Ihlenfeld: 100 Gedichte (1940)

Ihlenfeld (1901-1972) war Pfarrer und Schriftsteller. Er studierte neben evangelischer Theologie auch Kunstwissenschaften. Promotion: 1923; Mitarbeiter im Evangelischen Presseverband in Schlesien: 1926; verschiedene Pfarrstellen ab 1928 (Ordination)-1950, Heirat: 1928; 1930: Geburt der Tochter; Mitarbeiter beim Evangelischen Presseverband Deutschland, die Zentrale wurde 1933 von Deutschen Christen besetzt. Leitung des Eckart-Verlages 1933 bis 1943 – dem er ein vertieftes evangelisches Profil geben wollte. Er hat um den Verlag einen christlich-konservativen Autoren-Kreis aufgebaut, der dem nationalsozialistischen Regime mehr oder weniger kritisch gegenüberstand. Zu diesem Kreis gehörten viele bekannte Schriftsteller: Werner Bergengrün, Ricarda Huch, Jochen Klepper (mit dem er freundschaftlich seit dem Studium verbunden war), Rudolf Alexander Schröder, Siegbert Stehmann, Ina und Wolfgang Seidel, Otto von Taube, Gertrud Freiin von LeFort, Reinhold Schneider. 1943 Verbot des Eckart-Kreises. Thomas Mann hat dem Eckart-Kreis vorgeworfen, Ofenhocker gewesen zu sein, statt das Leid des Exils auf sich zu nehmen, was Ihlenfeld zurückwies: Auch daheim waren sie unter der Diktatur in der Fremde. Nach 1945 Flucht vor der Roten Armee. 1946: Chefredakteur der Evangelischen Landeskirchenzeitung, die der sowjetischen Zensur unterlag und nur eine geringe Auflage war erlaubt. Mitarbeiter im Kulturbund, der das demokratische Deutschland geistig erneuern wollte. 1949 Übersiedlung nach Westberlin. Ab 1950 freier Schriftsteller. Neugründung des Eckart-Verlages, Zusammenschluss mit dem Wittener Luther-Verlag. 1955: Herzinfarkt, der sein Wirken einschreänkte. 1956-1965 Mitglied und auch stellvertretender Direktor der Akademie der Künste Berlin (West).

Infos aus: https://www.deutsche-biographie.de/gnd118708635.html#dbocontent  und: https://berlingeschichte.de/lesezei/blz98_01/text03.htm

Mir liegen folgende Bücher vor:

Die Stunde des Christentums. Eine deutsche Besinnung, hg. v. Kurt Ihlenfeld, Berlin-Steglitz, 4. Auflage 1938 (1. Auflage 1937) (In diesem Band geht es darum, sich dem Versuch von Nationalsozialisten entgegenzustemmen, die das Christentum als Fremdkörper im Deutschen Volk propagierten. Ihlenfeld führt das Wort Jesu an: Wer nicht für mich ist, ist gegen mich“ – das heißt, Christen müssen sich entscheiden: Christus oder Nationalsozialismus.

(Hier kommen zu Wort [1]: Albrecht Schaeffer, Werner Bergengruen, Otto Brües, Peter Dörfler (Priester, Erzieher und Dichter: NS-naher Autor – der in Konflikt mit dem Regime geriet – Publikationsverbot [warum, habe ich nicht herausfinden können, denkbar ist, dass sein konservativ-christliches Weltbild nicht mit den nationalsozialistischen Zielen kompatibel war]), Max Mell, Wilhelm Schäfer (Intensive Verstrickung mit dem NS), Wilhelm v. Scholz (intensive Verstrickung mit dem NS – Durchhalte-Kriegsgedichte), Karl Buchheim (trat aus dem Schuldienst aus, konvertierte zum Katholizismus, lebte als „innerer Emigrant“ – auch nach 1945 ein bewegtes Leben), Hans Eberhard Friedrich (Mitarbeit an den „Weißen Blättern“ die nach 1945 als Widerstandsliteratur eingestuft wurden), Ruth Schaumann, Reinhold Schneider, Martin Beheim-Schwarzbach, Paul Fechter (konservativ, Widerstandsnah, NS-Tarntexte [so nenne ich die Texte, die Zustimmung zur Ideologie bzw. Hitler signalisieren, obgleich der Autor weltanschaulich anderer Sicht war]), Otto Gmelin (völkisch gesinnt, aber nicht Nationalsozialist, ging auf Distanz zum NS, starb 1940 an einer Infektion), Wilhelm Michel (der Wikipedia-Artikel lässt keine gesicherten Schlussfolgerungen zu: Zuckmayer war auf ihn gar nicht gut zu sprechen, er soll Mitläufer und mit Gott und Welt verfeindet und streitsüchtig gewesen sein; verfasste eine Schrift gegen Antisemitismus, war mit Buber befreundet; einer seiner Söhne war KPD-Aktivist, war im KZ inhaftiert, später britischer Spion; seine erste Frau wollte sich als Protestantin nicht vom jüdischen Ehemann scheiden lassen und wurde im KZ Ravensbrück ermordet), Friedrich Alfred Schmid Noerr, Lothar Schreyer (Kunstgeschichte; konvertierte 1933 zum Katholizismus, schrieb unter anderem Heiligenlegenden, trat der NSDAP bei, seine Kunstwerke waren Bestandteil der Ausstellung „Entartete Kunst“), R.A. Schröder, Jochen Klepper, Ricarda Huch, H.W. Seidel, August Winning, Ina Seidel.)

Das Buch der Christenheit. Betrachtungen zur Bibel, hg. v. Kurt Ihlenfeld, Berlin-Steglitz 1939 (In diesem legen Dichter der Gegenwart biblische Themen dar. Es geht dem Herausgeber darum, „Respekt vor der Bibel“ in seine Zeit zu übermitteln, einem Buch, das „unserem Volk zu allen Zeiten ein Wegweiser zu Gott gewesen ist“.

Die Dichter [1] stammen aus dem Umfeld des Eckart-Kreises. Wieweit sie mit diesem identisch sind, vermag ich nicht zu sagen: R.A. Schröder, Albrecht Schaeffer (Schriftsteller, emigrierte 1939 in die USA), Martin Beheim-Schwarzbach (lebte im Exil und Propagandatätigkeit gegen das NS-Regime ab 1939), Gertrud Bäumer, Ricarda Huch, F.A. Schmid Noerr (im Auftrag von Ludwig Beck entwarf er eine „Deutsche Reichsverfassung“, die für die Zeit nach dem Sturz Hitlers eingesetzt werden sollte), Hanna Stephan, Willy Kramp, Jochen Klepper, Otto Brües (intensiv nationalsozialistisch engagiert), Anna Schieber (sie galt nach der NS-Zeit als indifferent; aber soziale Themen, so auch über geistig und körperlich Behinderte, über Frauen im Gefängnis), Hermann Claudius, H.W. Seidel, Otto von Taube, Joseph Wittig, Adelbert Alexander Zinn (linksliberaler Journalist und Politiker, 1933 von NS aus dem Amt gedrängt, starb 1941), Reinhold Schneider).

Kurt Ihlenfeld: Wo ein Zweiglein blüht. Ein Gedichtkreis, Witten/Ruhr 1949

Aus dem Jahr der Übersiedlung Ihlenfelds nach Westberlin stammt dieses Gedichtbändchen. Es betrachtet in vielen Gedichten einen Zweig, der abgebrochen wurde und nun in einer Vase beginnt zu blühen und auszutreiben. Es ist ein Büchlein des Übergangs. 1949 war ein Übergangsjahr, einmal was das Land betraf – zwischen Stagnation und Aufbruch, zwischen Trümmern Neuanfang -, und dann auch das private Leben: Übersiedelung nach Westberlin. In diesem Übergangsbüchlein finden wir zahlreiche spannende Gedanken.

Kurt Ihlenfeld: Unter dem einfachen Himmel, Ein lyrisches Tagebuch, Witten/Berlin 1959

Zeitgesicht. Erlebnisse eines Lesers, Witten/Berlin 1961 (es werden Autoren und literarische Werke vorgestellt.)

Te Deum heute. 365 Texte zur Krisis des Christentums gesammelt und hg. v. Kurt Ihlenfeld, Witten/Berlin 1965 (in diesem geht es darum, ein „Gespräch“ zwischen alten Denkern und der Literatur der Gegenwart zu bestimmten Themen herzustellen, da er erkennt, dass die alten Denker kaum mehr gewürdigt werden.  

[1] Es werden die Dichter kurz charakterisiert, wie sie bis 1938, dem Erscheinen des Buches weltanschaulich einzuordnen sind. Ziel ist es, die Texte einordnen zu können. Die Informationen stammen überwiegend aus Wikipedia. Die Schriftsteller, denen keine Info beigegeben wurden, wurden auf meinen Seiten https://gedichte.wolfgangfenske.de/ vertieft dargestellt, waren mir bekannt bzw. werden in der folgenden Darstellung ein wenig eingeordnet. Diese kurzen Einordnungen geschahen nicht aufgrund intensiver Beschäftigung mit ihnen, sondern sind im Grunde Nachplappereien der Wikipedia-Artikel.

*

Ihlenfeld hat 1940 ein Gedichtband herausgebracht: Die Zuversicht. 100 Gedichte aus 100 Jahren. Eckart-Verlag. In diesem finden wir viele Gedichte bekannter Namen: Mörike, Eichendorff, Fontane usw. und von Zeitgenossen: Rudolf Alexander Schröder, Ina Seidel usw. (1) Es sind sehr schöne, beruhigende Gedichte. Zu einem Teil beschreiben sie die Zerrissenheit der Zeit, dann aber auch, wie gleich das erste Gedicht von Mörike: „Freu´ dich! Schon sind da und dorten / Morgenglocken wach geworden.“ (7) Diese Zuversichts-Gedichte haben heute vermutlich einen anderen Klang, denn der Krieg ging für die Menschen des Innenlandes erst so richtig los. Die ersten Bomber im Hinterland: Mai 1940 (Mönchengladbach).

Es wird im Folgenden deutlich, dass ich die aufgenommenen Zeitgenossen von Ihlenfeld intensiver bedenke. Das liegt daran, dass ich entdeckt habe, dass Ihlenfeld die politische Einstellung der jeweiligen nicht relevant zu sein scheint. Es geht um das Thema „Zuversicht“ aus christlicher Perspektive. Wie er das für sich klären konnte, auch ideologisch Andersdenkende aufzunehmen, wird später zu eruieren sein. Wichtig scheint mir, dass er den christlichen Glauben und seine Hilfestellung für das Leben stärker betonte als die Ideologie.

In der oben genannten Deutschen Biografie finden wir die Aussage: „Wie seine Prosawerke drückt auch Ihlenfelds an Metaphern reiche Lyrik immer wieder den Zwiespalt zwischen einem Glauben an eine christliche Heilsgeschichte und Zweifeln angesichts der politisch-historischen Weltlage aus.“ Zudem heißt es in dem Artikel von Frauke Janzen 2022, dass sein Werk wissenschaftlich noch nicht untersucht worden sei. In dem Beitrag https://berlingeschichte.de/lesezei/blz98_01/text03.htm heißt es, dass er für die Kirche vielleicht nicht viel geleistet habe, aber für das Christentum in dieser Zeit des Umbruchs. Es wird auf eine Darlegung von Ihlenfeld 1972 hingewiesen, in der er kurz vor seinem Tod auf Wesentliches hinweist (paraphrasiert wiedergegeben): Menschen sind Söhne / Kinder Gottes. Das wird in Kriegen, unter Rechtlosigkeit usw. missachtet. Menschen sind aufgrund der Kindschaft Originale, die zu achten sind. Ihlenfeld geht aus von dem Satz Jesu: „So euch der Sohn Gottes frei macht, so seid ihr recht frei“. Und diese Ahnung von der Kindschaft der Menschen treibt sie an, sich dafür einzusetzen – womit der Satz Jesu vertieft wird: „Ich bin gekommen, ein Feuer auf Erden anzuzünden und was wollte ich lieber, als dass es schon brennte“.

Was mich wundert ist, dass nicht auf Ihlenfelds Einsatz mit Blick auf den Holodomor eingegangen wird. 1933 veröffentlichte er als Herausgeber: Hungerpredigt. Deutsche Notbriefe aus der Sowjet-Union, Eckart Verlag 1933 und vom Presseverband wurde herausgegeben: Brüder in Not!: Dokumente des Massentodes und der Verfolgung deutscher Glaubens- und Volksgenossen im Reich des Bolschewismus, Berlin 1933. https://de.wikipedia.org/wiki/Holodomor Wird das Engagement nicht erwähnt, weil er die Infos von Deutschen bekommen bzw. auf Deutsche fokussiert hat? Nach dem Motto: Lieber keinen helfen als nur den Deutschstämmigen? Wobei es mich wundert, dass die StalinSowjets die Hilfe zugelassen haben sollen. Haben sie sie selbst gebraucht zur Stärkung der Mitläufer? Nur eine Vermutung. Die nicht von ihm verantwortete Schrift „Brüder in Not“ thematisiert den Hunger auch in der Sowjetunion. Es sind erschütternde Briefe: „Manche kleben auf ihren Brief Proben des ungenießbaren Brotes auf; dem letzten Nahrungsmittel, das diesen Unglücklichen noch geblieben ist. Es besteht aus Häcksel, Spreu und Unkrautsamen.“ Zudem kam es wohl zu Kannibalismus – das wird aus den Briefen deutlich. Auch wird deutlich, warum dem so ist: Vater im Gefängnis oder in Verbannung, Mutter muss im Kollektiv arbeiten, die Kinder verwahrlosen.

(chrome-extension://efaidnbmnnnibpcajpcglclefindmkaj/https://volgagermanresearch.wordpress.com/wp-content/uploads/2017/10/brc3bcder-in-not-a.pdf ) Auch Pasternak wurde gegenüber dem Sowjetsystem kritischer, als er die Armut der Landbevölkerung mitbekommen hatte. https://gedichte.wolfgangfenske.de/boris-pasternak/

*

Die Fett gedruckten Namen bedeuten, dass ich sie in meiner Sammlung schon gesondert aufgenommen habe.

Viele Gedichte vertiefen das Thema Zuversicht theologisch, so wenn es im zweiten Gedicht von Eichendorff heißt: „Gestern stürmt´s noch, und am Morgen / Blühet schon das ganze Land – / Will auch nicht für morgen sorgen, / Alles steht in Gottes Hand.“ (8) Wie im dritten Gedicht wird in den Gedichten häufig das „Weinen“ aufgegriffen: In der Nacht Weinen – am Morgen das Hoffen (Fontane), viel ist von Sternen die Rede, die in der Finsternis leuchten (z.B. Meyer), Gott allein weiß, wann es tagt (R.A. Schröder), was auch passiert, ich gehe mit Gott und lobe mit der Nachtigall Gott in der Nacht (beide Eichendorff), Fürbittgebet (Hensel). Weihnachtslieder bieten sich an, Zuversicht auszusprechen, denn Gott kommt in die Dunkelheit (Keller). Wilhelm Raabe dichtet in „Wenn über stiller Heide“ die Zeilen: „Das Ewige ist stille, / Laut die Vergänglichkeit; / Schweigend geht Gottes Wille / über den Erdenstreit.“ (22) Der ewige Wille Gottes ist die Konstante in dem Auf und Ab der Geschichte. Und der Mensch ordnet sich in diesen Willen Gottes ein: „Ich bin wohl nur ein Tropfen, / Der in den Aether fällt – / Und hör´ mein Herz doch klopfen, / Daß mich ein Vater hält.“ (Hermann Claudius).

Zuversicht bietet sich auch an, sie mit Frühlingsgedichten auszusprechen: das Wachsen, blühen nach dem Winter. Dazu kommt das Ewige der Natur. Das Werden und Vergehen, das Sein: „Unsterblich duften die Linden“ (Seidel). Im Sommer kommt der Sturm, danach die Ruhe. Aber auch im Winter selbst: Weihnachten: „Aus des Schnees Einsamkeit / Steigt´s wie wundersames Singen – / O du gnadenreiche Zeit.“ (Eichendorff). Weihnachten bestimmt den Winter in diesem Band unter der Überschrift: Jahreszeiten. Aus diesen Weihnachtsliedern ragt eines deutlicher politisch heraus, das von Max Mell, das 1915 geschrieben wurde. Es geht um ein Kinderkrankenhaus und die Kinder werden angesprochen. Das Jesuskind war klein, wie die Kinder. Mit den Kindern wird eine Hoffnung ausgesprochen: „Ihr schwach jetzt in den Betten, / Zieht dann in lichter Schar, / Den Satan anzuketten, / Der ausgebrochen war, / Und tut in Gottes Namen / Der Heilung Werk sodann, / Sein Wandeln nachzuahmen, / Soweit ein Mensch dies kann.“ Dieses Gedicht dürfte 1940 einen anderen politischen Klang haben als 1915. Und so können wir auch in den folgenden Weihnachtsliedern einen politischen Unterton entdecken, so in dem Gedicht von Weinheber: Das Kind wird angebetet, das Herz wurde verraten. Mell, Weinheber – sie waren beide dem Nationalsozialismus nicht abgeneigt, haben jedoch erkannt, was für ein Übel dieser ist. Ich habe beide (wie auch Seidel) mit Blick auf den Nationalsozialismus kritisch besprochen. Ihlenfeld, der eindeutig gegen die nationalsozialistische Weltanschauung war, konnte diese Gedichte aufnehmen, weil er sie im christlichen Sinn interpretierte, also gegen diese grausame Weltanschauung. Entsprechend auch das Neu-Jahr-Gedicht: Gott ist Anfang und Ende, Gott ist der Herrscher (Mörike).

Unter der Überschrift Heimat finden wir Naturgedichte verbunden mit dem Glauben (Uhland, Meyer, Friedrich Keyßler, Otto von Taube, Agnes Miegel). Unter der Überschrift „Schicksal“ werden Gedichte mit Haussegen angeführt, werden schwere Lebensumstände angesprochen – das mit unterschiedlicher Intention: Das eine Gedicht endet mit: „Sag, wie hast du dich gerettet“ (Schnack wohl einer der Angepasstesten der in diesem Buch genannten Dichter in der NS-Zeit]; 69), das andere mit: „Gott weiß warum“ (Justinus Kerner), Gottes Gedanken sind höher als die der Menschen (Eichendorff) bzw. mit der Bitte an Gott, zu tragen helfen, „Was ich nicht will!“ (Eichendorff). Auch der Tod kommt in den Blick: der Mensch ist ein Samenkorn: „Und keines fällt aus dieser Welt / Und jedes fällt, wie´s Gott gefällt.“ (Meyer) Diese und andere tragen aus verschiedensten Blickrichtungen religiöser (nicht unbedingt christlicher) Art zur Zuversicht bei, versucht in Kriegszeiten Menschen zu stärken.

In dem Kapitel „Der Herr“ werden auch zwei Nationalsozialisten aufgenommen, die fest in der Ideologie eingetaucht waren. Zu nennen sind Richard Euringer und Heinrich Lersch. Beide Gedichte sind mystischer Natur. Euringer schreibt: „Nicht wissen will ich dich, nicht schauen, / Das Auge schmilzt in deinem Glanz“ und: „Und mach mich klein und dankbar kindlich, / Dann überwinde ich die Welt.“ Gott wird in diesem „Gebet“ nicht angesprochen. Gott wird in dem Gedicht „In Gottes Namen“ angesprochen. Der Mensch solle sich ganz in Gottes Hand geben, denn er hält Land, Welt und Haus. „Da fällst du nicht heraus.“ Lersch spricht Gott an: „Gott, du fließt in mich hinein.“ Warum Ihlenfels diese aufgenommen hat, obgleich er selbst dem Nationalsozialismus kritisch gegenüberstand, kann ich nur vermuten. Es hilft zu drucken und: Vielleicht hatte er ja auch missionarische Absicht in dem Sinn, dass diese Leute mit dem BelegBand, das sie sicher bekommen haben, auf neue christliche Gedanken kommen. Allerdings gilt das nur für Euringer, denn Lersch starb 1936 im Alter von 46 Jahren an einer Krankheit.

Wir finden unter diesem Abschnitt Texte, die sich der Liebe Gottes versichern. Mörike sieht es als Wunder an, „Gott selbst zu haben auf der Erde!“, Kerner weiß, dass über ihm eine Liebe ist, „die mich nie vergißt.“ Und wie schon in einem Zitat oben: Gottes Hand wird vielfach erwähnt, die auch in Tagen des Leidens hält (Rückert), selbst die bösen Mächte tun Gottes Willen (Meyer). Aber der Mensch leidet unter ihnen und bitte um Schutz (Fontane) bzw. ergibt sich ganz in Gottes Willen: „Weiß nicht, was Nutz und Schade; / Was mir von dir wird angetan, / Sieg oder Tod, das nehm´ ich an, / Das fließt vom Quell der Gnade.“ (Huch; 95), denn ohne Gott sind wir Menschen hilflos (Klepper) und so wartet Gott auf unsere Hinwendung zu ihm und Gott wird „bei der Ernte“ Spreu vom Weizen trennen (Paula Grogger). Paula Grogger hatte vor dem Abschluss Österreichs Sympathien für den Nationalsozialismus, galt aber als eine, die „bis heute nichts Positives zum Nationalsozialismus beigetragen“ habe, und sich auch weigerte, Hitler zu treffen (Paula Grogger – Wikipedia). Nach dem Krieg war sie viel geehrt. Von Paul Ernst, der 1933 im Alter von 67 Jahren gestorben ist, nimmt Ihlenfeld auch das letzte von Ernst geschriebene Gedicht auf, das Christus anspricht, der sagte: „Ihr seid das Salz der Erde“. Ernst erkennt, dass Gott ihn auf die Erde „entließ“, damit er eben dieses Salz werde, jetzt ist er alt und bittet Gott, ihn wieder zurückzunehmen. „Ich kann nicht Salz mehr sein. Was soll ich hier?“ Aber so darf ein Mensch nicht beten, denn Gott hat ihn dahin gestellt, wo er steht. Darum bittet er: „Dein Atem weht / Mein Leben geht. Gib Kraft mir, gib mir Kraft.“ Paul Ernst kam von der SPD hin zu konservativen Parteien, stand, soweit ich erfahren konnte, Hitler ambivalent gegenüber. So stellt sich die Frage: bezieht sich das Gedicht auf die politische Lage, denn in der nationalsozialistischen Zeit wurde, wie in sozialistischer Zeit alles politisiert. Aus der Zeit des ersten Weltkrieges gibt es Texte, in denen alte Männer bedauerten, keine Kraft mehr zu haben, in den Krieg zu ziehen. Steht das auch hier im Blick? Er hat keine Kraft mehr, gegen den Nationalsozialismus anzugehen, was die resignierte Formulierung andeutet, oder nicht mehr für Hitler kämpfen zu können?

Ein weiterer Zeitgenosse wird mit einem Text geehrt: Richard Billinger: „Wir Bauern dulden keinen Spott / An unserem Herrn und Helfer Gott!“ denn ohne ihn wären sie nichts, wie ein Baum ohne Frucht und Schatten. Wegen seiner Heimattexte war er bei Nationalsozialisten anerkannt, aber mit anderen Texten war er ihnen suspekt. Im WikipediaArtikel wird er als Mitläufer vorgestellt, der mit seinen Werken zum Teil großen Erfolg hatte. Richard Billinger – Wikipedia Nach 1945 war er eher unscheinbar und alkoholabhängig. Es folgt ein Gedicht von Jakob Kneip, der in der Zeit des Nationalsozialismus auch ein angesehener Schriftsteller war, aber sich ab 1942 wegen Spannungen mit der Partei zurückzog. Nach 1945 begann er wieder öffentlich tätig zu werden. Er beschreibt in dem Gedicht „Gott“, dass er als die Scheune seines Elternhofes brannte, Gott um Hilfe angerufen hatte, aber Gott nicht half, im Gegenteil, die Flammen schossen höher in die Luft. Dann war er sauer auf Gott. Am Morgen wachte er nach einem unruhigen Schlaf auf und „Da faßt mich Scham und Reue“, denn Gott macht alles gut, denn „alles Leben ruht / In deinen guten Händen.“ Jakob Kneip – Wikipedia Um die Hand Gottes geht es auch in dem Gedicht, das Hesse gedichtet hat: „Beides gilt mir einerlei“. Wohin Gott ihn auch führt, ob durch Hölle, ob durch Himmel, wichtig ist ihm nur, dass er Gottes Hand spüre. (107) Die Hand Gottes wird auch im gedicht von Friedrich Ernst Peters angesprochen: „Wenn meines Stolzes Klügelein verhallen, / Wenn Nebel fällt ins trügende Gelände, / Dann hebt die Demut an, ihr Wort zu lallen: / Ich bin bewacht; ich kann nicht tiefer fallen / Als einer großen Liebe in die Hände.“ (109) Peters war auch Zeitgenosse von Ihlenfeld. Er war Lehrer für Taubstumme und konnte in der Zeit des Nationalsozialismus publizieren und hat auch nach dieser Zeit viel Anerkennung erfahren. Friedrich Ernst Peters – Wikipedia

Von Johannes Linke wurde von Ihlenfeld ein Danklied veröffentlicht. In diesem bedankt er sich bei Gott und spricht sich selbst an: „Du hattest alles abgetan / Und dich dem Tod anheimgegeben: / Nun lobe Gott und nimm das Leben / Dankbar als Gottes Gnade an.“ Linke war Gelegenheitsarbeiter, begann 1928 das Pädagogikstudium, trat 1933 der NSDAP bei, war Volksschullehrer, wurde Soldat und starb, so wird vermutet, als Soldat an der Ostfront. Leider kann ich nicht sagen, wann das Gedicht erschienen ist, auf welchen Lebensabschnitt er zurückblickt. Deutlich wird, dass Ihlenfeld das Gedicht aufgenommen hat, weil er in diesem wie es naheliegt, „Zuversicht“ ausgedrückt fand.

Im Kapitel „Der Menschensohn“ geht es vor allem um Bewahrung. Hervorheben möchte ich das Gedicht von Eichendorff: Der Wächter (114).  „Der Herr“ – also Christus – dreht seine Wächterrunde, aber niemand wacht mit ihm: „Nächtlich macht der Herr die Rund´, / Sucht die Seinen unverdrossen, / Aber überall verschlossen / trifft er Tür und Herzensgrund, / Und er wendet sich voll Trauer: / Niemand ist, der mit mir wacht.“

Nur der Wald, der dieses wahrnimmt, rauscht und bewegt Glocken – der Ton dringt ein in das „lyrische Ich“, es hört die Glocken („in den stillen Lüften“) von weither durch die Einsamkeit – und schließt daraus: „An die Tore will ich schlagen, / An Palast und Hütten: `Auf! / Flammend schon die Gipfel ragen, / Wachet auf, wacht auf, wacht auf!´“

Wald und Glocken greifen die resignierte Aussage des Herrn auf („Niemand ist, der mit mir wacht.“ – selbst die Seinen schlafen – wie in Gethsemane) und werden selbständig, bringen das „lyrische Ich“ dazu, an die Tore schlagen zu wollen: „Wachet auf, wacht auf, wacht auf!“

Ein Zuversichts-Gedicht: Den Morgen nicht zu verschlafen. In Eichendorffs Zeit dürfte der Morgen, der nicht verschlafen werden darf, zu dem der Herr aufwecken möchte, die Romantik sein. Das Bewusstsein für die Natur, Gott, das Innere sollte wahrgenommen werden. Der Herr selbst ruft dazu auf, mit ihm zu wachen, diese wahrzunehmen. Das lyrische Ich, wie die Natur, die innere Einsamkeit greifen den Ruf auf und trommeln an die Türen und Tore. Morgens wird die Welt lebendig. Nicht allein die Natur, auch die Seele soll aufwachen, das Bewusstsein, den Herrn zu hören, die äußere wie innere Welt in ihrer Schönheit wahrzunehmen.

Was hat Ihlenfeld mit der Aufnahme dieses Gedichtes in seiner Sammlung bezweckt? Darüber kann ich nur spekulieren, weil nicht klar ist, wie er die Zukunft beurteilte. Aber Gedichte lassen jedem einzelnen Raum, sie in seiner Zeit zu verstehen.

Anzumerken sei, dass in der gottlosen Zeit des Nationalsozialismus der Wächter Christus keinen fand, der mit ihm wacht. Aber auch in dieser Zeit bleibt Natur, bleiben Glocken (überzeitliche, göttliche Wahrheit) rege und bewegen Menschen in ihrer Einsamkeit zu dem Ruf: Wachet auf. (Auch wenn Glocken in der Zeit des Nationalsozialismus missbraucht wurden.) 1940, als Ihlenfeld das Büchlein veröffentlichte, war der Nationalsozialismus, also die Nacht in gewisser Weise auf ihrem Höhepunkt brutaler Macht. Um Ihlenfeld bildete sich der so genannte Eckart-Kreis. Es handelte sich um konservativ-christliche Gegner (unterschiedlicher Art) des Nationalsozialismus. Von daher könnte meine Interpretation begründet sein, die das Gedicht als eine Art Widerstandsmetapher ansieht. Dem „Deutschland erwache“ wird ein christlicher Ansatz entgegengestellt. Das nationalsozialistische / nationalistische, atheistische „Deutschland erwache“ ist Nacht, Verlorenheit, Verlogenheit, Verblendung, Einsamkeit, paralysierend. Als Christen sehen sie jedoch schon, dass der Morgen in all der politischen Finsternis anbricht.

Auch das nächste Gedicht in dem Band „Zuversicht“ von Kurt Ihlenfeld, 1940 herausgegeben, ist von einer besonderen Heftigkeit. Es ist ein Gedicht von Annette von Droste-Hülshoff: „Gethsemane“. Es schließt sich also nahtlos an das vorangegangene Gedicht von Eichendorff an. Detailliert wird in dem Gedicht beschrieben, was Jesus in seinem Gebet im Garten Gethsemane gesehen, wahrgenommen hat. Was ihm an Leidenszukunft bevorstehen wird, wurde ihm vor Augen gemalt: Er sieht das Kreuz mit seinem eigenen Leichnam. Dann bittet er: „Herr, ist es möglich, so laß die Stunde / An mir vorübergehn!“

Dann sah er ein strahlendes Kreuz herunterkommen. Und er sah, dass viele Menschen aus der Zukunft und aller Welt sich an das Kreuz klammern werden, sogar aus den Gräbern stieg nebelhaft ein Flehen – und dann sagte Jesus: „Vater, dein Wille mag geschehen.“ „Und aus dem Lilienkelche trat ein Engel / Und stärkte ihn.“

Und auch hier eine Vermutung, wie Ihlenfeld das Gedicht in seiner Zeit des Nationalsozialismus und des Krieges verstanden haben könnte. Die mutigen Christen wollen nicht leiden, wollen das Kreuz nicht auf sich nehmen. (Die Deutschen Christen, die mit den Nationalsozialisten mitmarschierten und ihnen huldigten, sind nicht gemeint. Sie passen sich an, um nicht leiden zu müssen.) Es ist kein heroischer Weg in den Tod, Angst, Ohnmacht bestimmen den Christen, der diesen Weg gegen die Machthaber gehen muss – also anders, als es der Weg des Nationalsozialismus, der eine Helden-Ideologie propagierte. Doch erkennen die im Nationalsozialismus gegen diesen kämpfende Christen, dass ihr Handeln die Rettung vieler sein wird. Und so gehen sie wie Jesus den harten Weg, weil sie sich verantwortlich fühlen. Es handelt sich um einen kolossalen einen christlichen Gegenentwurf zum nationalsozialistischen Zeitgeist – besser gesagt: Das Gedicht macht deutlich, dass die nationalsozialistische Ideologie (wie jede Ideologie) ein Affront gegen Christen ist. Darum duldet der christliche Glaube kein Mitläufertum mit Ideologien, sondern er muss wie Jesus den Weg des Leidens gehen, um Menschen zu retten.

Christen werden auf dem Weg gestärkt. Und das eben nicht spektakulär – sondern: aus der Reinheit heraus tritt der Engel. Eine Lilie (auch Zeichen für Maria wegen der Unschuld, Reinheit) erwächst aus der Natur, der Engel ist ein Wunder in der Natur, ein stilles, leises Wunder. Die Natur ist in der Romantik durchlässig für Gottes Wirken, ist transparent. Aus der Zartheit bekommt er Kraft, die Gott ihm schickt, denn Gott ist in christlicher Tradition immer der Herr der Engel. Heute werden sie vielfach von Gott gelöst, als eigene Größen. Aber das ist unchristlich. Ein sich von Gott lösender Engel ist der gefallene Engel, der Satan, der die Menschen verwirrt. Dieser Engel erhebt sich aus der Lilie, nachdem Jesus „Vater, Vater“ gerufen hatte, und sich in Gottes Willen geborgen hat.

In der schweren Zeit, in der machtvolle, grausame, lärmende Ideologen herrschen, ist dieses Zuversichts-Gedicht ein Kontrapunkt. Gott stärkt diejenigen, die seinen Willen tun durch leise, verborgene Zeichen – auch in der Natur, weil Gott ihr Schöpfer ist, kann sie ihm auch dienen – Engel hervorbringen. Doch müssen sie als solche erkannt werden. Und dazu regt dieses Gedicht an.

Das Gedicht: https://gedichte.xbib.de/Droste-H%FClshoff_gedicht_Gethsemane.htm Zu Annette von Droste-Hülshoff s. https://gedichte.wolfgangfenske.de/19-jh/

Im dem Gedicht, das Annette von Drosten-Hülshoffs Gedicht folgt, geht es um die Frage der Sünde. Mörike fragt: „Was rettet mich von Tod und Sünden?“ – eine in der Zeit in der viele den falschen ideologischen Wegen folgt, sehr wichtige Frage. Ohne Sündenbekenntnis gibt es keine Erneuerung.

Es folgt das Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer: „In einer Sturmnacht“ (119). Er erkennt im Sturm einen dämonischen Kampf. In der vom Sturm gebeutelten Lampe – keine elektrische, sondern eine mit einer Flamme – hört er die Flamme sprechen, die jetzt im Sturm wie damals im Gespräch zwischen Jesus und Nikodemus leuchtete. In diesem Gespräch sagte Jesus dem Nikodemus: „Hörst, Nikodeme, du den Schöpfer Geist, / Der mächtig weht und seine Welt erneut?“ Dieses Gedicht greift die Worte Jesu aus dem Johannesevangelium Kapitel 3 auf, das er seinem Gesprächspartner Nikodemus sagt: „Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt, wohin er geht. So ist es bei jedem, der aus dem Geist geboren ist“ – es geht um den Geist Gottes. Der Mensch, der aus Gottes Geist geboren ist, versteht vieles anders, tiefer als Menschen, die es nicht sind. Mit dem Gedicht wird ausgesprochen, dass es im heftigen dämonischen Sturm Hoffnung gibt auf das Neue, das der Geist Gottes wirken wird.

Meyer lebte im 19. Jahrhundert, einer Zeit massiver sozialer, wissenschaftlicher und technischer Umbrüche. Die Welt war auch moralisch aus den Fugen geraten, Religion wurde verspottet. In diese stürmische Welt hinein wird auf den Geist Gottes hingewiesen, der Neues erschafft. Der Blick bleibt nicht im Vordergründigen Chaos hängen, sondern findet einen Anker in der Bewegung des Geistes Gottes. Es mag widersprüchlich klingen – aber Gott ist in der Konstante die Bewegung.

Dieses Gedicht wird von Kurt Ihlenfeld aufgenommen und wird es in seiner Zeit, für seine Zeit interpretiert haben. Der Nationalsozialismus ist als dämonischer Sturm ausgezogen, die Macht des christlichen Glaubens zu brechen. Traditionen werden zerstört, Menschenwürde und Moral werden zerstört – Gewalt, Menschenverachtung, Krieg, Schuld, moralische Verwüstung, geistige Orientierungslosigkeit bzw. bewusst herbeigeführte Irrwege zerrütten die Welt – und Christen machen mit. Hier hinein lässt Ihlenfeld das Gedicht sprechen. Es ist Sturm, heftiger dämonenhafter Sturm, „prophetisch kämpft am Himmel eine Schlacht“ – der Geist Gottes jedoch verwandelt den Menschen. Der Geist Gottes, so Jesus, erneuert Menschen, was noch nicht so sehr erkennbar ist, aber er erneuert sie und lässt sie wirken. Es ist nicht irgendein Geist, es ist der Geist Gottes, Gott ist in dieser aktuell erlebten Geschichte am Wirken. Er lässt die Menschen im Sturm nicht allein. Meyer/Ihlenfeld hören also die Flamme sprechen – ein Hoffnungswort sprechen. Ein Hoffnungswort, denn noch herrscht massiver dämonischer Sturm.

Auch das nächste Gedicht ist von Conrad Ferdinand Meyer„Alle“ (120). Der Geist Gottes fordert ihn auf: „Sieh auf!“ Und er hatte die Vision: Jesus bricht das Brot und spricht Liebesworte. Er lädt nicht allein die 12 Jünger ein, sondern die Menschen der ganzen Welt. Ihlenfeld dürfte hierin auch einen Gegenpol zu dem Nationalsozialismus gesehen haben: Die ganze Welt wird an der Mahlzeit teilnehmen – die rassistische Gesinnung ist unchristlich. Gott selbst, Jesus Christus, bricht allen das Brot, lädt alle an seinen Tisch ein. Er schenkt sich selbst allen Menschen. Gott errichtet sein Reich, Erneuerung kommt aus Gottes Geist. Nicht der Mensch führt die Heilszeit herbei. Und so wird ein weiterer Kontrapunkt gesetzt gegen die nationalsozialistische Gesinnung, bzw. gegen ideologische Gesinnung überhaupt.

Diesen beiden Gedichten folgt ein weiteres Gedicht von Conrad Ferdinand Meyer„Friede auf Erden“ (121). Die Engel sangen vor den Hirten „Friede auf Erden“ und singen es im Himmel weiter – aber seitdem gab es viele Kriege, viel Blutvergießen. Und die Engel singen Friede, aber nur noch gebrochen: „Friede, Friede … auf der Erde!“ Doch der Glaube hört nicht auf, dass der Schwache nicht dem Starken zum Opfer fällt, dass es Gerechtigkeit geben wird: „Etwas wie Gerechtigkeit / Webt und wirkt im Mord und Grauen, / Und ein Reich will sich erbauen, / Das den Frieden sucht der Erde.“ Und dieses Reich des Rechts wird gebildet, und „Und ein königlich Geschlecht / Wird erblühn mit starken Söhnen“ und sie werden für den Frieden kämpfen: die „Tuben dröhnen: `Friede, Friede auf der Erde´“.

Ich denke, es wird hier schwebend, undeutlich formuliert: Geht es hier um Menschen oder um Engel, die die neue Welt durchsetzen? Es ist vom „heil´gen Amte“ die Rede, von „Flammenschwertern für das Recht“. Die Flammenschwerter sind bekannt aus Genesis 3: die Cherubim tragen Flammenschwerter, sie stehen zwischen dieser und der Welt Gottes, dem Paradies, der Gottesherrschaft. Flammenschwerter – Schwerter des Gerichts, der Reinigung. Die Waffen der Gewalt werden auf göttliche Art verwendet. Und es heißt: „ein Reich will sich erbauen“. Zudem ist von Tuben die Rede. Tuben / Posaunen erklingen bei einer Gottesoffenbarung am Sinai, als Jericho erobert wurde durch Posaunenklang, und die Apokalypse des Johannes spricht von den letzten Posaunen. Das Alte, Kriegerische, Gewalttätige, die Ungerechtigkeit und das Unrecht werden zerstört – auf göttliche Art. Aber: Es geht noch nicht um das Reich Gottes, das Überirdische – es geht um „Frieden auf Erden“. Von daher bin ich mir nicht sicher, ob nicht auch Menschen in die Auseinandersetzung gegen Ungerechtigkeit, gegen Rechtlosigkeit einbezogen werden. Gott handelt in der Welt, Gott handelt zum Wohl der Menschen. Aber nicht ohne Menschen. Von daher denke ich, es wird absichtlich schwebend formuliert: Sind Engel die Akteure oder Menschen? Oder beide zusammen?

Auch dieses Gedicht ist ein einziger Affront gegen die nationalsozialistische (und sozialistische Ideologie). Es ist der Glaube, dass Schwache nicht mehr Starken zum Opfer fallen, es geht um Gerechtigkeit und Recht und um Frieden. Alles, was die Ideologen seiner Zeit nicht bieten können. Was Ideologien so an sich haben: Den ganzen Menschen zu fordern, sein Denken, seinen Charakter, sein Wesen, seinen Körper: dem wird widersprochen – mit all den genannten Gedichten. Der Mensch gehört nicht Ideologen, der Mensch gehört Gott, durchströmt von dessen Geist.

Wieso ist der Glaube an diese neue Welt da? Auch wenn die Engel nur gebrochen singen, der Gesang der Engel vom Frieden ist Kontrast zu den kriegerischen Menschen. Und weil der Gesang Kontrast ist, fördern sie den Glauben daran, dass es so eine Zeit geben könnte. Meyer hat das Gedicht in einer Zeit relativen Friedens 1886 geschrieben. Ihlenfeld und seine Zeit stehen 1940 mitten im Krieg. Und so ist das Gedicht, geschrieben in ruhiger Zeit, ein Hoffnungsgedicht, eines, das die Sehnsucht der Engel aufgreift und Menschen Zuversicht gibt.

Es folgt ein weiteres Gedicht von C. F. Meyer: „Die Krypte“ (123). In diesem Gedicht werden „junge Meister“ aufgefordert, der neuen Zeit mit Macht, Mut, Tat, mit dem Genialen der Zeit Neues, Licht Durchflutetes zu bauen. Eine Rotunde, frühchristliche Bauten, Taufkirchen die Ganzheit, Vollendung ausdrücken sollten, sollen sie bauen. Aber sie sollen nicht vergessen, die Krypta, einen Ort unter dem Altar, an dem der Toten erinnert wird, zu bauen. In diese steigen ein paar Menschen in ihrer Einsamkeit und in ihrem Leid hinab, bekommen Trost, wenn sie den Schmerz des mit Dornen Gekrönten betrachten. Nicht das Helldurchflutete ist das, was den Menschen hilft, sondern der Gekreuzigte, das Denken an Sterblichkeit und Tod.

Meyer setzt dieses Gedicht dem Fortschrittsoptimismus des 19. Jahrhunderts entgegen. „Wir mögen, wenn die Leiden uns umnachten, / Nicht Glück noch Ruhm, nur größern Schmerz betrachten.“ Der Mensch ist mehr als dieses Geniale, das hell durchflutete Oben, mehr als Fortschritt. Aber er ist auch nicht ohne. Beides gehört zusammen. Ich vermute, dass für Ihlenfeld die Krypta der Rückzugsort ist, Ort der Stille, der Befreiung von den ideologischen Parolen, dem Hirn zerstörenden Lärm der Nationalsozialisten, den auch Sebastian Haffner beklagt. An diesem Ort können Menschen im Angesicht des gekreuzigten Jesus Christus in Ruhe an die Toten denken, die der Krieg mit seinem ideologischen Pathos gebracht hat.

Dieses Gedicht folgt den vorangegangenen Gedichten, in denen es um Chaos, Hoffnung auf Erneuerung, weltweite Gemeinschaft, Friedensverheißung geht. Nun die Stille, das Besinnen, Tiefe. Ihlenfeld schreibt zu diesem Gedicht in seinem Nachwort, es sei „wohl eins der erschütterndsten Gedichte unserer Zeitspanne, eine Perle der evangelischen geistlichen Dichtung!“ Der Autor „wußte von Leiden genug, den persönlichen und den großen allgemeinen, deren Andenken die Geschichte bewahrt – und er dachte als ein Kenner des Herzens, an die Menschen alle, die den Weg zur Krypte suchen.“ Und: „Wunderbar, wie hier zum Schluß das Wir einsetzt, der Dichter sich schweigend miteinreiht in den Zug der zur Krypte Wallenden, wunderbar, wie er den Trost des Kreuzes als den des größeren Schmerzes deutet; wer es erfahren hat im `wunden Gemüt´, stimmt ihm schweigend zu.“ (156f.) Das heißt: Für Ihlenfeld war es ein wichtiges Gedicht in dem Trubel der Menschen verachtenden Ideologie, der Zeit lärmender Parolen und der von zerstörerischem Krieg aufgewirbelten Zeit.

Die Gedichte:

Zu Conrad Ferdinand Meyer: https://gedichte.wolfgangfenske.de/19-jh/

Das nächste Gedicht ist von Rudolf Alexander Schröder. Es geht in dem „Christlied“ (1937) um die Geburt von Jesus Christus und vor allem um den damit verbundenen Stern. In der letzten Strophe heißt es: „Der wahre Stern, / Der rechte Stern, / Mit Fried und Freude von dem Herrn: / Lobt Gott den Herren. / Dem rechten Stern zur rechten Stund / Ruft Willkomm, Willkomm jeder Mund / Gott zu Lob und Ehren.“ Vermutlich interpretiere ich zu viel hinein, aber: der Kommunismus hatte den Stern auch als Symbol übernommen.

Die fünf Zacken sollten die fünf Erdteile symbolisieren, in die der Kommunismus sich breit machen wird bzw. wird auch vermutet, was ich nicht nachvollziehen kann, die fünf Finger der Arbeiter, der Proletarier. Zudem hat der Stern, anders als das ältere Symbol Hammer (Handwerk-Proletariat) und Sichel (Landwirtschaftsproletariat), die einen Gegenwartscharakter haben, einen wegweisenden, einen Zukunftscharakter, der vielleicht auch den christlichen Stern von Bethlehem ersetzen sollte. Pasternak hat ein Gedicht geschrieben, in dem er auch den Weihnachtsstern thematisiert – und ich sah diesen als Kontrapunkt zum Sowjetstern: Bei Pasternak wird der lodernde kommunistische Stern zu einem hellen Stern, der auf das Jesuskind schaut. https://gedichte.wolfgangfenske.de/boris-pasternak/ (Gedicht 18) Wird hier bei Schröder der Weihnachtsstern als der wahre Stern dem kommunistischen entgegengestellt? Die Nationalsozialisten haben keinen Stern, sondern die Swastika, das Sonnenrad als Symbol. Dieses sollte vermutlich auch die christlichen Symbole ersetzen. Deutlich wird das daran, dass das Kreuz zu einer Swastika umgemodelt wurde.

Der wahre Stern ist Jesus Christus. Die falschen Sterne versuchen auch Heil und Orientierung zu versprechen, führen aber im Grunde nur auf Irrwege, in den Tod. Schröder lässt politische Eindeutigkeit weg, weist im Grunde allein auf Christus, weist damit alle anderen Heilsversprechen ab. Nicht nur das: diesem Stern, Jesus Christus, soll jeder „zur rechten Stund“ ein Willkommen zurufen.

Das graue Heer, so Walter Flex im Gedicht „Der Christ an der Heerstraße“ (126), zieht an einem Marterl vorbei. Die Soldaten beachten es nicht. Der Marterl-Jesus aber fragt, wo die ostwärts strömenden Soldaten hinziehen. Sie antworten Christus nicht – aber an den durch Finsternis und den im Schlamm watenden Füßen erkennt er, dass sie in den Tod eilen. Das kleine Flämmchen am Marterl will hell leuchten, das morsche Holz mit dem Heiland leuchtet auf. Und der Heiland: „Und Mensch und Tier, die Gott als Opfer schuf, / Weiht segnend er das fremde, dunkle Land.“ Walter Flex starb 1917 nahe Riga im ersten Weltkrieg an einer Verwundung. An diesem Gedicht wird die Sicht von Walter Flex deutlich: Der Soldat muss – wie auch die Pferde – sein Leben als Opfer hingeben, verbunden damit ist eine intensive Beschreibung der Natur, wie in dem genannten Gedicht sind nicht nur die Soldaten und die Füße wund, sondern auch die Straße ist wund von den Füßen und Hufen im Schlamm. Auch wenn das graue Heer in den Tod drängt – für Flex ist das Sterben sinnvoll, von Christus gesegnet, es ist ein Opfer, das Gott will. Der Opfertod wird damit mit Sinn gefüllt. In nationalsozialistischer Zeit wurden, soweit ich einmal gelesen habe, Texte von Walter Flex intensiv rezipiert. Das bedeutet auch für dieses Gedicht: Der Mensch hat sich zu opfern – aber wofür? Im Nationalsozialismus für Volk und Führer. Das war 1917 etwas (1) anders konnotiert: für Kaiser und Reich. Das Soldaten-Opfer wird auf jeden Fall religiös erhoben, der Zwang für Volk und Führer leiden zu müssen, wird mit pseudoreligiösem Sinn gefüllt. Damit wird der christliche Glaube pervertiert, in dem Jesus Christus das Opfer ist, das sich selbst hingegeben hat – nicht Menschen müssen sich für was auch immer opfern.

Ich frage mich, warum Kurt Ihlenfeld, der dem Nationalsozialismus gegenüber kritisch eingestellt war, das Gedicht in seinem Band „Zuversicht“ aufgenommen hat. Diente es der Irreführung der Zensur, dazu, den Band zu tarnen, indem er den beliebten Schriftsteller zitiert? Ihlenfeld kann diese unchristliche Opfermetaphorik nicht ernst gemeint haben. Oder dient es als Zuversicht, damit Soldaten, die an der Front stehen, und Flex kannten, sein Buch lesen, auch Trost oder Korrektur empfangen? Soll mit der Umrahmung durch die Gedichte von Schröder bzw. Kneip (s.u.) das Gedicht neu interpretiert werden? Vermutlich:

Jesus Christus ist, um das dem Flex-Gedicht vorangegangenen Gedicht von Schröder aufzugreifen, der wahre Stern. Die Könige folgten dem Stern zur Krippe – und nicht an die Front in den Opfertod. Und wie einige Gedichte zuvor schon im Gedicht von Annette von Droste-Hülshoff genannt wurde: Christus ging für die Menschen in den Tod, damit wird dem Soldatentod als Opfertod die Grundlage entnommen. Mit Blick auf das angefügte Gedicht von Kneip: Christus steht vor der Tür des Herzens, nicht an der Front, auf dem Schlachtfeld ist er zu finden, nicht im Schlamm Richtung Front, sondern im Herzen. Im Schlamm Richtung Front für Kaiser und Reich wird er ja auch im Gedicht von Flex von den Soldaten übersehen. Aus christlicher Sicht ist wahrscheinlich auch für Ihlenfeld Christus an der Front, im Schlamm, im Verwundeten, im Sterbenden. Aber dem Flex-Gedicht wird im Kontext der anderen Gedichte die ideologische Intention genommen. Sie wird korrigiert. Der Band wird zu einem Seelsorgetext auch an der Front. (Das wird im Abschnitt über die „Ewigkeit“ besonders deutlich.

Das folgende Gedicht „Der fremde Gast“ (129) von Jakob Kneip wurde schon angesprochen. In diesem geht es darum, dass Bauern gefragt werden, was sie tun würden, wenn Christus käme. Sie würden ihr Haus und Hof und Tier schniegeln und striegeln usw. Es endet damit: „Bedenkt, ihr Freunde, keine Nacht vergeht, / Wo nicht der Herr vor eurer Türe steht.“

Damit endet das Kapitel „Der Menschensohn“ und es beginnt das Kapitel „Ewigkeit“.

Zu Rudolf Alexander Schröder s.: https://gedichte.wolfgangfenske.de/rudolf-alexander-schroeder-1878-1962/

**

Das Kapitel „Ewigkeit“ in dem Gedichtband von Ihlenfeld: Zuversicht, herausgegeben 1940 beginnt mit einem Gedicht von Clemens Brentano„Stillet die Klage“. Warum sie stillen? Man übergibt der Erde, was sie gegeben hat, und zudem blüht über dem Grab das Leben. Die „Seele triumphieret / Und ihren Gott im Himmel schaut.“ Von Ludwig Uhland wird das berühmte Gedicht „Auf den Tod eines Kindes“ angeführt, das endet: „Aus Gottes Hand in Gottes Hand.“ Ähnlich der Text von Joseph von Eichendorff „Totenopfer“: die Eltern klagen, dabei ist das Kind doch schon längst zu Haus, also bei Gott. Dann werden Soldaten angesprochen. Sie sind der Erde „satt“ – und „stürmen / Das himmlische Tor.“ Er als Christ kann das kaum ernst gemeint haben – aber: es entstand in einer romantisch-pathetischen Zeit. Es geht um Metaphorik. Die kann als Kriegsrausch missverstanden worden sein. Wer kann laut christlichem Glauben durch das himmlische Tor? Wer an Jesus Christus glaubt, seinen Willen tut. Wird der Soldat dazu aufgefordert, auch im Soldatsein christlich zu leben? Wird der Soldat in seinem „Inneren“ ermutigt, den Tod zu riskieren, mit den anderen? Es entstand 1813, also in der Zeit der Befreiungskriege gegen Napoleon. Ich vermute fast, dass es auch mit aller Metaphorik so gemeint ist, wie es geschrieben wurde: kurz, knapp, eingängig, propagandistisch, mit aufgeladenem religiösem Patriotismus. Eichendorff ist 1788 geboren worden. Er schrieb also das Gedicht im Überschwang des jungen Erwachsenen, als Sohn eines Offiziers. Er selbst nahm von 1813-1815 an den Kriegen Teil, als Lützower Jäger (Lützowsche Freikorps – Freiwillige kämpften gegen die Besatzungsmacht in der preußischen Armee), dann als Leutnant. Das Gedicht zeigt sehr gut, wie die Sehnsucht nach dem Leben nach dem Tod mit Gewaltmetaphorik ausgesprochen werden konnte, auf der Erde im Krieg gewalttätig – gewalttätig auch gegen Gott. Nicht Gnade und Glauben zählen mehr, nicht Heimkehr zu Gott, aufgenommen werden wie der Verlorene Sohn (Lukas 15), sondern der Sturm auf die Himmelstore wird gefordert. Die späteren Gedichte von Eichendorff atmen einen ganz anderen Geist, eben einen christlichen Geist. Das Gedicht zeigt jedoch, wie Menschen eingesogen werden können vom Pathos – und ihn mit christlichem Glauben vermischen (vgl. auch Arndt). Historische Situationen können den Glauben vereinnahmen, sodass nicht mehr Gott in Jesus Christus spricht, sondern Gott spricht vermeintlich in der historischen Situation – und kann so zu einem Götzen werden. Spannend ist jedoch die Frage: Wie kann es interpretiert werden, wenn die Soldaten christlich sind, wenn sie wissen, wie es aus christlicher Sicht richtig verstanden werden kann. Dann ist es ein „Zuversichtsgedicht“. Wir stürmen im Glauben, durch die Vergebung durch Jesus Christus hinein ins himmlische Tor. Losgelöst von Eichendorffs Gesamtwerk konnte es sehr gut von späteren Ideologen missbraucht werden: Der soldatische Tod konnte überhöht, politisch instrumentalisiert werden. Ihlenfeld diszipliniert dieses bekannte Gedicht von Eichendorff, indem er es in seinem Buch in den Rahmen anderer christlicher Gedichte stellt.

Es folgt das berühmte Gedicht von Uhland: „Der gute Kamerad“ / „Ich hatt´einen Kameraden“. Auch dieses Gedicht ist im Kontext eines Krieges entstanden und zwar 1809, als süddeutsche Soldaten für Napoleon gegen die Tiroler unter Andreas Hofer kämpfen mussten. Dieses Gedicht schließt mit: „Kann dir die Hand nicht geben, / Bleib´ du im ew´gen Leben / Mein guter Kamerad.“ Uhland war nie an der Front. Das Gedicht dürfte aber als Reaktion auf den Tod seines Freundes Leo von Seckendorff geschrieben worden sein. Uhland war kein Katholik wie Eichendorff, sondern ist im protestantisch-pietistischem Umfeld aufgewachsen. Wie Eichendorff war er eingetaucht in die Romantik, in der die Natur – besser: die Schöpfung – transparent wird für Gott. Das Leben nach dem Tod war Teil seines grundlegenden Glaubens. Der von Silcher vertonte Text wird heute noch rezipiert im Kontext des „Großen Zapfenstreichs“. Es ist vermutlich die Melodie, die dazu beiträgt, den Text emotional zu überhöhen – ohne dass vermutlich für viele das „ew´ge Leben“ mit Blick auf Gott eine Rolle spielt.

Zur Anschauung: https://www.youtube.com/watch?v=3Y1Z1y2PSNw&list=RD3Y1Z1y2PSNw&start_radio=1 Eine Version von 1940, als der Gedichtband von Ihlenfeld herausgegeben wurde: https://www.youtube.com/watch?v=0KeqX7iyDQs&list=RD0KeqX7iyDQs&start_radio=1

Zu Eichendorff: https://gedichte.wolfgangfenske.de/19-jh/

Zu Brentano: https://gedichte.wolfgangfenske.de/18-19-jh-2/

*

Diesem Gedicht von Uhland hat Ihlendorf ein Gedicht von C. F. Meyer nachgestellt. Es geht um „Hussens Kerker“. Jan Hus war ein Reformator, der ca. 100 Jahre vor Luther lebte, Missstände in der Kirche anprangerte, dann in Konstanz festgenommen und verbrannt wurde. Das trotz der Zusage des freien Geleits durch Kaiser Sigismund. Er ist auch ein Beispiel dafür, dass die Namen von Herrschern weniger bedeutsam sein können, als die Namen ihrer Opfer. In dem Gedicht schildert der Autor, dass Hus sich vor dem Tod fürchtet und sich Mut zuredet. In diesem Zureden sagt er sich: „Es kommt die Zeit zu feiern! / Es kommt die große Ruh! / Dort lenkt ein Zug von Reihern / Dem ew´gen Lenze zu, / Sie wissen Pfad und Stege, / Sie kennen ihre Wege – / Was, meine Seele, fürchtest du?“

Nach dessen Hinrichtung fanden Hussiten-Kriege statt. Auch Uhland hat einen Text über Johannes Hus geschrieben (von Ihlenfeld nicht übernommen). Dieser hat 1815 einen heroischen Klang. Hingegen hat der Text von Meyer (veröffentlicht in den 1870ern) einen ganz anderen Klang: Hus sitzt im Kerker, er schaut aus dem Fenster hinaus, er sieht Christus und die Märtyrer auf einer Wolke auf sich zukommen. Er ist im Kerker frei, er preist den Kerker, er nimmt das Kreuz im Fensterkreuz wahr, er spricht von der kommenden Flut, die ihn ertränken wird – aber gleichzeitig frische Kühle ist (Taufe?), er sieht eine Traube im Fenster (Eucharistie?) – und das mündet dann in den oben zitierten Vers. Auch hier: Die Natur wird transparent für Ewigkeit, für das Kommen Gottes, das Sein bei Gott. Glaubende sind frei, auch wenn sie sich im Kerker bzw. vor dem Tod fürchten. Und dazu besteht in den 1940ern aller Grund.

Dem folgt wieder ein Gedicht von Walter Flex: „Soldat und Mutter“. Der Bruder eines jungen Mannes ist im Krieg gefallen. Nun geht der Bruder auch ins Feld. Die Mutter ruft aus: „Erbarm sich Gott der achtzehn Jahr! / Der Tod war weit, nun ist er nah!“ Darauf der nüchterne Sohn: „Der Tod bleibt immer, wo er war: / Bei Gott. Auch ich und du sind da.“

Auch das Gedicht von Ricarda Huch, das diesem folgt, ist ein Gedicht, das „Einem Helden“ (s. auch Gesammelte Werke 5: 276) gewidmet ist. Es ist ein Gedicht, das einen auf den ersten Blick schaudern macht und auf den zweiten Blick ratlos hinterlässt. Der Soldat ist gefallen, und die Autorin spricht zu ihm, dass das Licht der Sterne kühl das still gewordene Herz umfluten möge, dann ist vom Korn und von der Rebe die Rede – in deren Duftgewölk der Getötete im Dom der Nacht umschwebt werden möge. Für ihn gab es nicht „Sieg, Triumph und Beute“ – nur „Ein dunkler Kranz und tiefe, tiefste Ruh´.“ Dann folgt die Auferweckung durch Trompetenschall („Drommetenaufgebot“), dann heißt es: „Gegürtet mit dem Schwerte wende / Das neue Antlitz stolz ins Morgenrot.“ Aber auf dem zweiten Blick ist das Gedicht ein sonderbares Antikriegsgedicht: Es werden nicht „Sieg, Triumph und Beute“ versprochen, es wird knallhart gesagt, wenn auch romantisierend, er ist gestorben. Er bekommt nur einen dunklen Kranz. Dann wird noch vom Morgenrot gesprochen, dem er mit gegürtetem Schwert entgegentreten wird. was macht ratlos?

Es handelt sich also um eine sonderbare Mischung von christlicher und nichtchristlicher Metaphorik. Er hat „gerungen bis ans Ende“ – wir finden das in etwa bei Paulus: Er hat, wie alle Christen, den guten Kampf des Glaubens gekämpft und wird den Siegeskranz der Gerechtigkeit von Gott dem Richter empfangen (2. Timotheus 4). Die Trompeten passen zum Soldatenleben, sind aber auch Instrumente, die zum göttlichen Gericht rufen (Apokalyptik). Der Soldat schaut mit dem Schwert gegürtet allerdings nicht nach oben, zu Gott, sondern nach vorne, Richtung Osten. Er schaut mit einem „neuen Gesicht“, dem Gesicht der Auferstehung des von Gott neu geschaffenen Körpers – oder nicht? Ebenso ist die Trompete nicht Zeichen für Gottes Gericht, sondern für ein Auferstehen in eine neue Welt: Hier wird der Eingang des germanischen Kriegers ins Jenseits intendiert. Er ist sozusagen noch immer zum Kampfe bereit, geht ein in Walhalla bzw. die neue Weltzeit Ragnarök beginnt (allerdings soweit ich sehe unspezifische Metaphorik)? Er ist Vorbild für die Lebenden. Der Gefallene geht den Lebenden voran in die gute Zukunft. Bei Huch haben wir in diesem Gedicht eine Metaphorik, die ich nicht einzuordnen weiß, denn gleichzeitig ist das Morgenlicht, dem der Soldat entgegengeht, wie bei Eichendorff aus romantischer Sicht eben auch der Morgen, den Gott herbeiführen wird. Er blickt stolz? Passend zum, Siegeskranz? Ebenso ist das Schwert, mit dem er sich gürtet – das Schwert des Geistes als Teil der christlichen Waffenrüstung Gottes (Epheser 6)? Ist er Zeuge der Wahrheit gewesen? Das Gedicht wurde im Kontext des Ersten Weltkriegs gedichtet. Der christliche Glaube wird metaphorisch aufgenommen aber umgedeutet – oder auch nicht. Zukunft des Toten bedeutet also vielleicht nicht, dass er bei Gott sein wird, sondern dass er mythisch mit den Lebenden in die Zukunft gehen wird. Kurz gesagt: Sie scheint christliche Eschatologie mit heroischer Metaphorik im Stil der Zeit zusammenzuführen. Ich sehe es im Grunde als eine gottlose Form von Ermutigung an – aber dadurch ist sie eben leer. Allein die Worte sind es, die vielleicht irgendwie positive Gefühle wecken sollen. Wie bei dem Kameraden-Text von Uhland im Grunde nur noch die Melodie zu Herzen geht. Aber Gott spielt keine Rolle mehr.

Mit diesen beiden letzten Gedichten (Flex und Huch) haben wir christlich entfremdete Texte vor uns, die irgendwie christlich interpretiert werden können – oder eben auch nicht. Sehr sonderbar – aus christlicher Sicht ist das diesem folgende Gedicht von Richard Billinger: „Auferstehung“. Er fliegt aus dem Kerker, Engel Schrei erwürgt die, die ihn im Kerker des Todes festhalten wollten. Er selbst ist aktiv, fährt auf, umgürtet sich mit Licht, macht sich fertig zum himmlischen Gericht. Dann sitzt die Seele „als Taube auf dem Dach“ und fliegt fort – die Trauer bleibt zurück, aber: „Und Trauer glänzt ihr nach“. Christlich ist hieran nur der Hinweis auf das „himmlische Gericht“. Alles andere ist Mischung verschiedenster Traditionen.

Diesem folgt von Werner Bergengruen das Gedicht „Stimme Gottes“. Im Grunde greift dieses Gedicht die drei vorangegangenen Gedichte auf. Im Nachwort schreibt Ihlenfeld von „gefrorenen Christen“ (160), das heißt, soweit ich das interpretiere, Christen, die christlich schreiben können, auch christliche Tradition aufgreifen, aber nicht so recht den Glauben mit ihrem Wesen vereinigen konnten. Ebenso beschreibt er den Dichter, der sich von der christlichen Tradition gelöst hat, aber sie doch immer wieder einfließen lässt, was er als „Irrationalität des Dichterischen Schaffens“ (150) bezeichnet. Diese Gedichte scheint er auch aufgenommen zu haben, weil er weiß, dass Menschen den Trost benötigen, die nicht mehr der traditionellen christlichen Tradition anhängen, sie nicht mehr kennen, sondern eben aus christlicher Sicht abstrusen Vorstellungen anhängen. Und diese korrigiert er nun mit dem Gedicht von Bergengruen. Gott ruft alle Menschen zu, sie sollen sich nicht scheuen, zu ihm zu kommen. Wenn sie aber nicht wollen, wenn sie lieber draußen bleiben wollen, sollen sie es, denn auch das, was „draußen“ ist, gehört Gott. Gott begrüßt auch diejenigen, die ihn steinigten – und zuletzt „Werden auch die Unerlösten / Mit an meinem Tische sitzen.“

Hier klingt Allversöhnung an, die auch in Briefen des Apostels Paulus anklingt, auch wenn er das Gericht Gottes und damit verbundene Ablehnung durch Gott verkündet. In den Texten der Allversöhnung geht es nicht nur um Menschen, es ist eine universale Offenheit zu erkennen. Christlicher Glaube changiert zwischen diesen beiden Polen. Gott fordert Gerechtigkeit und richtet entsprechend – Gott ist Gnade und Barmherzigkeit. Das Problem der Allversöhnung besteht unter anderem darin, dass sie freie Menschen zu zwingen scheint. Und das wiederum ist nicht christlich: Wer in vermeintlicher Freiheit Gott ablehnt, soll ihn ablehnen dürfen. Gott zwingt niemanden zu sich. Von daher ist der Text Römer 11 so spannend, weil die Menschen durch Allversöhnung nicht zu Gott gezwungen werden, sondern sie erkennen ihn nach der Auferweckung durch Gott – und das bedeutet eine „zwingende“ Hinwendung zu Gott. Wer Gott selbst sieht – wie kann er ihn noch ablehnen? Wenn jemand dann ganz verbohrt an seiner Abwendung festhält, richtet er sich selbst. Christen wissen, dass sie Gottes Gnade nie groß genug denken dürfen. Wenn sie mickrig wäre, hätte er sie nicht erlöst durch das Sterben am Kreuz. Natürlich ist auch menschlich gesehen die Allversöhnung problematisch, weil sie bedeutet, dass auch der übelste Verbrecher und Menschenschänder in Gottes Reich neben mir stehen könnte. Und wenn ich das ablehne, dann stelle ich mich selbst außerhalb der Barmherzigkeit Gottes. Es wird deutlich: Warum der christliche Glaube changiert.

Bergengruen ist zum Katholizismus konvertiert, von daher ist die Formulierung provokativ, aber schon Meinung Bergengruens (s. u. den Link). Ihlenfeld dürfte mit diesem in seinem Band aufgenommenen Gedicht den Menschen im Kampf, Menschen an der Front, wie auch Trauernde, die nicht so genau wissen, ob sie glauben oder nicht, nicht wissen, wie sie das mit der Auferstehung verstehen sollen, Beruhigung schenken. Gott nimmt sie an, auch wenn sie zweifeln. Es handelt sich also um ein seelsorgerliches Gedicht, nicht um eines, das um eine klare dogmatische Theologie ringt. Aber es ist keine Täuschung, weil, wie gesehen, der christliche Glaube in dieser Hinsicht changiert.

Und so passt auch das letzte Gedicht „Das Geheimnis“ von Rudolf Alexander Schröder gut an das Ende: „Laß das Geheimnis zu dir ein, / Das allen Gram zur Freude macht“ – und es wird die Grablegung und Auferstehung Jesu geschildert – mit der Aufforderung: „Geh, Seele, folg ihm in die Nacht: / Bald ruft der Hahn, bald bricht der Stein.“ Es ist also ein Geheimnis, was es mit dem Leben nach dem Tod auf sich hat. Es gibt viele Perspektiven – aber am Schluss steht die christliche Aufforderung: „Laß das Geheimnis zu dir ein“. In den Gesammelten Werken von Schröder heißt das Gedicht in der Überschrift nicht „Das Geheimnis“, sondern „Ostern“.

*

Was in all diesen Gedichten in dem Abschnitt „Ewigkeit“ deutlich wird: Es wird nicht die politische Situation angesprochen. Der Nationalsozialismus ist nicht mehr Thema. Wenn es um das Sterben geht, dann steht Politik außen vor. Dann ist jeder auf sich selbst gestellt, jeder muss selbst schauen, wie er glaubt, was er glaubt, wie er mit seiner Sterblichkeit umgeht. Wenn Krieg herrscht, die Menschen daran nichts ändern können, dann muss eben der Christ auch von der politischen Situation absehen können, um den einzelnen Menschen helfen zu können. Wenn Ihlenfeld jetzt anti-nationalsozialistische Texte, Antikriegstexte usw. veröffentlicht hätte, hätte er den Menschen nicht helfen können (geschweige denn, dass der Band durch die Zensur gekommen wäre). Es gibt eine Zeit, in der gegen die politische Situation gekämpft werden muss – und es gibt eine Zeit, in der der einzelne Mensch und sein Unglauben bzw. Glauben, seine Psyche und sein ganz persönliches Leben nach Orientierung sucht. Diese Zeit, so fordert es der Glaube, muss respektiert werden, denn es geht auch um die Würde des Menschen außerhalb der Politik. Ich weiß freilich nicht, ob Ihlenfeld so gedacht hat, dazu bin ich noch nicht weit genug in sein Denken eingedrungen. Aber das würde zumindest der christlichen Tradition entsprechen.

Wer dagegen protestieren sollte, weil er meint: Jeder habe gegen die Vereinnahmung durch die Ideologie lauthals zu protestieren, dürfte auch in der gegenwärtigen Zeit merken, wenn wir in die Weltgeschichte schauen: Es gibt Situationen, in denen der Protest von Individuen nicht mehr hilft, weil die politischen Entscheidungsträger Entscheidungen treffen, die verantwortungslos sind. In diesen Zeiten kann der christliche Glaube auch das Individuum stärken, damit es sein Leben vor Gott so lebt, wie er es aus dem Glauben verantworten kann. Politisch – unpolitisch, wie auch immer.

Doch dann schleicht sich vermutlich auch bei solchen Ideologen eine Vermutung ein: Diese christlichen Worte widersprechen unserer Ideologie. Sie zeigen auf, dass sie defizitär sind. Ideologen klammern den Menschen in seiner individuellen Würde mit seinen Emotionen und Ängsten aus. Sie bieten dem Einzelnen keine Zukunft – sie bieten nur Kampf und Einsatz, dann den Tod. Andere können eine schöne Zukunft erlangen, aber du, Mensch, bist Erde. Wir denken an dich als nationalsozialistischen, nationalistischen, sozialistischen Märtyrer – aber du bist wieder Erde. Und so ist der christliche Glaube mit seinem Angebot ein Widerspruch gegen die atheistischen Ideologien. Also: immens politisch. Denn wer das erkennt, der lebt auch anders als diese Ideologen es fordern.

*

Beendet wird der Band mit einem wertvollen Nachwort. Es folgen ein Gedicht-Index und kurze biografische Angaben – Lebenszeit / Geburts- und Sterbeort – zu den Dichtern.

*

(1) „etwas“ ist untertrieben. Aufgrund der Beschäftigung mit den Gedichten aus dem Buch Zuversicht von Kurt Ihlenfeld, bin ich auf Walter Flex gestoßen. Walter Flex starb als Soldat an der Ostfront im 1. Weltkrieg. Er hatte einen Band seinem für „Kaiser und Reich“ gestorbenen Bruder gewidmet. In diesem Zusammenhang habe ich über folgende Aspekte nachgedacht:

Wenn es heißt, er starb für den Kaiser, dann ist der Kaiser nicht Wilhelm II., sondern es geht um Gottesgnadentum, darum, dass der Kaiser Repräsentant der göttlichen Ordnung ist. Er war bekanntlich der oberste Repräsentant der Evangelischen Kirche – eben aus diesem Grund. Er gibt dieser Welt-Ordnung ein Gesicht, eine Stimme. Bei Hitler ging es nicht um Gottgnadentum, es ging nicht darum, dass er der göttlichen Ordnung eine Stimme gibt (auch wenn er viel von Vorsehung sprach), denn Gott gibt es für Nationalsozialisten nicht. Von daher ist er ganz modern, wenn der Kaiser durch den Führer ersetzt wird: Konzentration auf einen Menschen, eben den Führer – weil es Gott nicht gibt. Wie Menschen dem Kaiser als Repräsentanten der göttlichen Ordnung zujubelten, jubelten die Säkularen nun dem Führer als dem aus menschlicher Macht Führenden zu. Die alte Struktur blieb vordergründig in der Säkularisierung vorhanden, aber im Hintergrund ist doch ein großer Unterschied zu erkennen (die alte Struktur bröckelte vermutlich schon unter Bismarck). Nun starb man nicht mehr für den Kaiser, der die göttliche Ordnung repräsentierte, sondern man starb für den selbsternannten Führer.

Entsprechend auch der Unterschied zwischen Reich und Volk. Das Reich hat sakralen, göttlichen Hintergrund. Mit dem Reich ist eine sinnstiftende Ordnung verbunden, die in der Person des Kaisers greifbar wurde. Das Reich ist nicht nur Territorium. Das wird noch einmal deutlicher durch die Bezeichnung: „Das Heilige Römische Reich“. Die Bezeichnung „Reich“ wurde dann eine, die eher geographisch konnotiert war. Es konnte im 19. Jahrhundert säkularisiert in eine neue Richtung „transzendiert“ werden, losgelöst von Gottes Ordnung. In diesem Reich lebt das Volk. Und das Volk war nicht einfach nur „ein“ Volk, sondern im Nationalsozialismus rassisch konnotiert: Blutsgemeinschaft, Schicksalsgemeinschaft, das Individuum zählt nicht als Individuum, es ist Teil eines größeren Ganzen, eben des Volkes. Und dieses Volk wird überleben, wenn der einzelne auch stirbt. Wie die Ameisen überleben, wenn die einzelne Ameise „sich“ geopfert hat. Es stammt von den Germanen, über die man nicht viel wusste, aber viel hineingeheimnisst hat, in den Ariern pseudoreligiös emporgehoben.

Das „Reich“ war in alter Zeit eine transzendente Größe – die dann vom Volk nationalsozialistisch als „transzendente“ Größe abgelöst wurde, während das „Reich“ die Transzendenz verlor und wie geschrieben, geografisch definiert wurde.

Die Besonderheit im Nationalsozialismus bestand allerdings dann weitergehend darin, dass der Führer das Volk ist – denn er hat ja wie das Volk, dessen Blut – und das Volk der Führer ist, denn es hat ja sein Blut. Das ist der nationalsozialistische Unterschied zum Sozialismus. In diesem verkörpert das Politbüro das Proletariat und das Proletariat verkörpert sich im Politbüro. Anders ausgedrückt: Die Partei ist Teil des Proletariats (und weiß, was es will) – und das Proletariat verwirklicht sich in der Partei. Beide Formen, Nationalsozialismus wie Sozialismus, sind Teil der Säkularisierung der Tradition. Der Nationalsozialismus baut einen säkularen Volks-Wissenschafts-Mythos auf, der Sozialismus baut einen säkularen Proletariats-Wissenschafts-Mythos auf.

In der Kaiserzeit opferten sich die Menschen also für Kaiser und Reich, im Nationalsozialismus für Führer und Volk und im Sozialismus für Arbeiterklasse / Proletariat und Partei.

Dass all das mit dem christlichen Glauben nichts zu tun hat, sondern Glaubensaussagen säkularisiert oder politisch instrumentalisiert wurden, dürfte trotz aller Kürze deutlich sein: Nicht ein menschliches Wesen, das greifbar ist, ist im christlichen Glauben Glaubensgrund, sondern der Sohn Gottes, Jesus Christus. Nicht ein irdisches Reich begrenzt das Denken der Glaubenden, sondern Gott wird sein Reich, seine Herrschaft aufrichten. Der christliche Glaube kennt keine Grenzen, kein Blutsvolk, keinen Rassismus, keine Vernichtung Reicher / Bonzen / Kapitalisten usw. Jeder Einzelne ist Kind Gottes, er muss sich nicht opfern für irgendwas Menschliches, geschweige denn für Ideologien, die Gott ersetzen wollen, er hat nicht nur seinen Wert als Teil eines Ganzen, eines Größeren, sondern die Würde liegt im Individuum selbst. Von daher spielt im Christentum auch das Gewissen eine Rolle, das bei Nationalsozialismus wie Sozialismus bedeutungslos wird, weil sich das Individuum unterordnen / einordnen muss. Nicht Volk nicht Partei ist letzte Instanz, sondern eben Gott.

Soweit ein paar kurz angerissene Gedanken. Für Gott und Vaterland opferten sich auch Menschen – aber das mag ich jetzt nicht auch vertiefen. Kommt vielleicht noch. Ebenso stellt sich die Frage: Wie ist es heute?

*

Nachträglich eine Anmerkung: Dass ich selbst all diese Ideologien ablehne, dürfte jedem, der meinen Blog verfolgt, deutlich sein (ich sage das deutlich, weil ich weiß, dass manche alles so lesen, dass sie mir mit Freuden einen Strick umlegen können). Ich denke, wir Christen sollten selbstbewusster werden und nicht denken, dass irgendeine Ideologie uns aufpimpen könnte. Sie ziehen uns nur runter, machen unmenschlich. Wie sagte der Apostel Paulus: Prüft alles, das Gute behaltet. Von daher sind auch diese zu prüfen – der Maßstab ist aber nicht eine Ideologie, der Maßstab ist Jesus Christus, das Leben aus dem Geist Gottes. Ein paar Grundlagen dieses Maßstabes habe ich im vorletzten Absatz genannt.