Ihlenfeld 1901-1972
Diesen biografischen Abschnitt habe ich aus https://gedichte.wolfgangfenske.de/kurt-ihlenfeld-die-zuversicht-100-gedichte-aus-100-jahren/ übernommen.
Ihlenfeld (1901-1972) war Pfarrer und Schriftsteller. Er studierte neben evangelischer Theologie auch Kunstwissenschaften. Promotion: 1923; Mitarbeiter im Evangelischen Presseverband in Schlesien: 1926; verschiedene Pfarrstellen ab 1928 (Ordination)-1950, Heirat: 1928; 1930: Geburt der Tochter; Mitarbeiter beim Evangelischen Presseverband Deutschland, die Zentrale wurde 1933 von Deutschen Christen besetzt. Leitung des Eckart-Verlages 1933 bis 1943 – dem er ein vertieftes evangelisches Profil geben wollte. Er hat um den Verlag einen christlich-konservativen Autoren-Kreis aufgebaut, der dem nationalsozialistischen Regime mehr oder weniger kritisch gegenüberstand. Zu diesem Kreis gehörten viele bekannte Schriftsteller: Werner Bergengrün, Ricarda Huch, Jochen Klepper (mit dem er freundschaftlich seit dem Studium verbunden war), Rudolf Alexander Schröder, Siegbert Stehmann, Ina und Wolfgang Seidel, Otto von Taube, Gertrud Freiin von LeFort, Reinhold Schneider. 1943 Verbot des Eckart-Kreises. Thomas Mann hat dem Eckart-Kreis vorgeworfen, Ofenhocker gewesen zu sein, statt das Leid des Exils auf sich zu nehmen, was Ihlenfeld zurückwies: Auch daheim waren sie unter der Diktatur in der Fremde. Nach 1945 Flucht vor der Roten Armee. 1946: Chefredakteur der Evangelischen Landeskirchenzeitung, die der sowjetischen Zensur unterlag und nur eine geringe Auflage war erlaubt. Mitarbeiter im Kulturbund, der das demokratische Deutschland geistig erneuern wollte. 1949 Übersiedlung nach Westberlin. Ab 1950 freier Schriftsteller. Neugründung des Eckart-Verlages, Zusammenschluss mit dem Wittener Luther-Verlag. 1955: Herzinfarkt, der sein Wirken einschreänkte. 1956-1965 Mitglied und auch stellvertretender Direktor der Akademie der Künste Berlin (West).
Infos aus: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118708635.html#dbocontent und: https://berlingeschichte.de/lesezei/blz98_01/text03.htm
Mir liegen folgende Bücher vor:
Die Stunde des Christentums. Eine deutsche Besinnung, hg. v. Kurt Ihlenfeld, Berlin-Steglitz, 4. Auflage 1938 (1. Auflage 1937) (In diesem Band geht es darum, sich dem Versuch von Nationalsozialisten entgegenzustemmen, die das Christentum als Fremdkörper im Deutschen Volk propagierten. Ihlenfeld führt das Wort Jesu an: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“ – das heißt, Christen müssen sich entscheiden: Christus oder Nationalsozialismus.
(Hier kommen zu Wort [1]: Albrecht Schaeffer, Werner Bergengruen, Otto Brües, Peter Dörfler (Priester, Erzieher und Dichter: NS-naher Autor – der in Konflikt mit dem Regime geriet – Publikationsverbot [warum, habe ich nicht herausfinden können, denkbar ist, dass sein konservativ-christliches Weltbild nicht mit den nationalsozialistischen Zielen kompatibel war]), Max Mell, Wilhelm Schäfer (Intensive Verstrickung mit dem NS), Wilhelm v. Scholz (intensive Verstrickung mit dem NS – Durchhalte-Kriegsgedichte), Karl Buchheim (trat aus dem Schuldienst aus, konvertierte zum Katholizismus, lebte als „innerer Emigrant“ – auch nach 1945 ein bewegtes Leben), Hans Eberhard Friedrich (Mitarbeit an den „Weißen Blättern“ die nach 1945 als Widerstandsliteratur eingestuft wurden), Ruth Schaumann, Reinhold Schneider, Martin Beheim-Schwarzbach, Paul Fechter (konservativ, Widerstandsnah, NS-Tarntexte [so nenne ich die Texte, die Zustimmung zur Ideologie bzw. Hitler signalisieren, obgleich der Autor weltanschaulich anderer Sicht war]), Otto Gmelin (völkisch gesinnt, aber nicht Nationalsozialist, ging auf Distanz zum NS, starb 1940 an einer Infektion), Wilhelm Michel (der Wikipedia-Artikel lässt keine gesicherten Schlussfolgerungen zu: Zuckmayer war auf ihn gar nicht gut zu sprechen, er soll Mitläufer und mit Gott und Welt verfeindet und streitsüchtig gewesen sein; verfasste eine Schrift gegen Antisemitismus, war mit Buber befreundet; einer seiner Söhne war KPD-Aktivist, war im KZ inhaftiert, später britischer Spion; seine erste Frau wollte sich als Protestantin nicht vom jüdischen Ehemann scheiden lassen und wurde im KZ Ravensbrück ermordet), Friedrich Alfred Schmid Noerr, Lothar Schreyer (Kunstgeschichte; konvertierte 1933 zum Katholizismus, schrieb unter anderem Heiligenlegenden, trat der NSDAP bei, seine Kunstwerke waren Bestandteil der Ausstellung „Entartete Kunst“), R.A. Schröder, Jochen Klepper, Ricarda Huch, H.W. Seidel, August Winning, Ina Seidel.)
Das Buch der Christenheit. Betrachtungen zur Bibel, hg. v. Kurt Ihlenfeld, Berlin-Steglitz 1939 (In diesem legen Dichter der Gegenwart biblische Themen dar. Es geht dem Herausgeber darum, „Respekt vor der Bibel“ in seine Zeit zu übermitteln, einem Buch, das „unserem Volk zu allen Zeiten ein Wegweiser zu Gott gewesen ist“.
Die Dichter [1] stammen aus dem Umfeld des Eckart-Kreises. Wieweit sie mit diesem identisch sind, vermag ich nicht zu sagen: R.A. Schröder, Albrecht Schaeffer (Schriftsteller, emigrierte 1939 in die USA), Martin Beheim-Schwarzbach (lebte im Exil und Propagandatätigkeit gegen das NS-Regime ab 1939), Gertrud Bäumer, Ricarda Huch, F.A. Schmid Noerr (im Auftrag von Ludwig Beck entwarf er eine „Deutsche Reichsverfassung“, die für die Zeit nach dem Sturz Hitlers eingesetzt werden sollte), Hanna Stephan, Willy Kramp, Jochen Klepper, Otto Brües (intensiv nationalsozialistisch engagiert), Anna Schieber (sie galt nach der NS-Zeit als indifferent; aber soziale Themen, so auch über geistig und körperlich Behinderte, über Frauen im Gefängnis), Hermann Claudius, H.W. Seidel, Otto von Taube, Joseph Wittig, Adelbert Alexander Zinn (linksliberaler Journalist und Politiker, 1933 von NS aus dem Amt gedrängt, starb 1941), Reinhold Schneider).
Kurt Ihlenfeld: Wo ein Zweiglein blüht. Ein Gedichtkreis, Witten/Ruhr 1949 (siehe unten)
Kurt Ihlenfeld: Unter dem einfachen Himmel, Ein lyrisches Tagebuch, Witten/Berlin 1959
Zeitgesicht. Erlebnisse eines Lesers, Witten/Berlin 1961 (es werden Autoren und literarische Werke vorgestellt.)
Te Deum heute. 365 Texte zur Krisis des Christentums gesammelt und hg. v. Kurt Ihlenfeld, Witten/Berlin 1965 (in diesem geht es darum, ein „Gespräch“ zwischen alten Denkern und der Literatur der Gegenwart zu bestimmten Themen herzustellen, da er erkennt, dass die alten Denker kaum mehr gewürdigt werden.
[1] Es werden die Dichter kurz charakterisiert, wie sie bis 1938, dem Erscheinen des Buches weltanschaulich einzuordnen sind. Ziel ist es, die Texte einordnen zu können. Die Informationen stammen überwiegend aus Wikipedia. Die Schriftsteller, denen keine Info beigegeben wurden, wurden auf meinen Seiten https://gedichte.wolfgangfenske.de/ vertieft dargestellt, waren mir bekannt bzw. werden in der folgenden Darstellung ein wenig eingeordnet. Diese kurzen Einordnungen geschahen nicht aufgrund intensiver Beschäftigung mit ihnen, sondern sind im Grunde Nachplappereien der Wikipedia-Artikel.
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Ihlenfeld hat 1940 ein Gedichtband herausgebracht: Die Zuversicht. 100 Gedichte aus 100 Jahren. Eckart-Verlag. S. https://gedichte.wolfgangfenske.de/kurt-ihlenfeld-die-zuversicht-100-gedichte-aus-100-jahren/
In der oben genannten Deutschen Biografie finden wir die Aussage: „Wie seine Prosawerke drückt auch Ihlenfelds an Metaphern reiche Lyrik immer wieder den Zwiespalt zwischen einem Glauben an eine christliche Heilsgeschichte und Zweifeln angesichts der politisch-historischen Weltlage aus.“ Zudem heißt es in dem Artikel von Frauke Janzen 2022, dass sein Werk wissenschaftlich noch nicht untersucht worden sei. In dem Beitrag https://berlingeschichte.de/lesezei/blz98_01/text03.htm heißt es, dass er für die Kirche vielleicht nicht viel geleistet habe, aber für das Christentum in dieser Zeit des Umbruchs. Es wird auf eine Darlegung von Ihlenfeld 1972 hingewiesen, in der er kurz vor seinem Tod auf Wesentliches hinweist (paraphrasiert wiedergegeben): Menschen sind Söhne / Kinder Gottes. Das wird in Kriegen, unter Rechtlosigkeit usw. missachtet. Menschen sind aufgrund der Kindschaft Originale, die zu achten sind. Ihlenfeld geht aus von dem Satz Jesu: „So euch der Sohn Gottes frei macht, so seid ihr recht frei“. Und diese Ahnung von der Kindschaft der Menschen treibt sie an, sich dafür einzusetzen – womit der Satz Jesu vertieft wird: „Ich bin gekommen, ein Feuer auf Erden anzuzünden und was wollte ich lieber, als dass es schon brennte“.
- Laut https://www.literaturport.de/literaturlandschaft/autoren-berlinbrandenburg/autor/kurt-ihlenfeld/ waren auch Theodor Heuss und Walter von Molo in diesem Kreis versammelt und andere.
Was mich wundert ist, dass nicht auf Ihlenfelds Einsatz mit Blick auf den Holodomor eingegangen wird. 1933 veröffentlichte er als Herausgeber: Hungerpredigt. Deutsche Notbriefe aus der Sowjet-Union, Eckart Verlag 1933 und vom Presseverband wurde herausgegeben: Brüder in Not!: Dokumente des Massentodes und der Verfolgung deutscher Glaubens- und Volksgenossen im Reich des Bolschewismus, Berlin 1933. https://de.wikipedia.org/wiki/Holodomor Wird das Engagement nicht erwähnt, weil er die Infos von Deutschen bekommen bzw. auf Deutsche fokussiert hat? Nach dem Motto: Lieber keinen helfen als nur den Deutschstämmigen? Wobei es mich wundert, dass die StalinSowjets die Hilfe zugelassen haben sollen. Haben sie sie selbst gebraucht zur Stärkung der Mitläufer? Nur eine Vermutung. Die nicht von ihm verantwortete Schrift „Brüder in Not“ thematisiert den Hunger auch in der Sowjetunion. Es sind erschütternde Briefe: „Manche kleben auf ihren Brief Proben des ungenießbaren Brotes auf; dem letzten Nahrungsmittel, das diesen Unglücklichen noch geblieben ist. Es besteht aus Häcksel, Spreu und Unkrautsamen.“ Zudem kam es wohl zu Kannibalismus – das wird aus den Briefen deutlich. Auch wird deutlich, warum dem so ist: Vater im Gefängnis oder in Verbannung, Mutter muss im Kollektiv arbeiten, die Kinder verwahrlosen.
(chrome-extension://efaidnbmnnnibpcajpcglclefindmkaj/https://volgagermanresearch.wordpress.com/wp-content/uploads/2017/10/brc3bcder-in-not-a.pdf ) Auch Pasternak wurde gegenüber dem Sowjetsystem kritischer, als er die Armut der Landbevölkerung mitbekommen hatte.)
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Zu dem Gedichtband „Wo ein Zweiglein blüht“:
Aus dem Jahr der Übersiedlung Ihlenfelds nach Westberlin stammt dieses Gedichtbändchen. Es betrachtet in vielen Gedichten einen Zweig, der abgebrochen wurde und nun in einem Glase beginnt zu blühen und auszutreiben. Es ist ein Büchlein des Übergangs. 1949 war ein Übergangsjahr, einmal was das Land betraf – zwischen Stagnation und Aufbruch, zwischen Trümmern Neuanfang, im Neuanfang Trümmer –, und dann auch das private Leben: Übersiedlung nach Westberlin. In diesem Übergangsbüchlein finden wir zahlreiche spannende Gedanken, die ich assoziativ interpretieren möchte.
Das erste Gedicht ist programmatisch. Es schildert den gebrochenen Zweig. Nach den Einleitungszeilen heißt es:
Er beugt sich übers Glas, als wäre er gefangen
und streckt sich nach der Freiheit aus,
die er besaß, solang er noch am Holz gehangen,
am starken Baum, am heimatlichen Haus.
Gefangen! Doch die Freude läßt nicht nach am Blühen,
die Kraft fließt in den Adern fort, das Blut
pocht weiter noch – o übermütiges Bemühen!
Wie dämpft doch sonst die Hast den Übermut!
…
In der letzten Strophe wird an Gottes Arm erinnert, dessen sich der Zweig rühmt. Verbunden wird das mit dem Menschen „dankbar der Hand, die ihn abgeschlagen, / erkennt der Geist in ihm sein eignes Bild!“
Entsprechend ist jedes dieser Gedichte aus dieser Zeit des Übergangs heraus zu interpretieren, vermute ich: Das alte liegt in Trümmern – wir sind abgebrochen – und versuchen nun als Abgebrochene neu zu leben, zu blühen. Und so wird der Zweig in dem Glase Metapher für das zerschlagene Deutschland, das dabei ist, sich wieder aufzurichten. Aber gleichzeitig ist der Zweig eben noch ein Teil des alten Baumes. Dieser Aspekt darf bei Ihlenfeld nicht vergessen werden. Laut dieser Seite https://berlingeschichte.de/lesezei/blz98_01/text03.htm war er Mitarbeiter im Dresdner Kulturbund, der sich „die geistige Erneuerung in einem demokratischen Deutschland zur Aufgabe gemacht hatte“. Und Kultur ist eben auch Kriegszeiten und die damit verbundene Verwahrlosung vieler in der Gesellschaft durch die nationalsozialistische Ideologie überdauernd. Von daher ist der Blütenzweig, wenn auch abgebrochen, ein Repräsentant des Baumes. Es geht Ihlenfeld aber nicht allein um diese große politische Frage, sondern auch darum, zu schildern, dass Gott durch so einen unscheinbaren Zweig das Individuum, den einzelnen Menschen ermutigen und aufrichten kann.
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Das zweite Gedicht betont die Geduld und bittet Gott um ein Zeichen, „das unser Herz erreichen / und stille machen kann“. Wenn Gott dieses Zeichen gibt, dann „woll´n wir uns bescheiden und gerne weiter leiden.“ Dieses Zeichen Gottes ist der austreibende Zweig. In den folgenden Gedichten wird deutlich, dass auch der abgebrochene Zweig noch ein Teil des Baumes ist, und dass er wider alle Vernunft blüht, das Licht trägt, an das er glaubt, wenn draußen noch alles in Kälte steht. Und so soll auch der Dichter sein. Er soll zur Unzeit, das heißt dann, wenn es unzeitgemäß ist, wenn es im Widerspruch zur Zeit steht, diese Zeit segnen, ihr zum Guten dienen. Und das tut eben Ihlenfeld dadurch, dass er diesen kleinen Blütenzweig transparent werden lässt zum Guten, transparent werden lässt für Gott. In die Zeit der Trümmer, der Verletzungen, der Verwahrlosung, der Trauer angesichts der Toten, der Erfahrungen der Bösartigkeiten und Brutalitäten der Menschen, des Hungers der Gesellschaft hinein spricht er von einem kleinen Blütenzweig, den Blütenzweig als Trost, als Ausblick, als Sinnstifter, als Beispiel für den Menschen selbst. Und so ist der Dichter nicht allein ästhetisch unterwegs, sondern ist eine moralische, eine geistige Instanz, hat eine Aufgabe an den Menschen zu erfüllen.
In einem Gedicht („Spitze Knospe muß zerspringen“) beobachtet er, dass die Blüte ihr Gesicht erst aus vielen Übergängen heraus formt. Und das ist in der Zeit des Übergangs ein Hoffnungsbild. Die schöne Blüte ist nicht von Anbeginn da, sie wird erst langsam durch unterschiedliche Stadien entwickelt. Aber gleichzeitig ist durch Gott eben die Blüte schon in der Knospe „angelegt“, denn Gott führt sie zum inhärenten Ziel. Das betrifft auch die Gesellschaft des Übergangs – eingebunden ist die Tat des Menschen, der nicht einfach nur zusieht, sondern „der Zweig in meiner Faust / wandelt sich zum Blitze.“ Die Blitze, die zerstörerischen Kräfte sind Wetterblüten – und können die Hände des Menschen diesen blühenden Zweig vor den zerstörerischen Mächten beschützen? Dieser Blütenzweig selbst wird jedoch zu einem Blitz. Dieser harmlose, sanfte Zweig wandelt sich zu einer Macht, zu einer Flamme – die vorübersaust – also nicht bleibt, sondern in kurzer Zeit wirksam ist. Er wird zu einer erhellenden, aber auch reinigenden, läuternden Flamme; er trennt als Schwert Lüge von Wahrheit, als Schwert mit goldner Spitze ist es das Schwert Gottes, das Schwert der Reinheit. Er, um den Dichter vom angesprochenen Gedicht aufzugreifen, trägt in seiner Faust ein sanftes „Zweiglein“, das aber mächtig in dieser durch ideologische Politik zerstörten Zeit wirkt. Der Zweig ist also nicht einfach nur ein gebrochenes kleines Ding, das so vor sich hin blüht, sondern er ist eine Kraft gegen das Unheil, gegen die Verwahrlosung, gegen die Hoffnungslosigkeit – in der Hand des Dichters.
In dem Gedicht „War´s dieser“ spricht er ein Bild von van Gogh an (1). Van Gogh ist gestorben – aber dieser gemalte Zweig überdauert ihn.
In dem nächsten Gedicht „Wär ich wie du!“ sieht er in dem Blütenzweig wieder eine auf Gott weisende transparente Größe – aber im Unterschied zu sich selbst. Der Blütenzweig ist ganz Blütenzweig, er ist mit sich eins und in seinem Einssein mit sich selbst preist er Gott. Aber das lyrische Ich als Mensch ist in sich uneins, vieles „schwelt und glimmt“ in ihm, hat sich „mit Gott entzweit“. Aber: „Wir stammen beide aus einer Nacht, / beide hat uns Gott erdacht“. In ihrer Unterschiedenheit sind sie doch von Gott erschaffen worden, leben in derselben Welt, auch in der Welt der Finsternissen (der Zweig wurde vom Baum getrennt – Zeit des Umbruchs auch für Ihlenfeld), aber Gott hat beide nicht vergessen. Das führt ihn weiter zu einem Choral, einen Lobpreis Gottes: „An allen Kreaturen / erblicken wir die Spuren / von Gottes Meisterhand.“ Lobend heißt es unter anderem: „Auch die geringsten Dinge / sind ihm nicht zu geringe, / um seinen Namen zu erhöhn.“ (Singbar zur Melodie: EG 521 / 368: In allen meinen Taten bzw. O Welt, ich muss dich lassen von Heinrich Isaac? – zumindest mir fällt diese Melodie spontan ein. Ob Ihlenfeld eine andere im Kopf hatte, weiß ich natürlich nicht.) Ihlenfeld weist damit auf das Kleine in der Schöpfung hin, das Gott den Menschen schenkt, um seine Anwesenheit im Leiden zu erkennen. Die Menschen haben alles in Trümmer gelegt durch ihre Ideologie, durch ihre Gottlosigkeit. Aber Gott schenkt ihnen mit der Schöpfung Zeichen seiner Nähe. Und wie oben gesehen: Der Dichter soll die leidenden Menschen darauf hinweisen. Und das am Beispiel dieses kleinen abgebrochenen Zweiges in der Vase.
Das Gedicht „Sag mir nicht, woher du stammst“ spricht den Zweig an, sagt ihm, dass der Baum, von dem er gebrochen wurde, noch steht, dass in ihm die Schöpferkraft wirkt: „und auch dir kommt deine Kraft / von dem unsichtbaren Baum“. Ich kann mir vorstellen, dass hinter dem Gedanken die Sicht von Platon erkennbar ist – allerdings christianisiert – dass der wahre Baum nicht der Baum ist, den wir sehen, sondern hinter jedem Baum der wahre Baum der Schöpfung steht. Und so ist in jedem Baum eben die Schöpferkraft wirksam. Um den eingangs genannten Aspekt aufzugreifen: Auch wenn der Zweig vom Baum abgebrochen wurde, ist in ihm der ganze Baum anwesend; mit Blick auf die Kultur ausgesprochen: auch wenn die Kultur durch den Krieg und die ideologisch hervorgerufene Verwahrlosung abgebrochen wurde, ist sie Teil eines Größeren – eben aus christlicher Sicht: von Gottes Geist durchdrungen. Und wie der Zweig mit seiner Wunde Wasser saugt, so saugt der Mensch sein Leben aus Gott („Zweig im Wasser“).
In „Wer denkt im Winter an den Mai“ verlässt er erst einmal das Bild vom Zweig, sieht aber den Winterbaum – die Eisblumen am Fenster – als eine geheime Botschaft der Natur, die auf den Blütenbaum im Frühling hinweist. Dennoch: Wie die Zukunft wird, weiß keiner, aber: „Wo ein Zweiglein blüht, / darf man da nicht hoffen?“ Aber wie der abgebrochene Zweig zu blühen beginnt, „breche (ich) auf und geh.“ Dennoch „Gewalt muss jeder leiden, / am Ende durch den Tod.“ Aber bevor er kommt – wie das sorglose Blühen des Zweiges – „Sei, Leben, mir willkommen – / willkommen sei mir, Tod!“ Ich denke, dass hinter dieser Aussage auch das steht, was in einem der vorangegangenen Gedichte („Wär ich wie du!“) zu lesen war: Einfach einstimmen können in Gottes Willen, wie der Zweig: abgebrochen – aber blühen, einfach darum, weil dem so ist. Entsprechend auch das Ende des Blühens, den Tod annehmen.
Dieses einfache Blühen des Zweiges hat Auswirkungen bis in die Träume hinein („An meinem Bette in der Nacht“). Es ist kein „Zufall“, dass er diesen Zweig bekommen hat, er kommt von Gott, der blühende Zweig, gesandt dem blühenden Menschen. Im Unterschied zum Menschen hat der Zweig freilich keine Tränen und keinen Schmerz. Aber das Wunder ist: Er kann dennoch trösten. Und wie er trösten kann! Er ist, wie oben im Gedicht gesehen, Gottes Bote, transparent für Gott: Der Autor kann nicht schlafen, wälzt sich mit „Nachtgedanken“ hin und her, Gott ist fern, finster die Nacht. Als er zur Kerze greifen will, um sie anzuzünden, streift er das Leben, den Blütenzweig und er erkennt: „Gott war mit mir in der Hölle / Schlug für mich die Schlacht.“ Selbst am Kerkerfenster kann so ein Blütenzweig am Baum ein Bote Gottes sein („Ballade“). Am Ende nimmt er den Blütenzweig aus dem Glase, um ihn einen anderen Menschen zu geben.
Es folgt das Schlussgedicht „Für das Wunder gibt es keine Worte, / wer´s beschreibt, verleugnet´s schon.“ Denn „das Wunder: schüchterne Gebärde / dessen, der die Welt erdacht, / wandelt es im Augenblick die Erde, / und das Paradies erwacht.“
Damit schließt sich der Kreis. Er beschreibt die last der Menschen in den Gedichten – und dass eben so etwas Kleines, Alltägliches wie der Blütenzweig im Glas ein Wunder, ein Zeichen Gottes sein kann, um das Leben zu verwandeln, es mit anderen Augen zu sehen. Dennoch: Dieses Wunder ist kaum zu beschreiben, selbst in vielen Gedichten nicht. Es ist mit Wörtern nicht greifbar – aber die Emotion nimmt es angemessen wahr.
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(1) Welches Bild ihm vor Augen stand, weiß ich nicht. Van Gogh hat verschiedene Bilder gemalt, in denen er Zweige in einem Glas abbildet. Das im folgenden Link vorgestellte wird es nicht gewesen sein, da es zu dem im Gedicht geschilderten nicht ganz passt. Hatte er eher die Rosen in der Vase von van Gogh im Blick, weil er das Grün hervorhebt? https://www.youtube.com/watch?v=giSAJ-UrbhM Van Gogh lebte von 1853-1890 – ist also gestorben 11 Jahre, bevor Ihlenfeld geboren wurde. Er hatte vermutlich noch eine ganz andere Beziehung zu van Gogh als wir.
