Albrecht Goes (1908-2000)

Albrecht Goes (1908-2000)

Verlor schon 1911 seine Mutter, kam ein paar Jahre später zur Großmutter, um von da aus die Schule besuchen zu können. Er studierte Germanistik, Geschichte und Theologie und wirkte als Pfarrer und Schriftsteller. 1940 wurde er zur Wehrmacht eingezogen, war Funker und als Geistlicher in einem Lazarett eingesetzt. Nicht die Gedichte begründeten seine Bekanntheit, sondern seine Erzählungen: „Unruhige Nacht“ und „Das Brandopfer“. Mit dem letztgenannten hat Goes nach 1945 viel zum jüdisch-christlichen Dialog beigetragen – schon 1934 trat er mit Martin Buber in Kontakt (1953 hielt er die Laudatio zur „Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels“ an Buber) und versteckte im Pfarrhaus Juden. In dieser Hinsicht ist vor allem seine Frau Elisabeth zu nennen, die auch „als Gerechte unter den Völkern“ geehrt wird. Die Gedichte, die den Holocaust zum Thema haben: „Die Synagoge“ und die „Die unablösbare Kette“ liegen mir noch nicht vor. Die erstgenannte Erzählung reflektiert die Rolle eines Militärpfarrers, der zum Tode Verurteilte begleitet.

Mit liegt vor: Albrecht Goes: Gedichte 1930-1950, S. Fischer Verlag Frankfurt/M. 1950. Die Gedichte sind leider nicht chronologisch geordnet und bilden eine Auswahl.

Der christliche Glaube wird in Alltagskontexten eingebunden. So beschreibt er „Die alte Stadt“ in ihrem gegenwärtigen Alltag, aber im Dom verehren sie noch immer Christus: „Ihr Christus aber ist der Dorngekrönte, / Der Mann am Kreuz. Sie wissen wohl warum. / Und da ist ihrer keiner, der nicht stumm / Kniete vor dem, der ihn mit Gott versöhnte.“ Die Glocke, die Menschen in ihrem Alltag begleitet, bekommen Gedichte „Glockensegen“, „Betglocke“, er spricht „Im Erwachen“ ein Gebet.

Sein Wirken im Lazarett wird wohl in dem Gedicht „Bereitschaft“ angesprochen: „Sieh, sie brauchen irgendeinen, / der dabei ist in der Nacht, / Wenn ihr weher Atem wacht, / Wenn sie einsam sind und weinen“ – und er selbst möchte „Mit der armen Augen Kraft“ erkennen „Wo sie kranken und genesen“. Er bittet: „Sieh, ich möchte mich verteilen, / Wie ein Becher seinen Saft – // Heiland, gib ihm Kraft zu heilen.“

Nach dem Krieg wundert er sich in der „Karwoche 1946“ darüber, dass die Natur so schnell den Krieg vergessen kann. Es blüht und duftet – als wäre nie das Grausame geschehen. Dieses Ereignis der Natur wird mit dem Glauben verbunden: „Die Geißel schwingt nicht mehr, es sind die Würger / Hinabgefahren an den finstern Ort – / Das Kreuz nur dauert: mildes Holz der Gnade, / Versöhnung deutend als der Worte Wort.“ Die Natur weist ihm auch den Weg zum Handeln. Die Schöpfung ist sehr verschwenderisch: Pflanzen, Tiere, Insekten, Licht – alles ist verschwenderisch in einem großen Reichtum vorhanden. Das leitet ihn in „Verschwendung“ zu dem Gebet: „Und wer bin ich, o Gott, wenn ich mich nimmer / Verschwenden kann?“ „Die Kerze“ lässt ihn darüber nachdenken, dass sich alles hingibt: „Stern und Tier und Blume fallen, / Wie ein rotes Herbstblatt fällt, / Bruder, wir allein von allen / Sind zu freiem Dienst bestellt.“ Der Mensch gibt sein Können in freiem Willen. Goes selbst ist in der Friedensbewegung aktiv und diese kommt in seinem „Gelöbnis“ zum Ausdruck. Die Kriegstoten wollen, „daß wir begrüben / Den bewaffneten Wahn und endlich / Endlich Brüder sei´n.“

Berühmt ist sein Gedicht „Die Schritte“. Es beginnt: „Klein ist, mein Kind, dein erster Schritt, / Klein wird dein letzter sein. / Den ersten gehn Vater und Mutter mit, / Den letzten gehst du allein.“  Menschen gehen in Ungewissheit, aber: „geh kühnen Schritt, tu tapfren Tritt, / Groß ist die Welt und dein. / Wir werden, mein Kind, nach dem letzten Schritt / Wieder beisammen sein.“ Auch in „Für Brigitte“ ist das Sterben im Blick – und das vorherige Leben. Es wird Schmerzen und Glück bereiten, beide gehören zu dem dem Leben des menschen, der sie erlebt, beide werden sie segnen – und „Glaub mir: an der letzten Tür / Sind sie nicht zu unterscheiden.“ Seelsorgerisch – und das sah Goes auch als Lebensaufgabe an – ist er auch in manchen seiner Gedichte wirksam. Dieses oben schon angesprochene Gedicht „Verschwendung“ ist unterteilt in Frage und Antwort. Oben wurde die Frage formuliert. In der Antwort geht er auf die Schwermut ein und vermittelt, dass Gott den Angesprochenen verschwenderisch liebt: „Du bists, den Er, Er selbst beim Namen nennt, / Dich ruft Sein Wort, dich trägt der ewge Arm.“

Manch anderes Glaubens-Gedicht ist situativ eingebettet. Das ist Kennzeichen vieler der in dem genannten Band gesammelten Gedichte: Der Alltag wird Thema, ob mit Glauben oder ohne Glauben direkt zu betonen.