Elternhaus aufgewachsen. Er studierte Theologie. Diese war sehr rational ausgerichtet. Jesus Christus blieb ein Wesen der Vergangenheit, die Theologie war dogmatisch überladen, kurz: Christus war nicht lebendig. So wandte er sich ganz im Duktus seiner Zeit den antiken Göttern zu. Mit diesen konnte er seine Phantasie, Emotion und Natur verbinden. Doch ab 1801 wurde ihm Jesus Christus wieder lebendiger, weil diese mythischen spielerischen Phantasiemächte ihm keine Basis gaben, so Alois Winklhofer: Hölderlin und Christus. Entsprechend wurde Jesus Christus für Hölderlin immer lebendiger. Winklhofer formulierte in einer Rede 1946: „In den verflossenen Jahren (sc. des Nationalsozialismus) kam die Bedeutsamkeit dieser Frage (sc. zum Verhältnis Hölderlins zu Christus) sowohl durch ihre gewissenhafte und eingehende Behandlung von seiten berufener Hölderlin-Kenner wie durch ihre Ignorierung seitens jener zum Ausdruck, die die Großen unseres Geisteslebens nur ungern in der Gesellschaft Christi sahen.“ (5) Abgesehen von denen, die Hölderlins Christus-Zuwendung dem späteren Wahnsinn zuschrieben, war Hölderlin auf dem Weg zu Christus, der Wahnsinn, der ihn umnachtete war schneller. So lässt sich eine Entwicklung erkennen, zunächst vom Gedicht zum 72. Geburtstag seiner Großmutter, über „Brot und Wein“, in dem die Götter mit den Farben Jesu gemalt wurden, und „Versöhnender“ hin zu „Der Einzige “ und „Patmos“. Christus sprengt den griechischen Götter-Mythos, Christus wird ihm immer größer, freilich erkennt er, dass er als weltlicher Sänger Christus nicht gerecht werden kann.

Für Hölderlin spielt Jesus, der den Jüngern auf dem Weg nach Emmaus begegnet, eine Rolle. In diesem Text wird deutlich, dass der Auferstehungsglaube ein Prozess ist. Auf diesem Weg sieht sich wohl auch Hölderlin. Das Problem der späten Gedichte liegt nicht darin, dass Christus nicht immer deutlicher erkennbar wird. Es liegt darin, die Texte in ihrem gesamten Kontext zu interpretieren.

Novalis / Georg Philipp Friedrich von Hardenberg (1772-1801)

Novalis lebte nur kurz. Er hatte eine gute Kindheit, gute Ausbildung, war beruflich erfolgreich. Er hatte aber wohl zeitlebens mit seiner Lunge Schwierigkeiten. Er starb möglicherweise an Tuberkulose, so wird vermutet, die er sich bei der Pflege des kranken Friedrich Schiller geholt hatte, der 1804 daran gestorben ist.

Hymnen an die Nacht 5: „Getrost, das Leben schreitet / Zum ewgen Leben hin, / Von innrer Glut geweitet / Verklärt sich unser Sinn. / Die Sternwelt wird zerfließen / Zum goldnen Lebenswein, / Wir werden sie genießen / Und lichte Sterne seyn. // Die Lieb´ ist frey gegeben, / Und keine Trennung mehr. / Es wogt das volle Leben / Wie ein unendlich Meer. / Nur Eine Nacht der Wonne – / Ein ewiges Gedicht – / Und unser aller Sonne / Ist Gottes Angesicht.“ Auch die 6. Hymne schließt mit dem Ausblick auf das Sein nach dem Sterben: „Hinunter zu der süßen Braut, /
Zu Jesus, dem Geliebten – /
getrost, die Abenddämmrung graut /
Den Liebenden, Betrübten. /
Ein Traum bricht unsre Banden los /
Und senkt uns in des Vaters Schooß.
– „in des Vaters Schooß“ – zu Beginn sprach er noch davon: „Hinunter in der Erde Schooß“ – es wandelt sich die Vorstellung in dem Gedicht. Grenzen werden aufgehoben. Vorstellungen verändern sich im Glauben.

Novalis geistliche Lieder sprechen, wie gesehen, die große Liebe zu Christus aus – und das im Kontrast zu manchen, die sich für aufgeklärt hielten: „Wenn alle untreu werden, / So bleib´ ich dir doch treu“. So erkannte in den Aufgeklärten: Menschen werden Jesus gegenüber untreu, aber die Liebe Jesu bleibt. Novalis schaut hoffnungsfroh in die Zukunft: „Einst schauen meine Brüder / Auch wieder himmelwärts, / Und sinken liebend nieder, / Und fallen dir ans Herz.“ (1878: 151) Diese große Liebe zu Christus spricht auch das Gedicht aus: „Was wär ich ohne dich gewesen?“ – und er beschreibt, welche Bedeutung Jesus Christus für den Beter Novalis hat, der in dem Gedicht an Tieck eine Offenbarung beschreibt. Es wird gesagt, dass für Novalis Christus aber auch die Geliebte Mittler sein könne. Das ist der Versuch, Novalis säkularisiert schmackhaft zu machen. Die verstorbene Geliebte hat in der 3. Hymne eine große Bedeutung – aber im Traum. Der Traum, in dem ihm die Geliebte erschien, veränderte seine Weltsicht. Wenn man die Christustexte anschaut, so haben sie weitreichendere Bedeutung.

Ich habe in meiner Gedicht-Darlegungen immer wieder hervorgehoben, dass Grenzen im Glauben überwunden werden. Gerade das ist bei Novalis besonders ausgeprägt. Er versuchte Poesie und Wissenschaft zusammenzuführen, Philosophie und Transzendenz – die Nacht als Übergang zum Tag, Tod zum Leben – letztlich alles zusammenzuführen zu einer großen Harmonie. Diese wird auch in „Wenige wissen / Das geheimniß der Liebe“ ausgesprochen, in dem Text, in dem Abendmahl und Liebe ganz eng verwoben werden. Und das hat er dann nicht nur in Gedichten darzustellen versucht, sondern auch in „Die Christenheit oder Europa“. Zudem versuchte er Wunder und Naturgesetze zusammenzuführen, im Blüthenstaub: „12. Wunder stehn mit naturgesetzlichen Wirkungen in Wechsel: sie beschränken einander gegenseitig, und machen zusammen ein Ganzes aus. Sie sind vereinigt, indem sie sich gegenseitig aufheben. Kein Wunder ohne Naturbegebenheit und umgekehrt.“ http://www.zeno.org/Literatur/M/Novalis/Fragmentensammlung/Bl%C3%BCthenstaub

Heinrich von Kleist (1777-1811)

Kleist versuchte literarisch zum Beispiel mit Novellen und Erzählungen, die gesellschaftliche Probleme ansprachen, Fuß zu fassen, zum Teil verhinderte das die Zensur. Er hatte verschiedene Krisen zu bewältigen, die ihn herumreisen ließen – aber auch dazu führten, sich stärker patriotisch zu engagieren. Zuletzt beging er mit einer erkrankten Begleiterin Suizid.

Kleist hat, soweit ich sehe, kaum etwas zum Thema Gott und Glauben geschrieben. Mir ist das Gedicht begegnet: „Der höhere Frieden“. In ihm heißt es in der zweiten der drei Strophen, wenn Menschen Krieg und Zwietracht säen, „Denk ich, können sie doch mir nichts rauben, / Nicht den Frieden, der sich selbst bewährt, / Nicht die Unschuld, nicht an Gott den Glauben, / Der dem Hasse, wie dem Schrecken wehrt“. Der „Engel am Grab des Herrn“ lehrt Jünger, „daß sie allen Erdenvölkern lehren, / Und tun also, wie er getan´: und schwand“. Das, was Jesus lehrt, wird hier im Mund eines Engels wiedergegeben – allerdings mit Schwergewicht auf die Tat. Der Engel ist fort, Jesus ist gestorben – es bleibt die Tat. Die Betonung der menschlichen Tat war es auch, die Kleist stark kirchenkritisch schreiben ließ, wie gleich unten zu sehen. In einem der Gedichte „Zwei Legenden nach Hans Sachs“ schreibt er in „Gleich und ungleich“: Jesus führt zwei Menschen zusammen – eine fleißige Frau und einen faulen Mann, damit die Frau nicht hochmütig wird und der Mann besser – so kommen beide in den Himmel. Ähnlich der Text „Der Welt Lauf“ – da plagt Jesus die Menschen, damit sie das Heil erlangen.

Eine Anmerkung: Im „Erdbeben von Chili“ zeugt ein Liebespaar unehrenhaft ein Kind. Das wird entdeckt. Die Mutter wird zum Tod verurteilt und der Vater ist im Gefängnis, dort betet er zur Mutter Gottes, weil allein sie retten könne. Die frommen Menschen jedoch wollen dem Schauspiel der Vollstreckung beiwohnen – dem Schauspiel der Rache Gottes. Ein Erdbeben, „die zerstörende Gewalt der Natur“ bricht aus. Das Todesurteil wird somit nicht vollstreckt und der Vater kommt frei: „Er senkte sich so tief, daß seine Stirn den Boden berührte, Gott für seine wunderbare Errettung zu danken“. Sie suchen und finden einander „ein Wunder des Himmels“. Sie danken Maria, und fühlen sich wie im Paradies – vor allem auch, als sie die Solidarität bestimmter Menschen wahrnahmen und von ihren großen Taten hörten. Am nächsten Tag wollen sie in einem Dankgottesdienst mit anderen Überlebenden Gott danken. Dort wird jedoch über die Amoral der Menschen gepredigt, die Schuld am Erdbeben sein sollen, die schuldigen Menschen werden dem „Fürsten der Hölle“ übergeben. Die Menge erkennt die beiden und meint, das Erdbeben wäre Strafe Gottes wegen ihres Vergehens – und verhält sich wie eine Höllenhorde, eine „satanische Rotte“, sie erschlagen einen Säugling an der Kirchenmauer – die Liebenden werden gelyncht. In diesem Text nimmt Kleist Stellung zum Thema der Theodizee, zur Frage nach der Gerechtigkeit Gottes. Ich deute das so: Gott rettet die beiden Liebenden, so sehen sie selbst es – doch der Mob, der in die Kirche kommt, um Gott zu danken, verhält sich unchristlich, das heißt höllisch, satanisch. Das Thema der Anthropodizee wird intensiv thematisiert. Es geht, wie das Gedicht oben sagte, darum, wie Jesus zu handeln, wie es die Äbtissin tut, die gegen eine solche Bestrafung der jungen Mutter ist.

Clemens Brentano (1778-1842) (EG: 509)

Brentano war zeitlebens unterwegs – in Dörfern, in Berufen, in Studienfächern, im Versuch, Frauen zu heiraten. Nichtmilitärischer Patriotismus und Antijudaismus wuchsen. Er begann eine religiöse Heimat zu finden. Er hatte schon 1817 Gedichte von Friedrich Spee herausgegeben und beschäftigte sich unter anderem mit der „Nachfolge Christi“ von Thomas von Kempis. Aber letztlich fand er als Katholik Glaubensheimat in den Gedichten der protestantischen Schriftstellerin Luise Hensel. Ihre Texte sind, so empfand er es, der Schlüssel Gottes zu seinem Herzen. Sie ist, wie andere, die es mit Brentano zu tun hatte, später katholisch geworden. Unter anderem schrieb er auch ein Werk, in dem er das Verhältnis von Dichtung und Religion reflektierte. Zuletzt ist Religion das Einzige, was für ihn zählte – aufgrund der Begegnung mit der Nonne Anna Katharina Emmerick, deren Visionen er verarbeitend aufzeichnete. Nach ihrem Tod gründet er mit anderen ein Armenhospital und Vereine, war also in der katholischen Sozialbewegung aktiv. Entsprechend liegen von ihm zahlreiche Gedichte vor, die seinen Glauben widerspiegeln – zum Teil wahre Schätze, die hier leider kaum gewürdigt werden können. Auf wenige sei hingewiesen. Es sei noch angemerkt, dass auch versucht wird, Brentano zu säkularisieren, indem man seine religiösen Texte relativiert. Nach seinem – ich nenne es mal spöttisch so –  religiösen Sündenfall schreibt er nur noch Erbauunsgedichte. Die folgenden Gedichte wurden nach zeno.org zitiert. Im neuen Evangelischen Gesangbuch finden wir nur ein Lied: „Kein Tierlein ist auf Erden dir, / lieber Gott zu klein. / Du ließest alle werden / und alle sind sie dein.“ (509) Brentano hat es 1815 gedichtet – 1837 hat der Pfarrer Albert Knapp (s. 19. Jh.) den ersten Tierschutzverein Deutschlands gegründet. Berühmt wurde Brentano vor allem mit dem von Achim von Arnim herausgegebenen: „Des Knaben Wunderhorn„.

Das Gedicht „Frühlingsschrei eines Knechtes aus der Tiefe“ beginnt: „Meister, ohne dein Erbarmen / Muß im Abgrund ich verzagen, / Willst du nicht mit starken Armen / Wieder mich zum Lichte tragen.“ Jesus selbst muss dem Menschen helfen, weil der Mensch ihm nichts geben kann – der Mensch ist Empfangender: „Daß des Lichtes Quelle wieder / rein und heilig in mir flute, / Träufle einen Tropfen nieder, Jesus! nur von deinem Blute!“ Er ist durch die Wüste gezogen – die Lebenswüste, der Gang ist hart – „Das Ziel, ich fühl´ es gekommen, / Ich rufe zum sinkenden Stern: / Der Herr hat gegeben, genommen, / Gelobt sei der Name des Herrn“ – er ergibt sich Gott, damit ist das Leben in der Lebenswüste beendet. In dem Gedicht „Liebster Hirte denkst du nicht“ fragt er Christus, der ihn an sich gebunden hat, warum er leiden muss. Dann sieht er Christus in den Leidenden: „Wenn ich diese Wunden pflege / Und den Balsam in sie lege, / Seh´ ich deine Wunden glühn, / Die wie Rosen mir erblühn.

Er bittet um den Frieden Gottes („Der Du von dem Himmel bist“):
Der Du von dem Himmel bist,
Alles Leiden endlich stillest, /
Den, der doppelt elend ist, /
Doppelt mit Erquickung füllest: /
Ach ich bin so müd, so müde;
Was soll aller Schmerz und Lust? /
Gottesfriede – /
Komm, o komm in meine Brust.

Luise Hensel (1798-1876)

Luise Hensel ist Tochter eines Pfarrers und konvertierte 1818 zum Katholizismus. Sie wurde vor allem aufgrund ihrer religiösen Texte bekannt. Zu den berühmtesten gehört: „Müde bin ich, geh zur Ruh“ (EG 484). 1861 blickt sie auf dieses Jugendlied zurück und schreibt: „>Müde bin ich, geh‘ zur Ruh,´</ Sang ich in der Jugend Tagen. / >Schließe beide Augen zu!´</ Wird nun bald der Tod mir sagen. / Herr, mein Gott! das walte Du!

Sie war Gesellschafterin und wurde vielfach als Erzieherin von Mädchen engagiert. Drei von ihnen wurden sogar Gründerinnen von karitativen Orden. Ebenso war sie zeitweise selbst karitativ tätig und pflegte auch die Nonne Anna Katharina Emmerick. Sie hat sehr viele Gedichte mit religiösem Bezug geschrieben. In ihnen ringt sie vielfach darum, die Welt Gottes in dieses irdische Leben hineintragen zu können. In diesem Bemühen wird die Welt vielfach als eine beschrieben, die im Gegensatz zur Welt Gottes vergänglich ist. Ihr Bemühen wird sehr schön in dem Gedicht „Selbsterforschung am Abend“ deutlich: „Du hast die Stimme mir gegeben, / Daß ich Dich preisen soll, mein Hort! / Und Andern auch das Herz erheben / Durch frommes und einfält’ges Wort. / Weh‘ mir, wenn ich zurücke zähle, / Was ich Unnützes heut gesagt! / O richte nicht, bis in der Seele / Der Wahrheit reiner Morgen tagt!

Die Jesus-Minne, Liebeslieder, die Jesus im Blick haben, begegnen bei ihr. Sie hat auch ein Gelübde der Jungfräulichkeit abgelegt, und damit so manchen Mann deprimiert, zum Beispiel auch Clemens Brentano. Zum Beispiel in „Jesu Herz“, aber auch „Wen ich liebe“: „Du süßer, lieber Jesus Christ, / Wie schäm‘ ich mich vor Dir, / Daß noch so lau mein Herz Dir ist; / Gieb Liebe, Liebe mir! // Gieb Liebe, Liebe bis zum Tod, / Gieb Eifer mir und Muth! / Mit Dir geh‘ ich durch Schmerz und Noth, / Mit Dir durch Flamm‘ und Fluth. // Mit Dir – o wundersüßes Wort! / Mit Dir – o Seligkeit! / Nun Zagen fort! Nun Zweifel fort: / Mir hilft der Herr im Streit.“ In „Sursum Corda“ heißt es:
Stille, stille! Herr, Dein Wille,
Der geschehe auch an mir!
Amen, Amen! und Dein Namen
Sei gepriesen dort und hier!

An Luise Hensel wird deutlich, dass auch Gott an Grenzen stößt: Menschen haben ihren freien Willen, Gott abzulehnen, obgleich er mit Wort und Tat verkündigt wird. Und deutlich wird an vielen dieser Dichterinnen und Dichter dieser Zeit, dass die Zeit des vordergründigen und weltimmanenten Rationalismus nicht allein die Menschen prägte, sondern auch tiefer Glaube. Die Fokussierung auf innerweltliche Aspekte wird durch den Glauben durchbrochen.