19. Jh.

Joseph von Eichendorff (1788-1857)

Er studierte Jura und nahm als junger Mann an dem Befreiungskampf gegen Napoleon Teil. Er war nachher im Staats- und Kirchendienst tätig. Da er 1843 eine Lungenentzündung bekommen hatte, ging er ein Jahr später in den Ruhestand und lebte seit dieser Zeit an verschiedenen Orten. 1857 starb er an einer Lungenentzündung. Er ist einer der bedeutendsten Schriftsteller Deutschlands, viele seiner Texte wurden vielfach vertont, sie haben nicht nur Bildungskreise erobert, sondern wurden auch vielen im Volk bekannt. Er ist der Heimweh-Dichter, er hat Sehnsucht nach der himmlischen Heimat. Allerdings sind die Texte nicht wegen des christlichen Bekenntnisses so wichtig geworden, sondern wegen der Verschmelzung von Natur-Gefühl mit dem Glauben – einem Glauben, in dem man, wenn man von dem Gesamtwerk absieht, sich selbst hineinlesen kann. Er hat den Glauben nicht vorgeschrieben, nicht dogmatisch vertreten, sondern emotional mit dem Naturgefühl verflochten.

Die folgenden Zitate wurden Eichendorff, Sämtliche Gedichte, Insel 2001, entnommen.

Es gibt eine Fülle von Gedichten, in denen Eichendorff Gott anspricht. Von daher liegt ihm aller Pantheismus fern: Gott ist ihm ein Du. Allerdings spricht er häufig nicht direkt von Gott, sondern die Welt selbst lässt alle Aspekte des Glaubens durchscheinen. Zum Beispiel in dem Gedicht: „Komm, Trost der Welt, du stille Nacht“: Der Fischer singt ein Abendlied zum Lob Gottes im stillen Hafen. Dann bricht der Text, man schaut nicht mehr auf den Fischer im Abendhafen, der Mensch wird in ein anderes Gefühlsbild hineingezogen: „Die Welt hat mich vergessen, / Da tratst du wunderbar zu mir, / Wenn ich beim Waldesrauschen hier / gedankenvoll gesessen.“ Dann wird man in die Seele des Dichters hineingezogen: Der Tag hat ihn müde gemacht, es dunkelt, er will ausruhen von Lust und Not „Bis daß das ew´ge Morgenrot / Den stillen Wald durchfunkelt“. Die Erdennacht löst sich in das Morgenrot der Ewigkeit Gottes auf. Wer ist das „Du“? Wer das „Du“ ist, sieht jeder in seinem ihm eigenen Gefühl real werden, während es für Eichendorff sicher Gott ist. Ebenso ist das Morgenrot mit eigenen Morgenrot-Erfahrungen zu füllen, es wird Tag, es wird Licht, der Mensch freut sich. Aber wenn man sämtliche Gedichte Eichendorffs liest, dann ist es das Morgenrot mit Gottes Welt zu verbinden. In „Das Alter“ wird nicht das Morgenrot mit Gottes Welt verbunden, sondern der ewige Frühling: „Ans Fenster klopft ein Bot´ mit frohen Mienen, / Du trittst erstaunt heraus – und kehrst nicht wieder, / Denn endlich kommt der Lenz, der nimmer endet.

Auch er wendet sich gegen radikal aufklärerische Bestrebungen seiner Zeit: „Das Reich des Glaubens ist geendet, / Zerstört die alte Herrlichkeit, / die Schönheit weinend abgewendet, / So Götterlos ist unsre Zeit.“ (andere Textüberlieferung: „So gnadenlos ist unsre Zeit“.) Doch: „Der Dichter kann nicht mit verarmen; / Wenn alles um ihn her zerfällt, / Hebt ihn ein göttliches Erbarmen, / Der Dichter ist das Herz der Welt.“ Einige Strophen weiter: „Den lieben Gott laß in dir walten, / Aus frischer Brust nur treulich sing´, / Was wahr an dir, wird sich gestalten, / Das andre ist erbärmlich Ding.“ („An die Dichter„) Erbärmlich sind nicht die Dichter, „Die nicht schillern und nicht göthen… / Segelnd frisch auf eig´nen Böten.“ („Toast„) Und so nimmt er auf´s Korn, dass man ihm vorwirft, in seinen Gedichten dies und das nicht zu tun, anderes wieder zu tun. Darauf reagiert er: „Wem der Herr den Kranz gewunden, / Wird nach alle dem nicht fragen, / Sondern muß, wie er´s befunden, / Auf die eig´ne Weise sagen“ („Entgegnung„). Entsprechend kritisiert er auch machthungrige und von sich eingenommene Menschen: „Genug gemeistert nun die Weltgeschichte! / Die Sterne, die durch alle Zeiten tagen, / Ihr wolltet sie mit frecher Hand zerschlagen / Und Jeder leuchten mit dem eignen Lichte.“ Doch „Der Herr der Weltgeschichte“ hat andere Gedanken als sie und geht dazwischen. Wenn der Mensch um sich selbst dreht, „Gewohnheit, Glauben, Sitt´ und Recht“ zerschlägt, dann muss er Gott werden – oder endet teuflisch. Da ein Mensch nicht Gott werden kann, auch wenn er es dann, wie Nietzsche, versucht, so ist für Eichendorff das Ende also klar.

Gott ist das Thema – es sind nicht die Götter wie bei anderen zeitgenössischen Dichtern. Die Götter sind – am Beispiel der Venus – nur Größen, die das widerspiegeln, was im Menschen ist. Sie werden zwar angerufen, sie werden in Dichtungen eingebracht, sind aber Metaphern für Stimmungen, Gefühle usw. des Menschen. Sie führen den Menschen auf sich selbst und haben dadurch Macht, den Menschen von Gott wegzuführen. Die Götter sehen Jesus „Der schönste Gott von allen“, sterben – fliehen dann und sind Gott ferne. („Der Götter Irrfahrt„) Aber: Gott ist nicht das Thema, wie in bisherigen Gedichten. Gott wird häufig nicht direkt erwähnt. Er ist das Ziel der Sehnsucht, Ziel des Gefühls, wie es auch das berühmte Gedicht „Die Mondnacht“ ausspricht: „Und meine Seele spannte /
Weit ihre Flügel aus, / Flog durch die stillen Lande, / Als flöge sie nach Haus.

Gebete, die direkt Gott ansprechen, formuliert er auch:
Was ich wollte, liegt zerschlagen, /
Herr, ich lasse ja das Klagen, /
Und das Herz ist still. /
Nun aber gib auch Kraft, zu tragen, /
Was ich nicht will!
Von daher werden Aussagen, er sei im Grunde pantheistisch gesinnt, dem Autor nicht gerecht.

Laß eh´s zu spät, von dem verlornen Leben; /
Gott wartet deiner noch, in seinen Armen, /
Da find´st du, was die Welt nicht kennt, Erbarmen
.“
(Mahnung: „Was blieb dir nun nach allen Müh und Plagen?“)

Friedrich Rückert (1788-1866)

Im neuen Gesangbuch finden wir einen Text von ihm: „Dein König kommt in niedern Hüllen“ (EG 14). Die folgenden Gedichte werden nach zeno.org zitiert. Rückert war Orientalist und beschreibt viele altehrwürdige Besonderheiten, so die Pyramiden. Aber sie sind alte Todesdenkmäler – anders Bethlehem und Golgatha: Diese beiden Orte haben mit Leben zu tun. Oder: Die Kaaba steht im Mond – muss aber der Sonne weichen. Trotz dieser Besonderheit der Orte Bethlehem und Golgatha, ist etwas anderes wichtig, das beschreibt er in der letzten Strophe: „O Herz, was hilft es, daß du knieest / An seiner Wieg‘ im fremden Land? / Was hilft es, daß du staunend siehest / Das Grab, aus dem er längst erstand? / Daß er in dir geboren werde / Und daß du sterbest dieser Erde, / Und lebest ihm, nur dieses ja / Ist Bethlehem und Golgatha.

In dem folgenden Gedicht, ein Gebet, bittet er: „Herr! die Schönheit dieser Erde, / Gib, daß sie die Sehkraft wecke / Meines Auges, nicht ihm werde / Eine Blindheits-Zauberdecke. // Jeden Blumenstrahl der Auen / Laß der Seele dazu dienen, / Neu gekräftigt aufzuschauen / Dorthin, wo die Sonn‘ erschienen.“ Dieses Gedicht lässt ihn darum bitten, dass man nicht allein die Schönheit der Schöpfung wahrnimmt, sondern hinter die Schönheit den Schöpfer erkennen möge. Und so verbindet er auch ganz eng irdische Liebe mit der Liebe Gottes: „Ich weiß, daß mich der Himmel liebt, / Weil du mich liebst, mein Leben! / Daß er mir meine Schuld vergibt, / Weil er dich mir gegeben. // Ja, weil du schwörst, daß ohne mich / Kein Glück dir könne lachen, / Muß, um zu machen glücklich dich, / Der Herr mich glücklich machen.“ Die Schönheit der Natur wird auch von Nichtchristen wahrgenommen – aber die Augen werden bedeckt von der „Blindheits-Zauberdecke“, wenn man nicht weiter schaut. Das gilt auch für die Liebe. Hinter der Liebe ist mehr zu entdecken als das Vordergründige. An dieser Stelle könnten noch zahlreiche texte von Rückert genannt werden (z.B. „Herr, deine Welt ist schön„).

Auch Gedichte mit Blick auf das Leben Jesu entstammen seiner Feder. Er dichtete nicht nur mit Blick auf das Kirchenjahr das oben genannte Adventsgedicht „Dein König kommt in niedern Hüllen“, er schrieb auch ein Passionsgedicht: „Baum des Lebens„. Dieses endet: „Es zimmerte die blinde Welt aus ihm / Das Kreuz und schlug ihr Heil daran mit Hohn. / Da trug der Baum des Lebens blut’ge Frucht, / Daß, wer sie koste, Leben sei sein Lohn. / O Freimund, sieh! der Baum des Lebens wächst, / Ausbreitend sich, je mehr ihm Stürme drohn. / Die ganze Welt ruh‘ unter seinem Schirm! / Die halbe ruht in seinem Schatten schon.“ Wie in dem Bethlehem/Golgatha-Gedicht erkennt man hieran die Weitläufigkeit seines Denkens. Er denkt nicht in nationalen Kategorien (obgleich er in „Geharnischte Sonette“ zum Kampf gegen  Napoleons Besatzung aufrief – auch mit religiöser Begründung), sondern stärker international. So wenig wie er eng nach den Vorgaben der Nationalen denkt, so wenig denkt er auch nach den Vorgaben der Aufgeklärten seiner Zeit: „Verstand ist vom Verstehn, Vernunft ist vom Vernehmen; / Die beiden brauchen sich nicht ihres Stamms zu schämen. / Verstanden haben zwar ist mehr als bloß vernommen, / Ein unverstandenes Vernommnes kann nicht frommen. / Doch kann der Mensch verstehn nur, was er recht vernahm, / Was ihm von außen her, was ihm von oben kam.“ Und dieses, was von außen her kam, die Welt Gottes, verändert alles:
Hauch Gottes, Poesie, o komm, mich anzuhauchen, /
In deinen Rosenduft die kalte Welt zu tauchen /
Was du anlächelst, lacht, was du anblickest, glänzt; /
Die Eng‘ erweitert sich, und Weites wird / begrenzt. /
Durch dich ist ewig, was im Augenblick geschwunden, /
Was ich gelebt, gedacht, genossen und empfunden.

Grenzen des Sichtbaren, Grenzen des Verstandes werden durch den Glauben überwunden. Von Rückert wären eine Menge mehr Gedichte zu nennen (Mitternacht; Der du erschufst die Welt, Gar viele Wege gehn zu Gott usw.)

Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848)

Sie wuchs in einer Familie auf, in der Bildung auch für Mädchen groß geschrieben wurde. Sie selbst war lebenslang kränkelnd und wurde wegen ihrer körperlichen Einschränkungen eng an die Familie gebunden. Sie komponierte und musizierte neben dem Schreiben. Bekannt wurde sie mit der Ballade: Der Knabe im Moor wie auch mit der Novelle: Die Judenbuche. Kurz: Sie ist die bedeutendste Dichterin des 19. Jahrhunderts in Deutschland. Sie hat viele geistliche Gedichte geschrieben. Diese wurden posthum veröffentlicht. Während ihrer Lebenszeit wurden, soweit ich das wahrnehme, Gedichte veröffentlicht, die wenig religiöse Bezüge haben. Aber in dem Gedicht „Mein Beruf“ schreibt sie zu Beginn: „Bei der Geburt bin ich geladen, / Mein Recht soweit der Himmel tagt, / Und meine Macht von Gottes Gnaden. “ Und wiederholt in dem genannten Gedicht: „So rief die Zeit, so ward mein Amt / Von Gottes Gnaden mir gegeben, / So mein Beruf mir angestammt, / Im frischen Mut, im warmen Leben„.

Warum sie die christlichen Texte nicht selbst veröffentlicht hat, entzieht sich meiner Kenntnisse. Ich kann mir aber vorstellen, dass ihr diese zu persönlich waren. Sie hat sie ihrer Mutter gewidmet und in diesen dichtet sie zu Bibeltexten des Kirchenjahres Gedichte, die vielfach ihre Glaubensauseinandersetzungen wiedergeben. Sie nimmt die ernsten Worte der Bibel, in denen von Gottes Zorn und Gericht gesprochen wird, sehr ernst. Sie geht nicht einfach an ihnen vorbei, wie man es gegenwärtig gern tut. In diesen Gedichten, die meditative Bibeltextauslegungen sind, bezieht sie jeden Bibeltext auf sich selbst. Darum wird sie hin und her gerissen vom Verstand und dem Glauben: „Ach Gott, wie wird mein Herz so schwer, / Gepreßt vom dämmernden Verstande!“ („Am zehnten Sonntag nach Pfingsten“) Sie erkennt ihre Kleinheit – gleichzeitig erkennt sie, dass Gott sie in seiner Gnade und Liebe groß macht. Wie groß Gott sie macht, kann sie  erst in ihrer Kleinheit erkennen. Sie kann aber dennoch nicht glauben, sie kann Gott nur lieben („in Liebe glaub´ ich, liebewund“) und sie weiß, dass Gott in seiner Gnade ihr Lieben annimmt: „Ja, ich will auf Jesu Worte bauen, / Seh ich gleich nicht ihn, und nur die Nacht, / Fest nur, fest in Demut und Vertrauen, / Seele mein, mit deiner ganzen Macht.“ („Als der Herr in Sidons Land gekommen“); oder: „ist denn der Glaube nur ein Gotteshauch? / Hast du nicht tief in unsre Brust gesäet / Mit deinem eignen Blut die Liebe auch?“ (Am Pfingstmontage) Der Glaube muss von Gott selbst gegeben werden: „Ich weiß es, daß von mir nicht stammt / Was mich so freudig muß durchzittern; / Ein Strahl ist es, den du entflammt, / Ein Traum, den Starren zu erschüttern. / O fahre fort, o rühr mich an, / O brich den Todesschlaf, und dann, / Dann werd´ ich Morgenlüfte wittern.“ („Am siebzehnten Sonntag nach Pfingsten“). Aber auch sie selbst hat dazu beigetragen, dass sie nicht von Gott entfremdet wurde: „So höret denn, was mich geschützt / Vor gänzlichem Verlorengehn: / Daß ich Unglauben nicht benützt / Des Frevels Banner zu erhöhn“ („Am fünfundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten“). Aber sicher fühlt sie sich nicht im Glauben und versetzt sich am Pfingsttag in die Nachfolger Jesu hinein: „Wo bleibt er? Wo nur? Stund´ an Stund´, / Minute will sich reihen an Minuten. / Wo bleibt er denn? –  und schweigt der Mund: / Die Seele spricht es unter leisem Bluten“ – und dann wird der verheißene Gottesgeist auf die Menschen gelegt. Aber: „O Licht, o Tröster, bist du, ach! / Nur jener Zeit, nur jener Schar verkündet? / Nicht uns, nicht überall, wo wach / Und trostesbar sich eine Seele findet?“ 

Die Autorin ringt um ihren Glauben. Es ist ein Ringen um Verstand und Glauben, um Emotion gegen Emotion, sie weiß um Gott, aber spürt ihn nicht, spürt Gott, aber versteht ihn nicht.

Albert Knapp (1798-1864)

Albert Knapp war Pfarrer und Dichter und hat 1837 den ersten deutschen Tierschutzverein gegründet.

Noch im neuen Gesangbuch finden wir einige Lieder, die mit Knapp in Verbindung stehen. So hat er Lieder anderer Dichter bearbeitet. Aber auch zwei seiner eigenen sind darin zu finden: „Einer ist´s, an dem wir hangen, / der für uns ist in den Tod gegangen“ (EG 256) und das auch als Gebet häufig verwendete Lied: „Wir danken dir, Herr Jesu Christ, dass du unser Gast gewesen bist“ (EG 462).

Die folgenden Texte wurden zitiert nach: https://gedichte.xbib.de/gedicht_Knapp%2C155,0.htm

In dem Lied „Dem Erlöser“ beschreibt er, dass Gott selbst seinem Lied die Töne verleihe, entsprechend sei sein Lied zu Gottes Ruhm gedichtet. Und viele seiner Texte klingen zu Gottes Ruhm. Sie haben nicht so sehr das Verhältnis Gott-Mensch im Blick, den Zweifel, die Schwierigkeit, zu glauben, sondern Gott selbst: „Dein Name, Herr, allein ist werth, / Daß ihn der Mensch mit Liedern ehrt, / Und ewiglich erhöhet“ („Im Frühling“). Die gesamte Welt wird in das Licht des Glaubens getaucht: „Die Welt ist gespiegelt im göttlichen Wort, / Das strömet durch alle Jahrtausende fort ; / Das göttliche Leben, das höchste Genießen / Muß stets sich in Liedern und Psalmen ergießen.“ („Wesen der Dichtung“) Doch alle Menschen empfinden die Welt anders, „Die Gotteswelt, wie sie sich lauter zeigt“ (lauter im Sinne von „rein“) ist vom Menschen unabhängig („Empfindungsstufen“): Ob der Mensch nun meint, Gott sei der Schöpfer der schönen Schöpfung oder nicht – Wahrheit bleibt Wahrheit: Gott hat die Welt erschaffen. In der Welt ist aber nicht alles gut, und so beklagt er „Mit tausend Bitterkeitn / Erfüllen Sünderhände Meer und Land!“ – das heißt Menschen fügen den Tieren Leid zu: Der Mensch kann Gottes Geschöpfe nur vernichten aber selbst keine schaffen – wenn man es könnte, würde man sein Geschöpf hegen und pflegen, so wie Gott seine Kreatur behandelt sehen will; und anderen Menschen fügt er Leid zu: „Du schlechter König dieser schönen Welt ! / Du übler Hirte, blutbespritzter Held! / Einst Gottes Kind, sein schönes Ebenbild, / Voll Lieb‘ und Frieden, heilig, sanft und mild, / Nun ein entkrönter, zorniger Tyrann, / Der über seiner Markung weites Feld / Ausbreitet seiner Sünde Schreckensbann!“ („Erbarmen gegen die Kreatur„). Er spricht jedoch nicht nur abstrakt von Gott, sondern Gott wird aus der Perspektive Jesu Christi (Herrlichkeit Jesu) gesehen:

Fließ‘, o Quell der Wonne,
Leucht‘, o Lebenssonne
Tief ins Innre mir!
Laß mich nimmer schweifen,
Dich, nur Dich ergreifen, –
Dann gefall‘ ich Dir.
Dann, ja dann
Ist’s wohlgethan!
Dein sind meine Lebenszeiten,
Mein, die Ewigkeiten!

Anders als die vorangegangenen Autorinnen und Autoren, steht er nicht mitten in Natur und Glauben, sondern betrachtet diese stärker rational, von außen. Der Verstand setzt Grenzen des Verstehens – der Verstand ist im Glauben auch in der Lage, diese von menschen gemachten Grenzen auszuweiten.

Philipp Spitta (1801-1859)

Er war Pfarrer und ein bedeutender Dichter christlicher Lieder – ihm wurde von der Theologischen Fakultät Göttingen die Ehrendoktorwürde verliehen. Er starb unerwartet und seine Frau musste für die vielen Kinder sorgen, von denen später auch einige bekannt wurden. Leider habe ich über Johanna Maria Spitta, geb. Hotzen, nichts im Internet gefunden. In seinem Lied „Wir haben uns, durch Gott geleitet, einst gefunden“ schreibt er seiner Frau: „Drum dank‘ ich Gott mit frohem Mut /  für dich, du seine Gabe; /  wohl mir, wohl mir, ich hab‘ es gut, /  dass deine Lieb‘ ich habe.“ (Dieses Lied und andere wurden zitiert nach: http://www.christianhaehlke.de/) Der Dank für die Ehefrau begegnete schon in so manchen der vorangegangenen Gedichte.

Von Philipp Spitta befinden sich im neuen Gesangbuch sechs Lieder: „O komm, du Geist der Wahrheit“ (EG 136), das andere Pfingstlied: „Geist des Glaubens, Geist der Stärke“ (EG 137), „Es kennt der Herr die Seinen“ (EG 358), „Ich steh in meines Herren Hand und will drin stehen bleiben“ (EG 374), „Bei dir, Jesu, will ich bleiben“ (EG 406) und „Freuet euch der schönen Erde, denn sie ist wohl wert der Freud“ (EG 510) – es wird deutlich: auch heute noch viel gesungene Lieder. Dazu gehört auch „Im Frieden dein, o Herre mein, lass zieh´n mich meine Straßen.“ (EG 222)

Manche der genannten Lieder bekennen, im Glauben, in Christus bleiben zu wollen, was in der Zeit der Aufklärung nicht mehr so selbstverständlich ist. Menschen, die nicht schon Christus gefunden haben, fordern auf, sich auf die Suche zu machen, auf die Suche nach dem Licht, sich in die Obhut Jesu Christi zu begeben. In „Erscheinung Christi“ heißt es: „Suche nur, so wirst du finden, /  werde nur nicht müd‘ und matt, /  lass durch nichts die Sehnsucht binden, /  welche Gott gewecket hat. /  Folg‘ nur ohne Widerstreben / glaubensvoll dem Wort des Herrn; /  Licht von oben wird dich leiten, / Licht von oben gibt der Stern.“ Das wird auch in dem oben genannten Pfingstlied ausgesprochen: Der Geist der Wahrheit möge in den Menschen einziehen: „verbreite Licht und Klarheit, / verbanne Trug und Schein„. Er bleibt mit seinem Denken jedoch nicht in Europa kleben, sondern formuliert auch in dem Missionslied „Die Heidenboten“, dass durch die Liebe der Missionare viele Völker für Gottes Himmelreich gewonnen werden.

Die Texte (wie auch manches der oben genannten Lieder aus dem EG) fordern nicht nur auf Gott zu suchen, sondern zeigen, wie ein christliches Leben gestaltet werden sollte. So fordert er seine Seele auf, still zu sein und Gott zu vertrauen: „Wie schwer ist’s doch, ganz still zu sein, / wenn Gott wir nicht verstehen, / wie redet man so bald ihm drein, / als ob er was versehen; / wie stellt man ihn zur Rede gar, / wenn seine Wege wunderbar und unbegreiflich werden!“ Jetzt gilt es still zu sein – doch dann kann man in Ewigkeit zur Ehre Gottes jubeln. Als Christ zu leben ist nicht schwer, „man ist ein fröhlich Kind“ („Gottes Gebote sind nicht schwer„).

Eduard Mörike (1804-1875)

Eduard Mörike war Pfarrer – aber nicht lange und war es auch nicht besonders glücklich. Er schildert seine Gemeindeglieder mit leichter Hand, wie viele seiner Gedichte locker und leicht daherkommen: Sie klauen sein Gemüse aus dem Garten und wollen dann in der Sonntagspredigt Essig und Öl dazu. Überhaupt schreibt er luftige, duftige Gedichte, wenn man an sein Gedicht „Er ist´s“  denkt: „Frühling lässt sein blaues Band“… – und es schließt: „Frühling, ja du bist´s! / Dich hab ich vernommen!“ Wenn man sich an Eichendorff erinnert, würde man sofort an den Lenz denken, den Frühling Gottes. Aber so einfach ist Mörike nicht. Er hat kaum christliche Gedichte geschrieben – und wenn, dann sind auch sie luftig und leicht, sodass man nicht immer weiß, was dahinter steckt. So in dem berühmten Text: „Herr! schicke was du willt, / Ein Liebes oder Leides; / Ich bin vergnügt, daß beides / Aus Deinen Händen quillt. // Wollest mit Freuden / Und wollest mit Leiden / Mich nicht überschütten! / Doch in der Mitten / Liegt holdes Bescheiden.“ Ist es ein Vertrauensgebet, ist es ein Klagegebet, weil der Mensch sich einer willkürlichen göttlichen Macht ausgeliefert weiß? Wenn man das „Neujahrsgedicht“ liest, hat man eher den Eindruck, es ist ein Vertrauensgebet: „Wie heimlicher Weise / Ein Engelein leise / Mit rosigen Füßen / Die Erde betritt, / So nahte der Morgen. / Jauchzt ihm, ihr Frommen, / Ein heilig Willkommen, / Ein heilig Willkommen! / Herz, jauchze du mit! // In Ihm sei’s begonnen, / Der Monde und Sonnen / An blauen Gezelten / Des Himmels bewegt. / Du, Vater, du rate! Lenke du und wende! / Herr, dir in die Hände / Sei Anfang und Ende, / Sei alles gelegt!

In seinem Gedicht „Fußreise“ schreibt er: „Also bist du nicht so schlimm, o alter / Adam, wie die strengen Lehrer sagen: / Liebst und lobst du immer doch, / Singst und preisest immer noch, / Wie an ewig neuen Schöpfungstagen, / Deinen lieben Schöpfer und Erhalter! / Möcht‘ es dieser geben! / Und mein ganzes Leben / Wär‘ im leichten Wanderschweiße / Eine solche Morgenreise.“ Das Wissen um Schönheit, das Gefühl für Schönheit, das Bedürfnis, Gott zu loben – das ist noch im Menschen als unerlöstes Geschöpf Gottes („alter Adam“) drin. Als ein Theologe, der der rationalen Theologie zugewendet war, wird in „Neue Liebe “ wohl eher seine Spannung deutlich: „Sollt ich mit Gott nicht können sein, / So wie ich möchte, mein und dein? / Was hielte mich, daß ich’s nicht heute werde? // Ein süßes Schrecken geht durch mein Gebein! / Mich wundert, daß es mir ein Wunder wollte sein, / Gott selbst zu eigen haben auf der Erde!