Erich Kästner (1899-1974)

Erich Kästner (1899-1974)

In Bearbeitung

Kästner war familiär gesehen finanziell nicht besonders gestellt. Er wurde im ersten Weltkrieg eingezogen, bekam ein Herzleiden. Er war pazifistisch engagiert. Nach dem Abi studierte er verschiedene Fächer und schrieb seine Dissertation zu dem Thema: Friedrich der Große und die deutsche Literatur. Er war auf verschiedenen Ebenen schriftstellerisch aktiv, schrieb vielfach unter Pseudonymen, publizierte auch in Zeitungen. Seine Bücher wurden 1933 verbrannt, er war wohl dabei – dennoch ging er nicht ins Exil, vermutlich, weil er sehr an seiner Mutter hing, womöglich auch, weil er für sich im Ausland keine Chance sah und sich als Chronist der Zeit ansah. Er blieb also im Land und schrieb unter Pseudonymen weiter. Sein schriftstellerisches Engagement ist nicht unumstritten, denn er hat an Drehbüchern mitgearbeitet, die das Regime anforderte, um die Menschen bei Laune zu halten (z.B. Münchhausen). Nach 1945 war er Präsident des BRD-P.E.N. kämpfte gegen Wiederbewaffnung und gegen Atom und war kabarettistisch tätig. Sehr bekannte und beliebte Kinderbücher stammen aus seiner Feder: Emil und die Detektive, Pünktchen und Anton, Das doppelte Lottchen, Das fliegende Klassenzimmer (wurde 1954 verfilmt), 1955 wurden „Drei Männer im Schnee“ verfilmt, die Konferenz der Tiere u.v.a. Mir liegt als Ausgabe vor: Rudolf Walter Leonhardt (Hg.): Kästner für Erwachsene, S. Fischer Verlag / Atrium Verlag 1966.

Kästner beschreibt in den Gedichten den Menschen, den Spießbürger, nicht aus liebender, empathischer Perspektive. „Und schon wieder ist die Welt zum Speien“ („Misanthropologie“), „Wo man hinschaut, wird den Augen schlecht“ – und er beschließt, sich umzubringen („Selbstmord im Familienbad“). Kästner ist nicht so kalt sezierend wie der frühe Benn, die Verurteilung der Menschen kommt munter reimend daher. Dennoch: „Die Bitterkeit, die spült man nicht hinunter.“ („Traurigkeit, die jeder kennt“) Zu diesem Menschenbild passt auch das Gottesbild. Was in diesem Kontext interessant ist, ist sein Vater, der vielleicht gar nicht sein Vater war, zu dem er ein distanziertes Verhältnis hatte; entsprechend ist auch das Verhältnis zu Frauen ein spannendes Thema – auch das Frauenbild der Gedichte ist spannend, aber hier nicht das Thema. Er hat einen Sohn, allerdings nicht mit seiner Lebensgefährtin.

„Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand“ – so das Sprichwort, das dann von Kästner umgedichtet wird: „Wem Gott ein Amt gibt, raubt er den Verstand“ („Hymnus an die Zeit“). Entsprechend wird Gott in die Menschenkritik Kästners eingebunden: „Der Mensch ist gut! Da gibt es nichts zu lachen! / In Lesebüchern schmeckt das wie Kompott. / Der Mensch ist gut. Da kann man gar nichts machen. / Er hat das, wie man hört, vom lieben Gott.“ Und es folgt eine Gott-Kritik: Er macht den schlechten Erfolgreich, den Guten nicht – damit zwingt er den Menschen zu beten – Kästner greift das Sprichwort auf: „Not lehrt beten“. Man solle darum auch beten: „Herr Direktor, quäl uns recht!“, weil Gott es so will, darum soll man auch den Menschen misshandeln. Kästner sieht Gott auf der Seite der Mächtigen, der Reichen, derer, die andere treten („Legende, nicht ganz stubenrein“). Nicht nur Gott wird so gezeichnet, sondern vor allem auch die Vertreter der Kirche und die Frommen: „Du sollst für Laut- und Leisetreter beten. / >Gib Himmel, jedem Stiefel seinen Knecht! / Beliefre uns mit Not! Denn Not lehrt treten! </ Wer nie getreten wird, kommt nie zurecht.“ („Die Tretmühle“) Und in den „Stimmen aus dem Massengrab“ werden die Kriegspredigten und das Plaudern der Pastoren angegriffen: „Verlaßt Euch nie auf Gott und seine Leute! / Verdammt, wenn Ihr das je vergeßt!“ Entsprechend ist nach dem ersten Weltkrieg „Die andre Möglichkeit“ gedichtet worden: „Wenn wir den Krieg gewonnen hätten, / dann wär der Himmel national. / Die Pfarrer trügen Epauletten. / Und Gott wär deutscher General.“ Der national vereinnahmte Gott wird auch In „Primaner in Uniform“ abgelehnt. „Der Rektor dankte Gott pro Sieg. / Die Lehrer trieben Latein. / Wir hatten Angst vor diesem Krieg. / Und dann zog man uns ein.“ Dann wurden die Primaner eingezogen: „Der Rektor wünschte uns Glück. / Und blieb mit Gott und den andern Herrn / gefaßt in der Heimat zurück.“ Als die Deutschen zu Gott kamen, wollten sie einen Führer von ihm. „Gott war bestürzt. Man kann´s verstehn. / <Mein liebes deutsches Volk>, schrieb er zurück, / >es muß halt ohne Führer gehen. / Die Schöpfung ist vorbei. Grüß Gott. Viel Glück.< // Nun standen wir mit Ohne da, / der Weltgeschichte freundlichst überlassen. / Und: Alles, was seitdem geschah, / ist ohne diesen Hinweis nicht zu fassen.“ („Das Führerproblem, genetisch betrachtet“ [1932]). In „Dem Revolutionär Jesus zum Geburtstag“ (1930) beschreibt Kästner, dass Jesus das beste wollte – aber: „Die Menschen wurden nicht gescheit. / Am wenigsten die Christenheit, / trotz allem Händefalten. // Du hattest sie vergeblich lieb. / Du starbst umsonst. Und alles blieb / beim alten.“ Der Duktus entspricht dem Gedicht „Entwicklung der Menschheit“. Er beschreibt, was die Menschen alles können und schließt: „bei Lichte betrachtet sind sie im Grund / noch immer die alten Affen.“ Nietzsche würde Beifall klatschen – denn der Mensch muss sich über diesen alten Menschenaffen erheben, zum Über-Menschen machen. Aber dieser Ausweg ist bei Kästner soweit ich sehe nicht vorhanden: Kästner beschreibt den menschen als Affen, beschreibt die Erfolgslosigkeit Jesu – dabei bleibt es dann auch, ohne Perspektive für die Zukunft. Dass das lyrische Ich nicht in den Himmel passt, denkt es sich in seinen „Gedanken beim Überfahrenwerden“: „Gestern noch auf stolzen Rossen. / Morgen schon beim lieben Gott. … Hoffentlich gibt’s keinen Himmel. / Denn da passe ich nicht hin.“

Im „Das blaue Buch“ heißt es über einen alten Juden, der sagte, als die Synagoge verbrannt wird: Wenn es Gott gibt, gibt es Gerechtigkeit; wenn es keinen gibt, brauchen wir auch keine Synagoge. In dem genannten Werk finden wir auch ein Gebet. In diesem wird Gott geklagt, weil er einer Familie zwei Söhne genommen habe. Sie hatten gebetet, einer solle noch bleiben – aber nun sind beide gefallen. Das Gebet schließt: „Herr, tröste uns und tröste sie, / wir selber können´s nicht.“ In dem Gedicht „Traurigkeit, die jeder kennt“ schreibt er am Schluß: „Soll das ein Trost sein? So war´s nicht gemeint.“ Es klingt makaber, dass die Familie gebetet hatte, wenigstens einer der Söhne solle am Leben bleiben – und der andere? Aber andererseits schimmert vielleicht doch Mit-Schmerz durch: „Nun fuhr der Tod die Ernte ein, / durchs ferne Himmelstor, / Millionen Eltern stehn allein / und schauen stumm empor. / Krieg nimmt ein End, / Schmerz endet nie, / bis er das Herz zerbricht.

Die Kabarettistischen Gedichte sind nicht der ganze Kästner. So schreibt er in seinem Essay „Ist Gott oder Hitler größer?“ dass Mädchen der BDM-Führerinnenschule 1938 diese Frage gestellt wurde. Dazu schreibt Kästner nach 1945: „Die Frage, wer von beiden `größer, mächtiger und stärker´ sei, ist mittlerweile vom Verlauf der Geschichte beantwortet worden.“